Jahresrückblick 2021 von Mirko Wenig

Sind das hier die besten Alben des Jahres 2021? Keine Ahnung. Aber welche, die bei mir bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Kenner der Materie werden rufen: “Aber da fehlt doch die neue Iron Maiden! Und Helge Schneider? Wo bitte sind ABBA abgeblieben?” Ihr habt ja alle Recht. Es sind so viele tolle Alben letztes Jahr erschienen, da kann das hier nur ein kleiner Einblick sein. Sollte hier nichts für Euch dabei sein, bin ich natürlich trotzdem beleidigt! Denn über Geschmack kann man bekanntlich streiten: nur halt über Musikgeschmack nicht.

Das Festival-Album des Jahres: GOJIRA „Fortitude“
(Roadrunner Records)

Yo, wer soll mal auf großen Festivals die Metal-Dinosaurier als Headliner ersetzen, wenn diese in den Ruhestand abtreten? IRON MAIDEN, METALLICA, JUDAS PRIEST, ähm: SLIPKNOT? Ich hoffe ja auch, sie machen noch eine Weile weiter. Aber wir müssen uns an den Gedanken gewöhnen, dass eines Tages das Line-Up von Wacken und Roskilde ohne sie auskommen muss.

Gute Karten haben die Franzosen GOJIRA. Mit „Fortitude“ lieferten sie 2021 ihre Meisterprüfung ab. Immer noch ist das brutal grollender Death Metal, aber: so eingängig und mehrheitsfähig klangen sie nie. Die Songs sind kompakter und vielschichtiger als auf vorherigen Alben, man bedient sich bei Weltmusik, Jazz, tibetischen Gesängen, sogar bei Krautrock. Und schüttelt tatsächlich Hits aus dem Ärmel. Kluge und gesellschaftskritische Texte hatten sie ohnehin schon immer. Death Metal for the Masses: und für den Moshpit (PS: Wer jetzt sagt, “Aber aktuell gibt es doch dank Corona gar keine großen Festivals!”, wird mit drei Wochen Stubenarrest bestraft).

Das Comeback-Album des Jahres: TORI AMOS „Ocean to Ocean“
(Decca)

Mein Gott, was waren wir alle verliebt in TORI AMOS! Damals, als sie mit tief ausgeschnittenem Dekolleté vor ihrem Bösendorfer saß, über erotische Abgründe sang und manch Machismo-Song (Slayer! Eminem!) mit eigenen Interpretationen in seine Eingeweide zerlegte. Muss in den 90er Jahren gewesen sein. Das war gut, ungewöhnlich, subversiv: und sexy.

Nun behaupten manche, dass Amos mittlerweile, als Mutter einer erwachsenen Tochter, aussieht wie ihre eigene Großmutter. Große Brille und so. Das ist natürlich sexistischer Bullshit! Wir sind noch immer verliebt in Tori. Und allen Spöttern, die behaupten, sie habe lange nichts mehr Relevantes abgeliefert, haut sie ihr neues Album „Ocean to Ocean“ um die Ohren. Das ist gut, das knüpft an ihre besten Zeiten an. Mit einer Band eingespielt, manchmal überraschend rockig, präsentiert uns die Diva der subversiven Sexyness: ein Album voller bewegender Momente.

„Spies“ ist die Single: Was man heute eben noch so Single nennt. „Du siehst ein Erdferkel in der U-Bahn/ Dann auf der Brücke, unter dem Turm/ In Spritzern mit einem karierten Regenschirm/ Es scheint, er ist nur ein gut gekleideter Kerl/ Spione/ Ja, das stimmt: Spione!“, singt Tori. Noch immer kryptisch. Wir fühlen uns an „Boys for Pele“ erinnert, jenes Album, auf dem Tori im Inlay ein Ferkelchen säugte. Skandal! Es hilft nichts: Wir sind noch immer verliebt in diese Frau. Und unsere Liebesbriefe bleiben unbeantwortet.

Das Heavy-Heart-Metal-Album des Jahres: EVERGREY „Escape of the Phoenix“
(AFM Records)

EVERGREY spielen den melancholischsten und herzzerreißendsten Powermetal, der aktuell zu haben ist. Hymnen für einsame Seelen: Musik, wie gemacht für trübe Lockdown-Momente. Wenn Sänger Tom S. Englund mit seiner kratzig-voluminösen Stimme das Ohr umschmeichelt, sind die Niederlagen, Schmerzen und Kämpfe im Leben gleich viel besser zu ertragen.

Auf ihrem mittlerweile 12. Album „Escape of the Phoenix“ haben die Schweden ihre Zutaten verfeinert, das Songwriting kommt wieder catchier und eingängiger daher als auf dem hart groovenden Vorgänger „The Atlantic“. Es gibt melancholische Midtempo-Groover („Where August Mourns“), mächtige Power-Balladen mit Kirchenchor („In the Absence of Sun“), flirrende Keyboard-Sounds und gefühlvolle Gitarren-Leads. Dazu Texte mit gewohnt nautischen Motiven, die zwischen Aufbruch und Verlorenheit pendeln. Metal, wie er verletzlicher nicht klingen könnte: und trotzdem so heavy wie kaum eine andere Band. Nicht nur für heimwehkranke Seefahrer in kalten Gewässern eine Empfehlung.

