ULVER: Wars Of The Roses

Das schwierige Debütalbum von ULVER, der Live-Band.

Ich weiß nicht, wie es dir erging, aber als ich zum ersten Mal February MMX auf der Facebook-Seite von ULVER hörte, das erste neue Stück seit dreieinhalb Jahren, mit seinem wavigen Beat, der leicht rockigen, Achtziger-Ästhetik, war ich weniger verwirrt, als ein Stück enttäuscht. Ist es etwa das, was wir nach so langer Zeit des Wartens erhalten sollen? Da steigt schon die Angst ein wenig hoch. Doch mit diesem Stück ist es genauso wie mit dem restlichen Album, es wächst, vor allem als Ganzes. Ist das nun ein Schönhören, oder ein Durchsteigen, vielleicht aber auch etwas von beidem? Zumindest wenn sich Wars Of The Roses, eben wie eine Blüte zum ersten Mal öffnet und alles heraus strömt, der eigentümliche Duft, die Schönheit seiner Blätter, die eine zu charakteristische Form und Farbe haben, um wirklich als reines, schönes Lebewesen angesehen zu werden, dann wird es ein bisschen schwierig. Selbstverständlich ist aber auch der süße Nektar, dem kein Insekt widerstehen kann enthalten und ebenso wie der stolz aufgerichtete Kormus der Blume – all das spielt in Wars Of The Roses mit hinein.

ULVER, bestehend aus den drei Hauptakteuren der letzten Jahre, Rygg, Ylwitzacker und Svaeren, sowie der neue Multiinstrumentalist an Bord, O´Sullivan wiederholen sich zu keiner Sekunde. Es bleibt für die Anhänger von ULVER nach wie vor spannend, trotz elegischer, trauriger Momente auf dem neuen Werk ist Shadows Of The Sun ein gänzlich anderes Album, trotz den progressiven Freak-Outs ist das kein neues Blood Inside, und trotz der epischen, experimentellen Momente haben wir kein Teachings In Silence. Dafür gibt es eben rockige Stücke, die aber alle eine sanfte bis poetische Seite haben können. Das beweisen, wenn man sich mit diesem eigentlich fantastischem Stück arrangiert hat, February MMX ebenso wie September IV, von dem allein der Beginn schon durch einen melancholischen und geschmackvollen Synthesizer zu Tränen rührt und das von dem Zusammenspiel aus Text und Gesang lebt, bevor es zu einem leicht psychedelischen Aufbäumen wird.

Nicht nur hier zeigen ULVER, welche Konsequenz sie daraus gezogen haben, nun live aufzutreten. Sehr organisch und dynamisch klingt auch das unwahrscheinlich große England, das sich gegen Ende in den bitteren Zorn eines fallenden Aristokraten wandelt. Der totale Gegensatz findet sich in Providence, das allein schon durch den herrlichen Beitrag von Gastsängerin SIRI STRANGER für ein Aufhorchen sorgt und nach einem ruhigen, zeremoniell-romantischen Klavierbeginn einen Prog-Rock und Jazz-Freak-Out erlebt, samt gigantischem Klarinettensolo. Weniger leicht es zu mögen machen es aber Island und Norwegian Gothic, die zu wenig Widerhaken haben, zu wenig nachvollziehbar klingen, um wirklich zu begeistern, obwohl sich in Island immerhin einige schöne Momente wiederfinden. Norwegian Gothic hingegen klingt wie das pure, ästhetisierte Böse, ist zynisch und de Sadesk brutal, dabei immer sehr kultiviert. Dennoch sind diese beiden Stücke der Schwachpunkt von Wars Of The Roses.

