WHISPERING SONS: Several Others

Es gibt nur wenige Bands, die aktuell das Gothic-Rock-Genre weiterdenken und sich nicht den bekannten Klischees ergeben: Die Belgier WHISPERING SONS gehören definitiv dazu. Schwierig, sperrig und im Ansatz minimalistisch, gibt es hier noch das, was die Musik einst auszeichnete: Düsterheit, Klaustrophobie, erratische Ausbrüche. Das liegt vor allem auch an der tiefen, drängenden Stimme von Frontfrau Fenne Kuppens, die charismatisch fleht und leidet.

What Happened to Gothic Rock? Freunde, ich bin ja eigentlich wirklich Fan dieser Musik. Ich mag das Düstere, Abgründige, die kühle Erotik eines kalten Grabs. Aber seit Jahren – ja, Jahrzehnten – erstickt diese Musik in Konventionen, von löblichen Ausnahmen abgesehen. Ich kann die Zahl der SISTERS OF MERCY– und THE CURE-Epigonen nicht mehr zählen. Die Geister scheinen müde, obwohl sie noch Anfang der 90er so vielversprechend um die Gruft tanzten: Die alten Helden zehren von besseren Zeiten, meist aus den 80ern, während der Nachwuchs kaum die großen Fußstapfen von Nosferatu ausfüllen kann.

Aber dann gibt es doch noch Bands, die anders, eigenwillig sind. In die Zukunft weisen. Auch wenn die Zukunft düster ist: Und zu diesen seltenen Vertreter*innen zählen definitiv die Belgier WHISPERING SONS. Noch bevor sie ihr Debüt „Image“ im Jahr 2018 veröffentlicht hatten, sah man in Szene-Kreisen unzählige Shirts der Band, gab es einen kleinen Hype um die Post-Punk-Hoffnungsträger aus Brüssel: auch unzähligen Live-Konzerten geschuldet, in denen der Vierer in den Bann zog. Sonderbar und sperrig waren die Songs, kaum boten sie Hits, die auf die Szene-Diskos schielten. Aber zugleich hypnotisierend, anders, und – man kann es ihnen nicht hoch genug anrechnen – eben eigenwillig. Im Blickfang die Sängerin Fenne Kuppens, die mit tiefer, androgyner Stimme flehte und leidete, wütete und sich ihrer Verletzlichkeit preis gab. Eine Musik, die Narben riss: und eine Energie verströmte, die vielen Metal-Bands abgeht.

„Several Others“: plötzlich ist das zweite Album da

Bereits das besagte Debüt „Image“ von 2018 war so faszinierend wie sperrig: Songs, die nicht das übliche Strophe-Refrain-Strophe-Schema bedienten, sondern sich langsam aufbauten, den Hörer bzw. die Hörerin in einen Sog rissen: scheinbar monoton, um dann doch plötzlich zu explodieren und aufzuwühlen. Nachdem ich die Band in einem restlos ausverkaufen Konzert in Leipzig sah (weil ich eine Zigaretten-Pause brauchte, kam ich nicht mehr in den Saal hinein, so voll war es), war ich deutlich angefixt von der Musik.

Nein, Gothic ist nicht tot, er hat sich nur in einem Keller versteckt, um einen mit seinen Klauen im richtigen Moment anzuspringen, aus einem düsteren Loch hinaus. Der Frontfrau war ich ohnehin restlos ergeben: Wie sie sich an den Mikrofonständer klammerte, über die Bühne schlich und wütete, in sich gekehrt, ganz mit sich selbst beschäftigt, und doch mit Ausstrahlung: Das war faszinierend und verstörend zugleich.

Und plötzlich ist es da: „Several Others“, Album Numero zwei. Ich hätte wohl nichts davon mitbekommen, wenn es mir nicht über diverse „Social-Media“-Kanäle in die Timeline gespült worden wäre. Für mich ein Pflichtkauf, den ich nicht bereut habe. Auch wenn die diversen Gründe, weshalb dieser Band der große Erfolg verwehrt bleiben wird, noch immer vorhanden sind.

Nur langsam gärt es: aber nachhaltig

Wieder gibt es den verzweifelten, düster hallenden und androgynen Gesang von Frontfrau Kuppens: und eine Band, die das faszinierende und sonderbare Fundament legt. Die Gitarren schneiden kalt und mit ordentlich Hall versehen. Der Bass pluggert und plinkert, stets so differenziert, dass er fast gleichberechtigt neben den anderen Instrumenten steht. Das Schlagzeug legt rituelle, scheinbar monotone Patterns: nur langsam gärt es, bauen sich die Songs auf, explodieren in den richtigen Momenten.

Das hier ist kein Easy-Listening-Album. „Leck den Dreck von meinen Lippen/ Und küsse meine Wangen/ Bejubele die Evolution, die ich suche/ Ich bin reif für die Perfektion/ Aber ich schneide nach und nach alle Teile heraus, die ich an mir nicht mag“, singt Kuppens mit tiefer, sonorer Stimme im Opener „Dead End“. Und weiter: „Jetzt bin ich ein verbitterter, besserer Mensch/ eine oberflächliche Version“. Die Arbeit – an sich selbst – als verzweifelte, selbstzerfleischende Erfahrung. Der Bass tänzelt und schreitet bedrohlich voran, die Gitarren fahren in den Song wie ein Seziermesser: und langsam, ganz langsam baut sich der Song auf.

