HEXVESSEL: All Tree

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Eines der vielen Probleme, die das harte Leben als Musikrezensent so mit sich bringen, ist die kurze Zeit, die er für einzelne Platten aufbringen kann. Oft gelangen Promos erst kurz vor Veröffentlichung an den Mann oder die Frau, und dann wollen ja auch noch andere Platten gehört, Musik gemacht, Filme geguckt, Spiele gespielt und nebenbei noch Geld verdient werden. Manche haben sogar so etwas Verrücktes wie ein soziales Leben! Da ist es doch schön, dass mir „All Tree“, das so wunderbar passend nun im Frühjahr veröffentlicht wird, bereits im dunklen Dezember zur Rezension vorlag. Allein, damals hat es alles andere als zur Jahreszeit gepasst, und so lag es dann ein Weile rum, denn wenn man eins braucht für das neue Album von HEXVESSEL, dann ist es Sonne.

Eröffnet wird dieses wundervolle Folk-Rock-Album mit einem A-Capella-Chorgesang, der direkt aus „The Wicker Man“ stammen könnte, leider viel zu schnell vorbei ist (von diesem Kaliber hätte ich gerne noch mehr auf dem Album gehabt!) und in den ersten richtigen Song, „Son Of The Sky“, überleitet. Und der bereitet mit seinem schwelgerischen Rhythmus und der lieblichen Melodie schon so viel Freude, dass es ein Leichtes sein wird, auch dem Rest des Albums wohlgesonnen gegenüber zu treten. Ja, Freundinnen und Freunde psychedelisch angehauchten englischen Folks kommen an „All Tree“ nicht vorbei. Früher war das anders, HEXVESSEL konnten mich mangels wirklich durchgehend packender Songs und der Hinwendung zum 70er-Rock lange nicht überzeugen, und so hatte ich ein ähnliches Problem wie mit GRAVE PLEASURES, dem „Death Rock“-Projekt von Sänger Mat McNerney: Irgendwie gefiel es mir, aber häufig hören wollte ich’s nicht.

„All Tree“ lässt Rauchschwaden-Folkies begeistert in die Sonne tanzen

Nun scheint das Problem behoben: „All Tree“ bietet beinahe alles, was wir Folkies für einen gemütlichen Waldspaziergang bei blauem Himmel benötigen: mal entspannt rockend, mal verzückt träumend („A Sylvian Sign“ darf ohne Frage als Höhepunkt eines an großen Momenten nicht unbedingt armen Albums gelten), mal in Rauchschwaden entrückt wabernd („Otherworld Envoy“ entführt in die 70er, wo „Birthmark“ in seiner ganzen Pracht erstrahlt), aber immer großartig komponiert und perfekt produziert. Insbesondere Gesang und Schlagzeug könnten nicht schöner dargestellt sein, aber auch der E-Gitarren-Klang lässt alle Freundinnen und Freunde 40 Jahre alter Blumenwiesen sicherlich begeistert Rauchkringel formen. Und hatten einige Kollegen bei „When We Are Death“ noch die Befürchtung, dass sich HEXVESSEL nun ganz vom Folk verabschieden, beruhigt „All Tree“ sie wieder: E-Gitarren sind da, der Psychedelic Rock der 70er ebenfalls, aber insgesamt wird das mit dem Intro gegebene Versprechen gehalten: Der Folk steht im Vordergrund.

Allein, der „Psychedelic“-Anteil ist schon recht hoch bei HEXVESSEL, und das ist dann auch das einzige, was für meinen Geschmack durchaus weniger hätte sein können, bin ich doch selbst eigentlich gar kein Freund dieses Sub-Genres. Dass mir „All Tree“ dennoch so gut gefällt, spricht für sich und dafür, dass hier Song vor Atmosphäre geht und diese alles in allem dann doch eher die einer echten Blumenwiese bei klarer Luft abbildet. Der Frühling kann kommen!

Veröffentlicht am 15.2.2019 auf Prophecy Productions & Century Media

Hexvessel – „All Tree“ – Tracklist

Blessing
Son of the Sky (Video bei YouTube)
Old Tree (Video bei YouTube)
Changeling
Ancient Astronaut
Visions of A.O.S.
A Sylvan Sign
Wilderness Spirit
Otherworld Envoy
Birthmark
Journey to Carnac
Liminal Night
Closing Circles (Video bei YouTube)

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.