SANGRE DE MUERDAGO: Xuntas

Manchmal muss ich nur ein paar Schritte aus der Türe hinaus machen, dem Weg knapp 300 Meter folgen, und schon geht es mir besser. Dorthin, wo momentan zwischen jungen Fichten, alten Lärchen und Kiefern und stattlichen Buchen alles irgendwie anders wirkt. Es klappt nicht immer, aber manchmal wähne ich mich an einem Ort, der weit, weit entfernt ist, nur nicht dort, wo ich tatsächlich wohne. Das Hügelland hier ist sehr alt und hat schon so viele Menschen kommen und gehen sehen, und ich darf einer davon sein, der Schritt auf Schritt durch dieses Gebiet setzt. Ich bin hier aufgewachsen und könnte diese Wälder nicht richtig wertschätzen, wenn ich nicht für Jahre wo anders gelebt hätte.

Als im Frühjahr 2018 „Noite“, der Vorgänger von „Xuntas“ erschien, planten meine Frau und ich gerade das Haus, das jetzt in der kleinen Senke steht. Und trotz aller Ängste, aller Frustration und aller Konflikte sind wir nun hier. Oft, wenn ich mich in einer Sackgasse wähnte, waren SANGRE DE MUERDAGO da, und ihre Musik bestärkte mich auf meinem Weg. Somit war es Ehrensache, dass ich „Xuntas“ zum ersten Mal im Wald hören würde. An diesem unglaublich schönen Septemberabend fühlte ich mich gestresst, müde, unsicher, einfach weil es immer etwas gibt, das einen Schatten wirft. „Xuntas“ aber verzauberte mich, nahm mich mit an Orte, die mir guttun und erzeugte Frieden, irgendwo zwischen den alten Bäumen. Überhaupt: Schatten tarnen gut und können auch Freunde sein.

SANGRE DE MUERDAGO erden und lassen uns lieben, getreu dem Motto: Was wäre das Leben ohne Dankbarkeit?

SANGRE DE MUERDAGO sind eine sehr subjektive Geschichte. Denn was sie im Hörer auslösen ist tief, aber auch polarisierend. Während ich nach dem ersten Livekonzert, das ich von Pablo C. Ursusson, seiner treuen Pippilotta und seinen Mitmusikern gesehen habe, sofort dieser Musik verfallen war, waren meine Mitreisenden eher reserviert und irritiert. Naja, wir waren auch auf Doom Over Leipzig, und da hat es eine Neofolk-Band eben schwer. Zum Glück sind SANGRE DE MUERDAGO aber keine normale Neofolk-Band. Bandgründer Pablo C. Ursusson war in der Hardcore- und Metalszene aktiv, zuletzt mit ANTLERS. Und so sind die Lieder, die sich nach Freiheit, den Wäldern und der Natur sehnen, authentischer und wilder als von intellektuellen Fragwürdigkeiten durchzogenem WGT-Zeug. Also beruhigt die Musik des Wahl-Leipzigers, sie erdet und lässt mich lieben.

Warum SANGRE DE MUERGAO so wirken? Sie stellen sich nicht gegen etwas, sondern kämpfen für etwas. „Xuntas“ heißt „Zusammen“, und wie wichtig ist es gerade in diesen Zeiten, da die Fronten zwischen den Menschen so verhärtet sind? Ihre Wildheit und Sensibilität ist genau das, was der Mensch braucht, der irgendwie nicht dazu gehört und es doch muss, der an seinem Weg zweifelt, der sich manchmal zu schwach für diese brutale Welt wähnt. „Xuntas“ ist geprägt vom Schmerz über Verlust, und schafft es dennoch immer wieder, dass das Leben gefeiert wird. Was bleibt anderes übrig, als die Lebensgeister zu wecken und zu tanzen? Richtig, das funktioniert nicht alleine. Das Cover verdeutlicht es: Dort, wo die Sonne tief steht, wo das Leben endet, wächst es in anderer Form unaufhaltsam weiter. So wie es für die Natur eben niemals ein Zurück, nur ein Vorwärts gibt.

Zwischen Verlust und Lust spielt “Xuntas” seine Stärken aus.

