MOLTEN CHAINS: Wir passen eigentlich überhaupt nicht in die europäische Heavy Metal-Szene

Die Wiener Metalband MOLTEN CHAINS ist mit ihrem sehr eigenwilligen Stil eine Ausnahmeerscheinung. Irgendwo zwischen klassischem und extremem Metal, mit gerne mal komplexen Songstrukturen, hat die Band ihren ganz eigenen Kosmos geschaffen. Mir fällt keine Band ein, die vergleichbar klingt. Das aktuelle Album “Orisons Of Vengeance” ist das bisher stärkste Werk der Band und gehört für mich zu den Highlights des bisherigen Jahres. Mastermind Brenton Weir stand uns Rede und Antwort.

Molten Chains Bandfoto (c) Alone Records

Hey Brenton, wie geht es dir und was machst du gerade so?

Hallo, ich bin momentan ziemlich beschäftigt mit einer neuen Band namens UNSEMBLANCE. Seit fast einem Jahr spielen wir und wir sind momentan in einer tiefen Songwriting-Phase. Ansonsten arbeite ich, wie fast jeder, relativ viel.

Vielen Dank für “Orisons Of Vengeance”. Ich finde, ihr habt euch auf dem Album in jeder Hinsicht steigern können.

Danke, es war wie jedes Album viel Arbeit. Bei diesem Album vielleicht noch mehr als bei den anderen, weil ich wirklich viel Energie und Zeit in die Texte gesteckt habe.

Die Platte ist ja jetzt schon eine Weile draußen. Gibt es mit einigen Monaten Distanz etwas, was du vielleicht gerne anders gemacht hättest?

Naja, es gibt immer ein paar Dinge, die man ändern will, aber im Großen und Ganzen finde ich das Album immer noch gut, vielleicht finde ich es sogar besser, als ich es vor ein paar Monaten fand. Da es ein bisschen älter ist, kann ich es jetzt mehr als Fan betrachten.

Wie waren denn die bisherigen Reaktionen auf das Album?

Ich glaube gut, aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, manche Reaktionen verstehe ich überhaupt nicht. Aber das ist immer so, manche hören Dinge in der Musik, die ich nicht geplant habe. Ich hoffe natürlich, die Leute, die “Torment Enshrined”, beziehungsweise die anderen zwei Alben gut fanden, finden “Orisons” auch geil. Ich verstehe aber schon, warum manche Leute uns nicht verstehen oder mögen, wir passen eigentlich überhaupt nicht in die europäische Heavy Metal-Szene.

“Black Mantle” habt ihr als ersten Song vorab veröffentlicht. Eine interessante Wahl, wie ich finde, denn meiner Meinung nach ist das so ziemlich der am schwersten zugängliche Song auf “Orisons Of Vengeance”.

Ja, vielleicht. Ich glaube, meine Gedanken dazu waren: eine Single sollte die Leute ein bisschen schockieren. Wir haben das bei “Torment” auch mit “Revenge Unbound” gemacht. Ich finde es wirklich schlimm, wenn die erste Single von einem Album komplett fad ist. Ich wollte die Zuhörer auch mit dem Gesang ein bisschen überraschen. Da ich früher fast immer etwas höher gesungen hatte, habe ich gedacht, es wäre spannend, wenn die erste Single einen anderen Gesangsstil hat. Naja, ob es funktioniert hat, weiß ich nicht. Der andere Grund war, dass das Album nicht so viele kurze Songs hat und “Hand of God” wäre zu offensichtlich.

Ich bin Anfang des Jahres auf MOLTEN CHAINS gestoßen und war von eurem sehr eigenen Sound direkt sehr fasziniert. Auf der einen Seite erinnert mich die Musik an frühe FATES WARNING oder PSYCHOTIC WALTZ, dann ist da dieser starke Extrem Metal-Einschlag und technischen Thrash scheinst du auch ganz gerne zu mögen. Welche Bands oder Kunst allgemein würdest du als größten Einfluss auf dein Schaffen mit MOLTEN CHAINS sehen?

