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Samstag, 4. April 2026
Defocus | Stepfather Fred | Necrotted | Parasite Inc. | Samurai Pizza Cats | Rage | J.B.O.
Sonntag, 5. April 2026
The Defect | Stain The Canvas | Avralize | Butcher Babies | The Browning | Infected Rain | Ignite | TBS
Öfter mal was Neues. Jedenfalls für uns, denn in Oberndorf am Neckar hat sich das Prozedere schon längst eingespielt, wie der Slogan auf dem großen Banner zu verstehen gibt: „Traditionell hart zu Ostern“, lautet das Motto, dem wir selbst an diesem Jahr zum ersten Mal Folge leisten wollen. Zwei Tage lang verwandelt sich die hiesige Neckarhalle – eine Multifunktions- und Sportstätte – zum Treffpunkt der baden-württembergschen Metalszene: ein etabliertes Get-together, wo man sich größtenteils kennt und das sich auch im Line-up widerspiegelt.
Regionale wie internationale Acts sorgen für ein bunt gemischtes Programm, das in seiner Stilvielfalt auch die Besucherschaft abbildet: Vom Deathcore-Szene-Kid bis zum traditionellen Metalhead reicht das Publikum; vom in Würde ergrauten Veteranen mit reich bestickter Kutte bis zum kleinsten Nachwuchs, der sich offenbar schon im Wiegenalter mit der Pommesgabel vertraut machen durfte. Kurzum, ein Ort, an dem auch wir uns als Auswärtige wie zu Hause fühlen dürfen.
Samstag, 4. April 2026

Wie leicht uns das letztendlich fällt, ist auch den Rahmenbedingungen zuzuschreiben: Trotz baubedingter Straßensperrung und einem Wegfall zahlreicher Parkplätze war die Kommunikation der Veranstalter vorab so proaktiv wie transparent. Die kommunizierten Ausweichflächen in Hallennähe erreichen wir ohne Zwischenfälle, sodass wir pünktlich zum Einlass vor den Toren stehen, wo bereits eine ganze Schar an Fans geduldig auf den Startschuss wartet, so sie denn nicht an einem der drei Food Trucks frühzeitig das leibliche Wohl sicherstellen.
Von Mac’n’Cheese-Pasta-Variationen über Wraps und Loaded Fries bis hin zu Klassikern wie Currywurst oder Burger reicht die Auswahl, letztere immerhin auch als vegane Option verfügbar. Im Innenbereich wiederum darf man sein Erspartes wahlweise gegen kühle Erfrischungen oder trockene und saubere Textilien eintauschen, was an diesem Wochenende rege in Kauf genommen wird: Die Menschentrauben vor dem Band- und Festivalmerchandise sind zu Stoßzeiten beachtlich, insbesondere wenn einer der Acts gerade einen packenden Auftritt hinter sich gebracht hat.
DEFOCUS

Elan ist derweil das passende Stichwort für DEFOCUS, welche die Rolle des Anheizers mit Enthusiasmus annehmen. In der Literatur spräche man wohl von Sturm und Drang, im Fachjargon kämen uns dagegen Attribute wie ungezügelt in den Sinn. Los geht es nämlich mit einem klitzekleinen Drumsolo, bevor Bassist Bambam mit einem Urschrei auf die Bretter sprintet, der selbst ohne Verstärker bis in die hinteren Ecken der Neckarhalle zu hören ist.
Diese Energie spiegelt sich gleichermaßen im Songmaterial des Quartetts, deren Post Metalcore in „Flatlines“ mit Djent-Groove loslegt und diese Intensität bis zum Ende hin beibehält. Die klar gesungene Hook von „Coma“ bleibt somit die Ausnahme, schließlich haben DEFOCUS mit dem Publikum einiges vor. Immerhin sei man hier in einer Sporthalle, weshalb man im Circlepit doch „für die 4x800m-Staffel trainieren“ könne.
DEFOCUS sind erfahren genug, um müde Gliedmaßen in Bewegung zu setzen

Geübt wird das in „Watch Me Bleed“ mit ähnlichem Einsatz wie zu „Disease“, wo die Wall of Death dank pointiert gesetzter Snare-Bombs noch mehr Nachdruck erhält. Dass es in der sich langsam füllenden Halle auf Anhieb drunter und drüber geht, liegt auch am Zutun der Band. Erfahren genug sind DEFOCUS mittlerweile, um müde Gliedmaßen in Bewegung zu setzen – und wenn dazu Bassist Bambam mit den Fans selbst ein paar Runden im Zentrum drehen muss, dann ist das für den unermüdlichen Musiker eben Pflicht- und nicht Wahlaufgabe.
DEFOCUS Setlist – ca. 30 Min.
1. Flatlines
2. Coma
3. Disease
4. Biased
5. Let The Bond Be My Grave
6. Watch Me Bleed
7. Crooked Mind
Fotogalerie: DEFOCUS










STEPFATHER FRED

Dass STEPFATHER FRED im Anschluss einen Gang zurückschalten, kommt uns durchaus gelegen: Ein wenig Abwechslung hält das Programm frisch, zumal die Band keinesfalls den Kuschelkurs einschlägt. Im Gegenteil: Die Vorzüge der Alternative / Heavy Rock-Band kommen früh zum Tragen und machen sich insbesondere beim Gesang bemerkbar. Frontmann Bastis raue Stimme hat genug Reibeisen-Charme, um auch in großen Sälen bestehen zu können.
Rückendeckung erhält der Sänger dabei von Gitarrist Simon, dessen Riffing während „Tripped My Demon“ in Richtung Groove Metal schielt, aber in der Stadion-Hymne „Blue Pride“ auch ordentlich (Hard-)Rock-Spirit versprüht. Mit diesem Mix finden STEPFATHER FRED den Draht zum Publikum ohne größere Umwege, so dass sich die Oberndorfer in „Cocaine“ bereitwillig als Backgroundchor einspannen lassen. Das Megafon in dessen Finale packt Fronter Basti indes schnell wieder weg, um zu den angedeuteten orientalischen Vibes im Intro von „Queen of Mine“ mit atmosphärischem Untertongesang zu überraschen.
Als Gesamtpaket sind STEPFATHER FRED ziemlich abwechslungsreich

