AARA: Triade I: Eos

Vorhang auf. Zusammen mit Melmoth dem Wanderer, gehen die drei Schweizer AARA nur ein Jahr nach dem sensationellen Zweitwerk „En Ergô Einai“ auf eine dreiteilige Odyssee. Und getreu der lyrischen Vorlage ist „Triade I: Eos“ nicht nur ein rasendes Album geworden, sondern auch ein dramatisches. Eines, das auf den Hörer eindrischt, wie der brüllende Sturm auf ein Segelschiff in einem erbarmungslosen Ozean. Melmoth, der sich vom Teufel im Tausch für seine Seele 150 Jahre zur Wissensgewinnung erkauft hat, ist armer Tropf und Monstrum zugleich. Und passend zu seinem Dilemma, präsentieren sich die Musiker abseits der Raserei sehr vielschichtig.

Das Trio fühlt sich sichtlich wohl in den Epochen der Aufklärung und Romantik, die Wahl des Konzepts überrascht aber doch, zumal Charles Robert Maturin nicht zu den ersten irischen Schriftstellern gehört, derer man sich erinnern mag. Die Herangehensweise der Schweizer an dieses Mammutprojekt ist hingegen ganz charakteristisch für sie. Statt künstlich auf Bombast und Kitsch zu setzen, legen sie genau eine Dramaturgie fest und erzeugen mit ihren Mitteln, den vielschichten, melodiösen Gitarren, den geradlinigen wie komplexen Blast Beats, dem markerschütternden Geschrei und den Chören. Kurz, das Songwriting orientiert sich weniger an klassischen Songaufbauten. Stattdessen schließen wir jetzt bitte die Augen und sehen jedes der sechs Stücke als eine Szene von einem Theaterstück.

AARA bringen mit „Triade I: Eos“ Melmoth auf eine imaginäre Bühne

Das ist der Schlüssel, um zur Gänze in „Triade I: Eos“ einzutauchen. Beginnend mit „Fathum“, dessen atmosphärisches Intro von Gastmusiker KUYASHII stammt, ist es, als stürzte der Hörer mit Melmoth zusammen vom Himmel, mitten in einen tobenden Sturm hinein. Benommen von der Intensität dieses Aufpralls mag man fast übersehen, welche leidenschaftlichen Melodien und Riffs in diesem Song enthalten sind. Dazwischen lädt ein kurzer Moment mit klassischer Gitarre zum Durchschnaufen ein, bevor sich die nächsten Wellen erheben. Da spürt man beim Hören direkt, wie das Adrenalin durch den Körper rauscht.

Zugegeben, „En Ergô Einai“ war einerseits zugänglicher, andererseits etwas unkonventioneller als „Triade I: Eos“ – oder war es das Überraschungsmoment, das AARA letztes Jahr noch auf ihrer Seite hatten? Weil AARA heute gerne am Anschlag der Geschwindigkeit und Lautstärke operieren, weil das Drumming so präsent und prägnant ist, weil die Arrangements der Songs luft- und wasserdicht erscheinen, sind diese 45 Minuten so überbordend – scheinbar. Nachdem sich der Staub gelegt hat, wird deutlich, dass AARA nicht nur ihr Niveau halten können, sie heben es mit Leichtigkeit an. Multiinstrumentalist und Songschreiber Berg hält daran fest, seine Stücke komplex zu halten, ohne dass sie verkopft wirken. Stattdessen kann die Musik trotz der brachialen Soundwand atmen und sich so von Mal zu Mal mehr entfalten, ganz ohne verkrampften Perfektionismus. Dafür haben AARA eine klare Vision, wo es hingehen soll und welche Mittel dafür vonnöten sind – so präzise wie vielschichtige Kompositionen schaffen derzeit nur wenige Andere.

AARA lassen mit ihren Kompositionen das Adrenalin durch den Körper rauschen

Die sechs Stücke sind geprägt von großen Melodien, ohne auch nur einmal in Richtung Kitsch abzudriften. Das Material fließt so beängstigend gut dahin, dass AARAs Musik stets organisch wirkt. „Tantalusqual“ besticht mit süchtig machenden, niemals billigen Melodien, die in allen Geschwindigkeitsspektren funktionieren. „Naufragus“ windet sich geradezu vor Schmerzen, bis wundervolle Chöre darüber schweben, die erst Erlösung bringen sollen, Melmoth und den Hörer dann aber sirenengleich gegen das nächste Riff locken und das Boot untergehen lassen. „Nimmermehr“ zelebriert die Manie, das Unzähmbare und hämmert zwischen Wut und Verzweiflung auf das Publikum ein. Mit „Das Wunder“ folgt das Highlight des Albums. AARA wirken hier etwas weniger düster und noch melodiöser als auf dem Rest des Albums – so entsteht ein rasender, epischer Song, der zum Abheben einlädt, in die höchsten Sphären, die es in dieser Dreiviertelstunde gibt. Unglaublich!

Der Abschluss „Effugium“ bietet eine Menge Push-And-Pull-Momente und erzeugt einen Cliffhanger. AARA schaffen es, dass „Triade I: Eos“ als Album geschlossen für sich steht, es aber ständig bewusst bleibt, dass diese Reise noch nicht zu Ende ist. Und wenn sich dieses unglaubliche, bewegende, intensive, energiegeladene Album gesetzt hat und der Vorhang sich senkt, beginnt die eigentliche Arbeit für das Publikum, das Unterbewusstsein und den Intellekt. Denn der faustische Pakt, den Melmoth abgeschlossen hat, wird jeden Tag aufs Neue geschlossen, im Leben von jedem, immer wieder. Und dank „Triade I: Eos“, wird das wieder bewusst. Wie können wir da anders, als auf ein Happy End hoffen?

Wertung: 5,5 von 6 Vertragsklauseln

VÖ: 26. März 2021

Spielzeit: 45:05

Line-Up:
Fluss – Vocals, Lyrics
Berg – Instruments
J. – Drums

Label: Debemur Morti Productions

AARA „Triade I: Eos“ Tracklist:

01. Fathum
02. Tantalusqual
03. Naufragus (Video bei YouTube)
04. Nimmermehr (Audio bei YouTube)
05. Das Wunder
06. Effugium

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