SANGRE DE MUERDAGO: Wir sind hier alle gemeinsam

Foto (c) Sangre de Muerdago

Mit „Xuntas“ haben SANGRE DE MUERDAGO ein wunderschönes, sehr berührendes Neofolk-Album veröffentlicht, das auch die Herzen vieler Hörer aus dem Metal-Bereich im Sturm erobert hat. Das fünfte Album von Bandchef Pablo C. Ursusson und seinen Mitmusikern ist ein Appell an die Liebe und trägt viel Trauer und Hoffnung in sich. In einem langen Skype-Gespräch unterhielt ich mich mit Pablo an einem nebeligen Montagabend im November unter anderem über Heimat, männliche Sensibilität im Patriarchat und die DIY-Mentalität.

Hallo Pablo, schön, dass wir uns hören. Wie ist die Lage in Leipzig?

Wieder gut. Du hast es vermutlich in den Nachrichten gehört, am Samstag war hier die Hölle los. Es war chaotisch, und es ist verrückt: Mitten in einer Pandiemie kommen hier zehntausende von Menschen her und schreien rum, scheren sich einen Dreck um Andere, und so weiter. Somit erwarten wir jetzt eine Steigerung der Fallzahlen in den kommenden zwei Wochen. Die Demoteilnehmer waren alle ohne Abstand unterwegs und ohne Masken.

Das ist auch ein guter Einstieg in das Interview. Das Verhalten solcher Leute ist doch das, um was es bei euch gerade nicht geht, richtig? Es geht um Zusammenhalt und nicht um eine Spaltung. Und die gibt es nicht nur in den USA, sondern auch in ganz Europa. Als ihr das Album geschrieben habt, gab es Covid-19 noch nicht. Wie beurteilst du den Titel des Albums, das Titelstück selbst und das ganze Werk jetzt, nachdem sich die Dinge so entwickelt haben?

Richtig, die Musik wurde zuvor geschrieben, teilweise auch eingespielt. Ich bezog mich schon auf die Menschheit, darum dass wir uns gegenseitig unterstützen sollten und uns nicht hassen sollen. Aber eigentlich geht es noch weiter. Die Verbindung mit dem Ökosystem, mit der Natur die wir zerstören. Die Verbindung mit den Tieren, der Flora und Fauna dieser Welt. Wir sind hier alle gemeinsam.

Ihr habt Teile des Album während der ersten großen Welle der Pandemie aufgenommen. Hätte das Album anders geklungen, wäre es einfach nur ein weiteres Jahr in der Geschichte gewesen?

Das ist möglich, weil all das unser Timing in Bezug auf die Aufnahmen sehr geändert hat. Wir haben das Grundgerüst von „Xuntas“ als Livequartett eingespielt, bevor wir auf Tour aufgebrochen sind. Damals dachten wir noch, wir wären drei Wochen lang unterwegs und würden im Anschluss den Rest des Albums aufnehmen. Aber wir mussten die Tour nach vier Tagen abbrechen. Wegen den ganzen Beschränkungen konnten wir den Gesang und die fehlenden Instrumente dann erst im Mai aufnehmen. Die Basics hätten wohl gleich geklungen.

Aber das Feeling wäre anders gewesen?

Ja, das könnte sein. Ein Lied klingt in jeder Gemütsverfassung etwas anders. Die Essenz der Musik war aber schon aufgenommen.

Wie lief das eigentlich mit eurer Harfenspielerin Asia Kindred Moore ab? Sie lebt in den USA, hatte sie Probleme in dieser Zeit?

Nein, zum Glück nicht. Sie spielte mit uns die Stücke live im Quartett ein, bevor wir auf Tour gingen. Asia wollte danach von Leipzig aus zurück fliegen, nahm aber gleich ab Barcelona ein Flugzeug. Das war in der Woche, als zum ersten Mal die Panik so richtig zuschlug, so um den 12. oder 13. März herum.