Das hier geht weit zurück zu den Ursprüngen von Goth und Post Punk: JOY DIVISION schielen verstohlen um die Ecke, mit ruppigen, exaltierten Sounds. Und es ist doch eine moderne Version davon.

Song Numero zwei, „Heat“, bietet dann erstmals Futter für den Dancefloor der Indie-Diskos: Hektisch vibrierend und offensiv nach vorn gehend. „Halte mich,/ Halt mich fest,/ Halte mich unten!“, singt Kuppens. Bedürfnis nach menschlicher Nähe, die toxisch sein kann und hinabreißt. Für den pulsierenden Bass ist übrigens Tuur Vandeborne verantwortlich, für das interessante Schlagzeug-Spiel Sander Pelsmaekers: Leute, kein Mensch kann sich diese Namen merken! Einen deutschen WIKIPEDIA-Eintrag hat die Band nach wie vor nicht, es fehlt auch einer in englischer Sprache. Nur, wer des Niederländischen mächtig ist, kann sich aktuell in der Enzyklopädie über die Band informieren. Warum niederländisch? Hallo? Wir haben es hier offenbar – noch immer – mit einem Underground-Phänomen zu tun.

Sperrigkeit und Eingängigkeit halten sich die Waage

Im folgenden Verlauf finden WHISPERING SONS eine sehr gute Balance, um einerseits sperrige, langsam aufwühlende Songs auf den Hörer loszulassen: und eben solche, die eingängiger sind, weniger im Gedärm wühlen. Das hypnotische „I Leave You (Wounded)“ ist Programm: langsam, ganz langsam entfaltet der Song seine unheilwirksame Wirkung. „Ich lasse dich verwundet und zusammenbrechend zurück“, synthetische Beats treffen auf eine nervös tönende Gitarre.

Das folgende „Vision“ ist flotter, flirrender, bremst den Rhythmus aber auch immer wieder aus: „Ein Geist in Frauenkleidern/ malte die Landschaft mit ihren Hoffnungen/ Setzte Stein auf Stein/ um sich auf ihren selbst errichteten Thron zu erheben“, singt Kuppens. Versuch einer Selbstermächtigung, mit feministischem Anstrich: „Ein Blick, so verloren/ Ein Gesicht so tot, (…) Sie verliert plötzlich ihre Form,/ kann in der Gegenwart nicht aufgefunden werden/ Sie fühlt die Last ihres Aufstiegs/ hin zu einem nicht existierenden Ende“.

Kämpfe, Leiden, der Versuch der Selbstbehauptung, Entfremdung: Das verorten WHISPERING SONS auf schmerzhafte Weise im Hier und Jetzt. Manchmal haftet den Songs etwas fast Autistisches an: als würde man am Hörer vorbei musizieren, mehr um sich selbst kreisen. Nur um dieses Moment erneut aufzubrechen. Das hypnotische „Flood“ schielt wieder mehr auf die Tanzfläche: „Murderous, murderous, murderous, murderous!“, wiederholt Kuppens beschwörend. „Aftermath“ ist eine dunkle, von Piano-Sound getragene Ballade. „Ich erwachte aus dem Schlaf, ohne Erinnerungen/ Ich erhob mich auf den Gipfel meines Seins/ Der Horizont erhellend/ glühend/ Über dem Land hängt Stille/ Wie ein schwelendes Leichentuch“. Eine Ballade, wie man sie auf einem solchen Album nicht unbedingt erwartet: aber nicht schwelgend, sondern schmerzhaft, minimalistisch, sonderbar. Und genau dieses Sperrige, Sonderbare macht auch den Reiz dieser Musik aus. Man kann sie nicht in den üblichen Genre-Stereotypen verrechnen: WHISPERING SONS sind ein Statement ganz für sich.

Fazit: Schreibt den Gothic Rock und Post Punk noch nicht ab! Es gibt da draußen interessante, eigenständige Bands: Wenn sie auch nicht leicht zugänglich sind. Und nicht immer leicht aufzufinden. Die vielen WHISPERING SONS-Shirts, die ich zuletzt in der Wave-Gotik-Fanszene sah, geben mir Hoffnung. Ein Album, das strange ist, sonderbar, nicht eingängig. Und gerade deshalb gut. Wirklich verdammt gut.

WHISPERING SONS auf BANDCAMP

Label: [PIAS]

VÖ: 18. Juni 2021

WHISPERING SONS “Several Others” Tracklist

1. Dead End
2. Heat
3. (I Leave You) Wounded
4. Vision
5. Screens
6. Flood
7. Surface
8. Aftermath
9. Satantango
10. Surgery

Bandmitglieder:
Fenne Kuppens – Gesang
Kobe Lijnen – Gitarre
Tuur Vandeborne – Bass
Sander Hermans – Keyboard
Sander Pelsmaekers – Schlagzeug