Das Vokuhila-Rock-Album des Jahres: NESTOR „Kids in a Ghost Town“
(Nestor Prestor Records)

Der Vokuhila ist eine kulturelle Errungenschaft, die viel zu wenig gewürdigt wird: Hält den Nacken im Winter warm, und egal, ob man eine Tiger-Leggings trägt, ein Nieten-Korsett oder einen Astronauten-Anzug: Man macht damit immer eine gute Figur. Das wissen auch die Schweden NESTOR, die mit ihrem Debüt „Kids in a Ghost Town“ eine der Überraschungen des Jahres abliefern:

Ihr 80s-infizierter AOR-Rock sitzt so stilecht wie die Vokuhila-Perücken und angeklebten Porno-Bärte. Der Sound klingt trotz aller Nostalgie unverschämt frisch und zeitgemäß. Das liegt auch am Können der Musiker: tonnenweise werden hier Hooks aus der Lederjacke geschüttelt, Sänger Tobias Gustavsson hat eine klare und voluminöse Stimme. Die Riffs sind kraftvoll, die Soli virtuos, die Keyboards fanfarenhaft. Sogar die Ballade „Tomorrow“ mit Gaststar Samantha Fox („Touch me, Touch me, I want to feel your body“) ist kein Rohrkrepierer: sondern großes Popcorn-Kino. Das Album ist ein Muss, wenn man mit dem BMX-Bike E.T. nach Hause fährt: „Call the police/ Call the fire squad or anyone/ Get me a priest/ I´m a lost child on the run“!

Das Folk-Album des Jahres:  AROOJ AFTAB „Vulture Prince“
(New Amsterdam)

Arooj Aftab ist eine 36jährige Musikerin und Komponistin, die in Pakistan aufwuchs, doch aktuell in New York lebt. Während der Aufnahmen zu ihrem dritten Album, „Vulture Prince“, wurde sie plötzlich mit dem Verlust naher Personen konfrontiert. Ihr Bruder starb, auch ein naher Freund. Den Verlust verarbeitet sie, indem sie Urdu-Ghasele neu vertont: religiöse Gedichte der Sufi, die sie aus ihrer Kindheit kennt, die von Schmerz und Sehnsucht handeln. Das alles packt sie in unglaublich intensive, zugleich meditative Songs, begleitet nur von wenigen Instrumenten: Harfe, Akustik-Gitarre, Violine, ein Kontra-Bass. Harmonien zwischen arabischer Folklore, Jazz und Ballade. Aftab intoniert mit dunkler, sanfter und dennoch kräftiger Stimme. Ein Hörerlebnis von seltener Intensität, das Trauer in Schönheit verwandelt: und weit abseits von Tagebuch-Lyrik einen eigenen Weg findet, persönliches Leid in Musik zu übersetzen. Fast kathartisch, spirituell: und doch geerdet.

Die Bierdusche des Jahres: MEGA COLOSSUS „Riptime“
(Rafchild Records)

Ich sage ja gelegentlich: Guter Metal darf sich gern anhören wie eine kühle Bierdusche. Dosenbier natürlich, nicht dieses super teure und handgebraute Pale Ale für 5,99 Euro aus dem Bioladen. Klar, das trinke ich zur Not auch. Aber Ihr wisst, was ich meine? Eine Band, die sich anhört, als würde sie mit einem alten, klapprigen Bulli durch kleine Clubs touren, dort die Wände zum Schwitzen bringen, der Sänger stolpert angetorkelt über die Bühne, die Fäuste sind in die Höhe gereckt: und alle haben ganz viel Spaß, während sie mit glückseligen Gesichtern vor die Bühne kotzen. Das darf auch gern mal leicht schräg klingen, vielleicht sogar kauzig, aber doch: gekonnt. Und mit positiver Energie.

Da wären wir auch schon bei MEGA COLOSSUS, eine Band aus North Carolina, die im Dezember mit “Riptime” ein spätes Highlight des Jahres herausgebracht haben. Die Musiker sehen ein wenig aus wie in diesen Heavy-Metal-Feelgood-Movies, in denen eine Band, bestehend aus Familienvätern, Altenpflegern und Nerds, versehentlich einen Menschen umbringt (Heavy Trip!). Stirnband mit Zebra-Muster, Bierbäuche, zu eng sitzende Jeans. Sagt mal: Ist Heavy Metal jenseits der Selbstironie überhaupt noch denkbar? (Siehe NESTOR). Aber macht nichts. Denn die Musik ist feinstes Headbang-Futter:

Reitende und höchst melodische Gitarren, ein gewöhnungsbedürftiger, aber charismatischer Sänger, Speed-Attacken: und vor allem Hits, Hits, Hits! Hier könnt Ihr amtlichst mitgrölen. Als Einfluss werden Bands wie die mir unbekannten THE LORD WEIRD SLOUGH FEG genannt. Warum niemand RAVEN in den Ring wirft, die eine ähnlich positive Kämpfer-Attitüde verströmen, ist mir unverständlich. Höre nur ich diese Referenz, die sich auch angesichts solcher Songtitel wie „Razor City“ aufdrängt? Ist egal. Das hier zaubert ein breites Grinsen ins Gesicht. Und da kann auch das sehr seltsame Album-Cover nicht drüber hinweg täuschen.

Die Schmerztröster-Alben des Jahres: Emma Ruth Rundle vs. Julien Baker vs. Arlo Parks

Wir wissen es ja alle: Das Leben hält nicht nur Konfetti, Einhörner und Bierduschen bereit. Wenn sich Lebenskrisen und Stress mit Lockdown vermischen, ist das ein sehr toxisches Gebräu. Eines, das dich komplett aus der Bahn werfen kann. Dann braucht es Musik, die dir zeigt -Vorsicht, Klischee!-, dass du nicht allein bist mit all den Konflikten. Dann braucht es bittere Medizin, die doch Heilung verspricht, auch Hoffnung. Gleich drei Damen haben diese Tinktur 2021 sehr überzeugend angerührt. Und weil ich mich nicht entscheiden kann, stelle ich einfach alle drei vor.

