CHAINLACING: Messuage

Bizarre Stilbezeichnung, bizarrer Albumtitel, bizarrer Bandname: Die Dungeon Dreampop-Band CHAINLACING veröffentlicht ihr Debütalbum „Messuage“ und führt in immer dunkle und manchmal hoffnungsvolle Ecken der Seele.

In New Hampshire gilt das Staatsmotto „Live Free Or Die“. In den heutigen USA, die fast schon ein Prä-Gilead zu sein scheinen, mutet dieser Wahlspruch ziemlich zynisch an. Der dünn besiedelte Staat in Neuengland beherbergt aber die Band CHAINLACING, ein Duo, dass sich künstlerisch viele Freiheiten herausnimmt. Als Dungeon Dreampop und Lo Fi Experimental-Gloom labeln sich CHAINLACING selbst, und ihr Debütalbum „Messuage“ (ein altenglisches Wort für „Anwesen“) mäandert getreu dieser beschworenen Freiheiten durch die dunklen und manchmal hoffnungsvollen Ecken der Seele.

Doch zunächst starten Crosser und Martel überraschend heavy. „Petty Please“ ist noisiger Gothrock mit etwas Grunge-Unterbau und läuft ziemlich gut rein. CHAINLACING gehen mit diesem Song in medias res, präsentieren sich als abwechslungsreiches Gesangsduo, die sowohl wuchtige Grooves, als auch kratzige Riffs und schön verzerrten Bass verwenden. Das Träumerische fehlt bei diesem Einstand, wird aber bei „Overdetermined“ verwendet. Der Kontrast zum Opener ist groß, CHAINLACING agieren nicht mehr ganz so originell wie zu Beginn, aber dieser shoegazige Dreampop-Song zeigt, wo die Stärken der Band liegen. Ein wunderbares Stück, bei dem sich Sanftheit und ein großer, dynamischer Refrain nicht gegenseitig ausschließen.

Mal heavy, mal sanft: CHAINLACING agieren auf „Messuage“ frei und ungebunden.

Die vielen Facetten von „Messuage“ werden von der Atmosphäre zusammengehalten. Das Album wirkt surreal, als würde man es durch einen Nebel wahrnehmen, die Schemen, die sich daraus hervorheben und langsam zu Figuren werden sind mal schrecklich und verstörend, wie das kratzige, schwere „Preacher“, und mal märchenhaft schön, wie „Stay“ und „Simulacra“, das von einem pulsierenden Beat angetrieben wird. Naturgemäß wirkt „Messuage“ dadurch etwas zerfahren und fragmentiert. Das macht aber auch den Reiz des Albums aus.

CHAINLACING wirken ungefiltert, und in dieser Rauheit verbirgt sich viel Potenzial. So könnte „Sublimate“ ein sehr poppiger Shoegaze-Song sein, aber die krachenden Gitarren und der im scharfen Kontrast dazu stehende, sanfte Gesang mit den von Delay getränkten Synthesizern erzeugt ein direktes Spannungsfeld. Überhaupt verweigert sich die Band dem schlichten Schönklang: „Compulsion“ mit seiner betörenden Klimax in Form von bildschönen Gesangslinien wird gnadenlos übersteuert. „Messuage“ soll keine Wohlfühlmusik werden, CHAINLACING sorgen mit den Details dafür, dass die Musik schwerverdaulich und herausfordernd bleibt.

„Messuage“ fehlt der Hit, der das Album strahlen lässt; CHAINLACING verstecken aber viele großartige Momente auf ihrem Debütalbum.

CHAINLACING sind auch meilenweit von anderen modernen Vertretern des Shoegaze wie SLOW CRUSH entfernt. Das eigenwillige Songwriting schützt das Duo indes nicht vor der einen oder anderen Länge, und für seinen Gesamteindruck bräuchte „Messuage“ vielleicht den einen Hit, durch den das gesamte Album mehr strahlt. Am ehesten liefert das noch das abschließende, befreiende „Empty Cages“, dass mit einer gekonnten Post Rock-Dynamiksteigerung das Album abschließt. Lauren Crosser und Rick Martel gehen unbeirrt vor: In den zwei Jahren, die CHAINLACING existieren, gibt es eben viel zu experimentieren und zu entdecken. Dass es den beiden Freude bereitet, sich selbst und ihre Hörer*innen auf unsicheres Terrain zu schicken hört man. Mit einer EP und einigen Singles seit September 2024 war die Band schon immer recht produktiv, und „Messuage“ zeigt weiterhin eine Band in der Findungsphase. Allerdings: Eine äußerst begabte Band, die kompromisslos ihren Weg geht, getreu dem oben stehendem Slogan. Auch wenn dieses Debütalbum noch nicht wie aus einem Guss wirkt, CHAINLACING schicken uns auf Entdeckungsreise, und wer sich darauf nicht einlässt, verpasst viel Magie.

Wertung: 7 von 9 Unabhängigkeitserklärungen

VÖ: 19. Juni 2026

Spielzeit: 38:34

Line-Up:
Rick Martel
Lauren Crosser

Label: These Hands Melt

CHAINLACING „Messuage“ Tracklist:

1. Petty Please (Official Audio bei Youtube) 
2. Overdetermined (Official Video bei Youtube) 
3. Preacher (Official Audio bei Youtube) 
4. Fragile (Official Audio bei Youtube) 
5. Sublimate (Official Audio bei Youtube) 
6. Stay (Official Audio bei Youtube) 
7. Simulacra (Official Video bei Youtube) 
8. Compulsion (Official Audio bei Youtube) 
9. Empty Cages (Official Audio bei Youtube) 

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