Nicht nur gekonnt, sondern zugleich abwechslungsreich präsentiert sich somit das Gesamtpaket, das es selbst wohl kaum erwarten kann, den neu gewonnenen Fans ein weiteres Ständchen zu spielen: Vor dem letzten Song händigt die Band ein paar Konzert-Flyer an die vorderen Reihen aus – ein cleverer Schachzug, um den unberechenbaren Algorithmen der großen Social-Media-Plattformen ein Schnippchen zu schlagen.
STEPFATHER FRED Setlist – ca. 30 Min.
1. The One
2. Collecting Faith
3. Tripped My Demon
4. Blue Pride
5. Cocaine
6. Queen Of Mine
7. Relief
Fotogalerie: STEPFATHER FRED











NECROTTED

Premiere am frühen Abend: Nicht nur das neue Backdrop dürfen wir begutachten, auch die aktuelle Single „Circus Sapiens“ gibt es erstmals live auf die Ohren. Wie stolz NECROTTED auf ihr neues Studioalbum „We Are The Gods That Tear Ourselves Apart” sind, ist darüber der Songauswahl zu entnehmen. Knapp drei Wochen vor Release serviert uns die Abtsgmünder Death Metal-Band eine repräsentative Auswahl der Platte, die genauso mit Zug nach vorne stürmen („Deus Ex“) wie zum gepflegten Nackenworkout anregen kann („Fat God“).
Allein den finalen Rülpser in Letzterem hat man sich für die Studioversion gespart, ist aber in seiner Ungezwungenheit irgendwie charakteristisch für NECROTTED. So unbarmherzig die Musik, so viel Spaß hat das Quintett auf der Bühne. Dabei hat die Gruppe durchaus ein Augenmerk auf die richtige Balance, so dass die Darbietung nie ins Lächerliche abdriftet.
NECROTTED-Frontmann Fabian Fink ist bestens aufgelegt

Shouter Fabian Fink ist stimmlich bestens aufgelegt und meistert auch die giftigen Screams im melodischen Finale von „Sow Sorrow For Victory“ ohne Mühe. Sympathisch auch die Frank Mullen-Hommage (ex-SUFFOCATION), indem Fink die Blastbeats seines Kollegen Markus Braun mit der ikonischen „Chop“-Geste begleitet. Mehr kann man eigentlich nicht tun, um die Vorfreude auf das kommende Studiowerk zu schüren – in unserem Fall hat es jedenfalls geklappt.
Fotogalerie: NECROTTED
















PARASITE INC.

Auf eine treue Fanbasis können PARASITE INC. zählen. So viel ist jedenfalls schnell klar, wenn wir den Blick durch die Neckarhalle schweifen lassen. Mit den Räumlichkeiten ist die Melodic Death Metal-Band nach ihrem Gastspiel im Jahr 2023 ohnehin bereits vertraut, so dass der Einstieg mit dem energischen Doppel „First Born“ sowie „Armageddon in 16 to 9“ direkt in die Vollen geht.
Die letzten Hemmungen hingegen treibt Bassist Lou dem EASTER CROSS aus: Das Infield solle kollektiv in die Hocke gehen, um dann zu „Follow The Blind“ umso höher zu springen. Ein beliebter Festivalklassiker, dieses Spielchen, aber zugleich ungemein effektiv. Denn ab diesem Augenblick ist das Publikum voll im Jetzt angekommen: In „Dead Or Alive“ sorgt man nun für stimmliche Rückendeckung, formiert sich für „Once And For All“ zur Wall of Death und setzt im Hit „Cyan Night Dreams“ den Pit konsequent fort.
PARASITE INC. stehen heute nur zu dritt auf der Bühne

Genug Hitmaterial haben PARASITE INC. sowieso in der Hinterhand, sei es das melodisch-rockige „Sunset Overdrive“ oder der Evergreen „The Pulse Of The Dead“. Irritierend ist derweil nur das Bild auf der Bühne selbst, wo die Band heute nur zu dritt die Instrumente beackert. Dadurch klafft im ohnehin recht statischen Bild eine zusätzliche Lücke, die sich auch musikalisch bemerkbar macht: Mit Ausnahme der Soli, die Sänger Kai Bigler übernimmt, läuft die Leadgitarre als Backing Track mit.
Wir sind ehrlich: Gerade im Melodic Death Metal fühlt sich das für uns nicht richtig an, wollen aber gleichzeitig die Kirche im Dorf lassen. Schließlich sind PARASITE INC. heute bei weitem nicht die einzige Formation, die lediglich mit einer Live-Gitarre angereist ist.
PARASITE INC. Setlist – ca. 45 Min.
1. First Born
2. Armageddon in 16 to 9
3. Follow The Blind
4. Headfuck Rollercoaster
5. Sunset Overdrive
6. Dead And Alive
7. Once And For All
8. Cyan Night Dreams
9. The Pulse Of The Dead
10. When All Is Said
Fotogalerie: PARASITE INC.