EMMA RUTH RUNDLE hat auf „Engine of Hell“ (Sargant House) die vielleicht bitterste Medizin in diesem Jahr angerührt: aber auch die Wirksamste. Reduziert bis auf das Wesentlichste präsentiert sie ein Album, auf dem sie sich gänzlich nackt zeigt, nur von wenigen Instrumenten begleitet: ein Piano, eine knarzende Akustik-Gitarre, ab und an eine Violine. So erleidet sie Songs, die von Depressionen, inneren Dämonen und -ja- Überlebenskampf handeln. „Um ehrlich zu sein ist das Erschaffen von Dingen das einzige, das mich aus dem dunklen Ort im Kopf heraus bringt“, hat sie dem Kollegen Captain Chaos in einem sehr ehrlichen, offenherzigen Interview verraten. Die Songs wirken fragmentarisch, manchmal ein wenig unfertig: als würde sie vor sich selbst erschrecken. Es ist das vielleicht radikalste und brutalste Album, das in diesem Jahr erschienen ist. Eben keines, das man bei leiser Melancholie und einem Glas Rotwein genießen kann. Man muss sich voll drauf einlassen. Das ist schmerzhaft, das ist schön. Manchmal sind die leisesten Momente der lauteste Schrei.

Gar nicht so weit weg ist da „Little Oblivions“, das dritte Album der erst 26jährigen Musikerin JULIEN BAKER aus der Elvis-Metropole Memphis, bei Matador erschienen. Aber sie verfolgt einen etwas anderen Ansatz. Ihr folkgetränkter Indie kommt auch zurückgenommen, fast elegisch daher. Aber wandelbarer, epischer. Hat man bei EMMA RUTH RUNDLE das Gefühl, man befindet sich allein mit ihren Dämonen eingesperrt in einem spärlich beleuchten Raum, gibt es hier auch große Gesten, süße Melodien, gelegentliche Ausbrüche. Es gibt Ausflüge in hallende Shoegaze-Sounds, Americana: ja sogar den Yacht-Rock der 70er. Auch dieses Album ist in vielen Momenten gnadenlos. Lebensbeichten über Alkoholismus, Abstürze, über Lebenskrisen. „Ich bitte schon im Voraus um Vergebung/ für all die Dinge, die ich zukünftig zerstören werde/ Ich kann alles ruinieren/ und wenn ich dies tue, darfst du nicht überrascht sein“, singt sie gleich im Opener „Hardline“. Nein: auch dieses Album ist nicht perfekt, nicht alles hier überzeugt. Aber es ist intensiv, berührend. Trost findet Baker ausgerechnet im Glaube: Songs, die als Zwiegespräche mit Gott angelegt sind. Dunkler Gospel für die bedrohte Seele. Und “Ziptie” ist einfach eine der schönsten Nummern, die in diesem Jahr aufgenommen wurden.

ARLO PARKS ist das Küken unter den Trostpflastern. Ganze 21 Jahre jung ist die Londonerin, die auch auf ihrem Album „Collapsed in Sunbeams“ (vielleicht der schönste Titel des Jahres?) fleißig schwarze Hunde streichelt. Aber ihr Ansatz ist ein anderer als bei den beiden vorherigen Damen. “Making rainbows, out of something painful”, singt sie in einem ihrer Songs. Und so packt sie ihre Zweifel in sehr relaxten Neo-Soul, der gelegentlich auch Indie und Singer-Songwriter zitiert. Unverschämt relaxt und zurückgelehnt präsentieren sich ihre Nummern: fast luftig. Dezente Funk-Rhythmen, fast fröhliche Melodien, tanzbar. Ein Pop-Album? Klar. Aber keines, das banal und austauschbar tönt. Ein Album, das man auch gut abends im Schlafzimmer bei einer Tasse Ingwer-Tee hören kann. Und das ist nicht negativ gemeint. Manchmal braucht es Songs, die im Kern traurig, aber sehr flauschig daher kommen. Sicher ein großes Talent!

Das Kellerverließ-Album des Jahres: WHISPERING SONS „Several Others“
[PIAS]

Ich gebe es ja zu: Gothic Rock ist seit Jahren eine herbe Enttäuschung, das muss man auch als Fan dieser Musik eingestehen. Wohl kaum ein Genre stagniert derart, und viele Bands halten es immer noch für eine gute Idee, die SISTERS OF MERCY einfach rückwärts zu spielen. Zum Glück gibt es noch Acts wie die Belgier WHISPERING SONS, die dann doch neue Akzente setzen können. Dabei machen sie es den Fans auf “Several Others” nicht einfach. Sperrig und zuweilen uneingängig kommt ihr Sound daher, minimalistisch, punkig. Frontfrau Fenne Kuppens fleht, leidet und wütet mit monotoner, aber eindringlicher Stimme. Tief und androgyn ist ihr Organ, sie singt von Selbstverletzung und Klaustrophobie. „Leck mir den Dreck von den Lippen/ und küsse meine Wangen (…): Ich schneide nach und nach alle Teile an mir raus, die ich nicht mag“. Kühle Erotik, wie ein tiefer Schnitt unter die Haut.

Das hier ist eher kein Sound für die Szene-Diskos, nur wenige Songs ziehen direkt auf die Tanzfläche. Das hier ist minimalistisch, manchmal monoton schreitend, radikal: Dem Sound ist fast etwas Autistisches zu eigen. Aber genau das hebt die Band aus der Masse heraus. Hier sind noch Qualitäten vorhanden, die auch Bands wie JOY DIVISION oder BAUHAUS kennzeichneten: jede war ein Unikat, mitunter seltsam schräg tönend. Aber ein Abenteuer, eine Entdeckung. Es ist kein Widerspruch, dass Gothic -in seinen guten Momenten- den Hörer ein wenig überfordert.

Als Belohnung gibt es bei den Belgier*Innen dann doch, fast insgeheim, tolle Melodien, einfache, aber majestätisch flirrende Gitarren: Rhythmen wie eine Voodoo-Beschwörung. Der Sound ist zuweilen unterkühlt wie ein tropfendes Keller-Gewölbe. Live hat das große Qualität: Kuppens berserkt über die Bühne, klammert sich an den Mikro-Ständer, interagiert kaum mit dem Publikum. Und beherrscht als Frontfrau doch die Bühne, einem NICK CAVE nicht unähnlich. Es gibt noch Hoffnung für die Gothic-Szene! Wegen Bands wie dieser.