Ich war in dieser Woche in Quarantäne zu Hause und konnte verfolgen, wie eine Tour nach der anderen abgesagt wurde. Da habe ich viel mit euch und allen betroffenen Musikern mitgelitten.

Ja, fuck. Das war war echt furchtbar. Und wir waren mittendrin. Fast ohne Pause fuhren wir von Barcelona bis Tübingen. Wir wollten einfach die französische Grenze hinter uns lassen, damit wir dort keine Probleme bekommen würden. Es deutete alles darauf hin, dass die Grenzen zugemacht werden würden.

Von Tübingen ging es nach diesem Höllenritt dann zurück nach Leipzig. Das ist ja nun seit einigen Jahren deine Heimat, richtig?

Ja, ich lebe seit achteinhalb, fast neun Jahren hier. Ich spreche sogar ein bisschen deutsch. Aber nicht gut genug, um ein Interview zu führen. (lacht)

Foto (c) Sangre de Muerdago

“Alle Menschen haben Gefühle, und es ist ungesund für Herz und Seele, wenn wir diese einfach wegsperren.” SANGRE DE MUERDAGO dienen Pablo C. Ursusson dazu, seinen Gefühlen Raum zu geben.

Kein Problem, ich auch nicht, ich komme aus Bayern. Leipzig ist eine Stadt mit schönen Ecken, ich kann mir gut vorstellen, dass man dort irgendwie hängen bleibt.

Es war wirklich eher ein Zufall, dass ich nach Leipzig kam. Und die Zeit verflog, ich wurde Teil der Musikszene, oder generell von Szenen und schon sind fast neun Jahre rum. Ich hätte nie gedacht, dass es so lange werden würde, und ich werde wohl noch ein Weilchen bleiben. Gerade musikalisch und persönlich hat sich alles hier in eine wirklich schöne Richtung entwickelt. Ich bin zwar nicht glücklich darüber, dass ich wieder in einer Stadt lebe, ich dachte, das gehörte der Vergangenheit an. Vor allem, nachdem ich schon viele Jahre auf dem Land gelebt habe. Ich würde schon gerne wieder aufs Land ziehen. Dieser Gedanke lässt mich auch nicht so recht los. Aber Leipzig ist wirklich eine gute Stadt, es gibt viele Wälder und Seen drumherum und auch das kulturelle Leben ist wirklich gut.

Dein Herz verweilt aber noch immer in Galizien.

Ja, sehr. Ich vermisse vor allem den Atlantik, die Berge und die Wälder. Generell fehlt mir die Atmosphäre und die wunderschöne Natur.

Oh, da werfe ich kurz eine Bonusfrage ein: Was würdest du jemandem empfehlen, der diese Region entdecken möchte, so zum Einstieg. Denk dran, für mich muss es familientauglich sein!

Fragas do Eume ist ein toller Nationalpark mit einem Regenwald. Davon abgesehen gibt es dort so viel zu entdecken, da müsste ich dir eine Liste machen. Es gibt Berge, tiefe Wälder und Fjorde, die sich ins Land ziehen und zu Flüssen werden.

Danke, das klingt doch schön! Apropos, „Xuntas“ habe ich ja auch zum ersten Mal an einem Abend im Wald gehört. An diesem Tag fühlte ich mich zunächst erschöpft und ängstlich, aber das hat sich durch die Musik und den Waldspaziergang gedreht, ich fühlte mich danach sehr erleichtert.

Das ist schön zu hören. Es stand ja auch so in deinem Review.

Richtig. Und trotzdem ist das Album durchzogen von Trauer. Das liegt sicherlich daran, dass deine Pippilotta kurz vor den Aufnahmen verstorben ist. Ihr Geist durchweht das ganze Album. Die intensive Verbindung zwischen euch ist deutlich wahrzunehmen.

Das klingt sehr schön, danke.

Überhaupt musste ich über die Verbindung zwischen Mensch und Tier nachdenken, und die furchtbare Wertung, dass das Leben eines Tieres weniger zählt als das eines Menschen. Es gibt Leute, die sagen: Das war doch nur ein Hund.

