STEVE VON TILL: No Wilderness Deep Enough

30.07.2020, 20:00 Uhr. Die Sonne hängt in der schweren Sommerluft. Staub schwebt über den Fluren, das entfernte Dröhnen der Mähdrescher lässt den Asphalt vibrieren. Ich fahre mit dem Rad an den See und frage mich, wo diese viel gepriesene Natur eigentlich genau ist. Seit ich vor einem halben Jahr in mein Haus in meinem Heimatort gezogen bin, brüste ich mich damit, in der beinahe tiefsten Wildnis zu leben. Heute sehe ich Monokulturen auf den Feldern und Neophyten in den Wäldern und höre ständig die Autobahn zwischen dem kleinen Badesee und meinem Haus. Daneben stolpere ich ständig über Rehe, die hier keine Fressfeinde mehr haben und sich deshalb endlos vermehren, sodass selbst ich als Veganer sage: Wölfe, wir brauchen Wölfe.

„No Wilderness Deep Enough“ steigt genau da ein. Was ist eigentlich Wildnis? Wie kann der Mensch dort oder viel mehr damit leben? Es geht noch weiter: Das fünfte Soloalbum von STEVE VON TILL sorgt dafür, dass ich mich selbst kategorisiere, auch wenn es weh tut. Bin ich Teil des Problems oder Teil der Lösung, wenn es darum geht, die Welt irgendwie ein bisschen besser zu machen? Und, viel drängender: Bin ich der Einzige, der möchte, dass sich etwas ändert? Bin ich der Einzige, der sich verloren glaubt, in dieser Welt? Das Herzstück des Albums „Indifferent Eyes“ hat diese Fragen und diese Traurigkeit textlich verkörpert. VON TILL glaubt die im Titel beschworene Wildnis verloren, ist aber musikalisch so hoffnungsvoll, dass der große Kontrast des Lebens stets spürbar bleibt. Und so ist ihm ein Album gelungen, das, obwohl vordergründig wenig passiert, Wunden ins Fleisch reißt und im selben Atemzug wieder versorgt.

STEVE VON TILL betritt auf „No Wilderness Deep Enough“ einen neuen musikalischen Weg

Mit leisen Tönen aber klaren Worten sinniert er über unser Menschsein. Über Taubheit, über Sackgassen, über Möglichkeiten. Mit großer Empathie und Zärtlichkeit nimmt uns STEVE VON TILL an die Hand und führt durch Lieder, die bisweilen so wunderschön sind, dass die Luft wegbleibt. Die so direkt sind, dass kein Zweifel besteht und an den großen Themen, die an mir nagen. Die sechs teils fragmentarischen Kompositionen sind wie Meditation. „No Wilderness Deep Enough“ sollte somit alleine genossen werden, dann wenn der Kopf klar ist. Diese emotionale Nullstellung erleichtert es mit STEVE VON TILLs Musik, seiner kreativen Neudefinition, in Kontakt zu kommen.

Das geht auf diesem Album nur, weil der Musiker einen Weg wählt, der noch reduzierter und leiser ist, wie auf den Alben zuvor. Statt Singer-Songwriter wie in den 2000ern und Folk Drone wie auf dem letzten Album, geht VON TILL einen für ihn völlig neuen Weg. Er ist nun näher an den aktuellen Alben von NICK CAVE AND THE BAD SEEDS oder auch MAX RICHTER als an TOWNES VAN ZANDT, statt Gitarren gibt es Synthesizer, Mellotron, Klavier und Streicher. Die tief brummende, sanfte Stimme ist nach wie vor da und rezitiert die Texte, die ebenso wie die Musik umso mehr wirken, je weniger geboten ist. Und doch schwillt seine Stimme immer wieder an und steigert die Musik, ohne dass es je zu einer Eruption wie bei NEUROSIS kommt. Diese Verweigerung von Erwartungen ist eine eigene Art der Härte.

Leise Töne, klare Worte: STEVE VON TILL ist auf „No Wilderness Deep Enough“ so zurückhaltend wie eindringlich

Wer sich vorstellen kann, dass der Komponist vom fantastischen „A Life Unto Itself“ seine eigene Version vom Wunderwerk „Ghosteen“ geschrieben hat, liegt schon recht nah an der Wahrheit – und doch geht „No Wilderness Deep Enough“ einen eigenen Weg. Da sind „The Old Straight Track“ und „Trail The Silent Hours“, die so sehr schweben, dass Erinnerungen an SIGUR ROS wach werden. Da ist „Shadows On The Run“, dessen unheilvolles Dröhnen die warnende Botschaft der Lyrik perfekt unterstreicht. Und da ist natürlich „Dream Of Trees“, mit seinen Streichern zu Beginn und dem subtilen Einsatz von Waldhorn, Klavier und Percussions im langgezogenen Outro. Ein Stück, das es immer wieder schafft, dass ich mich sofort auf das Wesentliche besinne, egal in welchem Zustand ich war. Es bleibt die Gewissheit: Egal wie die Musik instrumentiert ist, STEVE VON TILLs Handschrift ist in jeder Sekunde zu erkennen.

„No Wilderness Deep Enough“ inspiriert, weckt Trauer und gleichermaßen die Instinkte. Leben wir das Leben, das wir wirklich leben wollen? Das uns vorbestimmt ist? Oder nichts davon? Mit diesen Fragen, zu denen ich allzu gut die Antworten kenne, entlässt mich STEVE VON TILL immer wieder zu „Wild Iron“. Ein versöhnliches Stück, so weich wie das vor wenigen Wochen angesäte Gras zu meinen Füßen. So sehr ich den Lärm und die Energie von NEUROSIS liebe, STEVE VON TILL hat wie nie zuvor mit seiner Poesie und der vordergründig zurückhaltenden Musik von “No Wilderness Deep Enough” das Potenzial die ganze Welt zu berühren. So bleibt die Erkenntnis, dass es nicht die Marktschreier sind, die Recht haben. Es sind die leisen Menschen, die kluge Fragen stellen. Die Antworten dazu müssen wir selbst finden. „No Wilderness Deep Enough“ hilft uns dabei, während wir chimärengleich aus Instinkt und Intellekt bestehen.

Addendum:

Parallel zu „No Wilderness Deep Enough“ erscheint auch STEVE VON TILLs erstes Buch „Harvestman“, in dem gesammelte Lyrics und neue Gedichte enthalten sind. Hier geht es zum Trailer.

VÖ: 7. August 2020

Spielzeit: 37:12

Line-Up

Steve von Till – Vocals, Piano, Synthesizer, Electronics

Gastmusiker:

Randall Dunn – Mellotron

Brent Arnold – Cello

Aaron Korn – French Horn

Tucker Martine – Percussion

Label: Neurot Recordings

„No Wilderness Deep Enough“ Tracklist:

  1. Dreams Of Trees (Official Audio)
  2. The Old Straight Track
  3. Indifferent Eyes (Official Video)
  4. Trail The Silent Hours
  5. Shadows On The Run (Official Video)
  6. Wild Iron

Mehr im Netz:

vontill.org

facebook.com/SteveVonTill/