SAMURAI PIZZA CATS

„Starte das Spiel!“, schallt es nach dem Digimon-Intro „Leb deinen Traum“ energisch aus den Boxen: Das „Unreal Tournament-Kid“ aka der „echte Gangster“ mag ein Internet-Meme aus frühen Zeiten sein, bringt die Energie jedoch auf den Punkt, die sodann das EASTER CROSS übermannt. Zwar sind SAMURAI PIZZA CATS in Abwesenheit von Gitarrist Daniel Haniß (ELECTRIC CALLBOY) mit Ersatz angereist, lassen sich davon jedoch keine Steine in den Weg legen.
Als stecke man immer noch voll Adrenalin vom eigenen „Samurai Pizza Fest“ aus der Vorwoche, fegt die Band von der ersten Sekunde an über die Bühne. Federführend ist hier natürlich Sänger Sebastian Fischer, der direkt zum einleitenden „Pandastruck“ den gemeinsamen Sprung aus der Hocke anordnet. Festivalspielchen als Eisbrecher sind, wie wir bereits gelernt haben, ein probates Mittel. Wie sehr sich das bezahlt macht, beobachten wir im Folgenden, wo sich zu „Falling Down“ der Circle Pit in Bewegung setzt.
Die Fans feiern SAMURAI PIZZA CATS wie einen Headliner

Um das Getümmel im Zentrum navigieren immer wieder furchtlose Crowdsurfer – so dass wir uns zwischenzeitlich mit einem prüfenden Blick auf das Tagesprogramm rückversichern, nicht bereits vor dem heutigen Headliner zu stehen. Denn wie ein solcher werden SAMURAI PIZZA CATS in der Neckarhalle gefeiert, was Frontmann Fischer für einen Augenblick ebenfalls die Sprache verschlägt. Die Freude über das turbulente Treiben vor den Brettern ist den vier Musikern jedenfalls ins Gesicht geschrieben, zumal die angereisten Fans nicht nur mit älteren Stücken à la „The Wolf In Me“ vertraut sind, sondern mit „Ramen-Man“ oder „T-Rex(plosion)“ selbst das aktuelle Material textsicher begleiten.
Genau deshalb ist es allerdings schwer nachvollziehbar, warum SAMURAI PIZZA CATS nach dem Über-Hit „Pizza Homicide“ vorzeitig die Segel streichen und so knapp zehn Minuten Spielzeit ungenutzt lassen. Später anfangen und früher aufhören, das hat das EASTER CROSS gemessen an Einsatz und Resonanz der Besucherschaft sicherlich nicht verdient.
SAMURAI PIZZA CATS Setlist – ca. 40 Min.
1. Pandastruck
2. Outcast
3. Falling Down
4. Fear No Slice
5. You’re Hellcome
6. The Wolf In Me
7. Ramen-Man
8. T-Rex(plosion)
9. Super Zero
10. Pizza Homicide
Fotogalerie: SAMURAI PIZZA CATS















RAGE

Einer völlig anderen Generation wiederum sind RAGE entsprungen, die aber selbst nach vier Dekaden im Geschäft immer noch spritzig wirken. Das essentielle Bindeglied ist hierbei Jean Bormann, dessen unbändige Energie alleine ganze Arenen füllen könnte. Der Gitarrist beackert nicht nur jeden Zentimeter der Bühne, um die eindrucksvolle Mähne fliegen zu lassen, sondern schenkt den Stücken der Band mittels beherzter Screams hier und da fast schon jugendlichen Elan.
Auf diese Weise schlagen RAGE elegant die Brücke zwischen Moderne und Tradition, so dass das Live-Trio die zuvor schon ausgelassene Stimmung in der Neckarhalle bestens für sich zunutze machen kann. Befeuert wird all das durch pointierte Thrash-Anleihen in „Innovation“ oder dem treibenden Auftakt „Under A Black Crown“. Gleichzeitig halten die Mannen um Frontmann Peavy ihre Klassiker frisch: „Refuge“ überrascht durch einen unverkrampften Reggae-Einschub, während „Solitary Man“ und „Nevermore“ mit besonders viel Nachdruck aus den Boxen schallen.
RAGE treffen mit ihrer Songauswahl den Nerv des Publikums

Wie sehr RAGE mit diesem Gleichgewicht aus Evergreens, Singalongs sowie treibenden Riffs und Soli den Nerv des Publikums treffen, ist früh den Gesichtern der Fans abzulesen und später auch im Zentrum der Lokalität zu erkennen, wo sich der zunächst kuschelige Pit immer weiter auszudehnen scheint. Konsequenterweise beweist das EASTER CROSS erst im obligatorischen „Higher Than The Sky“, dann in der Zugabe „Freedom“ seine Textsicherheit, während ein ekstatischer Fan das Durcheinander in der Mitte mit zahllosen Seifenblasen füttert.
Spätestens hier sowie im folgenden „Straight To Hell“ wird deutlich, wie frappierend das Indoor-Festival einem Mikrokosmos großer Open-Air-Veranstaltungen gleicht: Den Klassiker aus „Der Schuch des Manitu“ hält so mancher Besucher in Bild und Ton fest, obgleich in einem Fall lediglich ein „Nintendo DS“-Gerät zur Hand schien. Eigentlich schade, dass nach einer Stunde mit dem obligatorischen „Don’t Fear The Winter“ bereits wieder Schluss ist – mit RAGE auf der Bühne hätten wir freiwillig noch ein paar Minuten länger gemacht.
RAGE Setlist – ca. 60 Min.
1. Under A Black Crown
2. Innovation
3. Nevermore
4. Until I Die
5. A New Land
6. Solitary Man
7. Refuge
8. End Of All Days
9. Higher Than The Sky
——————————
10. Freedom
11. Straight To Hell
12. Don’t Fear The Winter
Fotogalerie: RAGE


















J.B.O.