Teil zwei von Wars Of The Roses besteht aus einem fünfzehnminütigem, sehr experimentellen Stück, das oberflächlich gesehen wie ein Fremdkörper auf diesem Album wirkt, aber auch nur, weil Kristoffer Rygg hier nicht für die Stimme sorgt, sondern Daniel O´Sullivan. Stone Angels ist ein bizarres Stück, das sich im Laufe der Zeit immer mehr erschließt, das so unglaublich viele, wundervolle Details vereint, das es unmöglich ist, dies zu beschreiben, ein wenig wie Not Saved, aber ein paar Schritte weiter. Basierend auf flächigen Synthesizern, mit einer monotonen, sanften Erzählstimme, Industrial-, Ambient-, Drone-, Neofolk- und Avantgarde-Elementen ist dies ein einmaliger Trip, ein einziges sich fallen lassen in der lyrischen Welt von Keith Waldrop, die mittels dieses Stücks vertont wurde.

Die Texte sind ein wichtiger Teil des Albums, die ganze Ästhetik, die musikalische Wanderung durch diese Welt, sie wird von den bildgewaltigen, simplen Worten geleitet und sorgt dafür, dass Wars Of The Roses als ganzes Album überhaupt erst wirkt. Wichtiger aber sind die Leistungen der beteiligten Musiker, allen voran Daniel O´Sullivan der eine Menge frische Ideen und frisches Blut in die Band bringt und dafür sorgt, dass ULVER den Weg aus einer Sackgasse fanden, auch wenn hier und da einige Abschürfungen an den Seiten entstanden – keine Frage, dieser Weg ist äußerst eng, auch wenn er so weit erscheint. Nicht vergessen werden darf, wie allein der Gesang von Kristoffer Rygg ULVER prägt, wie wichtig die Synthesizer und die abertausenden an Details von Tore Ylwizaker sind. Besonderen Anteil am Klang von Wars Of The Roses hat außerdem der nahezu perfekte Mix von John Fryer. Auch das Schlagzeug von Tomas Petterson, der eine unglaublich gute Performance bietet und wichtiger für das Album ist, als die anderen zahlreichen Gastmusiker, ist essentiell für den Eindruck dieser dreiviertel Stunde Musik.

Was bleibt nach alledem? Ein spannendes Album, das lange Zeit frisch und intensiv bleibt, eines das aber auch sehr lange braucht, bis es beim Hörer zündet. Eines, das ungeheures Potenzial hat, aber das auch deutlich nicht das beste Album der norwegischen Ausnahmeband ist. Wars Of The Roses ist vor allem das erste Album der Live-Band ULVER, hier müssen sie noch etwas ihren Weg finden, sich mit der neuen Situation arrangieren, das darf schon mal ein, zwei Alben dauern, ehrlich gesagt. Es gibt somit viele unglaublich gute, aber auch einige schwache Momente auf ULVERs achtem Album, aber nichts, das Hörer der Band davon abhalten kann, ihr auf diesem steinigen Weg zu folgen. Ob sich ULVER etwa eine Zeile aus Stone Angels zu Herzen genommen haben? The worst death, worse then death, would be to die, leaving nothing unfinished. Und das ist auch das traurig-schöne Gefühl, das dieses Album schlussendlich hinterlässt.

Und ob du für dein Folgen der Band in eine neue Ära belohnt oder bestraft wirst, ist in diesem Fall mehr denn je davon abhängig, wie du zu ULVER stehst – und damit meine ich nicht die ewig gestrige Diskussion bezüglich Nattens Madrigal und Co.

Veröffentlichungstermin: 29. April 2011

Spielzeit: 45:43 Min.

Line-Up:
Daniel O´Sullivan
Kristoffer Rygg
Jørn H. Svaeren
Tore Ylwizaker

mit
Ole Alexander Halstensgard – Electronics
Tomas Pettersen – Drums

und:
Attila Csihar
Emil Huemer
Trønd Mjoen
Anders Møller
Steve Noble
Daniel Qill
Siri Stranger
Stephen Thrower
Alex Ward
Stian Westerhus

Label: Jester Records / Kscope

Homepage: http://www.jester-records.com/ulver

MySpace: http://www.myspace.com/ulver1

Tracklist:

1. Februar MMX
2. Norwegian Gothic
3. Providence
4. Semptember IV
5. England
6. Island
7. Stone Angels