FER DE LANCE: The Hyperborean

Okay. Ihr habt die Schnauze voll? Wollt von all dem Mist, der um uns herum passiert, nichts mehr hören? Ihr versteht sowieso nur “Bahnhof”, “Krieg” oder “Freiheit” und findet das alles scheiße? Ja, dann aber nichts wie ran an die Anlage und “The Hyperborean” aufgelegt, verdammt!

FER DE LANCE kommen aus Chicago und legen nach einer schon beeindruckend guten EP im Jahre 2020 nun ihr Debüt-Album vor. Zwar kennt man die Musiker und die Musikerin bereits von anderen Bands (MIDNIGHT DICE, PROFESSOR EMERITUS oder SATAN’S HALLOW z.B.), aber mit FER DE LANCE haben sie sich nun voll und ganz dem traditionellen Epic Metal verschrieben, und heilige Scheiße, was bin ich froh darum!

Im Ernst, ich hab seit “The Armor Of Ire” von ETERNAL CHAMPION nach einem Album gesucht, das mir ähnliche Gänsehaut, ähnliche Ohrwürmer, ähnlich viel Kraft gibt, wie eben dieses es damals getan hat. Aber Epic Metal ist ein verdammt schwieriges Genre, wenn man mich fragt – man muss nicht nur sein Handwerk perfekt beherrschen, man muss auch noch so klingen, als wäre man mindestens dreißig Jahre lang eingefroren gewesen und wüsste trotzdem, was währenddessen alles so im Heavy Metal passiert ist. Und nicht zuletzt muss man seine Musik in ein möglichst lächerliches Konzept gießen, das aber überhaupt nicht lächerlich wirkt, solange man ihm lauscht.

Ab in den hohen Norden

In diesem Fall geht es um einen Mann, der die Zivilisation satt hat und deshalb mal eben in den hohen Norden abhaut; es gibt Meeresrauschen, Donnern, Chöre. Nicht besonders originell, aber verdammt nochmal, “The Hyperborean” wirkt, als wäre es das einzige Werk dieser Art auf der Welt, die Essenz dessen, der pure Heavy Metal. Aus jeder Sekunde trieft Leidenschaft, dargeboten mit geradezu unverschämt hohem handwerklichen Können: Der Gesang allein lässt meinen Bizeps auf Conan-Maße anwachsen, die Gitarren fideln meinen Geist in epische Höhen, das Schlagzeug macht aus meinem Herzen eine Kampfmaschine.

Bzw. ein “Hammerheart“. Der Einfluss ist riesig. Aber was ja immer gern vergessen wird: BATHORY war damals innovativ und faszinierend obskur, aber handwerklich auch ganz schön mies. Bei FER DE LANCE hingegen klingt zwar alles irgendwie alt und klassisch, es stimmt aber jeder Ton, es sitzt jeder Schlag, und es ist trotzdem das gewisse Etwas da, dieses Moment, das andere immer mit einem gewissen Wort mit “k” beschreiben und mit dem dann leider in der Realität doch oft bloß eine Vorliebe für schiefe Töne oder miserable Produktion gemeint ist.

FER DE LANCE hingegen sind kauzig (argh!) und treffen trotzdem jeden Ton. Das liebe ich an ihnen. Liegt es am wahnsinnig wahnsinnigen Gesang? An den klug eingesetzten Akustik-Gitarren, die weit mehr als ein bloßes Gimmick sind, sondern im Gegenteil ein notwendiger Kontrapunkt zu all der brachialen Gewalt, die sich in den Songs so über uns ergießt? Ja. An beidem. Und aber auch daran, dass wir hier Oh-Oh-Oh-Chöre hören, die zwar obszön simpel, aber irgendwie so voller Widerhaken inszeniert sind, dass sie erst beim dritten oder vierten Durchlauf wirklich wirken – und dann sich aber auch inständig weigern, Herz und Hirn wieder zu verlassen.

“The Hyperborean” ist ein Kandidat für das Album des Jahres

Um das noch deutlicher zu sagen: Ohne ihren fantastischen Sänger (wer z.B. bei der Zeile “neither by ship nor by foot” im Titeltrack nicht sofort Ganzkörper-Gänsehaut kriegt, hat vermutlich gar keine Haut und ist ein Roboter oder sowas!!) und ohne die herrlichen Akustik-Gitarrenläufe, regelmäßig über das angenehm effektiv und aggressiv kloppende Schlagzeug gelegt (ich liebe solche Kombinationen!) wären FER DE LANCE einfach nur eine besonders gute Epic-Metal-Band. Mit ihnen jedoch sind sie Weltklasse; “The Hyperborean” ist ein Kandidat für das Album des Jahres.

Außerdem ist es verdammt abwechslungsreich. Wir schütteln kräftig die (nun ja) Matte (“Arctic Winds”), statten good old Asa Bay einen Besuch ab (“Northern Skies”), schauen einmal kurz beim Höllenfeuer rein (“Ad Bestias”), und am Ende ziehen wir endgültig die Fellhose an (“The Hyperborean“). Scheiße, ist Heavy Metal geil, denken wir uns dann, während wir zum xten Male den Text so halb richtig mitsingen und dabei majestätisch die Fäuste ballen! Wieder ein bisschen Ruhe vor der Welt gehabt. Wieder ein bisschen Glück. Bitte kommt nach Deutschland! Danke!

Spielzeit: 52:42 Min.

Veröffentlichung am 22.4.2022 auf Cruz Del Sur

FER DE LANCE “The Hyperborean” Tracklist

1. Aurora Borealis
2. The Mariner
3. Ad Bestias (Lyric-Video bei YouTube)
4. Sirens
5. Northern Skies
6. Arctic Winds
7. The Hyperborean (Offizielles Video auf YouTube)