Jahresrückblick 2020 von Christian Wögerbauer

Es war ein richtig gutes Jahr – dieses 2020. Aber kann man das im Endeffekt nicht von jedem Jahr mit seinen Releases behaupten? Und dennoch, so schwer wie heuer fiel es mir noch selten, die schillerndsten Perlen aus dem Veröffentlichungsjahr herauszupicken. Dabei sind es nicht einmal die schillerndsten Alben gewesen, die mich im Nachhinein und im Jetzt dazu bewogen haben, diese unsortierte Liste so zu gestalten, wie sie nun dasteht. Viel mehr kamen jetzt – elf, sechs oder vier Monate später – Aha-Erlebnisse auf, welche gewissen Alben einen noch größeren Wert beimessen. Weil sie noch immer großartig sind, weil sie noch immer ganz besondere Empfindungen beim Hören auslösen oder weil das Gesamtpaket aus Lyrics, Cover und Musik so treffend ist.

 

Eines dieser unfassbar nachhaltigen Alben ist “DoomooD” von OTTONE PESANTE. Die Blechblasmusik-Kapelle nimmt mich auch heute noch mit. Kraftvoller und tiefgehender Doom Metal mit Posaune, Trompete und Schlagzeug. Dazu eine kalte Produktion und endzeitliche Atmosphäre. Weiterhin haben die Italiener gut daran getan, ihre Kompositionen (zumindest gelegentlich) mit Vocals auszustatten. Das verleiht dem Album mehr Abwechslung, als es von Natur aus eigentlich hätte.

Ungewöhnlich und schräg ist auch “Spirituality And Distortion” von IGORRR, wobei das neue Album von Band-Mastermind Gautier Serre (ÖXXÖ XÖÖX, CORPO-MENTE) weit eingängiger und packender geworden ist, als ich vermutet hätte. Denn das französische Projekt hat es gut verstanden, immer wieder prägnante Melodien einzuflechten, so dass die Mischung aus Death-Doom, Kammermusik, Elektro, Grindcore und sonst noch funktioniert.

Aber auch gleich zu Beginn des Jahres kam ein Paukenschlag für mich: “Immortal” von LORNA SHORE. Deathcore ist nicht zwingend das Genre, auf das ich sofort und nachhaltig aufspringe, doch der Symphonic Deathcore der US-Amerikaner aus New Jersey hat mich durch seine immense Durchschlagskraft und der dichten und finsteren Atmosphäre auf Anhieb gepackt. Hinzu kommt der überaus diabolisch theatralisches Gesang von CJ McCreery, von dem sich die Band jedoch noch kurz vor dem Release trennte.

Ebenfalls schon recht früh im Jahr nahmen mich BÜTCHER mit auf ihrem cool betitelten Streitwagen “666 Goats Carry My Chariot“. So lässig der Albumtitel ist, so losgelöst ist auch die Musik auf dem Album der Belgier: authentisch wirkender 80er- und 90er-Jahre Speed Metal, der um Thrash-, Black- und NWOBHM-Elemente erweitert wurde. Ein Album zum Abgehen und Spaß haben.

Und dann gab es noch Alben, die einfach nur (gewohnt) stark waren. Hier muss zuvorderst “Stare Into Death And Be Still” von ULCERATE genannt werden. So viel Dichte, so viel Kraft und ein so geniales Drumming. Die Neuseeländer enttäuschen in keiner einzigen Millisekunde und heben den Death Metal auf ein Niveau, das es anderen Bands schwer macht, in spielerischer und kompositorischer Hinsicht mitzuhalten.

Erwartet gut waren in dieser Hinsicht aber auch “Abyss” von UNLEASH THE ARCHERS, “Utgard” von ENSLAVED und “Endarkenment” von ANAAL NATHRAKH.

Cover-Highlights und Fortsetzungen

In Sachen bestes Cover-Artwork mit dazugehörigen ganz guten Alben sollen auch noch “Under A Godless Veil” von DRACONIAN und “The Renaissance Of Hope” von DÉCEMBRE NOIR Erwähnung finden.

