Jahresrückblick 2021 von Andreas Holz

1989, Verzeihung, 2021 durch Andreas’ Brille; mit dem aus seiner Sicht Besten aus Doom & Black Metal, gewürzt mit etwas Punk und Folk.

 

Meine Fresse, ist das gut. Okay. Herzlich willkommen zu meinem musikalischen Jahresrückblick! Ich bin zwar nur ein völlig unbedeutender kleiner Webzine-Autor mit viel zu wenig Output, aber irgendwie muss man ja den Überblick behalten, und ich freue mich jedes Jahr aufs Neue darüber, wenn dieser Artikel fertig ist und mein Jahr im Nachhinein strukturiert und rekapituliert. Wie schön auch, dass vampster immer lebendiger und besser wird. Deshalb an dieser Stelle ein großes Dankeschön an Andrea und Markus für ihre Geduld, ihre Offenheit und die logistischen Grundlagen dafür, dass wir hier unsere zweifelsohne extrem wichtigen Meinungen zu Musik breittreten dürfen!

Also: Diesmal gibt es zwanzig Alben, die mir viel bedeuten und mein Jahr geprägt haben – ein Jahr, das von zwei massiven Umbrüchen in meinem Leben bestimmt war und somit erst recht viel guter Musik bedurfte. Zum Glück waren es überwiegend positive Veränderungen, aber auch die sind ja immer mit Stress verbunden, also war das gar nicht so leicht mit der Musik, zumal sie gefühlt immer mehr wird und das Selektieren immer schwerer.

Bei mir passiert das ja, indem ich meine Lieblingsbands und die Releases von drei-vier Lieblingslabels im Blick habe und ansonsten halt irgendwie aufs Schicksal vertraue – darauf, dass ich irgendwo im Netz schon auf die richtige Musik für mich stoße. Es klappt auch rätselhafterweise immer wieder, dass ich die Erfahrung, von Musik wirklich tief ergriffen zu werden, jedes Jahr aufs Neue mache (ohne genau zu wissen, warum es bei dem einen Album klappt und bei dem anderen wiederum nicht), aber dadurch, dass so viel veröffentlicht wird und beinahe jede Liste zehn bis fünfzig andere Alben beinhaltet, wird das Gefühl, was zu verpassen, immer größer. Und es wollen ja auch Klassiker gehört werden! 2021 war immerhin das Jahr von “25 Jahre 1996”, dem Jahr, in dem ich Metal entdeckte und massenhaft genialer Stoff erschien (z.B. die erste BORKNAGAR, die zu diesem Anlass dann auch direkt mal großartig wiederveröffentlicht worden ist), von 1997 ganz zu schweigen, das wird noch viel schlimmer!

Na, man muss sich wohl damit arrangieren.

Meine erste bleibende musikalische Erinnerung 2021 ist wohl das von mir 2020 noch übersehene „Danse de Noir“-Album von LORD VIGO, ein Album, das für mich die perfekte Balance zwischen Leidenschaft, Spaß und tiefem Gefühl darstellt. Daher wundert es mich nicht, dass auch mein Album des Jahres 2021 aus dem Doom-Genre kommt, wenngleich deutlich weniger humorvoll, aber nicht weniger episch und vor allem ohrwurmlastig:

KHEMMIS: Deceiver

khemmis-deceiver-album-cover

Hätte ich bei den ersten drei Durchläufen noch nicht gedacht, aber letztlich muss ich mir eingestehen, dass ich von diesem Meisterwerk nicht mehr loskomme. Vor allem “Shroud Of Lethe” und “Obsidian Crown”, das Herz des Albums, sind einfach das Ergreifendste, was ich 2021 hören durfte. Alles Weitere erfahrt ihr in Mirkos hervorragendem Review, das überhaupt erst der Grund war, mir “Deceiver” anzuhören.

Nur knapp dahinter kommt ein Album ins Ziel, das den perfekten Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und Scheiß-der-Hund-drauf-jetzt-wird-gesoffen-Metal schafft:

DOLD VORDE ENS NAVN: Mørkere

Auf Platz drei schon wieder Doom? Es wird das Alter sein. Darauf bin ich über den Kollegen Frank aufmerksam geworden, danke dafür. So episch und majestätisch wie in dem Übersong “The Unknown Rewinds” wurde es bei mir dieses Jahr sonst kaum:

CROSS VAULT: As Strangers We Depart

Auf Platz vier kommt ein Werk ins Ziel, das ich dank einem umtriebigen Troll aus dem Sauerland schon ein Jahr vor Veröffentlichung hören durfte und mich somit übers ganze Jahr begleitet hat, ein fast perfektes Black-Metal-Album aus dem Wald:

FORNHEM: Stämman fran Berget

Und die Top 5 müssen beendet werden von einem fantastischen holländischen Duo, von dem wir sicherlich noch viel mehr Großes hören werden:

