Jahresrückblick 2020 von Andreas Holz

2020, ein Jahr wie jedes andere, nichts hat sich geändert, alles bleibt beim Alten: Verdammt viel gute Musik erscheint, und ich stelle meine fünfzehn Lieblingsalben vor, mit den schönsten dazu dieses Jahr veröffentlichten Musikvideos, denn diese Kunstform erlebt heuer wie so vieles zwar eine kreative Hochphase, aber durch die permanente Verfügbarkeit auch eine gewisse Ignoranz. Nicht so bei mir! (Oder doch? Wann fange ich endlich an, Musikvideo-Reviews zu schreiben?)

Im Frühjahr erschienen, bis zuletzt immer wieder gehört und geliebt und mit seinem prophetischen, optimistischen Titel sinngebend für dieses für mich persönlich auch im positiven Sinne besondere Jahr; mein Album des Jahres:

GRIFT: Budet

Es freut mich, dass Christoph aka Captain Chaos wieder für vampster schreibt – seine ausschweifenden und fachlich unerreichbar guten Reviews haben gefehlt. Und er hat mir ein persönliches Highlight, eine großartige musikalische Neuentdeckung beschert, ein Black-Metal-Meisterwerk, das mich dazu noch mit seiner geradezu euphorischen Spritzigkeit an meine alte Leidenschaft für Old-School-DIY-Screamo erinnert hat:

AARA: En Ergô Einai

Ebenfalls ganz früh im Jahr als Kandidat für das Album des Jahres angemeldet hatte sich eine Band, die ich beinahe seit ihren Anfängen liebe und verehre, und die seitdem trotz Teilnahme an großen Festivals und Schritt ins Profi-Business künstlerisch integer geblieben ist. Allein dafür Hochachtung, aber dass „Uthlande“ dann auch musikalisch so geil geworden ist, ein bisschen Richtung Frühwerk, das hätte ich nicht gedacht. Danke, Turbostaat!

TURBOSTAAT: Uthlande

Nach soviel Old-School gehen wir mal noch weiter zurück: Traditionelle britische und irische Folklore erfreut sich in alternativen Kreisen (und bei mir!) schon eine ganze Weile zunehmender Beliebtheit. Das Duo VARO z.B. hat auf ihrem Debütalbum mit seiner fantastisch melancholisch-kämpferischen Version von „Ye Jacobites“ direkt mein Herz erobert. Und auch der Rest enttäuscht nicht!

VARO: Varo

An dieser Stelle einfach mal ein paar andere Videos, von denen ich glaube, dass sie dir gefallen könnten, wenn du, liebe*r Leser*in, es aus Interesse bis hierhin geschafft hast: mehr oder weniger finster-melancholisch bis heiter-durchgeknallte Kleinode aus der alternativen Folk-Szene 2020:

Wem das gefallen hat, der sollte sich mal bei Ian Lynch und seinem Projekt „Fire Draw Near“ umschauen; Lynch ist Metalpunk und Trad-Folk-Nerd und hat dieses Jahr genau den Podcast erschaffen, den ich gebraucht habe. Ich hatte mich sehr darauf gefreut, ihn und seine Band LANKUM im April beim Roadburn (wo sie m.E. auch hingehören!) zu sehen.

Nun folgt ein weniger düsteres Album, ein unwiderstehliches Hitfeuerwerk aus Brooklyn, New York; mal wieder mit neuer Besetzung, aber gewohnt viel Witz und Verve und Ohrwurmgarantie (und dem Albumtitel des Jahres):

THE WORLD/INFERNO FRIENDSHIP SOCIETY: All Borders Are Porous To Cats

Hitmaschine Jerome Reuter konnte es auch 2020 wieder nicht lassen und hat mindestens ein Album herausgebracht. „The Lone Furrow“ wildert mit seinen geilen Gastsängern wüst in der Metal-Szene und knüpft thematisch und musikalisch an seinen kontroversen Vorgänger an: dekadente Ohrwürmer über das Ende der Welt (und darüber, wie toll man selber trotzdem ist):