Ich bin natürlich Extrem Metal-Fan, wahrscheinlich mehr als Trad Metal-Fan. Wie ich Gitarre spiele und Songs schreibe, ist sehr von Extrem Metal beeinflusst. Ich glaube jeder hört die Thrash-Elemente im Songwriting, aber ich liebe auch Black, Death und Doom. Ich bin nicht der Typ oder Songwriter, der benennen kann, woher seine Riffs oder Ideen stammen, aber ich bin sicher beeinflusst von allem was ich höre beziehungsweise was mir gefällt. Als ich die Songs für das Album “In the Antechamber Below” schrieb – also die Songs auf dem Album, die nicht auf dem Demo sind – wurde mir klar, dass ich für diese Band Musik schreiben wollte, die ich nie wirklich gehört habe. Klar ist die Musik sehr beeinflusst von vielen Arten von Metal, aber ich glaube niemand könnte sagen, dass irgendwelche Riffs, Ideen oder Atmosphären von anderen Bands geklaut wurden. Beim Songwriting für “Orisons of Vengeance” habe ich aber viel Musik gehört, insbesondere – weil “Orisons” ein Konzept Album ist – viele Konzept Alben. Vielleicht bringt es etwas, wenn ich ein paar von den Alben nenne. Also hier ist eine kurze Liste:

CYNICFocus
MORBUS CHRON – A Saunter through the Shroud
ADRAMELCHIrae Melanox
DEMILICH – Nespithe
MAGISTER TEMPLI – Into Duat
NEGATIVE PLANE – Stained Glass Revalations
NECROS CHRISTOS – Domedon Doxomedon
DEMON BITCH – Hellfriends
KING DIAMOND – Abigail
CANDLEMASSEpicus Doomicus Metallicus
FUNERAL PRESENCE – Achatius
ARCTURUSArcturian
SOLITUDE AETURNUS – Beyond the Crimson Horizon

Welche Bedeutung hat der Bandname MOLTEN CHAINS? Was steckt dahinter?

Nichts wirklich. Ich habe den Namen mit dem alten Bassisten Peter erfunden. Ich glaube ursprünglich wollten wir die Band Molten Steel nennen, aber der klang zu sehr nach traditionellem Metal und war auch Liquid Steel zu ähnlich, das ist eine andere Band aus Österreich.

Ich lese im Zusammenhang mit euren Texten immer wieder von Shakespeare. Mein einziger Kontakt mit Shakespeare waren die jeweiligen Konzeptalben von JAG PANZER und REBELLION, wobei ich gerade “Thane To The Throne” von JAG PANZER sehr liebe. Inwieweit ist Shakespeare ein Einfluss und was macht für dich den Reiz an seinem Werk aus?

Für die Texte für “Orisons” war Shakespeare absolut der größte Einfluss. Ich mag fast alles von Shakespeare, oder zumindest alles, was ich bisher gelesen habe, und finde die Dramatik und die Sprache passen einfach extrem gut zu unserer Art von Metal. Aber ich persönlich hasse es, wenn Bands einfach Werke wie die Stücke von Shakespeare lesen und dann Texte schreiben, die quasi eine Zusammenfassung vom Werk sind. Ich finde das fad und unkreativ. Ich will damit nicht sagen, dass die Texte von “Orisons” eine hoch intellektuelle Kunst sind, aber zumindest habe ich versucht, mit dem Text eine Geschichte zu erzählen, die eng mit einem Stück von Shakespeare verwoben ist anstatt einfach die Story von Shakespeare zu klauen. Vielleicht ist es für viele langweilig, aber falls es jemanden interessiert – hier ist das Konzept vom “Orisons of Vengeance” Album.

Das Konzept basiert auf Hamlet, und setzt ein gewisses Hintergrundwissen über das Stück voraus. Im Stück sagt Gertrude (Hamlets Mutter), dass der Geist, den Hamlet sah, der Teufel oder ein Dämon sein könnte. Eine Hintergrundfigur im Stück ist außerdem Fortinbras, ein Prinz aus Norwegen. Sein Vater wurde von Hamlets Vater ermordet, woraufhin Norwegen viel Land an Dänemark verlor. Am Ende von Hamlet marschiert Fortinbras mit seiner Armee in Dänemark ein.

Die Geschichte:
Nach der Ermordung seines Vaters beschäftigt sich der junge Fortinbras mit schwarzer Magie. Er ruft einen Dämonen hervor, der meint, dass Fortinbras mit seiner Hilfe sowohl Norwegen als auch Dänemark beherrschen könnte. Sie gehen eine Abmachung ein: Hamlet soll vom Dämon besessen werden, der ihn dazu bringt seinen Onkel, den König, zu töten und letzten Endes auch sich selbst. Im Gegenzug bekommt der Dämon einen Teil des Königreichs.

“Hand of God” (Erzählt von Fortinbras): Fortinbras ruft den Dämonen hervor.

“Bedevilled by Sorrow” (Erzählt von dem Dämonen): Der Dämon besucht Hamlet getarnt als der Geist seines verstorbenen Vaters, alles passiert genauso wie im Stück. Der Dämon erklärt Fortinbras was er getan hat und beginnt zu vermuten, dass Fortinbras weder stark noch intelligent ist und er sich das gesamte Königreich selber aneignen könnte.