FLUISTERAARS: Gegrepen Door de Geest der Zielsontluiking

Knapp an den ersten fünf Plätzen vorbei ist diesmal eine Band aus der Schweiz, die mir vor allem mit ihrem unfassbar geilen Schlagzeug und den knackigen Arrangements imponieren – und auf deren neuem Album sich die Hits zwar etwas versteckt haben, aber auf Dauer doch durchscheinen. Und dann dieses hymnische Wahnsinns-Break in “Das Wunder”, das noch beim dreißigsten Durchlauf Gänsehaut und Tränen erzeugt…

AARA: Triade I: Eos

Dann endlich mal wieder Punk. Ihr „Karstadtdetektiv“ war schon 2020 ein Riesenhit, nun gibt es eine (etwas schlechtere) Neuaufnahme auf dem Debüt-Album, das ansonsten aber auch einfach nur genial ist. Dieser nonchalante Humor, diese frotzelige Überheblichkeit bei gleichzeitig totaler Primitivität, Scheiße, macht das Bock (auf Dosenbier):

TEAM SCHEISSE: Ich hab dir Blumen von der Tanke mitgebracht (jetzt wird geküsst)

Kim Larsens Musik ist seit über zwanzig Jahren mein Wegbegleiter, ein treuer wärmender Freund in einsamen Zeiten. Es hat sie immer gegeben, und es wird sie immer geben. Und das ist gut so, denn sie ist wieder wunderschön, trotz oder gerade wegen dieser schwarz-schillernden neuen Pop-Elemente:

OF THE WAND AND THE MOON: Your Love Can‘t Hold This Wreath Of Sorrow

Manchmal aber schillert gar nichts. Manchmal wird geholzt:

VALDAUDR: Drapsdalen

Keine Jahresbestenliste ohne Jerome Reuter! Sein selbst für seine Verhältnisse überraschend schnell nach dem letzten Album rausgehauenes neues Werk ist schon wieder voller Hits (wie macht der das nur?) und will wohl ein bisschen lustig sein; es gelingt ihm sogar (“Born In The E.U.”, lol)!

ROME: Parlez-Vous Hate?

Kurz vor knapp und dann ganz tief erreicht hat mich ein unscheinbares Album, das eine Melancholie atmet, wie ich sie lange nicht mehr gespürt habe. Man möchte weinen, wenn man es denn kann:

FIELDS OF MILDEW: The Complete Woes

Vielleicht hilft dann etwas Vodka? Und ein Album, irgendwo zwischen Post-Punk, Liedermacher- und Neofolk-Parodie, ganz und gar nicht russisch, aber doch irgendwie sehr? Es ist jedenfalls voller skurriler kleiner Geschichten und süßer Lieder, viel besser als gedacht, eine große Freude:

THE RUSSIAN DOCTORS: Die Schönen und die Bösen

Das Geschichtenerzählen können andere aber besser. Erstaunlicherweise ohne die Unterstützung eines Labels veröffentlicht, ist das nächste Werk eine zärtliche, im ersten Moment unscheinbare, aber auf Dauer umso kraftvollere Geister-Ode geworden, die zu den schönsten Tonträgern des Jahres gezählt werden muss:

NOEKK: The White Lady

Die beiden Musiker kennen wir ja von mindestens einer anderen Band. Diese hat Anfang des Jahres ein beeindruckendes Comeback hingelegt, das mir übers Jahr immer wieder Freude bereitet hat, nicht zuletzt unter dem Eindruck des fantastischen Auftritts auf dem Prophecy-Fest:

EMPYRIUM: Über den Sternen

Manchmal findet man ja ganz besondere Kleinode auf Bandcamp: Funeral Doom mit Kammermusik-Instrumentierung und einem wunderschönen Artwork? Sehnsuchtsvolle Innerlichkeit, Reflektionen übers Leben und Sterben? Verdammte Scheiße, HER DAMIT:

INTAGLIO: II

Deutlich simpler gestrickt und mit entschieden mehr Lebensfreude gesegnet kommt der nächste Höhepunkt daher, allerdings aus tiefster Tiefe (meine Güte…):

DAUÞUZVom schwarzen Schmied

Im Sommer ging’s ja plötzlich wieder, richtige Konzerte (fast) ohne Regeln, und da hab ich eine Band gesehen, die ich gar nicht auf dem Radar hatte und die hier überhaupt nicht rein passt, die mir aber mit ihren melancholischen und trotzdem immer lebensfrohen Noten nicht nur live große Freude bereitet hat. Schöne Texte gibt’s noch dazu – und musikalisch irgendwas zwischen Pop, Punk und, hm, Swing…?