Man muss das Billing eines Festivals nicht studieren, um in Erfahrung zu bringen, ob sich J.B.O. die Ehre geben werden. Schließlich ist deren Fangemeine für gewöhnlich unschwer zu erkennen: Schon seit dem Vormittag machen pinke Bademäntel und ähnlich gefärbte Textilien den beschaulichen Ort unsicher, versammeln sich zum letzten Programmpunkt des Tages jedoch geschlossen vor der Bühne der Neckarhalle.
Allein dort aushalten wollen es viele Besucher:innen die nächsten anderthalb Stunden nicht: Dass sich der Saal mit fortschreitender Spieldauer des Headliners doch spürbar leert, mag in Teilen der späten Stunde zuzuschreiben sein, spiegelt jedoch auch relativ akkurat den Auftritt der fränkischen Fun-Metal-Band wider. Denn überspringen will der Funke heute nicht so recht, so dass die „Tour Of The Rising Fun“ letztlich eher eine gegensätzliche Tendenz aufweist.
Die übliche J.B.O.-Sause will auf dem EASTER CROSS nicht in Schwung kommen

Dabei beginnt die Show mit rosafarbenem Flitter und Luftschlangen noch so bunt und unbeschwert wie eh und je: Klassiker à la „Arschloch und Spaß dabei“ oder das kurzweilige Medley aus Stücken des Debütalbums (1995) liefern eigentlich die Steilvorlage für einen gewohnt kauzigen Auftritt des Quartetts. Nur anders als in „Ich will Spaß“ verkündet, bleibt das Gaspedal weit weg vom Bodenblech.
Warum die Sause auf dem EASTER CROSS nicht in Schwung kommen will, liegt sicherlich auch an der Songauswahl: So zieht das stumpfe „Bussi“ nach dem unbeschwerten Auftakt mit einem Mal sämtliche Energie aus der Halle, die selbst der Evergreen „Bolle“ nicht mehr zurückholen kann. In der Folge verpuffen sowohl das ruppige „Gänseblümchen“ als auch die Deutschrock-Parodie „Stinkefinger“ im Nichts, anstatt den Moshpit anzuheizen.
J.B.O. scheinen heute überwiegend im Autopiloten unterwegs zu sein

Besser aufgenommen werden dagegen die Trinkhymne „Mach noch eins auf“ sowie das unkaputtbare „Ein guter Tag zum Sterben“, bei dem Gitarrist und Sänger Vito den Hansi Kürsch mimt: Wie bei der BLIND GUARDIAN-Ballade „The Bard’s Song (In The Forest)“ überlässt der Frontmann den Fans das Wort, die das Stück Schulter an Schulter schunkelnd in beachtlicher Lautstärke rezitieren. Warum Vito also diesem Höhepunkt durch die mehrminütige Erläuterung einer Textzeile komplett den Garaus macht, bleibt für uns völlig unverständlich.
Überhaupt scheinen J.B.O. heute abseits des Bass- und Schlagzeug-Solos, bei welchem der gut gelaunte Wolfram Kellner brillieren darf, etwas neben der Spur. Als wäre die Formation im Autopiloten unterwegs, fehlt schlicht die Spritzigkeit auf der Bühne, die in Abwesenheit der Backgroundsänger noch deutlicher zutage tritt. Wuselt es sonst an allen Ecken und Enden, sind heute eine Handvoll rosafarbene Luftballons das höchste der Gefühle.
Mehr als Dienst nach Vorschrift ist heute nicht drin

Dass die vier Blödel-Metaller zum Abschluss der Nacht und als letzte Zugabe also ausgerechnet „Ein Fest“ beschwören, trägt fast schon ironischen Charakter, hatten wir doch eigentlich genau das vom Headliner des ersten Festivaltags erwartet und am Ende nur Dienst nach Vorschrift bekommen – schade.
J.B.O. Setlist – ca. 90 Min.
1. Vito wir machen Krach
2. Arschloch und Spaß dabei
3. Ich will Spaß
4. “Explizite Lyrik”-Medley
5. Bussi
6. Bolle
7. Gänseblümchen
8. Metal Was My First Love
9. Stinkefinger
10. Mach noch eins auf!
11. Bass & Drum Solo
12. Geh mer halt zu Slayer
13. Ein guter Tag zum Sterben
14. Vier Finger für ein Hallelujah
15. Verteidiger des Blödsinns
16. Wacken ist nur einmal im Jahr
————————
17. Alles nur geklaut
18. Ein Fest
Fotogalerie: J.B.O.


















Sonntag, 5. April 2026

Auf das traditionelle Osterfrühstück mit der Familie müssen wir dieses Jahr verzichten, dafür wartet als Entschädigung ein kunterbuntes Osternest auf uns: Als wäre es ein heimlicher Wettstreit der Generationen führt das Billing des zweiten Tags mit THE BUTCHER SISTERS eine weitere Spaßband an – nur eben mit dem Finger fest am Puls der Zeit, wo Memes und surrealer Brainrot den Inhalt des Crossover-Mixes bestimmen.
Für konservativer veranlagte Naturen dürfen IGNITE den Co-Headline-Slot füllen, während es an diesem Sonntag ansonsten spürbar moderner zur Sache geht: Von INFECTED RAIN bis THE BROWNING erstreckt sich das Programm, so dass es gerade für die Feierwütigen unter den Besucher:innen eigentlich keine Ausrede geben sollte.
THE DEFECT

Dafür sorgt außerdem der Auftakt mit THE DEFECT: Das Nebenprojekt, das THE BROWNINGs Jonny McBee gemeinsam mit seiner Frau Moon ins Leben rief, funktioniert auf der Bühne per Definition hervorragend. Bratende Gitarren, drückende Rhythmen und eingängige Synthesizer bilden das Rückgrat des elektronischen Alternative Metals, dessen Dreh- und Angelpunkt aber doch der sphärische Klargesang der Fronterin bleibt.
Zwar streut Moon hier und da selbst vereinzelt harsche Vocals bei, in der Regel kommt diese Rolle jedoch ihrem Ehegatten zu, der sich in „Annihilate“ und „Immortal“ energisch zu Wort meldet. Simpel, doch effektiv lautet die Devise, die ab dem Breakdown von „Eternal“ sogar den ersten stattlichen Pit vom Stapel bricht.
Hin und wieder keift Sängerin Moon selbst ins Mikro

