STEVE VON TILL: A Deep Voiceless Wilderness / Harvestman: 23 Untitled Poems

Im Sommer 2020 war STEVE VON TILL mit „No Wilderness Deep Enough“ für mich die reine Inspiration, und die Wirkung dieses Albums hält noch immer an. Sein fünftes Solowerk unter bürgerlichem Namen zeigte ihn nicht als Americana-Musiker mit experimentellem Anstrich, es bewegte durch die Schnittmenge aus Ambient und Neoklassik, zwischen und traf ähnlich ins Herz wie die letzten Werke von NICK CAVE. Extrem reduziert, sowohl in Bezug auf Gesang und Texte und auch musikalisch, durften wir STEVE VON TILL von einer ganz neuen Seite erleben. Das Wagnis ging auf und erzeugte Songs, die so bewegend sind, wie wenig anderes aus seiner großen, an Besonderheiten nicht armen Diskografie.

Und doch hat es ein Gschmäckle, dass neun Monate später das Album nochmal aufgelegt wird – und zwar in einer instrumentalen Version. VON TILL zufolge war das Album zunächst auch ohne Gesang und Lyrik gedacht, und in dieser Version wird es seinem Publikum nun zugänglich gemacht. Da frage ich mich natürlich, warum nicht gleich ein Doppelalbum daraus wurde, aber vielleicht möchte sich STEVE VON TILL nicht aufdrängen und sieht „A Deep Voiceless Wilderness“ als Bonus, den auch nicht jeder braucht. Dasselbe gilt für sein Buchprojekt „Harvestman: 23 Untitled Poems“. Das Buch erschien vergangenen Sommer zeitgleich mit „No Wilderness Deep Enough“ und wird nun als Spoken Word-EP veröffentlicht.

Nur ein Zusatz zum letztjährigen Album? STEVE VON TILL sieht in „A Deep Voiceless Wilderness“ die ursprüngliche Bedeutung des Werks.

Bleiben wir zunächst bei „A Deep Voiceless Wilderness“ – tatsächlich funktionieren die Stücke auch ohne STEVE VON TILLs tief brummende Stimme und ohne die bildhaften Texte. Und überraschenderweise fehlt schon zu Beginn nicht einmal die Stimme, die sich eigentlich so sehr im Kopf eingebrannt hat. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber es klingt wirklich eigenständig. „Called From The Wind“ – so der Titel der Instrumentalversion von „Dream of Trees“ -, „The Emptiness Swallow“ und „The Spiraling Away“ klingen nach reduzierter Neoklassik und lassen an JÓHANN JÓHANNSSONs Musik denken. Es gibt viele Details, Einsätze von Instrumenten und elektronische Spielereien in der Musik, die auf der Version mit Gesang vielleicht etwas zu unauffällig geraten sind.

Das Spannungsfeld zwischen neoklassischem Klang und Ambient im Stil von BRIAN ENO, STARS OF THE LID hält STEVE VON TILL sehr schön aufrecht und lädt zum Innehalten ein. Stellenweise ist „No Wilderness Deep Enough“ durch den erdrückenden Gesang von STEVE VON TILL recht dunkel und genau deshalb sind die instrumentalen Stücke wie eine lichte Seite davon. Allerdings war „No Wilderness Deep Enough“ um ein vielfaches intensiver und auch tiefer. Das Überraschungsmoment ist somit nicht mehr auf STEVE VON TILLs Seite, aber das war an dieser Stelle auch nicht beabsichtigt. Mehr als ein Zusatz zum letztjährigen Album ist „A Deep Voiceless Wilderness“ also nicht.

„A Deep Voiceless Wilderness“ wirkt tatsächlich anders als „No Wilderness Deep Enough“. Das Hörbuch wirkt leider gar nicht.

Mehr Stimme, dafür weniger Musik gibt es mit der Spoken Word-Version des letztjährigen Buches „Harvestman“. In 18 Minuten rezitiert STEVE VON TILL seine 23 Gedichte. Es ist zweifellos schön seine Stimme zu hören, wenn er diese Texte liest, das Buch selbst mit seiner wundervollen Aufmachung und den Illustrationen ist deutlich wertiger als diese EP. Anfangs kommen die Worte noch ganz ohne Hintergrundgeräusche aus, später ergänzt VON TILL Echos und weitere Soundeffekte, sowie kleine Soundfetzen der Ambient-Alben. Vermutlich will er so den Bogen zu „No Wilderness Deep Enough“ und „A Deep Voiceless Wilderness“ schlagen. Mitreißend ist diese Rezitation dabei leider gar nicht. Viel mehr wirken diese Zeilen, wenn sie in ruhigen Momenten vom Leser selbst langsam aufgesogen werden können und Raum haben zu resonieren. Insofern ist diese Spoken Word-EP leider nicht empfehlenswert. Wer den Gedichtband noch nicht besitzt, sollte lieber darin investieren.

Fazit: Während „A Deep Voiceless Wilderness“ als instrumentaler Gegenpart zu „No Wilderness Deep Enough“ Sinn ergibt, ist „Harvestman: 23 Untitled Poems“ leider nur für Komplettisten geeignet.

VÖ: 30. April 2021

Spielzeit: 37:12 / 18:01

Line-Up:
Steve von Till – Piano, Synthesizer, Electronics

Gastmusiker:
Randall Dunn – Mellotron
Brent Arnold – Cello
Aaron Korn – French Horn
Tucker Martine – Percussion

Label: Neurot Recordings

STEVE VON TILL „A Deep Voiceless Wilderness“ Tracklist

1. Called From The Wind
2. We’ll Always Have The Sea
3. The Emptiness Swallow
4. Shelter in Surrender
5. The Spiraling Away
6. Nightshade High Country

STEVE VON TILL „Harvestman: 23 Untitled Poems“ Tacklist

1. I – V
2. VI – XII
3. XIII – XVIII
4. XIX – XXIII

 

Mehr im Netz:

vontill.org
facebook.com/SteveVonTill/