GOJIRA: Fortitude

GOJIRA sind zur Zeit eine der wichtigsten und erfolgreichsten Extreme-Metal-Bands. Diesen Status könnten sie mit ihrem neuen Album „Fortitude“ ausbauen. So eingängig und melodisch klangen sie nie. Biss, Komplexität und Groove haben sie behalten. Sind das hier schon Hits?

Das am meisten erwartete Metal-Album im Jahr 2021? Ich lehne mich sicher nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich GOJIRAs neues Opus „Fortitude“ in die engere Auswahl nehme. Die vier Franzosen haben sich spätestens mit ihrem letzten Werk „Magma“ in die Beletage des extremen Metal katapultiert, sie werden in den Feuilletons der großen Tageszeitungen ebenso rezensiert und analysiert, wie sie auf großen Festivalbühnen funktionieren. Eine Macht, die mit urgewaltigen Grooves alles hinwegfegt wie der namensgebende Godzilla („Gojira“ war der ursprüngliche Name der japanischen Katastrophenfilme in den 50er Jahren), aber zugleich so klug und komplex musiziert, dass die Musik auch jenseits des Metal-Genres auf offene Ohren stößt. Die klugen, politischen Texte über Umweltverschmutzung und die Hoffnung auf eine bessere Welt tun ihr Übriges.

GOJIRA: Groove Metal für sensible Feingeister?

Nein: Es ist nicht leicht, sich als Schreibender dem GOJIRA-Universum zu nähern. So auch auf dem mittlerweile siebten Album nicht. Brutale Rhythmen und Brachialität: Das ist sicher ein wichtiger Bestandteil des Sounds. Es würde mich nicht wundern, wenn die französische Sprache seit den ersten Alben der Franzosen um zwanzig neue Begriffe für „Groove“ erweitert werden musste. Und eigentlich auch die englische Sprache. So wie es heißt, dass die Eskimo besonders viele Wörter für „Schnee“ besitzen (ein oft verbreiteter Irrtum). Denn da ist eben mehr: Vielschichtigkeit. Emotionen. Komplexität. Und ganz viel Atmosphäre. Der Begriff “Progressive Death Metal”, eine oft bemühte Schublade, kann das alles nicht fassen.

Das letzte Album „Magma“ von 2016 war geprägt von Dystopie und Traurigkeit. Die Duplantier-Brüder hatten soeben ihre Mutter verloren: Was sich in bitteren Momenten niederschlug. Das neue Album „Fortitude“ ist nun teils optimistischer, kämpferischer. Der Geist der Revolution spricht aus einigen der Songs. Es stimmt ja: GOJIRA waren – und sind – auch Weltverbesserer, eine Art großer Bruder der „Fridays for Future“-Bewegung. Die Hoffnung auf Veränderung ist echt, die Wut ist echt, das Anprangern und Flehen. Da ist nichts Zynisches. Intention des neuen Albums sei es gewesen, „etwas Schlagkräftiges, Glühendes und Auffälliges“ zu schaffen, sagt Sänger und Gitarrist Joe Duplantier im Metal-Hammer-Interview. Er spricht von einer neu gewonnenen Spielfreude.

Es sollte nicht verwundern, wenn GOJIRA mit ihrem neuen Opus noch größer werden. Denn so eingängig und abwechslungsreich klangen sie nie. Mehr denn je wechselt Sänger Joe zwischen grollenden Growls und harmonischem Gesang. Und es gibt große Refrains, die sich einprägen. Aber keine Sorge: Aberwitz und Progressivität haben sie nicht abgelegt. Noch immer gibt es hier Widerhaken und komplexe Rhythmen. Um erneut Sänger Joe zu zitieren: „Wenn man Mario [sein Bruder und Schlagzeuger] bittet, einen ganzen Song im Viervierteltakt zu spielen, dämmert er vermutlich weg. Sein Talent will gefordert werden!“. Es gibt hier Einflüsse von Jazz und Prog, sogar von lateinamerikanischer Musik. „Triolische Heavyness“ machte Kollege Captain Chaos in einer früheren Rezension von “Terra Incognito” aus. Um ein wenig unnützes Wissen zu verbreiten: Die Triole ist nicht nur ein Rhythmus, der häufig in Kuba, Puerto Rico oder Brasilien anzutreffen ist. Der Begriff bezeichnet in der Sexualkunde auch einen flotten Dreier.