Das Black-Metal-Album des Jahres: AARA „Triade I: Eos“
(Debemur Morti)

Die Gehörnten unter unseren Leser*Innen mögen es mir verzeihen: Ich bin jetzt nicht unbedingt DER Black-Metal-Experte. Eine Band wie WATAIN sind für mich eher Poser, die definitiv zu viel Kunstblut geschluckt haben, und dass sie ihre Sache mit dem Satanismus todernst meinen, macht sie mir nur bedingt sympathischer. Klar, ich mag den Punk von DARKTHRONE, die existentialistische Verzweiflung von NACHTMYSTIUM, die Urgewalt der frühen EMPEROR: und eigentlich mag ich sonst alles, was nicht so true daher kommt. Post-Black-Metal, Shoegaze-Black-Metal, BLACK’N’ROLL. Vielleicht sollte ich das vorweg erwähnen, bevor ich hier in die finsteren Wälder Norwegens getrieben werde, um mit einer nagel-gespickten Holzkeule erschlagen zu werden.

Ich schiele also gelegentlich mal in das Genre rein, nehme mit, was gefällt. Und den bleibendsten Eindruck 2021 haben die Schweizer AARA hinterlassen. Mit „Triade I: Eos“ haben sie ein Konzeptalbum geschaffen, das sich mit dem Roman „Melmoth der Wanderer“ von Charles Robert Maturin beschäftigt: irischer Geistlicher und Verfasser von Schauerromanen aus dem 19. Jahrhundert. Sein 1820 erschienenes Werk steht dem „reinen“ Black Metal in Abgründigkeit und Boshaftigkeit in Nichts nach. Ich möchte einen SPIEGEL-Artikel aus dem Jahr 1969 zitieren: „Was immer an literarischem Horror noch serviert werden mag — ein köstlicheres Teufelselixier ist nicht mehr zu erwarten“. Black Metal für Menschen mit großem Buchregal, sozusagen. Es ist eine düsterere Version von Goethes „Faust“ über einen Pakt mit dem Teufel: Mehr sei hier nicht verraten, lest doch einfach den Roman!

Das alles packen die drei Eidgenöss*innen in rasenden und aberwitzigen Black Metal, der einerseits die totale Vollbedienung ist: so ein schnelles, aber dennoch druckvolles und präzises Schlagzeug hat man lange nicht gehört. Sich orkanartig aufbäumende Gitarrenwände, Wall of Sound. Und mit „Fluss“ gibt es eine Sängerin, die so boshaft und infernalisch kreischt, dass viele Herren der satanischen Schöpfung aus Frust freiwillig ins Fegefeuer springen.

Aber da ist mehr: geisterhafte, unheimliche Keyboard-Sounds und Samples, die sich anfühlen, als sei man allein in einem verwunschenen Wald zurückgelassen. Tempo-Verschiebungen. Raffinesse. Düsterness. Tatsächlich eine Stimmung wie in einer Gothic Novel aus dem 19. Jahrhundert. Das packt einen wie die Teufelskralle im Nacken. Auch als Nicht-Black-Metal-Ultra landet das Album in meiner Top Ten des Jahres. Nur eine Sache lässt mich etwas unsicher zurück: Wird auf diesem Album in deutscher Sprache gesungen? Schwyzerdütsch sogar? Ich verstehe wirklich kein Wort. Zum Glück sind die -lesenswerten- Texte im Booklet abgedruckt.

Das beste The-Cure-Album des Jahres: TRAITRS „Horses in the Abattoir“
(Freakwave Records)

Hey: Hatten wir gerade das Thema „Gothic Rock und Epigonen“? Da hätte ich was für Euch: Das zweite Album der Kanadier TRAITRS. Und ich muss zugeben: Ich bin der Band ziemlich verfallen. Aber um das nachvollziehen zu können, muss man sie live gesehen haben. Da steht ein Duo auf der Bühne, es schwitzt und leidet: Ein Sänger mit Gitarre, ein Keyboard-Spieler. Kein Bass, das Schlagzeug kommt vom Band. Und das hat eine unglaubliche Energie, auch wenn die Musik wirklich nicht perfekt ist. Der Gesang sehr weit in den Vordergrund gemischt, und ja: Er klingt wie Robert Smith in jungen Jahren. Aber auch leicht schräg, immer übersteuert. Vielleicht sogar nervig? Macht nichts, das muss so. Weil: eben auch verdammt emotional. Und gerade dieses Unperfekte, das Hallende und Exzentrische: Nimmt mich für diese Band ein. Jeder, der sie hört, sagt sofort: THE CURE! Aber wenn THE CURE, dann eben THE CURE in jungen Jahren. Aber eben: auch nicht THE CURE! Weil: so ruppig klangen sie lang nicht mehr.