Ich stimme dir da zu. Dieser Gedanke tut mir sehr weh. Ja, die Verbindung zwischen Tier und Mensch kann viel stärker sein, als von Menschen untereinander. Menschen haben das Töten von Tieren kultiviert. Daraus entstand die Fleischindustrie, und das ist eines der größten Verbrechen, wenn nicht sogar das Größte, das auf diesem Planeten jemals verübt wurde. Und es ist zur Normalität geworden! Wenn man darüber nachdenkt, ist es so überwältigend und furchtbar, das verstört einen bis an das Lebensende. Wir können so tief in Verbindung mit anderen Wesen gehen, da muss es möglich sein, dass wir wirklich Teil des Ökosystems werden können. Mit Ökosystem meine ich sowohl die Tiere als auch die Pflanzen.

Das bringt mich zum ersten Stück des Albums. Es beginnt sehr ruhig und intim. Du hast in den Liner Notes geschrieben, dass „Cadeliña“ ein Liebeslied für Pippilotta ist. Damit erschafft ihr die richtige Stimmung für alles, was danach kommt. Ich nehme an, dass dies für Dich das wichtigste Stück von „Xuntas“ ist.

Richtig, deshalb steht es auch an erster Stelle. Ich schrieb es für Pippilotta, als wir unterwegs waren, in ihrem Beisein. Damals wusste ich schon, dass sie Krebs hat, also wollte ich nochmal mit ihr verreisen. Weil es ihr zu diesem Zeitpunkt auch noch gut ging, war das eine wirklich gute Idee. Für mich ist das Lied unglaublich wichtig, es hat mich viele Male zum Weinen gebracht. Wir wussten, als ich das Lied geschrieben habe, was kommen würde.

Was da in den Liner Notes steht, lässt das Album in einem ganz neuen, tieferen Licht erstrahlen. Das gilt übrigens für alle Stücke. Es ist ehrlich und offen, was du da schreibst. Du schreibst da viel über deine Trauer, deine Tränen und deinen Schmerz. Wir leben noch immer im Patriarchat, da ist es fast schon geächtet, sich als Mann so verletzlich zu zeigen. War es schwer, dich so zu öffnen?

Ich wurde in Galizien nur drei Jahre nach dem Ende der letzten europäischen Diktatur, dem Franco-Regime, geboren. Das war damals eine völlig andere Realität. Zum Glück hat sich seitdem einiges verändert. Ich wurde erzogen, wie Jungen in einer Diktatur eben erzogen werden. Man hat mir gesagt, ich solle nicht weinen, sondern ein echter Junge sein, und so weiter. Das war damals in der Gesellschaft so, und einige von diesen Glaubenssätzen bestehen noch immer. Ich konnte auch viele Jahre nicht weinen, ich war wie kastriert. Es dauerte sehr lange, ich weiß nicht wie lange, bis sich das geändert hat, und ich weiß auch nicht wie und ob dieser Prozess jemals enden wird.

Irgendwann konnte ich damit beginnen, all das rauszulassen, was sich so lange in mir angestaut hatte. Ich habe mich nie so maskulin und stark gefühlt, ich bin eben ein sensibler Mensch und muss das akzeptieren. Über Jahre hinweg habe ich mich umerzogen, das zu wertschätzen, denn das hat sich alles sehr eingebrannt und einen Einfluss auf die Art, wie wir denken, hinterlassen. Ich verfolge keinen Zweck damit, mich als feinfühlig darzustellen, ich möchte einfach aufrichtig sein. Stark sein, wenn man stark sein muss, und feinfühlig sein, wenn Feingefühl gefordert ist, das ist wichtig. Es gibt eine Zeit für beides. Alle Menschen haben Gefühle, und es ist ungesund für Herz und Seele, wenn wir diese einfach wegsperren. Das ist ein wichtiger Grund, warum ich SANGRE DE MUERDAGO mache. Die Musik erlaubt es mir, Türen zu öffnen und vieles loszulassen.

