GRIFT: Budet

Schon merkwürdig, dass ich als großer Verehrer der letzten beiden Alben des Ein-Mann-Projekts GRIFT jetzt erst nachgeschlagen habe, was „Grift“ eigentlich bedeutet. Mein Erstaunen darob war groß: „Grift“ bedeutet „Grab“ , und man muss schon etwas weiter in die Geschichte des Projekts zurück schauen, um das zu verstehen. Denn aus der ins Depressive reichenden intensiven Auseinandersetzung mit Tod und Vergänglichkeit ist spätestens jetzt, mit „Budet“, das sich mit „Bote“ oder „Botschaft“ übersetzen lässt, eine hoch-emotionale Ode an die Zukunft, an das Leben geworden, die in der aktuellen Musiklandschaft ihresgleichen sucht.

Erik Gardeförs sieht aus als wäre allerhöchstens erst seit kurzem eine „3“ in der Zahl, die sein Alter angibt, sein Vater jedoch ist über 90 Jahre alt, Hauptdarsteller in allen seinen Musikvideos und ein augenscheinlich sehr lebendiger, rüstiger Mann. Nun wird ihm das Leben in der nordschwedischen Natur auch gut getan haben, aber ich stelle mir gerne vor, dass das Zeugen von Leben im hohen Alter auch für ihn noch lebensverlängernd gewirkt haben mag. Gardeförs selber wirkt oft wie ein Mensch, der vom modernen Leben überfordert ist, er lebt zurückgezogen in einem kleinen Haus, das auch sein Studio beherbergt, und lässt sich beinahe ausschließlich von der rauen Natur um ihn herum und somit, wenn man so will, vom Kreis des Lebens beeinflussen.

GRIFT ist tiefe Wehmut, Angst und Leidenschaft

Man hört das alles in jeder Sekunde der letzten drei Werke dieses begnadeten Musikers. Vor allem auf dem Schlagzeug und als Sänger brilliert Gardeförs immer wieder: auf dem Instrument mit einer Rhythmik, die unbarmherzig immer genau den Puls gibt, den das Stück gerade braucht, und aus der Kehle mit einer Stimme, die den Begriff „Verzweiflung“ neu definiert. Sein Kreischen, Krächzen und Heulen ist bereits jetzt legendär; für mich drückt es das schiere Überwältigtsein von der grausamen Schönheit, die die menschliche Existenz tagtäglich bedeutet, und die Ehrfurcht vor der gewaltigen Kraft, die sich in der Natur manifestiert, gleichermaßen aus. GRIFT ist tiefe Wehmut, Angst und Leidenschaft; wenn man diesen zerbrechlichen jungen Mann in natura sieht, glaubt man kaum, was da aus ihm ausbrechen kann.

Stilistisch bewegt sich GRIFT zwischen Black Metal, Post-Rock und Folk. Die Lieder sind simpel, aber ungemein effektiv. Viel wird mit Wiederholung gearbeitet, und wie auch auf den früheren Werken teilt ein atmosphärisches Zwischenstück aus Geheul und Field Recordings das Album in zwei Hälften, so dass es als Ganzes strahlen kann. Der Einsatz der Melodika ist dazu diesmal ganz besonders bestimmend; hinzu kommt die Violine Georg Börners (SANGRE DE MUERDAGO, COLD WORLD), und beide Instrumente schaffen es gemeinsam mit den teilweise regelrecht euphorischen Gitaren, „Budet“ als das zugänglichste und lebensbejahendste Werk in der Geschichte des Projekts erscheinen zu lassen – das kann Musikliebhaber*innen natürlich nur freuen, heißt es doch, dass Gardeförs sich vom Gewicht der Existenz nicht überwältigen lässt. Er geht mittlerweile sogar auf Tour und zeigt sich selbstsicher und kraftvoll auf der Bühne, sowohl solo (dann spielt er folkloristische Interpretationen seiner Metal-Stücke sowie zwei rein akustische Nummern, die 2018 auf der 7“ „Vilsna Andars Boning“ erschienen sind) als auch mit einer Band.

“Budet“ ergänzt das ganzheitliche Konzept GRIFTs um eine Ode an die Zukunft

Optisch und konzeptionell stellen die drei Alben „Syner“, Arvet“ und „Budet“ eine Einheit dar; eigentlich hätte Gardeförs damals das Projekt umbenennen müssen, hat es doch mittlerweile nur noch recht wenig mit seinen Anfängen zu tun. Es würde passen zu dem kompromisslosen künstlerischen Anspruch an sein ganzheitliches Werk, und dass es nicht passiert ist, ist neben dem etwas zu banalen Einsatz der Violine (hier hätte ich mir die ein oder andere melodische Variation mehr gewünscht) das einzige, was mir an „Budet“ negativ auffällt. Freundinnen und Freunde wehmütiger Klangkunst, zu der mir musikalisch trotz der in den Gitarrenharmonien spürbaren Nähe zum Frühwerk EMPYRIUMs kein wirklich guter Vergleich einfällt, cineastisch jedoch mit dem Werk von Bela Tarr ein ungemein treffender, müssen GRIFT in ihre Herzen schließen.

Spielzeit: 41:56 Min.

Veröffentlichung am 20.03.2020 auf Nordvis
GRIFT auf Bandcamp

GRIFT – „BUDET“- TRACKLIST

1. Barn av ingenmansland
2. Skimmertid
3. Ödets bortbytingar
4. Väckelsebygd
5. Vita arkiv
6. Oraklet i Kullabo