Kompakt, melodisch, mächtig

Das Album steigt mit „Born For One Thing“ bärenstark ein. Ist das ein Hit? Ja, ist es. Hier zeigen GOJIRA ihre neu gewonnenen Qualitäten. Ein kompakter, melodischer Song, der in einen atmosphärischen Refrain mündet. Mittlerweile vier Millionen Klicks auf Youtube. Und die Duplantier-Brüder widmen sich einem Thema, das schon auf den letzten Alben präsent war: Die Unausweichlichkeit des Todes. „Wir müssen lernen, uns von allem zu lösen, beginnend mit tatsächlichen Dingen“, sagt Sänger Joe im Interview. “Wir wurden geboren, um uns der größten Angst von allen zu stellen”, shoutet er im Refrain. Die größte Angst von allem: eben der Tod. Aber was das Bemerkenswerte ist: Diese Konfrontation mit dem Tod bedeutet kein passives Erdulden. Er verlangt aktive Auseinandersetzung.

Und so klingt auch dieser Blick in den Abgrund wütend, drängend: kämpferisch. Es ist eine Hymne für das Leben. “Häufe weniger Besitztümer an und gib weg, was du nicht benötigst, denn eines Tages müssen wir uns von allem trennen. Und wenn wir es nicht tun, werden wir einfach nur zu Geistern, die zwischen den Dimensionen gefangen sind“, kommentiert Bandkopf Joe den Song etwas pathetisch. Eine antimaterialistische Hymne, die dich auffordert, dein Leben sinnvoll zu gestalten. Vielleicht lässt sich die Message des Songs am ehesten mit einem Comic von Charles M. Schulz “Peanuts” einfangen: “Someday, we will all die, Snoopy”, sagt Charlie Brown. “True, but on all the other days, we will not”, antwortet Snoopy, der weise Beagle. Eine Hymne auf den Tod: aber so lebensbejahend, wie eine solche nur sein kann.

Der nächste Song “Amazonia” ist dann eine wütende Anklage, die Erinnerungen an SEPULTURAs “Roots Bloody Roots” wach werden lässt. Eine brachial groovende Midtempo-Nummer: geschrieben, als GOJIRA sahen, wie der Regenwald in Brasilien unter dem Bolsonaro-Regime brannte. Wohl absichtlich in Brand gesetzt von Menschen, die auf Weidefläche für ihr Vieh hofften. Indigene Einflüsse, eine Maultrommel kommt zum Einsatz. Nein, das will der Brutalität nicht schaden. “Du bist im Amazonas/ Das größte Wunder/ brennt bis auf den Grund”, growlt Sänger Joe über Tribal-Rhythmen. Und auch hier wird die Brutalität von angenehmem Harmonie-Gesang gebrochen. Vergleichbar mit der Art, wie FEAR FACTORY auf “Demanufacture” ihre brutalen Groove- und Riff-Orgien mit futuristischen Sounds anreicherten.

“Fortitude” & das Prinzip Hoffnung

Doch GOJIRA bleiben bei all dem Shit, der aktuell in der Welt passiert, nicht untätig. Sie haben eine Kampagne gestartet, mit der sie Gelder für die Rettung der indigenen Guarani- und Kaiowa-Stämme in Brasilien sammeln wollen. 15 Krankenstationen wollen sie in der Amazonas-Region damit bauen: Das Prinzip Hoffnung spiegelt sich auch in der Musik. GOJIRA: Sie haben diese Welt nicht aufgegeben, sie wollen was verändern.