ROME: The Lone Furrow

Nach soviel Harmonie und Prunk brauche ich immer einen Black-Metal-Kontrapunkt. Dieser hier kommt aus Dänemark, mit Liebe für die kleinen Leute vom Lande:

AFSKY: Ofte jeg drømmer mig død

Auch ich habe ein Herz für die kleinen Leute. Und für Frauen, Schwerter und Drachen:

ETERNAL CHAMPION: Ravening Iron

Um die Punk-Szene-Credibility nicht vollends zu verlieren: Das Jahr wartete auch für mich mit einem echten Highlight aus der heimischen DIY-Szene auf. Wer immer noch glaubt, dass Punk tot wäre, sollte mal bei TEAM SCHEISSE anklingeln; sie würden vermutlich zustimmen, aber dann die ganze Nacht mit dir saufen und Scheiße bauen.

TEAM SCHEISSE: 8 Hobbies für den sozialen Abstieg

Ich mag die Extreme und Kontraste und trotz einer gesunden Abneigung zu Räucherstäbchen und Hippiekacke eine geradezu ekelhaft harmonische Band, die hier ebenfalls vom Captain mit herrlichen Worten angemessen gewürdigt worden ist:

SANGRE DE MUERDAGO – Xuntas

Machen wir uns aber bei allem Friede, aller Freude und allem Bio-Eierkuchen bitte nichts vor: Die Welt ist am Arsch. Gut, dass sie immer wieder zuverlässig den Soundtrack dazu mitliefert:

ROPE SECT: The Great Flood

Weiter im Text – und dazu gibt‘s den Sonderpreis für die schönste Limited Edition überhaupt, ein Artbook, das den Namen mal wirklich verdient und das Geld alleine schon wert wäre, dazu eine ganze Bonus-EP (das eingebette Video stammt von dieser). Und mitreißende, vernichtend schwarze Musik aus Island, klar, auch das:

KATLA.: Allt þetta Helvítis Myrkur

Bei all der verdammten Finsternis braucht‘s dann auch mal wieder etwas Licht. Anfang Februar kam ich aus London zurück, wo ich u.a. die wunderbare LISA O‘NEILL in der Round Chapel live erlebt hatte, und es stürmte wie blöde, so dass ich zuerst kaum zum Flughafen, dann aus der Luft zum falschen Flughafen und von dort nicht mehr mit dem Zug nach Hause kam. Ich betrat eine Absteige in Bahnhofsnähe, holte mir Bier und hörte zum ersten Mal die neue YE BANISHED PRIVATEERS. Ker, war das schön:

YE BANISHED PRIVATEERS: Hostis Humani Generis

Verzeihung; eigentlich stehe ich für seriöse Folklore. Aus Ost-London z.B. kommen STICK IN THE WHEEL, die sich von einer klassischen Trad-Folk-Combo zu einer experimentellen Band entwickelt haben und mittlerweile überwiegend auf E-Gitarren und Synthesizer setzen. Gewöhnungsbedürftig, aber grandios:

STICK IN THE WHEEL: Hold Fast

 

Eigentlich sollte hier die neue NOCTE OBDUCTA stehen, weil ich Nocte seit ihrem Debütalbum liebe, das Cover genial ist und die eigentlich nichts falsch machen können, aber erstens haut mich das Album nach zwei Durchläufen noch nicht voll vom Hocker, und zweitens drängt sich mir ein Opus auf, das ich unmöglich unter ferner liefen verbuchen kann: Die Franzosen ANGELLORE haben zwischen 2009 und 2016 ein Album geschrieben und es dann zwischen 2016 und 2018 aufgenommen; 2020 ist es dann endlich erschienen. Es ist überwältigend schön und macht mich, der ich als Teenager Ende der 90er im damals verbreiteten Gothic Doom Metal eine große Liebe entdeckt habe, angesichts einer solch leidenschaftlichen Hommage an damals regelrecht wuschig.

ANGELLORE: Rien Ne Devait Mourir

…und ALESTORM!