SPELLLING: The Turning Wheel

Wo Pop auf Arthouse, Neo-Soul, Jazz und Kammermusik trifft, kommt letztendlich ein spannendes Album bei raus. Die Alchimistin SPELLLING alias Tia Cabral bewegt sich weit abseits abgesteckter Pfade: Ihr gespenstiger Kammer-Pop auf Sacred Bones bietet experimentelle Eingängigkeit mit subtilen Falltüren und Fangeisen.

Yo Freunde, es tut mir ja schrecklich leid. Wieder rezensiere ich hier ein Album, das mit Metal im eigentlichen Sinne nichts, aber auch wirklich mal GAR NICHTS zu tun hat. Wer mich deshalb jetzt in die Abgründe der Wimpyness verweisen will, der sei auf meine Rezis von MP oder FEANOR verwiesen. Ja sorry: Es ist ja nicht so, als hätte ich nicht jede Menge klassischen Metal-Stuff auf meiner Kutte vorzuweisen. Da finden sich Aufnähner von RAVEN und IRON MAIDEN. Wenn es darauf ankommt, bin ich schon OLDSCHOOL AS FUCK: Hoodie von SACRED REICH inklusive. Da verbürge ich mich für meine TRUENESS mit 20 Dosenbier.

Aber man will ja schon auch über den Tellerrand hinausschauen. Mal blinzelnd gucken, was es darüber hinaus sonst noch so gibt. In Gewässern, in die sich der klassische Metal-Fan gar nicht hinein getraut: weil sich da Haie der Catchyness und so manche giftige Muräne als Ohrwurm tummelt. Whoa, ist das hier schon POP? Ja, keine Ahnung: schon so ein bisschen, vielleicht. Aber auch abgedreht und speziell genug, dass es mit den üblichen Hörgewohnheiten des Otto- oder Klaus-Dieter-Formatradiohörers nicht verrechenbar ist. Und da wären wir schon: beim neuem Album von SPELLLING. Yo, das ist kein Rechtschreibfehler: SPELLLING mit drei „L“ geschrieben. Wer diesen sonderbaren Eyecatcher nicht aushalten kann, muss im Zweifel dann eben doch MARK FOSTER hören. Oder IRON MAIDEN.

SPELLLING: Arthouse-Pop per Exzellenz!

Hinter SPELLLING verbirgt sich die Musikerin Chrystia “Tia” Cabral aus Oakland, Kalifornien. 1991 geboren, und: mit tonnenweise Talent ausgestattet. Ihr Debüt „Pantheon of Me“ wurde 2017 von der Nerd-Bibel Pitchfork als eines der „meist übersehenen Debüts des Jahres“ ausgezeichnet. Aus Gründen. Denn der so eklektizistische, sonderbare Pop war wirklich eine Überraschung: dunkel und verführerisch, abgrundtief tönend. Aber eben mit Pop-Appeal. Loops, minimale Orchestrierung, catchy Tunes: Cabral, auch als bildende Künstlerin unterwegs, hatte ein so sonderbares wie betörendes Pop-Album eingespielt. Zerbrechlich, verletzlich. Und mit einer ordentlichen Portion Schlafzimmerpop-Flair. Die musikalische Begleitung war minimalistisch, von Synthesizern geprägt. Musik, aus der Isolation eines Ein-Zimmer-Departments geboren: und gerade deshalb spannend.

Album Numero Drei, „The Turning Wheel“ ist nun ganz anders. Die Melodien drängen sich immer noch fast ein wenig unscheinbar ins Ohr. Aber: bombastischer, aufwendiger. Immerhin 31 Musiker (!) haben auf dem aktuellen Output mitgewirkt. Und so hören wir hier: ein schwelgerisches Piano, das sie selbst spielt. Streicher. Blechbläser. Mexikanische Mariachi-Klänge. Banjo und Fagott. Hier mischt sich Soul mit loungigen Jazz-Klängen, mit -teils- schrägen Indie-Gitarren und Gospel-Chören, mit Big-Band-Sound. Wo einst Minimalismus thronte, gibt es nun opulente Klänge: Die aber nicht überbordend und bombastisch klingen, weil sie fast beiläufig in das Soundgewand eingeflochten sind. Wer nicht genau hin hört, nicht die feinen Abgründe und -teils sogar witzigen- Nuancen im Soundgewand wahrzunehmen bereit ist: an dem läuft das Album definitiv vorbei.

Schon der Opener „My Deer“ kommt mit gespielter Unschuld daher. Die eben eine Unschuld wölfiger Grausamkeit ist. „Kleines Reh, kleines Reh/ Die Luft, oh, tut mir weh/, Lauf jetzt, lauf weg vor mir,/ Tot im Winter/ Tot am Vorabend!“, singt Cabral mit süßer, scheinbar zerbrechlicher Stimme. Der Abgrund ist nur einen tödlichen Biss entfernt. Hier mischt sich Täter- mit Opfer-Perspektive, erotisches Begehren: Was süß klingt, verbeißt sich in den Flanken.

