Jahresrückblick 2022 von Andreas Holz

Ich liebe es einfach.

Mein musikalisches 2022 fing zunächst einmal mit vier Nachzüglern aus 2021 an, die ich unbedingt erwähnen möchte:
Mit IMPURE WILHELMINA hat mir eine bis dato von mir sträflich ignorierte Band vor einem Jahr den perfekten Start ins Neue beschert, erst mit “Radiation”, dann mit dem nicht minder genialen “Antidote“; Musik, die mich von Stimmung und Wirkung her an meine frühen KATATONIA-Erlebnisse erinnert.
Die Death-Doomer OPHIS hingegen bescherten mir mit “Spew Forth Odium” einen Genuss, den ich regelmäßig brauche, aber in der Flut an Death-Doom-Veröffentlichungen selten finde: diesen schmalen Grat zwischen Wut, Verzweiflung und Euphorie, in Musik gegossen. Ein unglaublich kathartisches Werk.
In Sachen Black Metal bin ich im Jahresrückblick 2021 von Austin Lunn dann auf HILDE gestoßen. Melancholischer Black Metal mit Akkordeon und einem originellen Artwork, schon hat man mich…
Dass Black Metal tatsächlich doch mit Crust zusammen funktioniert, haben mir DÖDSRIT mit “Mortal Coil” endlich einmal bewiesen. Großartige Songs, unglaubliche Energie! Man lernt nie aus.

Ansonsten habe ich aus Gründen viele tolle Konzerte verpasst; ein paar andere tolle jedoch selbst gegeben oder erlebt – sie werden im weiteren Verlauf erwähnt. Ich hatte weniger Zeit für Musik, habe die aber gut eingeteilt und genutzt, glaube ich. Jedenfalls ist meine Liste an Kandidaten für diesen Rückblick nicht kleiner geworden, und Neues hab ich auch wieder entdeckt. So kann es gerne weitergehen!


Es war trotzdem sehr schwer, ein Album des Jahres zu küren, zu viele hatten jeweils für sich sehr treffende Argumente, die aber überhaupt nicht vergleichbar waren. Dafür war die Top Ten zu küren dann einfach, denn es gab nur 10 Alben, die mich so intensiv mitgenommen haben, dass sie in dieser stehen sollten. Und es dann auch tun; wobei die Abstufungen wie gesagt so gering sind, dass wir es hier eigentlich mit zehn ersten Plätzen zu tun haben:

BLACKBRAID: BlackBraid I


Da können die Leute noch so enttäuscht sein, dass es sich nicht um Folklore der amerikanischen Ureinwohner handelt (ja, wenn ihr sowas wollt, kauft es euch halt!) – BLACKBRAID ist perfekt komponierter, kompromissloser und einfach unfassbar geiler Auf-die-Fresse-Black-Metal, der zwar in der Tat nichts Besonderes ist, mir aber in den richtigen Momenten genau die richtige Kraft gegeben hat.

SORDID BLADE: Every Battle Has Its Glory


Ach, es ist schon schade, dass ich nie Dungeons & Dragons gespielt habe als Kind…

FER DE LANCE: The Hyperborean


…oder ins Fitnessstudio gehe. So bin ich auf Bands wie FER DE LANCE angewiesen!

THE MARY WALLOPERS: The Mary Wallopers


Meine Leidenschaft für authentischen Trad-Folk, der die Verbindung zu DIY-Kultur und Punk zieht, könnte bekannt sein; THE MARY WALLOPERS haben endlich ihr Debüt-Album draußen und füttern sie, u.a. auch durch ein fantastisches Konzert in Düsseldorf. Das Glücksgefühl, das es mir gibt, wenn ich zeitgleich z.B. ein sahniges Pint Dunkles in mir verklappe, ist relativ einzigartig, und nicht nur dafür ist ihnen doch sehr zu danken.

STANGARIGEL: Na Severe Sdrca


Warum dieses wunderschöne 90er-Nostalgie-Juwel in den Jahresrückblicken, die ich bisher so gesehen habe, nicht vorkommt, ist mir ein Rätsel. STANGARIGEL aus der Slowakei haben nicht nur das urigste Albumcover des Jahres (ich trage den lieben grünen Rübezahl sogar auf einem Shirt spazieren), sie haben mich mit ihrem warmen naturmystischen Black Metal im Sommer sehr verzaubert.

GOLGATA: Ur Eld och Aska

Siehe oben: auch sehr warm, um nicht zu sagen heiß, und auch sehr unbekannt. Zu Unrecht. “Vagabond”, was für ein Song!

ORVILLE PECK: Bronco


Black Metal, pffft, so richtig hart wird es zwischen Orville Pecks Beinen! Er ist besser als Elvis und die Beatles zusammen, er ist genial. Hört ihn euch an.

ULTHA: All That Has Never Been True


Mit ULTHA konnte ich früher nicht so viel anfangen. Jetzt machen sie Post Punk oder so, und ich liebe es. Man hört zwar mehr Keyboard als Gitarren, aber das macht nichts, und einer der beiden Sänger schreit so herzzerreißend verzweifelt die ganze Zeit, man möchte ihn einfach nur in den Arm nehmen. (Hab ich beim (sehr coolen) Vendetta-Fest in Dortmund dann aber doch lieber gelassen.)