Eine runde Sache also, wäre da nicht Geschichte mit dem effektbeladenen Gesang, der uns erst recht stutzig macht, als Moon McBee doch mal ins Mikro keift. Dann ist sie nämlich plötzlich kaum zu hören, während die Singstimme in studiogleicher Perfektion alles andere überstrahlt.
Der Verdacht, dass hier wohl ein begleitender Backing Track dominant nach vorne gemischt wurde, erhärtet sich beim neuen Stück „Stay Away“, wo hörbare Übergänge nicht ganz zur Darbietung passen. Insgesamt zwar ein kurzweiliger Auftritt, den wir wohl allerdings nur mit Bauchschmerzen als wirkliche Live-Performance werten könnten.
THE DEFECT Setlist – ca. 25 Min.
1. Annihilate
2. Immortal
3. Lost In The Shadows
4. Broken Minds
5. Run
6. Eternal (What Do You See?)
7. Stay Away
Fotogalerie: THE DEFECT


















STAIN THE CANVAS

Die großen Vorbilder blitzen an allen Ecken und Enden hindurch, auch wenn STAIN THE CANVAS im Live-Format überraschend giftig klingen. Sowohl in der Ästhetik als auch dem Hang zum genrefluiden Songwriting meinen wir BRING ME THE HORIZON herauslesen zu können. Mit dem Unterschied jedoch, dass die Italiener zwar kreativ nicht ganz so ungezügelt agieren, dafür aber ihre Post Hardcore-Wurzeln beizeiten umso galliger intonieren.
Kurioserweise kommen uns während der ersten Minuten tatsächlich sogar punktuell LORNA SHORE in den Sinn, so energisch schreit Bryan Marte ins Mikrofon. Dass es bei dieser einen Assoziation bleibt, soll der Band nicht zum Nachteil gereichen, zeigt sie uns doch mit jedem Song eine neue Facette ihres Sounds: So greift Bassist Luca Giorgi in „Gattini“ für eine Rapeinlage selbst zum Mikrofon, während „Seal My Soul“ mit seinem klar gesungenen Refrain sogar mit Hitpotenzial daherkommt.
Frontmann Bryan erkundet höchstpersönlich den Circle Pit

Zwischen den Stücken zeigen sich STAIN THE CANVAS eher kurz angebunden, ohne jedoch überheblich zu wirken. Das Gegenteil ist der Fall, wie uns Frontmann Bryan zum Abschluss beweisen will, indem er höchstselbst im Circle Pit auf Tuchfühlung geht und das Publikum immer und immer weiter zu einer zusätzlichen Runde anstachelt, nur um schlussendlich den allerletzten Breakdown verschmitzt durch Rick Astleys „Never Gonna Give You Up“ zu ersetzen. Manche Dinge werden eben nie alt.
Fotogalerie: STAIN THE CANVAS









AVRALIZE

Erst vor zwei Wochen verschlug es AVRALIZE für einen Festivalauftritt nach Taiwan. Keine Frage, dass bei den Rückkehrern heute also „Wanderlust“ auf der Setlist steht und mit einem beachtlichen Circle Pit gewürdigt wird: Obwohl sich das Quartett mit seinem aktuellen Studioalbum „Liminal“ (2025) des Modern Metalcore-Korsetts zusehends entledigt hat, bleibt der bunte Stilmix packend.
Das spiegelt sich in der Reaktion des EASTER CROSS, welches die verspielten Gitarren und wilden Breaks von „Medicine“ ebenso ins Herz schließt wie die die unverkrampften Strophen von „Bite My Tongue“. Im Takt springen kann man hier schließlich weiterhin ausgelassen und auch eine Wall of Death packen AVRALIZE zum Ende geschickt in den Song. Das funktioniert, weil das aktuelle Material live spürbar kraftvoller wirkt als in der Studioversion.
Mit AVRALIZE vergeht die Zeit wie im Flug

Daher können die neuen Kompositionen, die den Großteil des Sets stellen, selbst neben erprobten Brechern wie „Lotus“ bestehen. Überhaupt vergeht die gute halbe Stunde in der Neckarhalle wie im Flug, was auch an der kurzweiligen Performance der Band aus Rottweil liegt: Sympathisch und authentisch geben sich AVRALIZE auf den Brettern, wobei vor allem Frontmann Severin Sailer in seiner Rolle aufzugehen scheint. Klammerte sich der Sänger früher bisweilen an seinen Mikrofonständer, nennt er nun die komplette Bühne sein zu Hause. Schön, dass am Ostersonntag so viel Enthusiasmus auf die gleiche Menge Gegenliebe stößt.
AVRALIZE Setlist – ca. 35 Min.
1. Medicine
2. Wanderlust
3. Lotus
4. Bite My Tongue
5. Liminal
6. Canvas
7. Helium
8. Upside Down
Fotogalerie: AVRALIZE














BUTCHER BABIES

Um ähnlich viel Anerkennung müssen die BUTCHER BABIES derweil kämpfen: Im Vergleich zu den Quasi-Lokalmatadoren hat sich die Arena eine knappe halbe Stunde später spürbar geleert. Allzu dramatisch fällt der Publikumsschwund glücklicherweise nicht aus, weshalb die Stimmung in der Neckarhalle keinen nennenswerten Dämpfer erfährt.
Einen nicht zu unterschätzenden Anteil daran trägt freilich Heidi Shepherd, deren harsche Vocals im kompromisslosen Einstieg „Backstreets Of Tennessee“ mindestens so makellos sind wie das sorgfältig aufgetragene Make-up im Gesicht. Bremsen lässt sich die Shouterin darüber hinaus sowieso nicht, sondern erklimmt im kernigen „Monsters Ball“ früh den Wellenbrecher, um den Fans in den vorderen Reihen eigenhändig Feuer unterm Hintern zu machen.
BUTCHER BABIES-Sängerin Heidi Shepherd hat ihr Stageacting sichtlich perfektioniert

