KATLA: Allt þetta Helvítis Myrkur

Was für ein Timing. Seit Tagen schafft die Sonne es nicht, durch die Nebelsuppe zu dringen, seit knapp zwei Wochen gibt es einen Quasi-Lockdown, aber auch ohne diesen wäre es eine trostlose Angelegenheit heuer. Und jetzt haben auch noch KATLA ihr zweites Album parat, das die allerfinsterste Polarnacht heraufbeschwört. Aber eigentlich norden uns KATLA „Allt þetta Helvítis Myrkur“, zu deutsch „All diese verdammte Finsternis“, damit wieder ein. Denn was hier an lavaartiger Schwärze aus den Boxen strömt, lässt den grauen, mit Coronaaroma versehenen Herbst in Mitteleuropa wirken wie eine Kirmesveranstaltung.

Nach dem eher ereignisarmen und schon recht trostlosen Album „Mó∂urástin“, das aber immer wieder seine Momente hatte, waren die Erwartungen nicht wirklich groß. Dass „Allt þetta Helvítis Myrkur“ ein finsteres Juwel werden würde und der Titel mehr als nur gerechtfertigt ist, daran hatte ich nicht geglaubt. Und nur fürs Protokoll, mit Guðmundsson Óli Pálmasons Ex-Band SÓLSTAFIR, die mittlerweile eher die großen Bühnen für sich entdeckt und sich erst kürzlich nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben, können KATLA nicht verglichen werden. Das eigentümliche Gebräu, das am ehesten noch dem Doom Metal zuzuordnen ist, senkt sich über den Hörer wie ein erbarmungsloser Wintersturm.

KATLA zeigen auf “Allt þetta Helvítis Myrkur” deutlich definierteres Songwriting

Es ist am ehesten die bedrückende Atmosphäre, die „Allt þetta Helvítis Myrkur“ so intensiv werden lässt. Wobei auch das Songmaterial mit Überraschungen aufwarten kann. Nach einem krachig-kratzigen Drone-Intro mit beschwörendem Gesang wird knapp sechs Minuten lang die passende Stimmung für das Folgende erzeugt. Die beiden Protagonisten Guðmundsson Óli Pálmason und Einar Thorberg Guðmundsson liefern dann gleich den hypnotisch-finsteren Track „Villuljós” mit seinen bizarren Facetten. Schon jetzt outen sich KATLA als Fans der englischen „Big Three“. Am offensichtlichsten ist das aber im kurzen Instrumentalstück „Líkfundur á Sólheimasandi“, das schwer nach alten ANATHEMA klingt. Auch „Hvítamyrkur“ lässt mit seinen melodischen Riffs und Leads an MY DYING BRIDE um die Jahrtausendwende denken.

Obwohl die meisten Songs dieser farblos-zähen Suppe ähnlich bedrückend klingen, sticht einer besonders heraus: „Sálarsvefn“ beginnt mit einer Atmosphäre, die eine Spannung erzeugt, bei der das Unheil schon am Firmament steht. Dann überrollt es den Hörer mit Riffs, die irgendwie an BOLT THROWER erinnern, wie eine Schneewalze im baumlosen Hochland eine alte Hirtenhütte. Dazu kommt der schmerzliche Gesang von Einar Thorberg Guðmundsson, der jedes Wort wie unter Wehen herauspresst. Das Gegenstück dazu ist der monolithische Titelsong, der zugleich mit Funeral Doom-Heaviness und luftigen Momenten verstört.

“Allt þetta Helvítis Myrkur” lässt uns die nicht enden wollende Dunkelheit am nördlichen Polarkreis spüren

Auch sonst liebäugeln KATLA immer wieder mit Black und Death Metal. Dabei zeigen sie sich weniger zeitgeistig als zeitlos. Mal schwingt der Geist von ATROCITYs „Todessehnsucht“ mit, mal werden im Hintergrund EMPEROR zitiert. In dem Uptempo-Stück „Húsavíkur-Jón“ klingt die Musik sogar ein wenig nach älteren DISBELIEF – und es funktioniert! Aber all das ist so dezent, dass „Allt þetta Helvítis Myrkur“ sehr eigenständig klingt, vor allem wegen dem theatralischen wie kraftvollen Gesang von Einar Thorberg Guðmundsson. Und es liegt auch an dem sehr definierten Songwriting, das erheblich straffer ist als auf „Mó∂urástin“. Dennoch mangelt es nicht an Details und Epik: Allerhand Synthies und Streicher sorgen für klangliche Tiefe, die Songlängen geben den Stücken ausreichend Raum.

Und gegen Ende scheint es, als würde sich die Unwetterfront am isländischen Himmel doch ein wenig verziehen. Die letzten Stücke tragen mehr Ruhe in sich, nur um freizulegen, welche Schäden der Sturm angerichtet hat. „Svartnætti“, das abschließende, fünfzehnminütige Werk hinterlässt uns wie der, der den Sturm und die Nacht überstanden hat und dabei feststellt, was er alles verloren hat. Es gibt ein paar Längen, im Mittelteil des Albums ist einiges recht gleichförmig, aber andererseits passt das durchaus ins Konzept der nicht enden wollenden Dunkelheit und unerträglichen Einsamkeit am Polarkreis im Winter. Auch wenn das Album also keineswegs perfekt ist, diese Steigerung war so nicht zu erwarten. Was für ein intensives, schmutziges, boshaftes, aber doch gefühlvolles Album „Allt þetta Helvítis Myrkur“ doch ist! Gerade deswegen ist KATLA eine echte Überraschung damit geglückt.

Wertung: 7,5 von 9 Unwetterfronten

VÖ: 13. November 2020

Spielzeit: 65:33

Line-Up:
Einar Thorberg Guðmundsson – Vocals, Instrumente
Guðmundsson Óli Pálmason – Drums, Visuals

Label: Prophecy Productions

KATLA “Allt þetta Helvítis Myrkur” Tracklist:

1. Ást orðum ofar
2. Villuljós (Audio bei YouTube)
3. Líkfundur á Sólheimasandi
4. Sálarsvefn
5. Vergangur
6. Hvítamyrkur
7. Húsavíkur-Jón
8. Allt þetta helvítis myrkur
9. Svartnætti

Bonustracks (enthalten im Artbook und in der Box):
1. Farg (Video bei YouTube)
2. Og það gneistar af hans sál
3. Drápið á Herdísarvíkur-Surtlu
4. Eins þann sáu illa gest óskyggnir sem hinir

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