Ich finde das sehr interessant. Du schreibst an einer anderen Stelle in den Liner Notes, dass du selbst eine Hochsensibilität entwickelt hast. Die Psychologin Elaine Aron schreibt viel über Hochsensibität und meint, dass Menschen ihr ganzes Leben hochsensibel sind, oder eben nicht.

Ich habe von ihr noch nichts gelesen, aber was ich damit sagen wollte, ist, dass ich damals eben wie kastriert war. Auch ich glaube, dass diese Sensibilität schon immer in mir steckte, aber ich konnte es nicht zeigen. So wollte ich micht nicht mehr fühlten. Denn wenn ich weinen muss, möchte ich eben weinen. Und die Fähigkeit dazu musste ich erstmal entwickeln. Es ist eine physische Eigenschaft unseres Körpers, um etwas loszulassen und loszuwerden. Ich bin wirklich sehr glücklich, dass ich seit einigen Jahren diese Fähigkeit habe.

Auch Musik hilft mir oft dabei, etwas zu lösen, wenn ich so einen Stau in mir spüre. Das Genre ist dabei oft egal, das kann Folk sein, Doom, Black Metal, was auch immer.

Ja, das Genre ist egal.

Foto (c) Sangre de Muerdago

Das Cover zu “Xuntas”: Das Ergebnis einer Freundschaft, die seit fast 20 Jahren währt.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass ihr häufig mit Bands aus der Metalszene auftretet. Du hast auch einen Background in dieser Szene. Und du hast zum Beispiel vor einigen Jahren bei ANTLERS gespielt. Hast du da noch andere Projekte?

Nein, momentan gibt es nur SANGRE DE MUERDAGO. Ich schreibe noch andere Musik, aber da ist noch nichts spruchreif. Zur Metalszene fühle ich mich dennoch nicht zugehörig.

Immerhin habt ihr eine enge Verbindung mit MONARCH. Ihr habt im Frühjahr eine Split rausgebracht.

Ja, wir mögen MONARCH sehr gerne und kennen sie schon lange. Auch wenn sie Doom spielen, sind sie genauso wenig richtige Metalheads wie wir. Wir stammen aus der DIY-Punk-Szene und ähnlichen Communitys. Wir liefen uns ständig über den Weg, auf Konzerten und Festivals und entwickelten eine tiefe Freundschaft.

Weil du von der Punk-Szene sprichst: Aus euch spricht schon eine gewisse anarchistische Wildheit. Folk und Punk passt gut zusammen, ihr denkt außerhalb von starren Strukturen. Ich konnte nie verstehen, warum es einige Neofolkbands gibt, die sich eher dem rechten Spektrum anbiedern.

Ich habe auch keine Ahnung, was da abgeht, aber ich kenne diese Szene auch nicht wirklich. Wir haben zwar mit einigen Bands aus der Neofolkszene gespielt, aber die, die wir kennen, sind großartige Menschen und haben garantiert keine dubiosen politischen Ansichten. Ich kann auch nicht so recht sagen, welche Bands als Neofolk gelten, und welche nicht. Keine Ahnung, ob wir eine Neofolkband sind, oder was das eigentlich sein soll. Das heißt ja auch für jeden etwas anderes. Ich sehe mit manchen Gruppen, die auch als Neofolk bezeichnet werden, keine musikalischen Gemeinsamkeiten. Wir leben einfach in einer anderen musikalischen Welt.

Zurück zu „Xuntas“. Es gibt einen Musiker, den wir beide sehr gerne mögen, und der auf eurem Album zu hören ist. STEVE VON TILL singt beim Titelstück mit, aber ich musste ganz genau hinhören, um seine Stimme im Chor zu finden. Ich dachte fast, dass das ein PR-Gag ist.

Er ist definitiv drauf. (lacht)

Dass er auf eurem Album als Gast beteiligt ist, muss etwas ganz Besonderes für euch sein. Was ist die Geschichte dahinter?