Keine Frage, Shepherd ist eine erfahrene und überaus routinierte Frontfrau, deren Publikumsdialog in der Konsequenz oftmals arg einstudiert wirkt, die dafür jedoch ihr energisches Stageacting bis ins letzte Detail perfektioniert hat. Mit beispielloser Präsenz füllt sie nicht nur jeden Zentimeter der Bühne, sondern später auch das Auge des Circle Pits, welcher sich unermüdlich um die blonde Mähne im Zentrum dreht.
Dass die BUTCHER BABIES nach Besetzungswechsel also auch ohne ihre einstige Doppelspitze gut funktionieren, wollen wir angesichts dieser Performance nicht weiter anzweifeln. Ganz ohne Zugeständnis geht es allerdings nicht: Gerade die klar gesungenen Hooks von „Red Thunder“ und „Sincerity“ begleiten heute prominent platzierte Backing Tracks, die wohl etwas mehr Volumen beisteuern sollen.
BUTCHER BABIES Setlist – ca. 45 Min.
1. Backstreets Of Tennessee
2. Red Thunder
3. Monsters Ball
4. Sincerity
5. Beaver Cage
6. It’s Killin’ Time, Baby!
7. Lost In Your Touch
8. Black Dove
9. Spittin’ Teeth
10. Drum Solo
11. Magnolia Blvd.
Fotogalerie: BUTCHER BABIES



















THE BROWNING

Mit der Lokalität durfte sich Mastermind Jonny McBee bereits am Nachmittag vertraut machen. Im Vergleich zum Anheizer-Slot mit THE DEFECT blickt der Frontmann nun allerdings auf eine vollgepackte Arena, die sodann zur Tanzfläche umfunktioniert wird. Gefeiert wird heute nicht etwa die Wiederauferstehung Jesu, sondern die des Debütalbums „Burn This World“ (2011), dem das Trio zum 15-jährigen eine Neuaufnahme spendiert hatte.
Dementsprechend beginnen THE BROWNING die erste Hälfte des Sets mit einer kleinen Zeitreise: „No Escape“ und „Not Alone“ zeigen die Marschrichtung des Electronic Deathcore auf, welcher massive Riffs, mörderischen Groove und tanzbare Synth-Einschübe miteinander verbindet. Dazu passend setzt die Band auf Nebel, erratische Lichter und indirekte Beleuchtung, um die althergebrachte Sporthalle für 45 Minuten in einen angesagten Nachtclub zu verwandeln.
THE BROWNING haben ihr Publikum fest in der Hand

Passend dazu wummert der Bass mit besonders viel Nachdruck, so dass sich während der Show gar ein längst vergessener, herzförmiger Gasluftballon aus dem Gebälk löst und sanft zu Boden segelt. Die Trance-Vibes von „Bloodlust“ sorgen in der Zwischenzeit für regelrechte Eskalation im Zentrum, wo die Oberndorfer:innen wahlweise im Takt springen oder sich gleich in den Moshpit stürzen.
Als etwa zur Hälfte mit „Wake Up“ die erste Zäsur folgt, haben THE BROWNING ihr Publikum ohnehin schon längst in der Hand, weshalb die Auswahl aktueller Stücke von „Hivemind“ über „Deveiver“ bis hin zu „Poison“ zum regelrechten Siegeszug wird. Den stimmungstechnischen Höhepunkt erreicht das Set aber während einer Coverversion: Dass man hierzulande und vor einem feierwütigen Publikum mit EIFFEL 65s „Blue (Da Ba Dee)“ nur gewinnen kann, ist sicherlich kein Geheimnis.
Fotogalerie: THE BROWNING











INFECTED RAIN

Der Intro-Track “Mutation Phase” lässt bereits durchblicken, was INFECTED RAIN im Schilde führen: Bevor die Nu / Alternative Metal-Band jedoch auf dem EASTER CROSS ihre neue Ära einleiten kann, gilt es erstmal die Technik zum Laufen zu bringen. Aus der Distanz scheinen es die beiden LED-Screens zu sein, die zunächst etwas Zicken machen und so für die zehnminütige Verspätung verantwortlich sind.
Als es dann letzten Endes losgeht, präsentieren uns die Moldauer tatsächlich ein neues Gesicht: So perfekt ausgeklügelt und abgestimmt war die begleitende visuelle Untermalung bislang noch nie, obschon wir das Quartett um Sängerin Lena Scissorhands bereits einige Male live erleben durften.
INFECTED RAIN kommen heute nicht so richtig in Fahrt

Leider fehlt es im Gegenzug heute an Spritzigkeit: Gitarrist Vidick fegt zwar wie der Wirbelwind über die Bühne, so dass wir uns manchmal fragen, wie der Mann bei all den Drehungen überhaupt noch sein Instrument bedienen will.
Im Gesamten will der Funke allerdings nicht so recht überspringen: Der Ton in der Neckarhalle ist während des Sets auffallend leise, wohingegen Fronterin Lena Scissorhands gesundheitlich angeschlagen klingt. Zu hören ist das jedenfalls immer dann, wenn sie ihre Singstimme erhebt, die in „The Answer Is You“ oder „Dying Light“ hörbar heiser – doch immerhin live – ertönt.
Für „The Realm of Chaos“ gibt sich BUTCHER BABIES-Sängerin Heidi die Ehre

Ferner wird selbst der Sprung aus der Hocke in Zweitgenanntem nicht zum ersehnten Eisbrecher, wenngleich es schwer ist, einen einzigen ausschlaggebenden Grund für die gedämpfte Atmosphäre in der Halle auszumachen. Grundsätzlich agiert Scissorhands nämlich wie ihre Mitstreiter:innen gleichermaßen routiniert wie engagiert, während INFECTED RAIN mit dem Klassiker Orphan Soul“ sogar einen Ausflug in frühere Schaffensperioden wagen.
Dass für „The Realm Of Chaos” zudem Heidi Shepherd (BUTCHER BABIES) auf die Bretter zurückkehrt, ist ein schöner Touch, den Lena Scissorhands mit Blick auf die Gastsängerin entsprechend zu würdigen weiß: Endlich könne man den Song so aufführen, wie er ursprünglich konzipiert wurde. Ein schönes Geschenk an die Fans – schade, dass INFECTED RAIN auf dem EASTER CROSS ansonsten nicht so zwingend auftreten, wie wir es in der Vergangenheit von der Gruppe gewohnt waren.
INFECTED RAIN Setlist – ca. 50 Min.
1. Mutation Phase
2. The Answer Is You
3. Dying Light
4. Fighter
5. Orphan Soul
6. Stranger
7. The Realm Of Chaos
8. Never To Return
9. Because I Let You
Fotogalerie: INFECTED RAIN



















IGNITE

Streng genommen sind sie ja die einzige richtige Core-Band an diesem Festivaltag: Entsprechend fallen IGNITE stilistisch zwar aus dem Rahmen, trotz traditionsverbundener Ausrichtung aber nicht aus der Zeit. Im Gegenteil sogar, denn dem unverschämt nach vorne preschenden Melodic Hardcore-Punk können wir uns kaum entziehen, zumal wohl keine andere Formation an diesem Osterwochenende so viel aufrichtige Spielfreude zeigt wie die US-Amerikaner.
Geradezu unablässig sind die vier Musiker unterwegs, während sie zeitgleich den Blickkontakt mit den Fans suchen. Entsprechend dauert es nicht lange, bis sich langsam der erste kleine Pit formiert, der nur dann zum Stehen kommt, wenn der rundum sympathische Eli Santana ein paar Worte an die Anhängerschaft richtet.
Bodenständig und sympathisch: IGNITE leben für die Musik

Dessen Forderungen bleiben in der Folge keineswegs ungehört, so dass das Infield in „Let It Burn“ bald auf und ab springt oder sogar selbst die Stimme erhebt. „Bleeding“ nimmt Santana nämlich zum Anlass, um am Wellenbrecher das Mikrofon durchzureichen. „Who Sold Out Now?“ fragen IGNITE im Anschluss und erhalten die eindeutige Rückmeldung. Sicherlich nicht das bodenständige Quartett aus Orange County, das für das Finale sogar einen Fan auf die Bühne holt.
Nicht ganz klar war zuvor, was sich der gute Mann von seinen Helden erhofft hatte, wir vermuten jedoch, dass es hier primär um ein Foto ging. Nun aber steht der Metalhead plötzlich mit Brett Rasmussens Bass in der Hand vor 2000 gut gelaunten Besucher:innen und darf spontanen eine Lektion Musikunterricht genießen.
IGNITE verkörpern das, was Live-Shows so magisch macht

Zwar muss Rasmussen am Ende des Tages doch wieder selbst Hand anlegen, sein ersehntes Foto hingegen darf sich der Fan letztlich doch noch abholen, nachdem Frontmann Eli Santana von seinem verdienten Bad in der Menge zurückgekehrt war. Kurzum, ohne Pomp und Schnickschnack verkörpern IGNITE exakt das, was Live-Shows in ihrem Kern so magisch macht.
Fotogalerie: IGNITE




















THE BUTCHER SISTERS / TBS

A propos Magie: Für den Headline-Slot hat sich das EASTER CROSS regelrechte Mulitalente ins Haus geholt. Ihre „Rap, Rock und Zaubershow“ starten THE BUTCHER SISTERS aka TBS heute direkt mit einem verblüffenden Trick, indem sich die fünf Musiker aus dem Nichts auf der Bühne materialisieren. Wie genau diese Illusion funktioniert, erfahren wir zwar nicht – ein echter Zauberer bewahrt seine Geheimnisse, ihr versteht -, letztlich scheint man hier jedoch die Methoden des Magier-Duos Siegfried & Joy einfach umgekehrt zu haben.
Deren Parade-Praktik beherrschen TBS selbstverständlich ebenfalls, wobei im Laufe der 70-minütigen Show vorwiegend Bierdosen verschwinden sollen. Eine ganze Reihe davon erwischt es schon im Opener „Bierosaufus Ex“, wo Shouter Stroppo den kühlen Gerstensaft als Treibstoff für den Breakdown benötigt. Letztlich nur ein kleiner Vorwand, wie uns scheint, um die vorderen Reihen inklusive Fotografen einer schäumenden Bierdusche zu unterziehen.
TBS zeichnen sich wiederholt durch ihre Entertainerqualitäten aus

Zumindest die Fans baden augenscheinlich gerne im Gesöff, schließlich handelt es sich hierbei nur um den Beginn einer riesengroßen Sause, die eigentlich permanent am Rande der Eskalation zu stehen scheint. Die Texte zwischen Saufgelage und Zeitgeist kennt das EASTER CROSS bis zur letzten Silbe, so dass Rapper Alex in „Herr Dokter“ eigentlich auch das Mikrofon beiseitelegen oder im zuvor bemühten magischen Zylinder gegen eine zusätzliche Bierdose hätte tauschen können.
Was TBS auszeichnet, sind derweil die Entertainer-Qualitäten, die Stroppo auch heute wieder per passendem Dialekt an die Zielregion anpasst, auf der einen sowie die begleitende Dramaturgie auf der anderen Seite. Ob nun ein eingeschobener Sketch vor „Cityroller“ den Song ankündigt oder Frontmann Alex anhand von Stroppo mit dem „geteilten Mann“ den berühmtesten aller Zaubertricks performt; sein Programm hält das Quintett frisch, indem es offensichtlich dämliche Pointen mit unberechenbaren Twists verknüpft. Kurzum, obwohl wir die Band erst im vergangenen Jahr erlebt haben, dürfen wir uns über neue Gags und eine geschmeidigere Setlist mit weniger Leerlauf freuen.
TBS-Shouter Stroppo reitet auf dem Bananenpferdeboot über die Menge

