Jahresrückblick 2019 von Andreas

Herzlich wilkommen zu meinem MUSIKALISCHEN JAHRESRÜCKBLICK 2019. Zunächst einmal möchte ich mich ENTSCHULDIGEN bei meinen lieben Freunden aus Hamburg, der Band ULF, die mir ihr gutes Debütalbum namens „Es ist gut“ zum Rezensieren zugeschickt und vergeblich auf eine Rezension gewartet haben. (Sagen wir mal so: Es ist gut.) Dafür hab ich sie aber in Bocholt – ja, in Bocholt – besucht und auf einem Bauernhof übernachtet im April! Und dafür dürfen sie jetzt diesen Text einleiten mit ihrem besten Song des Jahres, dem nicht auf dem Album enthaltenen „Diether Krebs“:

Der Refrain spricht mir aus der Menschenseele, also freuen wir uns doch alle erstmal gemeinsam, dass wir mal wieder ein Jahr geschafft haben. Großen Anteil daran hatte, wie immer, die das Jahr über erschienene Musik, eine irgendwie diesmal noch bessere Mischung aus Altbewährtem, aufregenden Neuentdeckungen und GLORYHAMMER. (Zu einigen Alben habe ich Reviews geschrieben, diese sind in den Beschreibungen verlinkt.)

Es war eigentlich unmöglich, ein Album des Jahres zu küren. Von den ersten sieben auf dieser Liste hätte es jedes werden können bzw. müssen, aber wie das halt so ist, es kann nur einer oben stehen, und das ist:

PASCOW: Jade


Am 26.10. traten PASCOW im Keller einer alternativen Kulturkneipe in der Nordstadt von Dortmund auf, im Rahmen einer Privatveranstaltung für Freundinnen und Freunde – da hab ich zum ersten Mal gedacht, dass „Jade“ mein Album des Jahres werden könnte. Es ist wunderbar wütend und melancholisch und hat auch sonst so ziemlich alles, sogar seine Fehler und eine Ballade, mit der ich mich viel mehr identifizieren kann als ich es sollte:

YELLOW EYES: Rare Field Ceiling


Ein Meisterwerk; epochale urbane Finsternis, der Soundtrack eines Lebens zwischen Wahnsinn, Wut und Elend.

LANKUM: The Livelong Day

Ich bin wegen LANKUM nach Edinburgh und Amsterdam gereist. Gut, die Städte hätten sich auch so gelohnt. Aber diese Band bedeutet mir mittlerweile so viel – sie vereint die drei großen Lieben in meinem Leben: Punk, Trad Folk und Black Metal. Und ist dabei noch so unglaublich nett und kompromisslos und gut! (Und als wäre das noch nicht genug, hat Ian Lynch Mitte Dezember seine eigene Radiosendung gestartet: „Fire Draw Near“ auf Dublin Digital Radio.)

SUN WORSHIP: Emanations Of Desolation


Ich hätte Anfang des Jahres nicht damit gerechnet, dass zwei Black-Metal-Alben dieser Art in den Top 5 landen würden, aber das ist ja das Schöne an Musik – sie kann immer wieder neu überraschen und berühren. SUN WORSHIP haben mich mit ihrer intensiven Mischung aus Black und Death Metal, in den immer wieder Post-Punk-Melodien eingewoben werden, jedenfalls völlig fertig gemacht. Da stört nicht einmal die fehlende Bass-Gitarre.

GLORYHAMMER: Legends From Beyond The Galactic Terrorvortex


Kein weiterer Kommentar.

FVNERAL FVKK: Carnal Confessions


Dieses Werk wird vermutlich auch nach fünfzig Durchläufen immer noch besser werden. So gnadenlos unkonventionell wie traditionell, ein ganz besonderes Kleinod des epischen Doom Metals.

ORVILLE PECK: Pony


Ich finde Country schon länger gut. Aber was ORVILLE PECK hier veranstaltet, diese Mischung aus Mummenschanz, (Homo-)Erotik, 50er-Jahre-Country und tief im Post Punk verwurzelter Melancholie, ist nichts weniger als genial. „Hope To Die“ ist für mich der Song des Jahres:

WOLCENSMEN: Fire In The White Stone

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Ein herrlich nostalgischer Trip in die Vergangenheit und in die Wälder und Hügel Englands oder, falls gerade kein England zur Verfügung, ins Sauerland.

