FEANOR: Power Of The Chosen One

Die argentinischen Power-Metaller FEANOR haben sich prominente Unterstützung geholt: Der frühere MANOWAR-Gitarrist David Shankle und WIZARD-Sänger Sven D’Anna wirken auf dem neuen Album mit. Alle, die klassischen Schlachtplatten- und Drachentötermetal lieben, werden sich vor Freude in den Lendenschurz pinkeln: Alle anderen werden darauf beharren, dass hier kein albernes True-Metal-Klischee ausgespart wird. Beide Parteien haben natürlich recht: Das Album ist grenzwertig kitschig und dürfte der Zielgruppe Spaß machen.

Es war just zu dieser Zeit, in dem die Troubadoure in Taucha verkündeten, dass die holden Jungfrauen in Delitzsch oder Leutzsch allesamt von furchteinflössenen Drachen entführt worden waren. Und somit die Heiratschancen brünstiger Krieger – trotz Tinder und ElitePartner – gen Null sanken. Man sollte dieses Problem nicht unterschätzen, denn ein Lindwurm ist selbst dem stolzesten Ritter in Größe und Kraft überlegen: feuerspeiende Nüstern und stachelförmige Flügel, da hat das kleine Menschlein eindeutig einen Wettbewerbsnachteil.

Schon schwante mir, dass ich den Weg zurück zum heimischen Schloss wohl ohne Prinzessin werde antreten müssen, und ich die Bettstatt allein mit meinem Pferd Rosinante im stacheligen Heu verbringen werde. Da aber erschien ein weißer Zauberer am Horizont, öffnete ein Dosenbier, schüttelte sein schütteres aschgraues Haar, zeigte auf seine MANOWAR-Kutte und sagte: „Mirko, du warst geboren im Zeichen des Stahls, deine Hoden waren geschmiedet im Feuer. So nimm dieses Promotape, stelle dich dem Kampf! Ich gebe dir diese magische Luftgitarre, mit der du jede Bestie besiegen kannst, wenn du nur im Groove bleibst. May the Power of Metal come to your side! Fight! Fight! Dragon Rise!“ Und das Promotape war: „Power Of The Chosen One“ von FEANOR.

Yo, Gandalf: Ist das nicht alles ganz schön kitschig?

So nahm ich die allmächtige Luftgitarre ehrfurchtsvoll an mich, fühlte, wie die Kraft in mir wuchs: machte erst einmal 3.000 Liegestütze, 4.000 Sit-ups, fing einen goldenen Hirsch, den ich zur Stärkung verspeiste: und legte das Tape in meinen hoheitlichen Kassettenplayer. „Ja Gandalf, willst du mich verarschen?“, fragte ich den weisen Guru, „Was ist das denn? Das klingt mir doch arg kitschig, hier wird ja kein Klischee ausgelassen. Lendenschurz, Hodenwurz und behaartes Brusthaar: Sind wir etwa bei SPINAL TAP? Drachentötermetal per Excellence. Und überhaupt muss ich mal zitieren, woran mich das alles erinnert: „Gonna keep on burning,/ We always will/ Other Bands play, what: Manowar kill!“

Der weiße Zauberer rülpste bedeutungsschwer. „Yoah, habe ich die magische Luftgitarre denn einem Unwürdigen gegeben? Hier spielt David Shankle, der auch schon MANOWARS „Triumph of Steel“ mit seinem Gitarrenspiel veredelte! Jetzt höre dir mal „Rise Of The Dragon“ an! Das ist feinstes Edelstahl! Reitende Gitarren, kraftvoller Gesang”. (Er ließ sein schütteres Haupthaar dreimal kreisen, formte aus seinen gichtzerfressenen Fingern eine Teufelsfaust): „Und jetzt denke mal ganz angestrengt nach: Willst du etwa mit den letzten MANOWAR-Alben in die Schlacht ziehen? Die sind mittlerweile wirklich lahm! Wie viele stolze Ritter habe ich fallen sehen, weil sie dem falschen Gott huldigten: MANOWAR, das sind, entschuldige, wenn ich das so frank und frei sagen muss!…“ (Er rülpste erneut) „Whimps sind das geworden! Whimps and Posers, leave the Hall! Und überhaupt irrst du: Speed-Gitarren und ordentlich Gegniedel: Kommt dir da nicht auch RHAPSODY OF FIRE in den Sinn? Ich schwöre bei meiner Pizza!“