Um die Faszination nahezubringen, muss ich einfach mal die Situation einfangen, in der ich diese Band zuletzt gesehen habe. Also: Ihr habt einen linksalternativen Schuppen (das Plaque!) in Leipzig. Es ist Winter, es ist eiskalt. Die ganze Location wird von einem einzigen Ofen beheizt. Ihr dürft diesen Ofen UNTER KEINEN UMSTÄNDEN anfassen, denn: Jede Berührung führt zwangsläufig zu einer Brandwunde. Der Boden ist aus Holz, und: GEIL! Ihr dürft während des Konzertes rauchen. Heißer Ofen, Holz-Dielen, Rauchen: Erkennt Ihr das Problem? Es ist sehr eng, das Konzert ausverkauft. Und da ist auch dieses Girl im silbernen Rock, auf das ihr schon lang ein Auge geworfen habt. Sie geht letztendlich mit einem Typen mit schlechtem Iro nachhause. Und ihr fragt Euch: WHY? Macht nichts, denn: Ihr führt nach dem Konzert, das schweißtreibend und sehr speziell war, noch ein sehr sympathisches Gespräch mit der Band am Merch-Stand. Und kauft den Merch-Stand restlos leer. Am nächsten Tag wacht ihr auf und denkt Euch: DAMN! Moment: Ich muss in diesem Monat doch noch meine Miete bezahlen? Genau: SO EINE Band sind TRAITRS. Die saugen euch das Herz leer. Und bitte kommt mir jetzt nicht mit Epigonen-Vorwürfen! Ich besitze ihr Debüt in dreifacher Ausführung (Vinyl, CD und Tape), zwei T-Shirts und ein Hoodie. Ist fast alles an eben jenem Abend passiert. Das Girl im silbernen Rock war eben leider schon weg. Und, das kommt zu allem Unglück noch dazu: Das Bier kostete nur 1,50 Euro. Ich hatte wohl einige zu viel davon. Einige Dutzend. Kann mir bitte jemand die Telefonnummer von dem Girl im silbernen Rock geben?

Da möchte ich an dieser Stelle doch mal den Saturn am Leipziger Hauptbahnhof loben. Die haben jetzt echt keine soooo große Auswahl. Aber einer der Mitarbeiter ist totaler Gothic-Rock-Nerd. Der hat mich schon zu manch Album-Kauf überredet, obwohl ich von der Existenz ebenjenes Albums gar nichts wusste. So eben auch das neue TRAITRS-Album. Stand da einfach ganz unschuldig im Regal. Ich schaue, was ich kaufen kann, und denke: WHOA! TRAITRS HABEN EIN NEUES ALBUM? Da musste ich auch gleich meinen Händler des Vertrauens umarmen. Aber die Telefonnummer von dem Girl im silbernen Rock hatte er leider auch nicht.

Yo, was erwartet Euch? Ich hatte es ja bereits verraten. THE CURE klingen schon durch. Aber das Album ist eben auch anders: jugendlicher, frischer, ungestümer. Es gibt hier auch eine Brise Post-Rock, Shoegaze, cinematische Breitwand. Elektronische Sounds, die aber ordentlich nach vorn gehen. Dank dieser Band habe ich übrigens auch den argentinischen Schriftsteller Antonio Porchia (1885-1968) kennen gelernt, weil sie ein Zitat von ihm auf der Bühne eingeblendet hatten: „When I die/ I will not see myself die/ For the first time“. Ein sehr einflussreicher Autor, mit experimentellen, abgründigen und sprachspielerischen Aphorismen: Das ist groß. Wie auch, heimlich, dieses Album. Hört Euch einen Szene-Hit wie das herzhungrige “All Living Hearts Betrayed” an. Aber die Musik ist ja auch erstmal egal. Könnte ich jetzt bitte, bitte, die Telefonnummer von dem Girl im silbernen Rock haben? Schon allein DESHALB musste ich doch dieses Album hier in meine Bestenliste aufnehmen!

Das virtuoseste Rumpeldipumpel-Album des Jahres: NERVOSA „Perpetual Chaos“
(Napalm Records)

Ich bin mir nicht sicher, ob das neue Album von NERVOSA auf vielen Bestenlisten weit vorn landet, denn manch ein Rezensent zeigte sich schon enttäuscht vom neuen Machwerk des All-Girl-Ensembles. Was mich aber für „Perpetual Chaos“ absolut einnimmt: Die Kollektiv um die brasilianische Gitarristin Prika Amaral hat einen galligen Hassbrocken eingeprügelt, der so viel Attitude ausstrahlt wie kaum ein anderes Album in diesem Jahr, von DESASTER vielleicht einmal abgesehen. Diese Mischung aus Thrash, Death und Punk dröhnt räudig, das Tempo ist fast immer am Anschlag, die Produktion ist rau, die Texte sind politisch und wütend. Wenn die Girls Gefangene machen, dann nur, um sie im dunklen Folterkeller mit Lärm zu quälen, bis das Trommelfell platzt. Hier gibt es permanent auf die Fresse!

Da kann fast schon untergehen, dass wir es mit sehr kompetenten Musikerinnen zu tun haben. Die Vorgeschichte ist bekannt: ursprünglich als brasilianisches Trio am Start, große Hoffnungsträgerinnen der Szene, ist Sängerin und Bassistin Fernanda Lira im Jahr 2020 ebenso bei NERVOSA ausgestiegen wie Schlagzeugerin Luana Dametto. Prika Amaral, einzig verbliebenes Mitglied, hatte die Wahl, die Band zu begraben: oder sich nach neuen Mitstreiterinnen umzusehen. Sie schrieb weltweit Musikerinnen an: und wurde fündig.

Auf „Perpetual Chaos“ grunzt, faucht und kreischt nun die spanische Sängerin Diva Satanica mit einer Inbrunst, dass es eine Freude ist. Sie kann auch richtig singen, wie sie in der iberischen Version von „Voice of Germany“ bewiesen hat: dort intonierte sie unter anderem EVANESCENCE. Hier verzichtet sie auf Klargesang zugunsten einer hassspuckenden Performance. Das Schlagzeug malträtiert die Griechin Eleni Nota: druckvoll und präzise, wobei ihr auch eine Jazz-Ausbildung am renommierten LAB Institut in Athen behilflich ist. Und den Bass spielt Mia Wallace, zuvor unter anderem in der Band von Immortals ABBATH aktiv. Ein Traumteam auf Champions League-Niveau, das nur gelegentlich kleine Kabinettstückchen aufblitzen lässt: weil der Fokus auf brutalen Nackenbrechern liegt. Wenn Kritiker hier fehlende Abwechslung monieren: Hallo, hat irgendwer bei MOTÖRHEAD oder SLAYER bemängelt, dass sie ihre Songs nie mit einem Glockenspiel-Solo oder einer Tuba-Einlage aufgefrischt haben? Auf die Fresse, Ihr Nörgler!

