Jahresrückblick 2020 von Captain Chaos

10 mal die crème de la crème, mäßig sortiert:

ULCERATE: Stare Into Death And Be Still

Death Metal hat das Zeug zur auch 2020 relevanten Kunstform, wenn man redundaten Tech-Selbstzweck, kindischen Gore und erzwungenen old-school-Kitsch beiseite lässt. ULCERATE schaffen das mit Leichtigkeit und liefern ein hochemotionales, extrem niveauvolles und tiefes Album, das dieses in den letzten Jahren ermüdende und ermüdete Genre meilenweit hinter sich lässt.

Allein der Gedanke an dieses Album erzeugt Gänsehaut.

 

SANGRE DE MUERDAGO: Xuntas

Ein Seelenstreichler von einem Album. Voller unglaublich schöner Momente, reicher Instrumentierung, trauriger, aber hoffnungsvoller Momente, gespielt von Menschen mit einem großen Herzen. Medizin für die gepeinigte Seele in einem herausforderndem Jahr.

 

AARA: En Ergô Einai

Furios, unverkopft, kompakt und komplex. Und nach 9 Monaten intensiven Hörens immer noch ohne Abnutzungserscheinungen. Ein musikalisch wie lyrisch kluges Black Metal-Juwel, das seinesgleichen sucht.

 

ULVER: Flowers Of Evil

Quasi das Sequel zur Ermording Cäsars und mindestens auf einer Stufe damit. ULVER, die Meister der großen Gesten zelebrieren ihre ureigene Elegie souverän und relevant wie immer.

 

STEVE VON TILL: No Wilderness Deep Enough

STEVE VON TILL auf den Spuren von NICK CAVE. Poesie, Introspektion, Fragmente, und doch wird es zu einem homogenen Ganzen. Wer seine Americana-Western-Seite mag, darf sich überraschen lassen, hier erfand sich Steve künstlerisch neu.

 

AKHLYS: Melinoë

Was für ein Höllenritt. Black Metal in maximaler Intensität, einer rauschhaften Atmosphäre und mit exzellentem Songwriting. Süße Träume!

 

BELL WITCH & AERIAL RUIN: Stygian Bough Vol. 1

Eine überfällige Kollaboration, makellos ausgeführt und liefert das, was man erwarten durfte. Leidenschaftliche Trauer, karge, donnernde Riffs, große Momente und stille, einfühlsame Momente als Trostspender, wenn mental nichts mehr geht.

 

PAYSAGE D’HIVER: Im Wald

Zwei Stunden Windsamples und Black Metal-Monotonie, der Gipfel alles Atmosphärischen. “Im Wald” lässt Zeit und Raum vergessen – eine Meditation über die Winterwälder. Hoffentlich schneit es bald.

 

HEXVESSEL: Kindred

So kurz nach “All Tree” schon ein weiteres Album? HEXVESSEL haben einen kreativen Lauf, häuten sich erneut und erzeugen wieder magische Momente, ideal um im Wald nach dem spitzkegeligen Kahlkopf zu suchen. Oder, wie Frank im Review so schön schreibt, um seinen Hippiegefühlen nachzugeben. Alles kann, nichts muss.

 

ROPE SECT: The Great Flood

Die coolste Weltuntergangssekte der Welt – zumindest die Sekte mit dem besten Songwriting, das man sich vorstellen mag. Allein die Stimme von Inmesher ist schon pures Gold, dazu der melancholisch rockende Postpunk / Deathrock voller Hits – und schon ist das beste Debütalbum des Jahres fertig.

Daneben essenziell, in alphabetischer Reihenfolge:

AMNUTSEBA: Emanatism

Fleischgewordener, dissonanter Horror. PORTAL trifft auf DEATHSPELL OMEGA. ’nuff said.

 

AVERSIO HUMANITATIS: Behold The Silent Dwellers

Liebe auf den zweiten Blick: sperrig und brutal, aber extrem intensiv. Einer der definitiven Geheimtipps 2020!

 

COR: Friedensmüde

Die vielleicht besten Lyrics des Jahres treffen auf COR, die musikalisch nie definierter waren. Erstklassiger Hardcore-Punk mit Hirn und Herz.

 

CRIPPLED BLACK PHOENIX: Ellengæst

CRIPPLED BLACK PHOENIX waren immer eine Band, die ich theoretisch super fand, aber deren Alben mich nie auf die ganze Länge überzeugt haben. “Ellengæst” wirkt wegen der vielen sorgfältig ausgewählten Gastsänger sehr geschlossen und bleibt dennoch facettenreich. Wunderschön!

 

ENSLAVED: Utgard

Das beste ENSLAVED-Album seit “Vertebrae”. Ein Hitalbum mit songschreiberischer Reife und jugendlicher Energie.

 

HÄLLAS: Conundrum

Seite B mag recht beliebig wirken, auf Seite A hat dafür Bombenhits. Carry On, Adventure Rock-Boys!

 

IMPERIAL TRIUMPHANT: Alphaville

Visuell und musikalisch ein komplexes, überbordendes Werk, das die Grenzen des Black Metal nicht nur sprengt, sondern mit ihnen spielt wie eine Katze mit ihrer Beute.