Und so wundert es vielleicht nicht, dass Songs wie “Another World” oder “New Found” mächtig groovende Midtempo-Nummern sind, die dazu einladen, kämpferisch die Faust in die Luft zu recken und die Songs auf Festivals lauthals mitzugrölen. Eingängig, melodisch: aber mit der – für GOJIRA – gewohnten Komplexität und Härte. Flehend und eindringlich fordert Joe, gegen das Unrecht in der Welt tätig zu werden. “Rise/ Yeah you come out/ You’re awake now/ Put your fist in the air/ You were hiding/ Now you throw yourself/ Into the storm”, shoutet der Sänger in der ebenfalls sehr eingängigen Groove-Hymne “Into the storm”, die wohl am deutlichsten zur Rebellion gegen die herrschenden Verhältnisse aufruft. Eine peitschende Hymne mit reitenden Thrash-Gitarren.

Es ist wohl nicht ganz falsch, vom “schwarzen Album” der Band zu sprechen: Das, was die Franzosen bisher auszeichnete, bündeln sie hier zu einer neuen Kompaktheit, Hittigkeit. Es ist mehr auf den Punkt, als sie es bisher konnten. Sie zeigen sich deutlich gereift.

So gibt es neue Elemente, die sie ganz selbstverständlich in ihren Sound integrieren. Beim Titeltrack “Fortitude” und dem folgenden “The Chant” sind bombastische Chöre zu hören, die an die Working Songs, den Gospel und die Spirituals der afroamerikanischen Sklaven erinnern, die im 19. Jahrhundert auf den Baumwollfeldern der Vereinigten Staaten schuften mussten. Das sind die Roots der Rock Musik. Percussion, die polyrythmisch der Weltmusik huldigt. Man kann nur vermuten, dass hier auch der Einfluss des Schweizers Manuel Gagneux alias ZEAL & ARDOR am Wirken ist. Und gerade bei diesen Nummern zeigt Sänger Joe, dass er deutlich variabler agieren kann als auf früheren Platten. Es klingt auch ein wenig Krautrock und 70s-Flair durch. Brutalität und Harmonie ergänzen sich ähnlich, wie es OPETH auf ihren früheren Alben vermochten. Und es herrscht bei den ruhigeren Nummern eine wunderbar melancholische Atmosphäre: Aktuell, so muss man es sagen, passieren die spannendsten musikalischen Entwicklungen eher im Extreme Metal.

Nein, keine Sorge: GOJIRA haben keineswegs ein Pop-Album aufgenommen. Hört Euch die wunderbar schrägen Griffbrett-Schindereien zum Einstieg des letzten Tracks “Grind” an: ein progressiver, brutaler Groove-Song, bei dem sich langsam die Melodien aus der Lärmwand schälen. Harmonien, die sich nur langsam offenbaren. Auch der Track “Sphinx” ist ein brutaler Brecher, der das Haupthaar – so noch vorhanden – kreisen lässt. Vertrackte Rhythmen, harte Grooves, disharmonische Einsprengsel: Das gibt es nach wie vor. Aber stimmiger als zuvor, zu einer neuen Kompaktheit gebündelt. Und, ja, vielleicht kann man das so sagen: massentauglicher, aber in einem positiven Sinne. Die Produktion ist sauber und transparent: ohne der Band ihre Brutalität zu rauben. Abgemischt hat das Album Andy Wallace, der schon für NIRVANA tätig war, aber auch für SLAYERs “South of Heaven” und SEPULTURAs “Arise” verantwortlich ist. Es dürfte klar sein, dass sich GOJIRA hiermit für einen Platz in sämtlichen Jahres-Polls 2021 qualifizieren.

9 von 10 Punkten

Release: 30. April 2021

Label: Roadrunner Records

GOJIRA “Fortitude” Tracklist

1. “Born For One Thing” (Video bei Youtube)
2. “Amazonia” (Video bei Youtube)
3. “Another World” (Video bei Youtube)
4. “Hold On”
5. “New Found”
6. “Fortitude”
7. “The Chant” (Official Audio)
8. “Sphinx”
9. “Into The Storm”
10. “The Trails”
11. “Grind”

Besetzung:
Joseph “Joe” Duplantier – Gesang, Gitarre
Christian Andreu – Gitarre
Mario Duplantier – Schlagzeug
Jean Michel Labadie – Bass

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