ATROCITY: Todessehnsucht

ATROCITY: Todessehnsucht

Klopfte man an die Gräber und fragte die Toten, ob die wieder aufstehen wollten; sie würden mit den Köpfen schütteln. So steht es im Booklet des zweiten ATROCITY-Albums von 1992. Es war die Sturm- und Drangzeit in der damals florierenden Death Metal-Szene und bis auf einige rühmliche Ausnahmen gab es nur oberflächlichen Gore und Horror in musikalische Unausgegorenheiten verpackt zu hören. Eine Stagnation war bereits festzustellen, nachdem alles, was tiefergestimmte Gitarren hatte gesigned wurde und nach und nach wieder in der Versenkung verschwand.

Die vertonte Todessehnsucht von ATROCITY hingegen ist so finster wie kein anderes Death Metal-Album der damaligen Zeit und überzeugt den Hörer mit seinen bösen Riffs, seinen makabren Arrangements und der unheilvollen, ehrfurchtseinflößenden Atmosphäre. Dabei wird nicht immer in den obersten Geschwindigkeitsregionen gewütet, sondern hauptsächlich im Midtempobereich. Gerade das macht bei Todessehnsucht den Namen zum Programm, denn es ist leicht durch Geschwindigkeit Wut auszudrücken – nicht jedoch Depression; und ATROCITY haben sich 1992 genau dies zu Herzen genommen.

Aber ATROCITY machen auf diesem atemberaubendem Werk alles richtig: Von vorne bis hinten schlüssig, von komplexen Songs (Sky Turned Red mit seinem gewaltigem Chor) über das brutale Triumph at Dawn bis hin zum eingängigen Klassiker Necropolis hält sich das Material durchgehend auf höchstem Niveau und zeigt einen variablen Drummer, eine äußerst kreative Gitarrenfraktion und einen flotten Basser. Außerdem ist Alex Krulls Gesang tief und hasserfüllt, beschwörend und voller Energie. Das ganze wurde durch die wuchtige Produktion aus den Mainstreet Studios ganz hervorragend beleuchtet und steht dem Morrissound Studio in keiner Weise nach.

Die intensivste Nummer des Klassikers ist A Prison Called Earth. Dieser Songs ist so hasserfüllt und verzweifelt, wie fast kein anderer, den ich kenne. Und das, obwohl der Hörer nach dem ersten Song (Intro) Todessehnsucht bereits denkt, dass es finsterer nicht gehen kann. Als kleines Schmankerl wurde auf die CD-Version noch der von Chuck Schuldiner extra für ATROCITY geschriebene Song Archangel gepackt und zeigt, dass diese Bands gar nicht so weit auseinander liegen. Vom musikalischen her, hätte Archangel fast auf Human stehen können, was allein schon allen, die noch zweifeln, ob sie sich diesen Klassiker angeignen sollen, überzeugen sollte.

Und wer nach dem Hören noch nicht begriffen hat, inwiefern der Spruch von Schopenhauer im Kontext zur Musik steht, sollte sich dieses Album nochmals anhören. Wieder und wieder.

1992

47:16

Alex Krull – Vocals

Matthias Röderer – Guitars

Richard Scharf – Guitars

Oliver Klasen – Bass

Michael Schwarz – Drums

Roadrunner Records

1. Todessehnsucht

2. Godless Years

3. Unspoken Names

4. Defiance

5. Triumph at Dawn

6. Introduction

7. Sky Turned Red

8. Necropolis

9. A Prosion Called Earth

10. Todessehnsucht (Reprise)

11. Archangel (Bonus Track)