Ja, und beinahe hätte ich es vergessen, aber 2020 war auch das Jahr, als PYOGENESIS mit “A Silent Soul Screams Loud” ihre Steampunk-Trilogie übers 19. Jahrhundert abgeschlossen haben. Auch wenn mich das Album nicht durchgehend gepackt hat, so haben mich vor allem die Ausflüge in die (eigene) Vergangenheit, das narrative Element und das Cover-Artwork überzeugt.

À propos Fortsetzungsgeschichten: Hier sollten auch die jeweils zweiten Teile von ARSTIDIR LIFSINSSaga á tveim tungum II: Eigi fjoll né firðir” und BULL ELEPHANTCreated From Death” zumindest kurz und namentlich erwähnt werden.

Nennenswerte Newcomer

Und schließlich gab es auch ein paar Newcomer, die mir doch auch immer wieder am Herzen liegen. Relativ am Anfang des Jahres konnten die Kanadier von HYPERIA mit ihrem Debütalbum “Insanitorium” überzeugen. Die Newcomer vermischen Thrash, Power und etwas Death Metal homogen durcheinander, so dass ein unterhaltsamer und kurzweiliger Mix entsteht, der an die Anfangszeiten von UNLEASH THE ARCHERS erinnert.

 

Auch ASARHADDON aus Thüringen lieferten mit “Reysa” ein gelungenes Atmospheric Black Metal Debütalbum ab, das mit seiner Dynamik und Eingängigkeit ebenso zu überzeugen weiß wie mit Gast-Sängerin Anna Nihil (NIHILATION, Ex-VIOLET MOON).

 

Als Österreicher will ich zudem auch “Ufång” von PERCHTA nicht ganz außer Acht lassen.
Selbst wenn das Atmospheric Black Metal / Folklore-Projekt im Endeffekt mit echten Songs etwas geizt, so kann das Debütalbum doch mit Atmosphäre und dank Tiroler Mundart mit Einzigartigkeit punkten.

 

Ebenso einzigartig sind auch MORA PROKAZA, die mit “By Chance” eine spannende Mischung aus Extreme Metal, Avantgarde, Folklore und “New School Trap” bieten. Zwar fallen die Weißrussen nicht zwingend in die Kategorie der Newcomer (“By Chance” ist bereits das dritte Album), doch hatte ich zuvor noch keinen Schimmer von der Band und vom Musikstil “New School Trap”.

 

Ebenfalls aus dem Osten kommen DUNWICH. Die Russen lieferten mit ihrem Debütalbum “Tail-Tied Hearts” ein facettenreiches Spiel mit dunkler Atmosphäre ab. Dabei überrascht auch die kompositorische Reife des jungen Trios, als dass die Songs nicht überladen sind und zumeist auf den Punkt kommen.

 

Und als besten Newcomer habe ich WITCHING in Erinnerung, die mit “Vernal” einen starken Sludge / Blackened Doom Metal-Einstieg abgeliefert haben, der mich auf ganzer Linie überzeugt hat. Sei es gesanglich, als dass Jacqui Powell emotional zwischen Growls, Kreischen, Klargesang und etwas narrativem Jammern schwankt. Oder sei es das vitale Drumming von Miles Ziskind.

GÖDEN: Beyond Darkness
Als (spiritueller) Nachfolger von WINTER angekündigt war die Erwartungshaltung viel zu hoch für das, was im Endeffekt herausgekommen ist.

LEAVES´ EYES: The Last Viking
Auch wenn es sich bereits etwas abgezeichnet hat, im Endeffekt war es doch eine Enttäuschung. Die Wikinger-Saga wird immer zahmer und uninspirierter.

Tja,… da gab es nicht viel. Okay, ich bin Anfang des Jahres mit meinem ältesten Sohn bei AMARANTHE gewesen. Bester Gig deswegen? Diese Erwähnung würde mir dann schon schwerfallen…

Da hatte die Kinderklangwolke 2020 schon mehr zu bieten. Vor allem von der Stimmung her und es war schön zu erleben, wie auch meine jüngste Tochter beim Erklingen von E-Gitarren abgeht. So soll es sein.