“Black Mantle” (Erzählt von Fortinbras): Wie im Stück geht Fortinbras nach Dänemark und besucht Hamlet. Er zweifelt daran, dass Hamlet kurz davor ist, den König zu töten. Er beklagt sich beim Dämon und wirft ihm vor, dass die Heimsuchung nicht funktioniert. Der Dämon ist erzürnt und meint, es wird noch etwas Zeit brauchen, bevor Hamlet in der Lage ist, seinen Onkel zu töten.

“Communion” (Erzählt von Gott): Gott sieht den Dämonen auf der Erde und bemerkt seine Macht, manche Engel bewundern die Macht des Dämonen. Gott wird zornig.

“Crimson Equinox” ( Erzählt von einem Erzähler also von einer dritten Person): Alles passiert wie am Ende des Theaterstückes, Hamlet tötet seinen Onkel, alle sterben und Fortinbras und der Dämon ziehen in die Schlacht und übernehmen Dänemark, der Dämon hat aber die Seele vom Fortinbras komplett eingenommen.

“Martyrdom” (Erzählt von allen Charakteren): Fortinbras stirbt und der Dämon herrscht über ganz Norwegen und Dänemark, er tötet oder sperrt alle ein, die sich ihm nicht beugen. Fortinbras geht durch das Fegefeuer, bevor er mit seinem Vater, dem alten König von Dänemark und Hamlet in der Hölle endet. Die letzten Worte sind von Gott.

Das wars, lang aber vielleicht interessant.

PSYCHOTIC WALTZ-Sänger Devon Graves hat ja euer zweites Album “Torment Enshrined” produziert. Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?

Die Zusammenarbeit war gut, am meisten hat er mir mit dem Gesang geholfen. Wie für jedes Album habe ich Demos für die Songs gemacht, aber für fast jedes Lied haben wir die Gesangsmelodien im Studio umgeschrieben. Vor ein paar Tagen habe ich die alten Demos noch mal angehört und es stimmt, dass Devon oft recht damit hatte, dass manche Gesangsmelodien zu der Musik nicht gepasst haben, aber bei manchen Stellen finde ich meine ursprünglichen Ideen besser, ich habe Devon ein bisschen zu blind vertraut, ist mein Gefühl jetzt. Als Menschen haben wir uns aber persönlich überhaupt nicht gut verstanden, wir (MOLTEN CHAINS) ticken komplett anders.

Dieses Mal habt ihr das Album in Deutschland produziert. Wie seid ihr auf das Five Lakes Studio gekommen und wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?

Ich fand die letzte BÖLZER-EP “Lese Majesty” echt geil und ich war neugierig, wer sie aufgenommen hat. So bin ich auf das Five Lakes Studio gekommen. Es war ein super Erlebnis. Thomas, der das Studio betreibt, ist ein wirklich professioneller und sympathischer Typ. Oft saßen wir nach einem Tag im Studio zusammen, haben Bier getrunken und uns einfach über Metal und das Leben unterhalten. Absolut empfehlenswert, ich liebe den Thomas. Ich bin schon zufrieden mit dem Ergebnis, aber ich finde den Bass-Sound ein bisschen zu metallisch, das war aber meine Schuld. Nächstes Mal will ich einen ganz warmen Bass Sound haben.

Ich finde die Produktion sehr gut, sie klingt deutlich professioneller als die der ersten beiden Alben, ohne dabei zu poliert oder klinisch zu klingen. Allerdings hatte der etwas rumpeligere Sound speziell des Debüts auch seinen Charme, der irgendwie zur Atmosphäre des Albums beigetragen hat.

Ja, finde ich auch, es ist eigentlich ein Extrem Metal-Album, aber mit cleanem Gesang und ich finde die Produktion bringt das gut ans Licht.

Ihr habt die CD-Version von “Orisons Of Vengeance” über das griechische Label Alone Records veröffentlicht, die auch schon die beiden Vorgänger auf CD veröffentlicht haben. Das Vinyl wiederum erschien über Night Rhythms Records aus Texas. Wieso die Aufteilung und wie kam der jeweilige Kontakt zustande?

Nachdem wir “In the Antechamber Below” einfach auf Bandcamp veröffentlichten, haben Alone Records uns geschrieben, weil sie das Album auf CD rausbringen wollten. Wir haben dann einen Deal mit ihnen gemacht und seitdem haben sie alle unsere Alben auf CD veröffentlicht. Night Rhythms und Post Mortem Apocalypse haben die Platte vom Album rausgebracht. Phil von PMA hat mir vor ein paar Jahren geschrieben, weil die beiden Labels “In the Antechamber Below” auf Kassette rausbringen wollten, das haben sie getan. Nachdem wir die Master für “Orisons” bekamen, schrieb ich Phil und fragte ihn, ob sie sich um die Platte kümmern wollen. Sowohl Phil als auch Greg von Night Rhythms waren sehr von dem Album begeistert und wollten das machen. Ich bin froh, dass es mit den beiden Labels für die Vinyl-Veröffentlichung geklappt hat, das sind ganz coole Typen mit großen Herzen für Metal.