Dazu passt – obwohl die Band da gar nicht gespielt hat – mein Bericht vom Prophecy Fest in Balve, das 2019 wieder ein wunderbares Erlebnis war, für das ich sehr dankbar bin. Ebenfalls großartig waren die beiden anderen sympathischen Untergrund-Metal-Events des Jahres, die ich besucht habe: das Culthe-Fest in Münster und das Vendetta-Fest in Berlin (SPECTRAL WOUND z.B. waren unglaublich; vielleicht der intensivste Auftritt, den ich dieses Jahr gesehen habe.)

BETHLEHEM: Lebe dich leer

Die haben in Balve auch gespielt und mir den perfekten Abschluss des Wochenendes beschert. Und „Lebe dich leer“ ist mal wieder ein herrlich krankes Werk geworden – BETHLEHEM sind 2019 so stark wie noch nie.

ROME: La Ceneri de Heliodoro


ROME: The Dublin Session


Musikalisch gibt’s kaum schöneres als Jerome Reuters melancholische Folk-Pop-Lieder, und von diesen gab es 2019 endlich mal wieder die Vollbedienung. Dass seine Texte, dem Genre entsprechend, zwar extrem simpel sind, aber aufgrund ihrer Ambivalenz immer wieder sowohl zu Widerspruch als auch zu Zustimmung reizen (das Thema ist „Europa“), kann man problematisch finden – ich finde es spannend. Seine Ende des Jahres dann halt auch noch einfach mal spontan erschienene „Dublin Session“ – ROME plus Irish Folk, ich wusste nicht, dass ich es brauche, aber ich brauche es – gibt mir aktuell den Rest und bietet mit „Slash’n’Burn“ einen Text, der zum Glück dann doch wieder eher eindeutig geworden ist und die in uns linksgrün versifften Gutmenschen bei der Lektüre von Social-Media-Kommentarspalten stets zwangsläufig aufkommende Wut gut in Worte fasst.

Nach dieser Top 10 unterbrechen wir das Programm für eine LP außer Konkurrenz: Dem Liedermacher-Duo THE RUSSIAN DOCTORS wurde 2019 die Ehre zuteil, auf dem renommierten Major Label ihre beiden Alben „Tote Katzen im Wind“ und „Gefesselt“ wiederveröffentlicht zu bekommen. Angeturnt von den Titeln und der Ankündigung, es handele sich um „einen musikalischen Almanach aus der Feder des kosmopolitischen Trinkers oder trinkenden Kosmopoliten S.W. Pratajev“ griff ich zu – und wurde belohnt mit angenehm süchtig machender Musik, die mal wie eine Parodie auf deutschen Neofolk, mal wie der Soundtrack zu einem Helge-Schneider-Film und mal einfach wie romantische Liebeslieder über Biberplagen oder zu impfende Tiere und ihre Tierärzte klingt, garniert mit Vodka. Bitte anhören!

(Und wo wir gerade bei Liedermachern sind: Mein Bruder hat als „Kaum Jemand“ 2019 ein sehr gutes Album für Freund*innen und Freunde romantischer Liedermachermusik und klassischen Kabaretts gemacht. Es heißt „Genug saniert“.)

Weiter mit den Plätzen 11 bis 15:

VOODOO JÜRGENS: ‚S klane Glücksspiel


Als Freund des Klangs fremder Sprachen interessiere ich mich natürlich auch für Dialekte. Voodoo Jürgens ist Wiener, hat einen absolut bescheuerten Namen und macht den schönsten Gossenjazz aller Zeiten.

MIZMOR: Cairn


Ich habe leider den Fehler gemacht, mich mit dem lyrischen Konzept von MIZMOR zu beschäftigen – banale philosophische Erkenntnisse wie „das Leben ist ganz schön absurd“ werden gnadenlos überhöht -, aber die Musik bleibt genial: wie konsequent trockene Brutalität (allein der Snare-Sound! Die Stimme!) und warme Melancholie hier verbunden werden, ist einfach geil. (2020 spielt er „Cairn“ live auf dem Roadburn; hoffentlich überschneidet sich das nicht mit dem Auftritt von LANKUM.)

THE TWILIGHT SAD: It Won/t Be Like This All The Time


Hier stechen wieder der Sprachen-Bonus und meine Vorliebe für charismatische Sänger. Aber alles andere auch: Die Schotten können nichts falsch machen, begeistern mich seit dem ersten Album immer wieder neu und haben auch hier wieder einen wehmütigen Hit nach dem Andern drauf. „There’s no love too small“…:

KONTROLLE: Egal


„Baumarkt“ hat mich mit seinem subtilen, bitterbösen Text und der finster-kalten Atmosphäre direkt abgeholt, und das Debüt-Album von KONTROLLE bietet noch viele wütende Hymnen gegen die Konformität mehr.