MOPED ASCONA: Kismet Habibi

Machen wir direkt weiter mit dem Tellerrand. SCHNELLER AUTOS ORGANISATION war eine Band, die mir vor zwanzig Jahren mal sehr viel bedeutet hat (und es immer noch tut). 2021 kamen GRÜNER STAR (u.a. mit dem gleichen Sänger, oder ist es sogar die ganze Band?) daher und veröffentlichten ein von Nostalgie triefendes Video zu einem wunderschönen Indie-Pop-Song mit Punk-Kante. Ach, wie ich die kleinen Konzertläden und die Konzerte und Auftritte in ihnen vermisse! Ich musste mir also das Album kaufen und habe es nicht bereut.

GRÜNER STAR: Hauptsache, es bleibt friedlich

Ein Konzeptalbum über die Liebe zu machen, nun, sonderlich originell ist das nicht. Aber es ist wie mit dem Gefühl selbst: immer wieder neu und alt gleichermaßen – womit auch einiges über die Künstler selbst gesagt wäre:

DORNENREICH: Du wilde Liebe sei

Aus der alternativen Trad-Folk-Szene Dublins nach und nach in mein Herz hat sich ein mehr nach Heavy Metal als nach Folk aussehender Mann geschlichen. Sein Album ist dann jedoch finsterster Folk Horror über Liebe und Verlust:

JOHN FRANCIS FLYNN: I Would Not Live Always

Schade, dass die wundervollen VARO es nicht geschafft haben, ihr groß angekündigtes Collaborations-Album fertigzustellen, aber so gibt es immerhin schon mal was für die Vorfreude. Einen Vorgeschmack liefert diese traumhafte Live-Aufnahme, auf der John Francis Flynn mitwirkt bei einem Song, wie er ergreifender nicht sein könnte:

WIZARDTHRONE haben mich ganz schön gelangweilt. Ansonsten erlebe ich viele Flops, wenn ich nach unbekannten, aber von irgendwelchen Fanzines oder Blogs hochgelobten Nischen-Bands suche. Wenn ich nicht wüsste, dass sich das irgendwie lohnt, würd ich’s lassen, aber es fällt so schwer, und man könnte ja was verpassen…

Irgendwie hab ich keinen Moment daran gezweifelt, dass das Prophecy-Fest 2021 würde stattfinden können. Dass es dann sogar quasi ohne Einschränkungen und mit einem großartigen Line-Up geschehen würde, hätte ich jedoch nicht gedacht. Es waren einmal mehr ganz besondere Tage im Sauerland.

Darüber hinaus habe ich einige Punk-Konzerte in Dortmund gesehen, organisiert von den dort ansässigen großartigen Konzertgruppen “Bierschinken” und “Pankdemic”. Auch das tat unglaublich gut, vor allem CHEFDENKER sind mir in guter Erinnerung geblieben – da herrschte zwar noch Maskenpflicht und Sitzplatzvergabe, aber in Verbindung mit einem unglaublich betrunkenen Claus Lüer auf der Bühne und nach so vielen Monaten Konzertpause war das irgendwie einfach stimmig.

Ganz klar der mit 79 Jahren so ungemein lebensfrohe Arthur Brown in der Balver Höhle!

 

Tja, es fällt immer schwerer nicht zu verzweifeln angesichts der weltweit beinahe alternativlosen kapitalistischen Staatsdoktrinen, die tödliche Pandemien ebenso in Kauf nehmen wie die großflächige Vernichtung der Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, und das nur, um Konzernbossen, anderen reichen Leuten und dem Staatspersonal ein prima Leben zu verschaffen, zur Not halt demnächst in von der Umwelt abgeschotteten Hochglanzbunkern hinter hochgerüsteten High-Tech-Grenzen. Auf Deutschland bezogen: Meine Güte, es hat keine zwei Monate gedauert, da bringt sich die neue grüne Außenministerin vor Kriegsgeilheit zitternd gegen Russland in Stellung, und der ebenso grüne Landwirtschaftsminister will den Armen über Preiserhöhungen das Essen wegnehmen, während die neoliberalen Brechmittel Scholz und Lindner dafür sorgen, dass die auch schön arm bleiben. Linker Widerstand dagegen? Fehlanzeige. Ich meine: Fridays For Future hat allen Ernstes Werbung für Die Grünen gemacht! Was für ein Jammer.

Außerdem ist Jack Terricloth dieses Jahr gestorben, der größte und ruchloseste Entertainer, den diese Welt je gesehen hat.

Andererseits läuft hier gerade zum ersten Mal die aktuelle RHAPSODY OF FIRE (werden die etwa wieder so geil wie 1997?), und morgen ist Silvester; ich hab’s mal wieder geschafft, ein Jahr erfolgreich hinter mich zu bringen. Auch wieder geil! Einfach geil, alles.

Und das hier gab’s, zum Glück und zur Versöhnung zwischendurch, auch noch: