WOLCENSMEN: Fire In The White Stone

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Auf meinen Fahrten zum und vom Prophecy-Fest hatte ich, wie so oft, die Wahl der richtigen Begleitmusik. Anders als sonst jedoch konnte es für diese Gelegenheit nur ein Album geben: „Fire In The White Stone“ von WOLCENSMEN. Das zweite Album des englischen Ein-Mann-Projekts ist nicht nur in puncto Atmosphäre die perfekte Begleitung für eine Zugfahrt durch Wald und Flur, nein, es vereint auch viele Qualitäten in sich, die für mich klar mit dem Fest und den Veranstaltern assoziiert sind: Naturmystik, Erhabenheit, Emotion, Nostalgie, Kompromisslosigkeit im künstlerischen Ausdruck. Und, man verzeihe mir im Folgenden das Namedropping, die Liebe zu den Klassikern:

Auf „Fire In The White Stone“ nämlich hören wir, wie schon auf dem Debüt, in jeder Sekunde die Verehrung für zwei Pole klassischer atmosphärischer Tonkunst heraus: zu jener Naturmystik, die in „Kveldssanger“ (ULVER) und „Where At Night The Wood Grouse Plays“ (EMPYRIUM) ihren perfekten Ausdruck gefunden hat, und zu Stolz und Kraft der Wikinger-Ära BATHORYs sowie der weltentrückten Erhabenheit von SUMMONING. Wer, wie ich, schon als Jugendlicher von diesen beiden Polen begeistert war und an BATHORY immer vor allem das Hymnische, gar das Akustische, liebte, der wird WOLCENSMEN wahrscheinlich genau so lieb gewinnen wie ich.

WOLCENSMEN liefern auf „Fire In The White Stone“ einen Höhepunkt nach dem anderen

Komponist, Sänger und Multi-Instrumentalist Dan Capp hat hier nämlich im Grunde beide Strömungen perfekt vereint und, anders als noch auf dem Debüt, in beinahe jedem der eigentlichen Songs einen epischen Höhepunkt eingebaut, den ich in derartiger Formvollendetheit schon sehr lange nicht mehr gehört habe (und, natürlich, immer ein schrecklicher Ohrwurm ist, den man nur dadurch los wird, dass man das Lied einfach nochmal hört. Oder so.). Die Vorab-Single „Lorn and Loath“ ist das erste Beispiel dafür, aber das Finale von „Sprig to Spear“ übertrifft dann jeden weiteren Höhepunkt noch um ein Vielfaches – was für eine Hymne! Man könnte ihm höchstens vorwerfen, dass manche Akustikgitarren-Passage wirklich 1:1 wie von ULVER und EMPYRIUM klingt, aber warum sollte man das tun, man kann es auch einfach genießen. Kein Wunder, dass ich dazu gern aus dem Zugfenster gucke!

Im Wald gibt’s keine Steckdosen – aber was soll’s!

Dan Capp ist es, so eine Verlautbarung auf Facebook, im Übrigen wichtig, dass sich seine beiden Alben unterscheiden. Das tun sie, sicherlich, aber nicht fundamental. Vielmehr ist „Fire In The White Stone“ im Grunde die logische Fortsetzung und Verfeinerung von „Songs From The Fyrgen“ und hat auch eine ähnliche Struktur: In der Mitte befindet sich etwa bei beiden Alben ein Synthesizer-Stück. Hatte ich das beim Debüt auch aufgrund seiner Länge noch als Fremdkörper wahrgenommen, fügt es sich auf dem Zweitwerk nun deutlich besser ins Gesamte ein und stört den Fluss nicht mehr sonderlich. Im Gegenteil, es teilt das Album in zwei Hälften und sorgt für eine willkommene Verschnaufpause vom Schwelgen in hymnisch-träumerischer Nostalgie. Generell stört der Synthesizer nicht die naturmystische Stimmung, auch wenn mancher Purist da mäkeln mag, denn im Wald gibt’s halt keine Steckdosen. Egal.

Hinzu kommen im Übrigen noch ein wunderschönes Cover von David Thierrée, weiblicher Gastgesang, ein Kantele-Gastauftritt aus Finnland von NEST, hervorragende Einsätze von Cello und Flöte sowie ein ganzes Buch mit einer von englischer Folklore beeinflussten selbst verfassten Geschichte. Ist „Fire In The White Stone“ somit für einen anglophilen Naturfreund und Nostalgiker wie mich das perfekte Album? Ja, verdammt, also, was red ich hier noch, ab in den Wald jetzt!

Veröffentlicht am 20.09.2019 auf Indie Recordings

Spielzeit: 49:40 Min.

WOLCENSMEN – „Fire In The White Stone“ – Tracklist

01 Foreboden
02 A Gainsaying
03 Lorn and Loath (Audio bei YouTube)
04 Hunted (Audio bei YouTube)
05 The Woodwose
06 Of Thralls and Throes
07 The Swans of Gar’s Edge
08 Maidens of the Rimeland
09 Fellowship
10 Sprig to Spear
11 Fire in the White Stone

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Andreas ist mit vampster und Metal großgeworden, liebt Wald- und Wiesenmusik und dreckigen Punk und alles, was dazugehört (Whisky, Wanderschuhe und ein kaltes Bier in dunklen Kellern z.B.), und schreibt und singt und kämpft für das Wahre, Gute und Schöne.