BORKNAGAR: True North

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Ich frage mich, wie BORKNAGAR ihre Texte schreiben. Vermutlich haben sie ungefähr 20 Vokabeln aus dem „Skandinavien-Kitsch für Anfänger“-Wörterbuch und mixen sie immer wieder zusammen. Dazu kommt diesmal eine penetrant sonnige Atmosphäre. Schrecklich. Natürlich hab ich „True North“ trotzdem ständig gehört, es ist halt einfach geil und voller Ohrwürmer, und ich liebe die Stimme von I.C.S. Vortex.

Nun müssen wir uns aber erstmal wieder zurück in die dunkle Jahreszeit beamen. Die englische Folk-Band STICK IN THE WHEEL hat zu diesem Zweck ein traumhaftes Video parat, eine elektronische Interpretation des alten englischen Weihnachtsliedes „Drive The Cold Winter Away“:

Kommen wir noch zu fünf großartigen Veröffentlichungen unter Albumlänge:

LISA O’NEILL: The Wren, The Wren


Gerne hätte ich ihr 2018er-Album „Heard A Long Gone Song“ zum Album des Jahres 2019 gekürt, aber geht halt nicht. Zum Glück kam eine EP hinterher. Die ist zwar nicht ganz so toll, aber auch. LISA O’NEILL jedenfalls kommt aus der gleichen Szene wie LANKUM und schafft eine ähnliche Atmosphäre mit ihrer Musik. Außerdem liebe ich ihre Stimme und ihre ganze Attitüde und vermutlich auch sie selbst, aber leider lebe ich in Deutschland und kann ihr keine Avancen machen. So ein Mist.

An dieser Stelle ein Hinweis auf Miles O’Reilly und sein Projekt Arbutus Yarns, durch dessen wundervolle Musik-Videos und -Dokumentationen ich schon auf so einige großartige Musiker*innen aufmerksam geworden bin. Ich unterstütze ihn mittlerweile auf Patreon; die meisten seiner Werke sind aber auch gratis verfügbar, z.B. diese bewegende Dokumentation über ein außergewöhnliches Folk-Festival mitten in der irischen Wildnis (daraus ist auch das Video von Lisa O’Neill):

DOLD VORDE ENS NAVN: Gjengaengere I Hjertets Morke


Großartiges All-Star-Projekt, Black Metal mit (Post-)Punk-Vibe.

ALFI: Wolves In The Woods


Und noch ein Trad-Folk-Meisterwerk, das ich mir sofort kaufen musste, als ich den „Drink Song“ in Mike Hardings Folk Show hörte. Das Video zeigt drei Menschen, die offenbar gerade erst die Schule hinter sich haben oder so, und leider ist es Playback, aber was soll’s:

BHLEG: Äril


BHLEG & NECHOCHWEN: Split-7″


Perfekte Black-Metal-Naturromantik aus Schweden und ein erstaunlich norwegisch klingendes Lied (BORKNAGAR lassen grüßen) von den amerikanischen Ureinwohnern NECHOCHWEN.

LÜGEN: II


Ich bin immer wieder von den Socken, wie professionell man klingen kann, obwohl man voll auf DIY macht; LÜGEN sind einfach geniale Musiker. In puncto Songwriting sind sie zudem melodischer und melancholischer und dadurch zwingender geworden, und Sabrinas Stimme wird immer schöner. Geheimtipp (?) für alle Punks:

Neben den oben angesprochenen Festivals und Auftritten stach für mich besonders das Konzert von SANGRE DE MUERDAGO und GRIFT (Akustik-Solo) in der Kleinstadt Helmond/NL heraus. Zwar hätte der Auftrittsort „Die Kakaofabrik“ kaum deprimierender und seelenloser sein können, aber die Auftritte sorgten dann umso intensiver für die nötige Seele.

Schließen möcht‘ ich dieses Jahr mit einer weiteren Neuentdeckung, deren Album „Full Unemployment“ es leider nicht ganz in meine Top 15 geschafft hat. Wenn der Sänger ein bisschen besser wäre, hätten wir hier die perfekte Nachfolge von THE TAXPAYERS; gebt es auf für die Band mit dem besten Namen des Jahrzehnts, THE WINDOW SMASHING JOB CREATORS, und ihren Hit „Communism in Space“:

Wir sehen uns 2020, dann hoffentlich noch nicht im Weltraum, schließlich möchte ich das nächste CULTHE-Fest noch miterleben (GRIFT spielt!).

Andreas Holz
Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.