Cabral singt mit teils zarter, zerbrechlicher Stimme. Was aber auch zu täuschen vermag. Nicht von ungefähr ist sie beim Label Sacred Bones gelandet: jenes Label, das uns die Sludge-Chaos-Magier von THOU bescherte, den Noise-Pop von SOFT MOON, ZOLA JESUS und: die verwirrenden Klänge von Altmeister David Lynch. Es ist Pop mit einem gewissen „Lost-Highway“-Appeal. Umso -heimlich- abgründiger kommt Track Numero zwei daher, der beim ersten Hören zunächst eine sehr konventionelle Liebes-Ballade ist. “Einsam,/ das Wort klingt wie eine Glocke/ Die vom Himmel fällt/ Ich wollte immer eine Liebhaberin sein/ Aber ich kann den Schmerz nicht ertragen“, singt Cabral. „Breche nicht mein Herz!“, heißt es im Refrain, so wie in eine Million unzähligen Liebes-Balladen. „Verletze mich, ich nehme die Schuld auf mich/ Heile mich, dann sag meinen Namen!“ Ein Liebeslied, das dann doch eher rituelle Beschwörung denn Aussicht auf eine glückliche Heirat ist.

Der Pop killt sich selbst

Der Einstieg hält bereits Abgründe bereit: obwohl die Songs zunächst heimtückisch optimistisch und leicht tönen. Aber das Album gewinnt mit laufender Spielzeit und Schwere. Je mehr es fortschreitet, umso mehr brechen die herkömmlichen Pop-Strukturen auf, tanzen Hexen um das Feuer, brechen sich Elemente von Psychedelic und Jazz Bahn: weben sich die Songs wie Spinnenweben in die Gehörgänge ein. Das ist dann plötzlich kein Pop mehr, obwohl die Elemente von Pop bedient werden. Verstörender, sonderbarer.

„Boys at School“ ist zum Beispiel eine siebeneinhalbminütige Ballade, die sich langsam aufbaut, mit gespenstiger Atmosphäre: „Ich schwebe den Flur hinunter/ Durch all die Stimmen, durch all die Wände/ Dachte, du könntest derjenige sein, der mich befreit/ Morgen werde ich 16 Jahre alt und ich will nicht älter werden/ Ich hasse die Jungs in der Schule/ Sie spielen nie nach meinen Regeln!“, singt Cabral. Erste erotische Erfahrungen, nicht befreiend, sondern gespenstig, beklemmend. Im Teenager-Herzschmerz schwingt die sexuelle Gewalt mit, Missbrauch. „Oh, ich bin nicht ängstlich/ Wie einsam werde ich sein?“ Neben pathetischen Piano-Klängen gibt es Streicher und einen flehenden, eindringlichen Gesang. Ja: Kate Bush wird oft als Reverenz genannt, auch wenn Cabral nicht ganz das Volumen erreicht, nicht erreichen will. Das Flüsternde, Betörende: Es gehört zu ihrem Sound dazu.

Das folgende „Legacy“ und „Queen of Wands“ sind dann nur auf den ersten Blick Pop-Songs. Opulente Streicher, die sich mit holpernden Synthie-Beats mischen, Cabral singt teils dunkler, abgründiger als zuvor. Weil sie es kann. „Hast du Angst,/ vor der Kraft/, hast du Angst/, vor dem Schmerz?“ Der Gesang verliert seine Unschuld, klingt bestimmter, voller, unheilvoller. „Revolution“ kommt mit zunächst gespenstiger Rummelplatz-Atmosphäre daher (das Karussell dreht sich sehr, sehr langsam: und in der Wahrnehmung verzerrt), bis der Song sogar prog-rockige Elemente entfaltet, eine dominante Lead-Gitarre das Zepter übernimmt.

Das Schlagzeug groovt lässig und songdienlich, setzt fast einen Kontrapunkt zu den opulenten Streichern und Bläsern. Ja: Es gibt ein richtiges Schlagzeug, auch wenn sich gelegentlich Electro-Rhythmen in den Sound mischen. Und Chöre, die zugleich an Gospel und Musical gemahnen. All die Opulenz zu bündeln, scheinbar nebensächlich in den Sound zu integrieren: Das ist schon eine große Qualität. Man höre sich das flimmernde Kammer-Pop-Stück “Magic Act” an, das ebenso an Landhaus-Eleganz der Sorte THE DIVINE COMEDY erinnert wie an minimalistische NDW-Sounds. Muss man können. Passiert einem auch nicht alle Tage, das so zu mischen. “Ich arbeitete zu lang, zu lang, zu lang/ mache aus meinem Hirn einen Garten!” Das Gefühl und diesen Wunsch kennen wir, glaube ich, alle.

Fazit: Wollt Ihr in Eurer nerdy Arthouse-Crowd mit einem guten, überraschenden Pop-Album angeben (das alles, nur kein Pop ist), dann zückt mal bitte “The Turning Wheel” von SPELLLING. Und das ist durchaus als Kompliment gemeint. Neo-Soul meets Jazz meets Indie meets Classic meets Kammer Pop: Yo, ich kann das ja selbst nicht so recht einordnen. Aber ist der Beweis, dass da draußen auch abseits aller Formatradio-Hörgewohnheiten noch spannende Sachen passieren, die Wert sind ein Ohr zu riskieren.

SPELLLING auf Bandcamp
Label: Sacred Bones Records

SPELLLING “The Turning Wheel” Tracklist

“Little Deer” – 5:39
“Always” – 5:14
“Turning Wheel” (Video auf Youtube)– 3:33
“The Future” – 3:27
“Awaken” – 4:31
“Emperor with an Egg” – 3:09
“Boys at School” (Official Audio bei Youtube) – 7:28
“Legacy” – 3:51
“Queen of Wands” – 5:21
“Magic Act” – 5:40
“Revolution” – 5:59
“Sweet Talk” – 3:33