Das beste Artpop-Album des Jahres: SPELLLING: „The Turning Wheel“
(Sacred Bones Records)

Ich gebe es zu: Ich mag guten Pop. Und ich mag ihn vor allem, wenn er leicht schräg, sonderbar, abseitig daher kommt. Wenn er nicht so einfach auszurechnen ist. Die Frage: „Aber ist das dann noch Pop?“, ist natürlich berechtigt. Nope, das ist im Zweifel mehr. Musik, die dich auch erstmal mit Fragezeichen zurücklässt. Fordernd, sonderbar. Aber sonderbar schön und eingängig? Dennoch eben: anders.

Da wären wir auch schon bei „The Turning Wheel“, dem dritten Album der Musikerin Chrystia Cabral alias SPELLLING aus Oakland, 30 Jahre jung (Ja, mit drei “L” geschrieben). Das Album macht es einem zunächst nicht leicht. Fast unscheinbar klingen zunächst die Melodien, vieles ist balladesk und zurückgelehnt: Sie sitzen wirklich zwischen allen Stühlen. Klappstuhl, Ohrensessel, Bauhaus-Freischwingerstuhl? (Nein, den Begriff habe ich mir nicht ausgedacht, den gibt es wirklich). Hier ist für alle Freigeist-Sitzer und „Ich mag es einfach bequem“-Sesselfurzer etwas dabei. Wenn man sich denn darauf einlässt.

Aber eigentlich ist „The Turning Wheel“ auch ein Schlafzimmer-Album. Es verströmt zunächst eine angenehme Döseligkeit. Halt nein, stimmt auch wieder nicht. Zwar kommen die Melodien zunächst minimalistisch, fast unscheinbar daher. Aber auch schräg. Stabile Seitenlage ist hier nicht zu haben. Mal singt sie mit lieblicher Stimme, fast unschuldig. Aber dann auch immer leicht schrill: Man muss sich an diesen Gesang gewöhnen. Da ist viel Soul im Sound, aber auch Dream Pop, Indie, Gospel, KATE BUSH. Sogar der Glamrock der 70er, pompöse Theatralik. Und ein Augenzwinkern. Es gibt leicht beschwingte, fast fröhliche Nummern. Und Abgründe:

Ein Song wie „Revolution“ hat zunächst Rummelplatz-Atmosphäre, Piano und Kontrabass, wird gegen Ende fast zum wilden Prog-Rock-Ritt mit Bläsern und Gitarre. „Ich will ein Feuer, das nie erlischt,/ Ich habe all das Verlangen in einer Welt voller Zweifel/ Ich bewege mich in einer unentwegten Revolution!“, singt Cabral. „Hast du Angst vor der Kraft/ Oder hast du Angst vor dem Schmerz?“ Songs, die sich wie Spinnweben ihren Weg in die Gehörgänge bahnen: Sie wickeln dich ein, aber da lauert mehr. Wenigstens ein Biss.

Das Neo-Klassik-Album des Jahres: Hania Rani und Dobrawa Czocher „Inner Symphonies“
(Deutsche Grammophon)

Polen hat eine spannende Musikszene: Das trifft besonders auf jene Spielarten zu, die eher Nischenthema sind, vor allem Neo Klassik und Jazz. Dazu gehört die schrecklich talentierte Pianistin Hania Rani aus Gdansk, 31 Jahre jung. Sie komponiert und produziert, wobei ihr Haupteinfluss, Philipp Glass, zwar hörbar ist: minimalistische, repetitive Melodien, oft mit melancholischem Grundton. Doch auf mehreren Solo-Alben hat sie schon bewiesen, dass sie sich musikalisch nicht fassen lässt: Sie streift elektronische Musik und Soundtrack, zitiert Jazz und Indie, verfremdet ihr Piano und lässt es klingen, als würden Glassplitter auf den Hörer hinunter rieseln. Das hat ihr einen Deal beim kleinen, aber feinen Indie-Label Gondwana Records eingebracht, wo viele musikalische Grenzgänger ein Zuhause gefunden haben: und mehrere ihrer Solo-Alben erschienen.

Für „Inner Symphonies“ hat sie sich mit ihrer langjährigen Freundin und Cellistin Dobrawa Czocher zusammen getan, ebenfalls Anfang 30. Es ist bereits das zweite gemeinsame Album. Auf dem Cover sind die beiden Frauen an einem rauen Strand zu sehen, sie hüllen sich zu zweit in einen viel zu großen Mantel ein. Es ist ein Album, das großteils improvisiert wurde: wobei die Kompositionen oft um ein einfaches Grundmotiv kreisen. „Dunkel“ ist ein Song betitelt, ein anderer „Demons“, der letzte „Spring“: zwischen Melancholie, Einsamkeit und Hoffnung.

Die Klassik-Welt zeigte sich nicht ganz so begeistert, monierte, dass sich viele Melodien wiederholen, hier zu ziellos komponiert werde. Klar: Der Albumtitel ist kitschig. Aber die Frage ist ohnehin, ob das hier ein Album für die „klassische“ Klassik-Hörerschaft ist. Vielleicht ist das eher ein Album für Banausen wie mich, die den Kontrapunkt auf Wikipedia nachschlagen und auch drei Punk-Akkorde zu schätzen wissen. Gerade dieses ständige Wiederholen einfacher Melodien entfaltet bei mir einen Sog, zieht mich tief in das Album hinein. Niels Frahm wurde in einer Rezension als Referenz benannt.