Molten Chains Bandfoto (c) Alone Records

Ich bin gelinde gesagt überrascht, dass es keine Tape-Version des Albums zu geben scheint. Ich dachte, alle coolen Kids machen das jetzt so. Was ist da los?

Phil von Post Morten hat mir vor kurzem geschrieben, dass er die “Orisons Of Vengeance” Kassetten-Version rausbringen will, mal schauen, wann das kommt. Ich glaube, es wäre vielleicht besser, zuerst eine Kassette von “Torment Enshrined” rauszubringen, aber keine Ahnung.

In der jetzigen Besetzung seit ihr noch nicht so lange zusammen. Wie hat sich das Line-Up der Band denn so über die Jahre entwickelt?

Michi und ich spielen schon ziemlich lange zusammen, Gyula ist der neue Gitarrist. Ich finde es funktioniert ziemlich gut, der Gyula ist wirklich ein Leadgitarren-Freak, er ist unglaublich gut, viel besser als ich.

Habt ihr in dieser Besetzung schon live gespielt und habt ihr vor, zukünftig regelmäßig Konzerte zu spielen?

Ja, wir haben ein paar Shows in Wien gespielt. Ich würde gerne eine kleine Tour für “Orisons Of Vengeance” spielen. Vielleicht sollte ich irgendwas für nächstes Jahr organisieren, ich habe aber derzeit leider fast keine Freizeit. Ich will aber in Deutschland spielen, vielleicht einfach einzelne Shows.

Mit welchen Bands würdest du denn gerne mal auf Tour gehen?

Ich würde so gern mit DEMON BITCH auf Tour gehen. Sonst mit ARCTURUS oder, was realistischer wäre, mit EZRA BROOKS, das wäre geil.

Du stammst, wenn ich richtig informiert bin, ursprünglich aus Australien und bist nach einer Zwischenstation in England dann in Wien gelandet. Was hat dich denn einmal um die halbe Welt gebracht?

Ist eine lange und nicht wahnsinnig interessante Geschichte. Kurz gesagt: ich bin nach Europa gereist und geblieben, jetzt kenne ich fast niemanden mehr in Australien, nur meine Familie und ein paar alte Schulfreunde.

Was macht Wien besonders lebenswert?

Naja, die Mietpreise sind nicht wahnsinnig teuer, die Öffis sind echt gut und es ist auch ziemlich ruhig und nicht so brutal kapitalistisch wie die meistern Hauptstädte in Europa. Die Musikszene finde ich auch ziemlich cool, es gibt eine großartige Punk, Metal und DIY Szene.

Eure Kernbesetzung ist ja aktuell ein Trio. Wie sind denn die Pläne für Konzerte? Wollt ihr generell viel live spielen und holt euch dann gegebenenfalls noch Session-Musiker dazu?

Ja, wenn wir mehr “wichtige” Shows spielen, werden wir zu viert live spielen.

Sind die anderen beiden Bandmitglieder auch Teil des Songwriting-Prozess oder machst du das ganz alleine?

Ich habe fast alle Songs für dieses Album geschrieben, aber im Studio haben wir vieles umgeschrieben. Michi hat auch fast alle Musik für ein ganzes Lied geschrieben. Die ersten vier Minuten oder so von “Martyrdom” sind alles Ideen von Michi. Michi hat auch ein paar Lead-Gitarrenteile geschrieben, er kennt sich mit Musiktheorie besser aus als ich. Gyula hat zwei Soli geschrieben, er hat seine Soli zuhause in seinem Homestudio aufgenommen.

Wie schwer ist es, in einer Stadt wie Wien passende Musiker zu finden? Ich könnte mir vorstellen, dass die Szene dort doch sicher nicht so klein ist, oder?

Naja, die Szene ist groß, aber ziemlich getrennt. Es gibt viele “moderne” Metal Bands, mit denen habe ich nichts zu tun. Es gibt auch viele Old School Death Metal Fans, ich veranstalte momentan ein paar Death Metal Shows, ich will eine Death Metal Szene hier aufbauen wie in Kopenhagen.

Das war es auch schon, ich bin mit meinen Fragen durch. Vielen Dank für deine Zeit, Brenton! Die letzten Worte gehören dir.

Danke für dein Interesse und danke an alle, die uns bisher unterstützt haben. Hail Metal.