Ich bin großer NEUROSIS-Fan. Die erste Vinylplatte, die ich je gekauft habe, war von NEUROSIS, ich verehre sie seit den Neunzigern. Ich traf Steve vor ein paar Jahren persönlich auf einem Konzert in Leipzig, als er „A Life Unto Itself“ präsentierte. Ein guter Freund von mir war mal Roadie für NEUROSIS und wir waren gemeinsam bei dem Konzert, so dass ich mit Steve sprechen konnte. Ich brachte eine Promo-CD von „O Camiño das Mans Valeiras“ mit – das Album war damals noch nicht veröffentlicht – und gab sie ihm. Steve sagte: „Hey, ich kenne deine Band. Ich mag euch!“ Ich war sehr nervös an diesem Abend. (lacht)

Wir blieben lose in Kontakt, schrieben immer wieder mal eine Nachricht an den anderen, aber vor einigen Monaten lebte der Kontakt wieder auf, da hatte er gerade unsere Musik gehört. Er sagte, dass er gerne live mit uns spielen würde, eine Kollaboration machen würde, oder Ähnliches. So kam ich auf die Idee, dass er auf dem Album singen könnte. Als ich seine Gesangsspuren hier in meinem kleinen Heimstudio zum ersten Mal gehört habe, seine Stimme acapella auf galizisch, bekam ich wirklich Gänsehaut.

Es passt ja auch, dass er beim Titelsong singt, wo es doch um Gemeinschaft geht.

Ja, das war die Idee dahinter, als ich diesen Song ausgesucht habe. Natürlich hätte er auch einen größeren Platz mit Solostimme haben können, aber für mich war von vornherein klar, dass seine Stimme im Chor seinen Platz finden muss.

Überhaupt muss man bei „Xuntas“ gut zuhören. Bei jedem Hören finde ich neue Details, die Instrumentierung ist ja auch sehr reichhaltig. Wie läuft das bei euch generell ab? Schreibst du die Basics der Musik, und bei den Proben kommen die weiteren Instrumente dazu, so dass sich die Musik immer stärker ausdehnt?

Ja, so in etwa läuft das ab. Ich habe wirklich gute Musiker um mich herum, und sie helfen mir sehr mit den Arrangements durch ihre eigenen Ressourcen. Ich schreibe die Songs, die Melodien und Harmonien, aber wenn ich es den anderen präsentiere, gebe ich ihnen die Freiheit, die sie sich auch nehmen, weiter zu gehen. Wir versuchen gerne neue Dinge. Mal schlage ich Erik oder Georg etwas vor und, dann verändert sich doch alles und entwickelt sich in eine neue Richtung.

Was mich zum Beispiel begeisterte, war die Bassklarinette in „Unha das peores cousas que escoitéi No 2019 foi ‚Pedir perdón é un acto de debilidade’“. Generell, wie sich das Stück aufbaut, wie es um das Thema kreist und immer größer wird, das ist geradezu orchestral.

Wir dachten dabei an einen Filmsoundtrack, wo die Spannung aufgebaut wird.

Ihr hattet bei diesem Stück auch einen Gastmusiker an Bord, Germán Diaz spielt auf der Drehleier.

Ja, er ist ein verdammtes Genie. Wer ihm zusieht und zuhört, begreift das in Sekunden. Er ist echt überwältigend. Weil auch gute Dinge im Leben passieren, wurden wir vor einiger Zeit zu Freunden. Ich schaue zu ihm als Künstler auf, aber auch als Mensch ist er wundervoll und demütig. Wer ihn hört, verfällt ihm sofort. Er ist wirklich brillant.