Erschienen ist „Inner Symphonies“ nicht bei Gondwana, sondern bei der Deutschen Grammophon: eines der renommiertesten Label für klassische Musik. Es sind die beiden jüngsten Musikerinnen, die jemals dort eine Platte aufnehmen durften. Ranis Soloalbum „Esja“ von 2019 ist übrigens noch eine Ecke dringlicher und berührender. Wie ich schon schrieb: eine schrecklich talentierte, junge Frau!

 

Klar könnte man jetzt hier die üblichen Verdächtigen und meistgehassten Musiker aufzählen: Max Giesinger hat ein neues Album draußen, Felix Jaehn, auch Culcha Candela konnte keiner daran hindern, neue Musik aufzunehmen. Gern möchte ich hier auch über die Infantilisierung des Pop sprechen: Habt Ihr mal festgestellt, dass sich viele Songs im Radio heute anhören wie Kindermelodien und Abzählreime? Klar: für HELLOWEEN-Fans (nichts gegen Helloween!) vermutlich kein Ausschlusskriterium. Justin Bieber wurde angeblich mit Dark-Funeral- und Behemoth-Shirt gesichtet. Ihr glaubt doch nicht, dass Metal noch die subversivste Musik ist? Hört Free Jazz! Damit könnt Ihr vermutlich mehr Menschen verschrecken.

Aber das Jahr war ja schon schlimm genug. Corona-Lockdowns, abgesagte Konzerte, der Konsum von Alkohol und Zigaretten ist laut Suchtforschern deutlich angestiegen. Damit verbunden: persönliche Tragödien, Pleiten, Einsamkeit. Friedrich Merz erlebt doch noch ein Comeback. HG Maaßen fordert ein allgemeines Impfverbot, weil er zu viel „alternative“ Nachrichten konsumiert hat: mal wieder in ultrarechten Kanälen. Ex-BILD-Chef Julian Reichelt hat ein altes, sexistisches Klischee in sein Gegenteil verkehrt: und sich nach unten geschlafen. Warum noch mehr Hass verbreiten? Macht weiter, Max, Felix und Justin! Vielleicht seid Ihr ja doch ganz okaye Menschen. Aber vielleicht nicht unbedingt, wenn ich das Radio eingeschaltet habe.

Okay, eine große Enttäuschung gab es dann doch noch: SABATON haben mit „Livgardet“ eine neue Single eingespielt: gewidmet der schwedischen Königsgarde. Ich weiß nicht, ob König Carl Gustav und Königin Silvia hierfür die Schirmherrschaft übernommen haben. Aber bei so einer Nummer hätte ich mir deutlich mehr Schalmeien, Sackpfeifen, Blechbläser und röhrende Elche gewünscht. Wenn schon Marschmusik, dann bitte richtig! So war es eher Schnarchmusik. Nach zwölf Bier funktioniert vermutlich auch diese Nummer: Aber wir alle wissen, wie teuer das Bier in Schweden ist. Garantiert reicht das nicht als Soundtrack für das nächste Schützenfest der Schießgruppe “Knalle-Bumm” oder “Dickes Kaliber”.

THE RUMJACKS (17. August 2021, Leipzig)

Ich glaube ja, der Veranstalter hatte echt gute Absichten. THE RUMJACKS sind eine australische Folk-Punk-Band, den POGUES nicht unähnlich. Und der Veranstalter dachte vermutlich: „Hey, lasst uns mal eine Folk-Punk-Band einladen: aber sie sollten eine Akustik-Show mit Sitzplatz-Reservierung spielen! Dann bleiben alle auf ihren Sitzplätzen und halten den Sicherheitsabstand ein!” Aber: Es ist einfach SCHEISSEGAL, ob nun die Instrumente eingestöpselt sind oder nicht. Irish Punk ist Irish Punk. Und irgendwann wurde einfach nur noch GEPOGT, GETANZT und GESOFFEN. Auch wenn du den Stecker ziehst, klingt die Musik einfach wie eine muntere Kneipenschlägerei, bei der sich am Ende alle in den Armen liegen. Schnell und räudig. Ich halte es übrigens für eine totale Unsitte, dass man am Merch-Stand neuerdings mit Kreditkarte zahlen kann. Denn: Ich bin nun stolzer Besitzer einer TIN WHISTLE, die es eben am Merch-Stand zu kaufen gab. Nach 4 Bier ist man einfach nicht mehr zurechnungsfähig. Seid dabei, wenn ich bald schon meine Karriere als Journalist gegen eine als FLÖTENSCHLUMPF eintausche. Habe die Tin Whistle auf der Herrentoilette sofort ausprobiert: und weiß nicht, wie ich rückblickend das Gelächter aus den anderen Kabinen interpretieren soll (Banausen, wahrscheinlich). Ganz egal, wie man zu der Musik steht: Live ist Irish Punk einfach immer ein gnadenloser Exzess! Und ja: Weil es ein Open-Air-Konzert war, hat sich auch keiner mit Corona angesteckt. Ich habe auch ein Foto gemacht: War aber schon zu angetrunken, um nicht zu verwackeln.

VADER und ENDSEEKER (20.08.2021, Leipzig)

Whoop whoop! Death-Metal-Konzert in Leipzig: VADER und ENDSEEKER! Totale Abrissbirne. Ich hatte wirklich mein GANZES GELD in Merch und Bier investiert. Und als ich dann feststellte: DAMN, DU HAST KEIN GELD MEHR, UM DIE BAHN NACHHAUS ZU BEZAHLEN! WAS TUN??? Bin ich dann doch zum Bahnhof getrottet. Und da waren 2 SYRISCHE FLÜCHTLINGE, die einfach totale Metal-Nerds waren: und Black-Metal-Shirts von Darkthrone und Immortal trugen. Diese syrischen Metal-Heads haben dann meine Heimfahrt bezahlt: ohne sie wäre ich echt am Arsch gewesen. Sie hatten ein Ticket, für das eine dritte Person kostenlos mitfahren durfte. Und wir haben uns dann im schlechten English in der Bahn über Musik und unsere Lieblings-Bands unterhalten. Als ich davon dann in einer Metal-Fangruppe bei Facebook berichtete, haben mir einige eher braun gesinnte Metalfans nicht geglaubt: Das klang für sie zu sehr nach Bahnhofsklatscher-Gutmenschen-Story. Fuck Racism! Beim nächsten Mal mache ich Selfie mit den Metal-Nerds aus Syrien. Sie werden ja auch bei einem der nächsten Konzerte wieder da sein. Lärmige Musik kennt keine Grenzen! Ich habe auch ein Foto gemacht: War aber schon zu angetrunken, um nicht zu verwackeln.