Und was ist das für ein furchtbar hartes Jahr? Pippilotta starb am Neujahrsmorgen, Tourneen wurden gestrichen, als die Band quasi schon im Wagen saß, neue sind gar nicht erst möglich. Der Schmerz ist hörbar, aber ebenso die Hoffnung. „Xuntas“ ist weniger nokturn als „Noite“, und auch weniger introspektiv. So tritt Pablo nicht selten zurück und lässt seinen Mitmusikern größere Freiräume. Das beste Beispiel ist „Unha das peores cousas que escoitéi No 2019 foi ‘Pedir perdón é un acto de debilidade’“, das sich langsam und immer stärker aufbaut. Es kreist um ein Thema und wird reicher und reicher in seiner Instrumentierung – hört nur die wundervolle Bassklarinette! Das wird so intensiv und groß, dass selbst Gastmusiker und Drehleierkoryphäe Germán Diaz nicht hervorstechen kann. Ein wahres Orchester. Den Bandchef gibt es gar nicht mehr direkt zu hören, er singt auch nicht.

Überhaupt sind viele Instrumentals auf „Xuntas“, das halbe Album kommt ohne Gesang aus, und das obwohl sich dieser im Vergleich zu „Noite“ deutlich verbessert und an Sicherheit gewonnen hat. Das eröffnende „Cadeliña“ lässt uns sogleich die Trauer über den Tod von Pippilotta spüren, vor allem aber die Dankbarkeit darüber, dass sie gelebt hat und so lange an Pablos Seite war. Was wäre das Leben ohne Dankbarkeit? Das Titelstück ist ein elegischer Walzer, wie ihn nur SANGRE DE MUERDAGO spielen können. „Cancion de berce“, ein Wiegenlied mit seinem unglaublich schönen Gesang ist auch für uns Erwachsene gedacht, die ein wenig Wärme in dieser Welt brauchen. „Lonxanía“ ist an der Seite der Heimatlosen und Flüchtenden, damit sie sich niederlassen und stärken können. Am meisten begeistern und überraschen SANGRE DE MUERDAGO aber mit dem Instrumental „Heavy Mental“, das groß, wild und lebenslustig ist, natürlich ohne in irgendeiner Form albern zu wirken. Hier darf sich die Trauer eine Pause machen, das Schwere wird abgeschüttelt.

SANGRE DE MUERDAGO sind zutiefst authentisch

Wer mit SANGRE DE MUERDAGO bisher nichts anfangen konnte, wird sich auch von „Xuntas“ nur schwer überzeugen lassen. Wer aber plump meint, Harfe, Flöte, Drehleier und degleichen mehr, sei Garant für Kitsch und das Vorprogramm von SALTATIO MORTIS: Listen Again. Hier spielt eine Band, die meisterhaft ihre Instrumente beherrscht, die ihre Stücke tadellos ausbalanciert, anspruchsvolle aber nicht zu komplexe Musik spielt und als Kollektiv bestens funktioniert. So vergehen die 50 Minuten wie im Flug, transportieren und erzeugen viele Gefühle und Stimmungen. Ich träume schon immer vom wilden, freien Vagabundenleben, vielleicht fallen SANGRE DE MUERDAGO bei mir auf den richtigen Boden.

„Xuntas“ ist mindestens so gut wie „Noite“ und „O Camiño das Mans Valeiras“, vielleicht sogar noch ein wenig besser. Selbst nach ausgiebigem Hören und Spüren in den vergangenen Wochen, wird das Album immer noch besser, schöner, strahlender, trauriger, tiefer, wahrhaftiger. Pablo C. Ursusson, Songschreiber und Kopf von SANGRE DE MUERDAGO zeigt Größe und Stärke, indem er seiner empathischen, verletzlichen Seite Raum gibt und gewinnt auf ganzer Linie. So, und nur so, entsteht wahre Authentizität. Das ist es auch, was „No Wilderness Deep Enough“ so groß werden ließ. Zeige deine schwächste, weichste, verletzlichste Stelle und du wirst über dich hinaus wachsen.

Wertung: 11 von 11 Waldwanderungen

VÖ: 6. November 2020

Spielzeit: 48:38

Line-Up:
Pablo C. Ursusson – Classical guitar, voice, hurdy-gurdy, music box, steel string guitar, bells, field recordings
Hanna Werth – Viola, voice
Georg „Xurxo“ Börner – Nyckelharpa, voice
Asia Kindred Moore – Celtic harp
Erik Heimansberg – Flute, Bass clarinet, square drum of Peñaparda, voice

Label: Música Máxica, Throne Records, Neuropa Records

SANGRE DE MUERDAGO „Xuntas“ Tracklist:

4. Canción de Berce
5. Lonxanía
6. María Soliña
7. Coma un Bico
8. Foliada de Tenorio
9. De Néboa e Choiva
10. Heavy Mental
11. Outra Nana para os Insomnes

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