AARA: Triade III: Nyx

Abschied vom Scheusal Melmoth: AARA vollenden mit dem krönenden Finale „Triade III: Nyx“ ihre Melmoth-Trilogie.

Zum letzten Mal öffnet sich der Vorhang, zum letzten Mal betreten die unglückseligen Figuren die Bühne, der junge John Melmoth, Imalee, Alonzo Moncada und natürlich Melmoth, der Wanderer. Die Albumserie, die vor zwei Jahren mit dem furiosen „Triade I: Eos“ begann und vergangenes Frühjahr mit dem brutalen und finsteren „Triade II: Hemera“ ihre Fortsetzung fand, bekommt mit „Triade III: Nyx“ ihren Abschluss. Nyx, die Göttin der Nacht, deutet schon an, dass die Black Metal-Band AARA kein Happy End anpeilt. Freilich bot Charles Robert Maturin in seinem 1820 erschienen Roman auch keines und auch er ließ alle seine Protagonisten zusammen mit der Göttin der Nacht in den unersättlichen Hades gleiten.

Zwangsweise folgen dem auch wir, die Hörer*innen, die sich vom dritten Teil nun Gnade erhoffen. Und es scheint auch so zu kommen: AARA fokussieren sich neben aller Kritik an der katholischen Kirche im dritten Teil auf die Tragödie, die hinter all dem steckt. Die Trauer dominiert, das Gefühl, das den Menschen die Empathie schenkt. Der Tod Imalees und ihres Kindes, dem Nachkommen Melmoths und der Wahnsinn, in den die Protagonisten getrieben werden, wird lauthals betrauert und mit dem untermalt, was AARA so gut können. „Triade III: Nyx“ lebt wieder von Bergs Gitarrenarbeit, von seinen vielschichtigen Arrangements, von der Impulsivität und von einer Geradlinigkeit, die schon „En Ergô Einai“ so besonders werden ließ. In vielerlei Hinsicht sind die sechs Stücke dieser letzten Triade auch dem 2020 erschienen Zweitwerk der Schweizer sehr ähnlich.

Wehmut und Wahnsinn, Leidenschaft und Wut: Mit „Triade III: Nyx“ bieten AARA das volle Gefühlsspektrum.

Vermutlich liegt es an dem tragischen Finale der Romanvorlage, dass AARAs Material emotionaler und dadurch packender ist als im zweiten Teil. Zwar sind die Songs nach wie vor rasant und sehr brutal, aber die Harmonien sind getragener, melancholischer und die Gitarren vielschichtiger. Schon „Heimgesucht“, das genau den Faden von Mitgift, dem letzten Stück von „Triade II: Hemera“ aufnimmt, macht deutlich, dass die Harmonien und Melodien an Wichtigkeit zunehmen. „Emphase der Seelenpein“ geht dadurch unter die Haut, überrascht mit einigen Tempowechseln, und gerade der langsamen Stellen wegen finden sich starke Steigerungen. Auch „Unstern“ zeigt AARA variabler als zuletzt, nimmt einige waghalsige Wendungen und variiert gekonnt die Themen und Tempi, sodass es immer wieder aufs Neue mitreißt. Lediglich „Des Wanderers Traum“ kann die Aufmerksamkeit der Rezipienten nicht immer halten und fällt im Vergleich zum Rest von „Triade III: Nyx“ marginal ab.

Den vielleicht umwerfendsten Moment erleben AARA, wenn „Moribunda“ nach einem kurzen, leisen Intro losbricht, mit unfassbarer Gitarrenarbeit, leidenschaftlichen Blast Beats und einem Chor, der die arme Imalee bildhaft vorstellen lässt, wie sie ihr totes Kind in den Kerkern der Inquisition trägt, und dabei ihr Schicksal mutig trägt. Das markerschütternde Geschrei von Sängerin Fluss, steigert die Intensität auf ein schier unerträgliches Maß. Mehr Gänsehaut geht nicht. Überraschend kurz ist das Finale „Edo et Edam“, aber umso größer sind die Harmonien, umso mehr sind die Melodien zum Niederknien und hinterlassen ebenjenen Schauer, wenn eine lange, epische Geschichte, die einen vereinnahmt, endet. Dass dieser Abschluss geradezu feierlich, bisweilen erbaulich geworden ist, überrascht und erfreut gleichermaßen, auch wenn eine gewisse Wehmut spürbar ist. So oder so, „Edo et Edam“ ist das vielleicht beste Stück, das AARA bisher geschrieben haben.

AARA gehen mit „Triade III: Nyx“ einen Schritt auf ihr Publikum zu und konfrontieren es umso mehr mit ihrer musikalischen und konzeptionellen Wucht.

Melmoth, der Wanderer ist nach diesem Finale gegangen, und seine Nachkommen, all diejenigen, auch in diesen Jahren, die der Gier nach Neuem, nach Konsum, nach (Halb-)Wissen, tragen ein ähnliches Fatum: Unsere Hybris wird uns zum Verhängnis, unseren Nachkommen und vermutlich denen danach auch. Klar, die Welt ist vernetzt, die technischen Fortschritte mögen für Menschen, die wie Maturin vor 200 Jahren gelebt haben, utopisch anmuten, doch am Wesen des Menschen hat sich nicht viel geändert: Der Trieb der Gier dominiert uns und sorgt dafür, dass wir immer weiter irrlichtern, durch eine Welt, die uns überleben wird. Und diese drei Triaden drücken das in allen Facetten auf ihre Art aus.

„Triade III: Nyx“ ist das zugänglichste der drei Melmoth-Alben und auch das emotionalste. AARA halten hier locker das haushohe Niveau der Vorgängeralben, präsentieren sich nachdenklicher und in sich ruhender, mit den besten Harmonien ihrer Karriere und einer soghaften Atmosphäre, zeigen aber weiterhin eine Menge Energie und Power, um ganze Weltbilder einstürzen zu lassen. Dass der Sound dieses Mal nicht so brutal ist, wie zu „Triade II: Hemera“ ist dabei eine weitere wohltuende Änderung im Klangbild der Schweizer und passt zum Drama, zur Trauer, zur Verbundenheit. Ein Schritt zurück ist ein Schritt auf die Hörer*innen zu. So kommt es auch, dass AARA nach fünf Alben in diesem Stil noch immer so mitreißen, als wäre es der Erstkontakt. Das treibt den Puls hoch und die Schweißperlen auf die Stirn. Somit lasst uns kurz durchatmen vor dem Fazit: Konzepte wie dieses gibt es im Black Metal selten, und kaum eins ist so durchdacht, tiefgreifend und konsequent wie diese Triade. Melmoth mag gegangen sein. Lang leben AARA.

Wertung: 5,5 von 6 Fallende Vorhänge

VÖ: 31. März 2023

Spielzeit: 41:08

Line-Up:
Berg – Guitars, Bass, Samples
Fluss – Vocals, Lyrics
J. – Drums

Label: Debemur Morti Productions

AARA „Triade III: Nyx“ Tracklist:

1. Heimgesucht
2. Emphase der Seelenpein (Official Audio bei Youtube)
3. Moribunda
4. Unstern
5. Des Wanderers Traum (Official Audio bei Youtube)
6. Edo et Edam

Mehr im Netz:

https://aara.bandcamp.com
https://www.facebook.com/profile.php?id=100051054499947
https://www.instagram.com/aara_art/

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