Foto (c) Sangre de Muerdago

“Ich vermisse vor allem den Atlantik, die Berge und die Wälder.” – Würde lieber wieder abseits der Stadt leben: Pablo C. Ursusson (hinten links)

Es gibt viele Stücke auf „Xuntas“, die erst wachsen müssen. Wie zum Beispiel „Canción de Berce“, das ich sehr subtil finde. Hier war es auch erst so, dass das Lied über die Liner Notes erst so richtig entdeckt habe. Es ist ein Wiegenlied, und ich liebe es zum Beispiel auch, meiner Tochter vorzusingen, wenn ich sie ins Bett bringe, das beruhigt uns beide. Ein Wiegenlied für Erwachsene ist eine schöne Idee.

Ja, das ist eine wirklich essentielle Form der Musik.

Ich würde „Canción de Berce“ meiner Tochter ja gerne vorsingen, aber ich glaube, davon wacht sie eher auf und weint.

(lacht) Da musst du nur üben.

Ich versuche es. Ein weiterer toller Song ist „Lonxania“, in dem es um die Vertriebenen, Heimatlosen geht. Ich habe viel darüber nachgedacht. Ich lebe jetzt an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin und bin hier sehr verwurzelt, ob ich will oder nicht. Er schmerzt mich, mir vorstellen zu müssen, was Menschen durchmachen müssen, die ihre Heimat im Krieg verlassen müssen. „Loxania“ beginnt entsprechend langsam und traurig und entwickelt sich zu einem Lied, dass das Leben feiert.

„Lonxania“ habe ich eigentlich für mich geschrieben, weil ich selbst so weit von zu Hause weg lebe. Aber wie du sagt, es ist furchtbar, wenn Menschen ihre Heimat verlieren. Ich glaube, dass wir hier im Westen unglaublich privilegiert sind. Wenn man die Unterdrückten und Geflüchteten trifft, fühlt man sich sofort in sie hinein. Obwohl die Medien darüber so viel berichten, vergessen wir diese Tragödien, die auf der Welt passieren, zu leicht.

Wir sind so gefangen in unseren alltäglichen Leben, dabei gibt es Millionen von Flüchtlingen auf der Welt und Menschen, die in unwürdigen Zuständen leben. Wenn ich daran denke, dann bin ich zwar traurig, dass ich so weit von zu Hause weg wohne, aber ich habe ein Dach über dem Kopf, meine Instrumente und ein gemütliches Bett. Ich lebe ein privilegiertes Leben, was kann ich mehr wollen? Es ist so unglaublich, was quasi um die Ecke passiert, das wühlt mich sehr auf.

Ich würde gerne noch über das Artwork sprechen. Gestaltet hat es Kaska Niemiro.

Sie stammt aus Polen, lebt aber seit vielen Jahren in Berlin. Ich kenne sie seit fast 20 Jahren.

Seltsam, dass ihr erst jetzt zusammen arbeitet, wenn ihr schon so lange befreundet seid.

Ja, sie hat auch viel zu tun, aber seit langer, langer Zeit, wollte ich, dass sie für uns arbeitet. Irgendwie kam das nie zustande, wir haben immer nur gesagt, eines Tages ziehen wir das gemeinsam durch. Ich liebe ihre Arbeiten. Sie hat viel für alle möglichen Punkbands gemacht, auch für NEUROSIS. Naja, sie war eben immer sehr beschäftigt. Aber als wir die Arbeit an diesem Album aufnahmen, rief ich sie nochmal an, und sie sagte: „Yes, let’s do it now!“ Auch dieses Design finde ich wunderschön, der ganze Arbeitsprozess war wirklich gut.

Am Anfang fand ich es etwas unspektakulär, aber mit der Zeit fand ich da viele Wege, es zu betrachten. Ich sehe das unaufhaltsame Wachstum allen Lebens darin, selbst nach dem Tod. Das gefällt mir sehr. Die Artworks eurer vorherigen Alben von Marina Girardi mochte ich allerdings lieber.