DARKEST ERA: Wither On The Vine


Irlands beste Metal-Band ist zurück, mit einem der besten Epic-Metal-Alben der letzten zehn Jahre. Ich bin ein Riesen-Fan ihres Debüts, und sie haben es geschafft, dessen Energie elf Jahre später auf das neue Album mitzunehmen.

BHLEG: Fäghring


Ein Lied auf diesem faszinierenden Folk-Horror-Album heißt “Befruchtete Erde”. Passt.

Hm.

Hat hier wer Top Ten gesagt? Pah, da geht doch noch mehr. Auf Platz zwei folgen:

LORD VIGO: We Shall Overcome
…weil ich den Move, von Billy Idol zu klauen, einfach sehr mutig finde.

AFSIND: Afsind
…weil ich bei den Proberaum-Diskussionen ums Cover-Artwork gerne dabei gewesen wäre.

VITAL SPIRIT: Still As The Night, Cold As The Wind
…weil Black Metal halt auch in bunt und wild-westlich verdammt gut funktioniert.

FRANZ NICOLAY: New River
…weil “Garlic & Vine” ein absoluter Über-Song ist und Franz Nicolay ein absoluter Über-Typ.

VOODOO JÜRGENS: Wie die Nocht noch jung wor
…weil in meiner Brust ein Herz für traurige Wiener schlägt. Es befindet sich dieses zarte, traurigschöne Lied darauf, zu dem es glücklicherweise auch ein stimmungsvolles Video gibt:

Das Cover-Artwork des Jahres kommt aus Utrecht und ziert das Album “In One Of These, I Am Your Enemy” von TERZIJ DE HORDE:

Meine Punk-Lieblinge von TURBOSTAAT durfte ich nicht nur bei der Osnabrücker Maiwoche live sehen, sondern mit “Otto muss fallen” auch eine neue Video-Single von ihnen genießen. Nach einer schweren Erkrankung innerhalb der Band hat man sich für 2023 mittlerweile auch wieder gesund gemeldet. Wie schön!

Meine eigene Band NO°RD ist 2022 aus dem Pandemie-Schlaf erweckt worden, mit neuem Schlagzeuger, neuen Songs, einem Plan für ein neues Album (Studio für Anfang 2023 ist gebucht!) und vier großartigen Auftritten. Große Vorfreude!

Ich stehe total auf knorrig-urigen “Urfolk” und bin dem House Of Inkantation dankbar für einen kurz vor Jahresschluss veröffentlichten Sampler namens “Neue deutsche Folksmusik I: Rauhnachtsweisen”, auf dem es viel zu entdecken gibt, z.B. dieses süße Kleinod.

Entdeckt habe ich beim Schreiben dieses und Lesen zahlreicher anderer Jahresrückblicke dann zwei weitere Alben, die ich dementsprechend noch nicht ausreichend hören konnte, von denen ich aber weiß, dass sie mich in den nächsten Wochen oder sogar Monaten begleiten werden: 1. Aus Schottland haben ASHENSPIRE mit “Hostile Architecture” ein Werk auf die Welt losgelassen, auf das ich, wie ich gerade feststelle, sehnlichst gewartet habe: Sie klingen sehr nach A FOREST OF STARS, sind aber nicht psychedelisch, sondern anarcho-kommunistisch unterwegs, haben enormen lyrischen Anspruch und werden diesem sogar gerecht, inklusive einiger fantastischer Hooks: “WE ARE THE CULT OF WORK / WE ARE THE CULT OF LABOUR SOLD” – ja, verdammt! // 2. Aus Kanada bzw. von Constellation Records kommen BLACK OX ORKESTAR, die ich Anfang der 00er-Jahre schon toll fand, die dann aber 15 Jahre Pause gemacht haben. Jetzt sind sie zurück mit einem wunderschönen bittersüßen Album voller jüdischer Diaspora-Folklore: “Everything Returns”.

Zwei EPs muss ich noch erwähnen, und zwar “Ridge & Furrow” von DARK FOREST (der perfekte Soundtrack für Frühling und Sommer) und “Vilsna anders utmark” von GRIFT (der perfekte Soundtrack für Herbst und Winter).

Die lokale DIY-Punk-Szene hat u.a. mit Lametta-Shows, den Pankdemic-Shows und der Neueröffnung des Nordpols erneut viel dafür getan, dass die Szene weiter wächst und gedeiht. Wie schön! Shout-Outs an dieser Stelle gehen raus an LÜGEN, die eine tolle Abschieds-EP veröffentlicht haben, und zwei neuen Namen mit alten Bekannten: JETSKI ACCIDENTS, “The most radical about us is our conformism”, ein hervorragendes melancholisches Pop-Punk-Album, und ZYMT mit erfrischendem Deutschpunkcountrypop und dem schönen Titel “Das Privileg der Misanthropie”.

Zum Ausklang ein unglaublich süßes Musikvideo, das mich nachhaltig bewegt hat. Das Album ist mir ein bisschen zu viel des Guten, aber „Ein Freund“ ist wundervoll und kann nicht oft genug angeschaut und -gehört werden:

In diesem Sinne ein gutes und schönes Jahr 2023.