 

KATATONIA: City Burials

Die Meister der Melancholie, so gut wie seit mehr als 10 Jahren nicht. Sorry, Arlette, mich haben KATATONIA mit diesem Album sehr wohl ins Herz getroffen.

 

KATLA: Allt þetta Helvítis Myrkur

Ein fieses, zähes, finsteres Polarkreis-Biest und ein deutlicher Schritt nach vorne im Vergleich zum Debüt.

 

NAPALM DEATH: Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism

T.O.J.I.T.J.O.D. ist vielleicht nicht das beste Album der Legende aus Birmingham, aber es ist definitiv relevant und zeigt, wer der Daddy ist.

 

ORANSSI PAZUZU: Mestarin Kynsi

Ein surrealer, einmaliger Trip. Leider zu wenig gehört im Laufe des Jahres.

 

OVTRENOIR: Fields Of Fireovtrenoir-fields-of-fire-album-cover

Das beste Post Metal-Album des Jahres. Ein Tränentrockner für diejenigen, die DIRGE schmerzlich vermissen.

 

PALLBEARER:Forgotten Days

Nicht so gut, wie “Heartless”, aber dennoch stark. PALLBEARER, die Posterboys des ultramelodischen Dooms, sind 2020 eher eingängig als kauzig.

 

PANZERFAUST: The Suns Of Perdition II: Render Unto Eden

Kontrovers und brutal, auch ohne Geschwindigkeitsrekorde.

 

SELBST: Relatos De Angustia

SELBST lassen alle Klischees beiseite und spielen stoisch eine eigene Interpretation des Black Metal – Niveau, Songwriting und Atmosphäre stimmen hier punktgenau.

 

THROANE: Une Balle Dans Le Pied

So klingt es, wenn man sich selbst die Dämonen austreibt. So sperrig, dass selbst der Vorgänger “Plus Une Main A Mordre” wie ein fröhliches Skatepunk-Album wirkt.

 

Bonus: unmetallische Perlen 2020:

ÓLAFUR ARNALDS: some kind of peace

Schön!

 

MAX RICHTER: Voices

Mahnend!

 

AGNES OBEL: Myopia

Rauschhaft!

 

CARLOS CIPA: Correlations (on 11 pianos)

Virtuos!

 

 

SÓLSTAFIR: Endless Twilight Of Codependent Love

Endstation Stadionrock.

 

IHSAHN: Pharos [EP]

Eine uninspirierte Midlife-Crisis-Geschichte.

 

UADA: Djinn

Ganz okay, aber wird dem Hype nicht gerecht.

 

GAEREA: Limbo

Ganz okay, aber wird dem Hype nicht gerecht.

 

MASTODON: Medium Rarities

Eine desaströse Compilation.

 

AND YOU WILL KNOW US BY THE TRAIL OF DEAD im Ampere, München.

Eine letzte Feier in der alten Welt mit allen Hits der Band.

 

<3

Das macht das Leben lebenswert:

Meine Tochter aufwachsen zu sehen. Das Erste “Papa” im Januar, der erste Geburtstag im April, die ersten Schritte im August, die wilden Ausflüge auf dem Fahrrad, die intensive Zeit miteinander zur Krippeneingewöhnung, und vieles mehr. Das waren unbezahlbare Momente.

Dass meine kleine Familie auf dem Land lebt. Wir waren in den Zeiten der Lockdowns in der privilegierten Lage, die Wälder gleich vor der Haustüre zu haben, sodass uns die Decke nicht auf den Kopf fiel. Bonusliebe geht raus an den starken Familienverbund. Etwas, von dem ich nicht gedacht hätte, dass ich es mal so sehr schätzen würde.

Dass meine Frau und ich uns trotz dem ganzen Wahnsinn, der 2020 so los war (Baustelle, Haus einrichten, Arbeit + Erziehung, etc), nicht aus den Augen verloren haben. Das haben wir verdammt nochmal gut gemacht!

Dass Musik und Underground nicht das Hirngespinst eines Berufsjugendlichen sind. Das hat mir das ORDER OF OUTER SOUNDS-Forum gezeigt. Eine kleine, wunderbare Community von Menschen aus aller Welt, die ohne Social Media-Getrolle auskommt, sondern wertschätzend miteinander umgeht. Und daraus resultierte die Rückkehr ins Vampster-Team. Danke, dass ich wieder dabei sein darf und so herzlich empfangen wurde!

<3

 

Im Großen und Ganzen: Wer gedacht hat, dass 2020 die Menschen durch eine Pandemie an einem Strang ziehen könnten, wurde enttäuscht. Und selbst wer dies nicht erwartete, dürfte entsetzt sein, wie sehr die Gesellschaft gespalten ist. Weiterhin haben Populisten freie Fahrt, auch nach der Abwahl von Donald Trump. Seit ich Vater bin, zerbricht es mir erst recht das Herz, wenn Kinder wegen Krieg und Unruhen ihre Heimat verlassen müssen, Familien zerrissen werden, die Kinder im Mittelmeer sterben.

Spoiler: 2021 hat auch wieder so einiges parat.

Und privat so: Eine gefühlte Million an offenen Projekte, die einfach nicht weniger werden wollen. Und dass 2020 keine Energie da war, konsequent gewisse Projekte abzuschließen und neue Wege zu beschreiten.

 

Augen auf! “Säuger” kommt 2021/2022.