(lacht) Ja, ich finde Marinas Arbeiten auch toll. Am liebsten hätte ich auf jeder Platte die Cover von allen Künstlern, die ich mag, aber das geht nun mal nicht. Für die letzten vier Alben haben wir Marina gebucht. Und „Xuntas“ war nun mal die perfekte Gelegeneheit mit Kaska zu arbeiten, allein schon wegen der Veränderung für mich privat. Als Pippilotta im Winter starb, war es für mich die größte Veränderung seit Jahren. Mein Leben drehte sich völlig um sie, wir waren ständig zusammen. Es war das abrupte Ende eines Kapitels und Beginn eines neuen, in einer ganz klaren Art und Weise.

Hattest du überhaupt die Möglichkeit, dich auf Pippilottas Tod vorzubereiten? Sie starb an Krebs, es kam nicht aus heiterem Himmel.

Nein, daran habe ich da gar nicht gedacht. Viel mehr habe ich die Zeit mit ihr so gut es ging genutzt. Ich weinte sehr bei unserem Abschied, aber ich war auch froh, dass sie vom Krebs schlussendlich befreit war. Das war ein Loslassen, das mein Leben sehr verändert hat, weil etwas völlig Neues begann.

Sie hatte sicherlich einen Menschen, der alles für sie gegeben hat, bis zum Ende.

Ich habe es zumindest versucht.

Du hast mit MÚSICA MÁXICA nun auch dein eigenes Label gegründet.

Es ist so etwas in der Art.

Aber du hast auf dem Label auch eine Band, MAUD THE MOTH.

Naja, eigentlich haben wir niemanden irgendwo. Das bin eigentlich nur ich, und manchmal braucht ein Freund oder eine Freundin, von denen ich die Musik sehr mag, Hilfe. Wenn wir etwas zusammen machen können, dann freue ich mich darauf. Ich sollte das vielleicht etwas mehr klarstellen. Ich habe mein Leben lang viel selbst veröffentlicht, das gilt auch für SANGRE DE MUERDAGO. Irgendwann wollte ich dem ganzen einen Namen geben. Wir haben auch zwei weitere Referenzen, aber das sind alles Co-Releases mit kleinen Auflagen gewesen. Es gibt keinen großen Vertrieb.

Heute morgen habe ich mir übrigens erst MAUD THE MOTH angehört. Das war klasse, erinnerte mich an THE KILIMANJARO DARKJAZZ ENSEMBLE.

MAUD THE MOTH das ist das Soloprojekt einer Freundin von mir. Sie ist eine unglaubliche Musikerin und ich bin froh, dass ich ihr ein wenig helfen kann.

Zuletzt muss ich noch auf eurem Debütalbum rumreiten. Wolltet ihr es nicht schon seit einiger Zeit auf Vinyl wiederveröffentlichen?

Ja, das wollen wir nach wie vor. Ich will auch, dass Marina wieder das Cover übernimmt. Es wird kommen, aber es gab zuletzt so viel zu tun. Und um ehrlich zu sein, SANGRE DE MUERDAGO ist in vielerlei Hinsicht ein Ein-Mann-Betrieb. Ich sage mir da manchmal, dass alles seine Zeit hat. Wir haben unsere eigene Geschwindigkeit, und wollen einfach den Weg, auf dem wir sind, genießen.

Mit „Vellos cami~nos de vellas àrbores“ und „Onde as almas van a morrer“ sind zwei meine Lieblingsstücke von euch auf diesem Album. Das sind so wundervolle Walzer. Sie sind einfacher als die Lieder auf „Xuntas“, aber die Essenz von SANGRE DE MUERDAGO ist da.

Oh, vielen Dank. Ehrlich gesagt kann ich mir alles, was vor „O Camiño das Mans Valeiras“ kam. nicht mehr anhören. Wenn ich diese Lieder per Zufall wie in einem Kollateralschaden dann doch mal wieder höre, denke ich mir immer: „Was zum Teufel? Ich muss das aus dem Internet löschen!“ (lacht)

Pablo, ich habe dich lange genug belagert, vielen Dank für das offene Gespräch.

Vielen Dank auch an dich. Es war mir eine Freude.