Ich richtete mein Suspensorium, kraulte das Haupthaar an den sekundären Geschlechtsmerkmalen und skippte zum nächsten Track. Ein schrilles „Hail!“ drang mir in die Ohren. „I will grind your bones to dust“, shoutete der Sänger. „Yo“, sagte ich, „das ist schon sehr amtlich. Eine ordentliche Brise Teutonenstahl ist auch dabei. Aber schau mal: „Revealing you a fool/ Yes you are!“ Das scheint mir fast programmatisch zu sein. Mal ehrlich: Wenn ich dann die Prinzessin vom Drachen befreit haben werde und spiele ihr so einen altbackenen, kitschigen Metal vor: Wird sie mich nicht für den jüngeren Metalcore-Prinzen aus dem Spotify-Wunderland verlassen?“

Der Drache ist auch nur ein Headbanger!

Der weiße Zauberer verschluckte sich am Bier, sein Gesicht lief zornesrot an, er trank die Dose auf ex: und schleuderte sie wütend in meine Richtung. Geradeso konnte ich ausweichen. Dann öffnete er sich eine neue Dose. „Hör mal!“, krächzte er: „willst du mich verarschen? Wenn du einen Drachen schlagen willst, kannst du nicht mit Autotune und Downbeats anrücken! Dann brauchst du kreischenden Gesang“ (Er kreischt), „schnelle, doppelläufige Gitarren“ (Er spielt in der Luft ein virtuoses Solo) „und vor allem: Stahl, Junge! Dann brauchst du Eier aus Stahl! We are ready for war! Verstehst du?: Ready for waaaaarrr!“ Dann übergab er sich plötzlich auf den Boden, der getränkt war vom Blut junger, hipper Ritter.

“Aber hör mal“, entgegnete ich, „angenommen der Drache ist auch so ein klassisches Old-School-Monster. Der hat alle MANOWAR-Alben im Plattenschrank, der kennt jedes Oldschool-Riff aus dem Effeff: Der hat selbst geföhntes Brusthaar, eine Metal-Kutte und einen Lendenschurz im Schritt. Sag mal, weißer Zauberer: Wie kann ich ihn dann mit diesem Oldschool-Sound überhaupt beeindrucken? Der hat das doch schon tausendmal gehört! Das ist ja nun wirklich nichts Neues, was hier geboten wird!“

“Wacken!“, rief der Zauberer. „Du musst den Drachen ja auch nicht gleich töten. Mietet Euch einen Bulli, ladet die Prinzessin ein und fahrt gemeinsam nach Wacken. Dort spielen FEANOR auf der kleinen Bühne, die MANOWAR-Fans rasten aus, der Drache hat seinen Spaß: Und wenn er nicht aufpasst und im Moshpit umherspringt, entführst du die Prinzessin in dein Festival-Zelt! Es ist ganz einfach: Man muss den Drachen mit seinen eigenen Waffen schlagen! Der ist doch auch nur ein Headbanger!“

Dann riss mir der weiße Zauberer den Walkman aus der Hand, drehte “The Return of the Metal King” in voller Lautstärke auf, shoutete: „To the power and magic/ I hold my sword now hail high/ Send mercy on him!“. Bis er schließlich in tausend Teile zerstob. Zurück blieben nur seine stählernen Hoden. Ich schulterte die Luftgitarre, las sein letztes Dosenbier vom Boden auf: Rülpste im Rhythmus „Fight! Fight! Kill! Kill! Kill!“. Und dann, mit einem eisernen Gürtel am Hodensack, schritt ich von dannen. Dorthin, wo der Drache vermutlich wartete, um mich zu töten. Oder um mir den Old-School-Sound nahe zu bringen. Der Name des Drachen, so wird zwischen Delitzsch und Leutzsch berichtet, ist: Joey DeMaio.

Wertung: Brothers of True Metal vergeben knapp sieben Eier aus Stahl. Der Rest liegt ob der vielen Klischees lachend auf dem Boden.

Veröffentlichungstermin: 23.04.2021
Label: Massacre Records

FEANOR “Power Of The Chosen One” Tracklist

1. Rise Of The Dragon (Official Video by Youtube)
2. Power Of The Chosen One (Lyric Video)
3. This You Can Trust
4. Metal Land
5. Hell Is Waiting
6. Together Forever
7. Bringer Of Pain
8. Lost In Battle
9. Fighting For A Dream
10. The Return Of The Metal King (The Odyssey In 9 Parts)

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