Dabei füllt die Gruppe ihr Programm auch ohne einen Live-Klassiker wie „UGA UGA BAM BAM“ mit zahllosen Hits, die vom Singalong „Reiner“ über das bewährte „Sonnenbrille“ bis hin zum Hit „White Monster“ reichen. Dass in letzterem die Wall of Death knallhart mit Rick Astley getrollt wird, wusste man dank Social Media schon vorab, ins offene Messer läuft die Fanschar trotzdem mit breitem Grinsen im Gesicht. Kurios: Bekämen wir jedes Mal einen Euro, wenn eine Band auf dem EASTER CROSS ihr Publikum rickrollt, dann hätten wir nun zwei Euro. Das ist nicht viel, aber es ist seltsam, dass es zweimal passiert ist.
Was sich im weiteren Verlauf der Show abspielt, ist indes gar nicht so einfach in wenige Worte zu fassen: Während auf den Brettern Sänger Alex mit der Akustikgitarre eine Interpretation von Christina Aguileras „Genie In A Bottle“ wiedergibt und Stroppo im Cowboyhut zur Country-Rock-Nummer „Klettergerüst“ einen Ausritt mit dem Bananenpferdeboot wagt, geht es in der Menge selbst mindestens genauso bekloppt zu.
Der Zugabenblock ist für TBS die Kür eines völlig außer Rand und Band geratenen Abends

So bekommt der singende Cowboy erst spontane Gesellschaft von einem weiblichen Fan, stürzt aber dann während der Nummer von seinem unförmigen Gaul und mitten in das jubelnde Publikum. Dort sichten wir außerdem den von der Band liebevoll getauften „Adidas-Man“, welcher sich das Logo des Sportartikelherstellers in mühsamer Detailarbeit in die Brust rasiert hat. Der spontane Gastauftritt der KING NUGGET GANG für den „Nudelsong“ gerät bei so viel Tohuwabohu fast schon zur Randnotiz.
Der Zugabenblock aus „Drachentöter“ und „Baggersee“ ist schlussendlich die Kür eines völlig außer Rand und Band geratenen Abends, der mit einem riesigen Wasserball, Luftschlangen und einem Geständnis sein Ende findet: „Wer hat ins Wasser gepisst?“, lautet die abschließende Frage, die sodann eine überraschende Wendung offenbart. Glaubt man dem EASTER CROSS 2026, dann ist hier niemand unschuldig. Das mag freilich nur im übertragenen Sinn Geltung haben, doch dass gleich eine ganze Arena kollektiv die Scham ablegt? Das ist das Werk von TBS und damit wohl auch der größte Zaubertrick von allen.
TBS Setlist – ca. 70 Min.
1. Bierosaufus Ex
2. Herr Dokter
3. Bierdurst
4. Rainer
5. Sonnenbrille
6. White Monster
7. Genie In A Bottle
8. Klettergerüst
9. City Roller
10. Bauchtasche
11. Nudelsong
12. Freitag
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13. Drachentöter
14. Baggersee
Fotogalerie: TBS























Lokaler Touch trifft internationales Flair: Das EASTER CROSS ist eine Institution der regionalen Metalszene

Das Motto „Traditionell hart zu Ostern“ nimmt es ja eigentlich schon vorweg: Das EASTER CROSS ist nicht erst seit gestern eine wichtige Institution der regionalen Metalszene, deren Einfluss sich Stück für Stück jedoch auch über die Landesgrenzen hinaus ausbreitet. Begründet ist das im eigentlich recht einfach gestrickten Erfolgsrezept, das sich auf ein musikalisch breit gefächertes Line-up stützt und dieses mit gleichermaßen lokalem Touch sowie internationalem Flair abrundet. Ansonsten ist es das Miteinander, das im Mittelpunkt der Veranstaltung steht: faire Preise, kurze Wege, freundliche Helfer:innen sowie eingespielte Abläufe sorgen für eine Wohlfühlatmosphäre.
Selbst ohne riesengroßes Rahmenprogramm, findet sich abseits der Shows ein wenig Ablenkung: Sei es das gemütliche Stöbern im Merchandise-Eck oder beim ungezwungenen Plausch vor den Toren, wo sich inmitten der Verpflegungsstände stets willige Gesprächspartner:innen finden lassen.
Nur direkt vor der Bühne lief nicht alles rund

Bei einem derart eingespielten Team, ist es somit verwunderlich, warum am zweiten Tag ausgerechnet die Bühnensecurity durch wiederholte Unachtsamkeit aufgefallen war: Dass Crowdsurfer:innen am Ende ihrer Reise schlicht auf den Boden krachen, darf einfach nicht passieren und bedarf künftig unbedingt sorgsamerer Aufmerksamkeit, um ein böses Ende für den Einzelnen zu vermeiden.
Glücklicherweise ist das EASTER CROSS selbst als Veranstaltung weit von einem solchen entfernt. Mit SKINDRED, CONSVMER und dem Mittelalter-Rap-Duo MITTEL ALTA haben die Veranstalter schließlich schon die ersten Acts für die nächste Auflage bestätigt. Stattfinden wird diese zur selben Zeit, am selben Ort: Das Osterwochenende in Oberndorf haben wir uns in der Folge direkt mit leuchtendem Stift im Kalender markiert. Denn was aus unserer Perspektive diesmal etwas völlig Neues war, möge auch für uns bald ebenfalls Tradition sein.
Fotogalerie: Impressionen





















Fotos: Tatjana Braun (https://www.instagram.com/tbraun_photography/)