ULVER: Flowers Of Evil

Das Drama des Menschseins, seit Jahrtausenden die besten Absichten, aus denen die größten Verbrechen entstehen. Von Gott verstoßen, begehen wir unsere Fehler in einem Ersatzgarten Eden, den wir mehr und mehr verkommen lassen. ULVER entfalten vor unseren vernarbten Herzen dieses Panorama aus verlorener Unschuld, Mord und Verrat, und wer wenn nicht sie, könnte dabei bewegender sein? „We are wolves, this is our song, we’re ready to go, one last dance“, singt Kristoffer Rygg, während wir Mitgefühl mit der auf dem Cover abgebildeten Jeanne D’Arc haben, der das Haar abgeschnitten wird. Und so beginnt “Flowers Of Evil”, ein Album voller Popappeal und Pathos, wie es nur ULVER schreiben können. Nach „The Assassination of Julius Caesar“ sind die Norweger – und das ist das eigentlich Überraschende – frei von Überraschungen und verfeinern den Stil des letzten Studioalbums, statt wie sonst eigensinnig zwischen den Genres hin und her zu springen.

Nachdem wir uns im ersten Stück des Albums in einer brennenden Kirche namens Erde wiederfinden, und wir als Menschheit diesen Brand nicht nur selbst gelegt haben, sondern immer wieder Öl hineingießen, singen ULVER über Prostitution, Atomwaffen und eitle Kriegsherren und ihrer Hybris, zu zerstören, was größer ist als der Mensch, über irre Sektenführer und geschichtsträchtige Schlachten. Dabei bleibt alles so tanzbar und unverschämt sexy groovend, dass allein dadurch die Dualität der Menschen deutlich wird. Gewalt und Entertainment oder Entertainment durch Gewalt? ULVER zeigen sich eher als Chronisten und auktoriale Geschichtenerzähler denn als quotengeil und berechnend.

„Flowers Of Evil“: Ein Album voller Popappeal und Pathos, wie es nur ULVER schreiben können

Was „Flowers Of Evil“ von seinem Vorgänger unterscheidet, ist, dass die Experimente nicht verschwunden, sondern sehr subtil in die Musik eingearbeitet sind. Die Gitarren mögen nicht in jedem Song auffallen, sind aber präsent und unkonventionell eingesetzt. Die Soundfetzen in manchen Stücken, die als Referenzen auf frühere Alben dienen, von „Perdition City“ über „Shadows of The Sun“ hin zu „Wars of The Roses“, gehören auch dazu. Auch spannend: „Hour Of The Wolf“ mag anfangs verzichtbar erscheinen, fräst sich dann aber mit großer hypnotischer Wirkung ins Hirn und lässt nach und nach eine Dichte und Detailverliebtheit erkennen, die zum Staunen einlädt. Ja, hierdurch öffnen sich für ULVER neue Tore, und sie betreten souverän die heiligen Hallen des Artpop.

„Russian Doll“ und „Machine Guns And Peacock Feathers“ gehen mit einer stilsicheren Auswahl an Beats und Synthesizern unglaublich gut in die Beine, grooven sexy und zeigen Kristoffer Rygg stimmlich von seiner besten Seite – letztgenannter Punkt ist schon fast das Wichtigste. „Little Boy“ pumpt sich hypnotisch und bedrohlich durch seine fünfeinhalb Minuten und ist zigmal so gut wie alles, was DEPECHE MODE in den letzten Jahrzehnten veröffentlicht haben. Direkt im Anschluss tanzen wir uns in „Nostalgia“ retropoppig durch bittersüße Erinnerungen mit einem R’n’B-Chorus, der sprachlos macht. ULVER gehen also nur scheinbar den sicheren Weg. Denn auch wenn einige Songs geradezu hitlastig sind und das Potenzial haben, ihren Teil für durchgeschwitzte Clubnächte beizutragen, was sie bieten ist vor allem konzeptuell schwerer Stoff – das schlägt sich auch auf die Atmosphäre nieder und grätscht brutal in den Geschmack der Massen.

Für ULVER liegen auf „Flowers Of Evil“ Hoffnung und Bitterkeit nah beisammen

Und nebenbei schaffen es ULVER immer wieder große Momente zu liefern, die tief berühren. Sei es nach dem ersten Chorus von „One Last Dance“ mit seinem instrumentalen Teil, der einen Kloß im Hals entstehen lässt und das Herz zerdrückt, oder „A Thousand Cuts“, das die vierzig Minuten musikalisch reduziert und melancholisch abschließt. Am Ende bleibt ein Album, das kompakt und vielschichtig ist, das durch musikalische Detailverliebtheit begeistert, ohne auch nur in irgendeiner Form aufgeblasen zu wirken. Natürlich nicht, denn ULVER beherrschen die Regeln der Ästhetik unvergleichlich gut und erschaffen – so abgedroschen es klingen mag – pure Kunst.

Konzeptuell und musikalisch ist das Album ein Volltreffer, und weil ULVER ihr Handwerk so gut beherrschen, wirkt „Flowers Of Evil“ emotional stark nach. Hoffnung und Bitterkeit liegen hier nah beisammen, Mitgefühl für die Menschen steht neben Abscheu. Vielleicht hat uns Gott auch wegen unseren Widersprüchen verstoßen. Aber wären wir noch immer im Paradies, gäbe es keinen Grund, solche gewaltigen, biblischen Kunstwerke wie „Flowers Of Evil“ zu erschaffen. Somit tanzen wir, die aus dem Paradies vertrieben wurden, weil uns trotz aller Gräuel die Hoffnung auf ein Happy End bleibt.

Wertung: Subjektiv 100%, Objektiv 0,5 % weniger

Veröffentlichung: 28. August 2020

Spielzeit: 39:12

Line-Up:
Kristoffer Rygg
Jørn H. Sværen
Tore Ylwizaker

Label: House Of Mythology

ULVER „Flowers Of Evil“ Tracklist:

  1. One Last Dance
  2. Russian Doll (Official Video)
  3. Machine Guns And Peacock Feathers
  4. Hour Of The Wolf
  5. Apocalypse 1993
  6. Little Boy (Official Audio)
  7. Nostalgia (Official Audio)
  8. A Thousand Cuts

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