JUSTIN SULLIVAN (11.06.2021, Leipzig)

Geben wir es zu: NEW MODEL ARMY-Frontmann JUSTIN SULLIVAN ist immer noch eine der charismatischsten Persönlichkeiten, die das Rock-Business zu bieten hat. In Leipzig ist er ohne Band aufgetaucht, um sein letztes Solowerk „Surrounded“ vorzustellen. Nur er und seine Gitarre. Ein Sitzplatz-Konzert: Was bedeutet, das ich wieder einmal stehen musste, weil zu wenig Sitzplätze vorhanden waren. Machte nichts, so konnte ich mich unbemerkt -und ohne andere zu stören- zum Bierstand schleichen. Verheerend! Sullivan hatte tonnenweise Ausstrahlung, er scherzte mit dem Publikum, erzählte lustige und ernste Episoden aus seinem Leben. Nach dem Konzert kam er noch zum Merch-Stand, um mit den Fans zu plaudern. Und dank des verkürzten Weges zum Bierstand kann ich nun bestätigen, dass er auch gegenüber leicht angetütelten Fans (eben ich) durchaus freundlich und zuvorkommend ist. Eine Isländerin hat mich dann noch in ihr Motel geschleppt, wo ich aber rausflog, weil ich mir in der Lobby eine Zigarette ansteckte. Sie haben die Polizei gerufen, aber ich war schneller. Wusstet Ihr, dass man in vielen Räumen nicht mehr rauchen darf?

WUCAN (02.09.2021, Leipzig)

Geht es um coolen 70s-Retro-Sound, werden die Dresdner WUCAN leider oft übergangen. Dabei sind sie gerade live ein Erlebnis. Wie Frontfrau Francis Tobolsky über die Bühne wirbelt, Querflöte, Gitarre und Theremin bearbeitet, muss man einfach mal gesehen haben. Beeindruckend! Und international konkurrenzfähig. Zwischen Heavy Rock, Jethro Tull, FRUMPY und Psychedelic präsentieren sie ihr eigenes, explosives Gemisch. Gern auch mal ausladende Nummern in deutscher Sprache, die an der 15-Minuten-Marke knacken. Wer die BLUES PILLS mag, sollte die Band mal anchecken. Ich habe auch ein Foto gemacht: War aber schon zu angetrunken, um nicht zu verwackeln.

 

Ach, es gab schon gute Momente. Meine besten Freunde haben einen Sohn geboren (Hallo Hugo), gemeinsame Momente im Sommer auf dem Balkon, abendliche Fahrten mit dem Fahrrad zum See, und Urlaub in einer der familienfreundlichsten Städte der Welt: Utrecht. Ihr wisst schon: Weniger SUV, mehr Fahrrad, Grachten und sehr gemütliche Holländer*innen. Aber 2020 ist meine Mutter gestorben, mein Vater seitdem im Pflegeheim: Das wirkte auch 2021 nach. Plötzlich muss ein Haus vor dem Verfall gerettet und verkauft werden, tauchen Rechnungen für Dinge auf, von denen keiner wusste, dass es sie gibt (Abos, ausstehende Nebenkosten, Pflegekosten), muss das Haus komplett leergeräumt werden, was eine Sisyphos-Arbeit ist. Fast mein ganzer Urlaub ging im letzten Jahr für Behördengänge, Pflegeheim-Besuche und Arbeit am Haus drauf. Trauer, Stress und Zukunftsängste. Wer hätte denn gedacht, dass Sterben in Deutschland so anstrengend ist? Zumindest für die Hinterbliebenen. Dazu der Lockdown: Habe ich jemals zuvor mehr geraucht? Habe ich mich mehr gehen lassen? Seit sieben Wochen schon ist hier im Schwurbel-Mekka Sachsen alles dicht. Und der sächsische Innenminister kuschelt zeitgleich mit Corona-Leugnern. Ich platze, wenn ich nur dran denke! Ach so, ich soll hier mein bestes Erlebnis des Jahres schildern? Ein freundliches, aber bestimmtes „Fuck you!“. Möge das neue Jahr besser werden.

Ach, ich war doch oben schon viel zu ehrlich. Wartet auf meine 30bändigen Memoiren: “Die Leiden des nicht mehr ganz so jungen W.” Darin wird vermutlich auch das Jahr 2021 minütiös nacherzählt: auf den Seiten 23.460ff.

Wir müssen mal über das verkorkste Liebeslieben von Bienen reden! Denn ich mache mir Sorgen um Biene Majas Willie, der ja mittlerweile erwachsen sein dürfte. Grund ist das Buch “Dr. Tatianas Sex Advice to all Creation”, das mich hochgradig verstört hat. Ich zitiere: “Liebe Dr. Tatiana, ich bin eine Bienenkönigin und besorgt. Alle meine Liebhaber lassen ihre Genitalien in mir zurück und fallen tot zur Erde. Ist das normal?” Antwort: “Erreicht eine männliche Honigbiene den Höhepunkt, explodiert sie und ihre Genitalien reißen sich mit einem scharfen Geräusch vom Körper los…” Autsch! Armer Willie! Geht es ihm noch gut? Davon steht in der Presse mal wieder nichts!