Resignation. Antriebslosigkeit. Selbstaufgabe. Die Bilder, welche der abgestorbene Baum verkörpert, sind so zahlreich wie deprimierend. Dennoch verstehen OH HIROSHIMA „And The Dead Tree Gives No Shelter” keineswegs als Abgesang auf eine Zivilisation, die dem Untergang geweiht ist. Die stilisierte Sonne auf dem Frontcover spendet gleichzeitig Mut: Denn um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, um die Kurve vielleicht doch noch zu kriegen, bedarf es Hoffnung und Entschlossenheit.
Diese Qualitäten sind ganz entscheidend für die Kompositionen des sechsten Studioalbums der Schweden. Im Vergleich zum Vorgänger „All Things Shining“ (2024) präsentiert sich das Duo wieder griffiger, indem es sich der eigenen Komfortzone zuwendet. Gesanglich fehlt es hingegen abermals an schillernden Farben: Jakob Hemström hält sich zurück, überlässt das Ruder nur selten den eigenen Emotionen. Dass es unter dieser disziplinierten Darbietung brodelt, bezweifeln wir nicht, nur zu spüren bekommen wir es kaum.
„And The Dead Tree Gives No Shelter“ offenbart hypnotische Muster und zerbrechliche Schönheit
Das hält OH HIROSHIMA manchmal zurück, stellt andererseits unmissverständlich klar, dass der Schwerpunkt der Band auf den instrumentalen Arrangements liegt, die bisweilen in klassische Post-Rock- / Shoegaze-Gefilde abdriften können („Skeleton Key“), andererseits im Opener „Servant Of All“ jedoch durchaus Qualitäten der ehemaligen Post-Metal-Ikonen ISIS in sich aufgesogen haben.
Spannend ist fernerhin die Gitarren- und Synth-Arbeit in „Meridian“: Die flächigen Synthesizer spenden Wärme, die dem akribisch konzipierten Rhythmusfundament mit seinen progressiven Anleihen sonst vielleicht abhandengekommen wäre. Zur gleichen Zeit aber lässt die Komposition dank des transparenten Mix tief blicken und offenbart hypnotische Muster sowie zerbrechliche Schönheit.
OH HIROSHIMA fordern Geduld ein und entlohnen diese mit entrückt-verträumten Passagen
Überhaupt scheint es fast so, als wäre „And The Dead Tree Gives No Shelter“ ein Plädoyer für die Entschleunigung. OH HIROSHIMA fordern Geduld ein und entlohnen diese mit entrückt-verträumten Passagen, die im entspannt dahingleitenden „Angelos“ die Seele streicheln. Den leichtfüßigen Loops stellen die Musiker in „Tree Of Life“ ab der Hälfte eine selbstbewusste Rhythmusgitarre sowie ein zusehends dramatischer agierendes Streicherensemble zur Seite.
Entschlossen präsentiert sich derweil „Broken Sunlight“, wo wir in den satten Gitarren und knurrenden Basslines zu Beginn gar eine Spur THRICE herauslesen könnten, bevor die Lead-Akzente uns urplötzlich BURST zu „Lazarus Bird“-Zeiten (2009) ins Gedächtnis rufen. Es sind immer nur kurze Reminiszenzen, die ihren Zweck jedoch erfüllen: Anstatt uns harmonisch einzulullen setzen OH HIROSHIMA präzise Spitzen, die aufhorchen lassen.
Zwischendurch spielen OH HIROSHIMA mit den Erwartungen
Als wir von Komfortzone sprachen, meinten wir nämlich einzig das Grundgerüst. Selbiges hält „And The Dead Tree Gives No Shelter“ frisch, indem es mit Erwartungen spielt und kleinere Stolpersteine platziert: Ganz so wie wir es erwarten, entwickeln sich die Stücke eigentlich nie. Insbesondere das rastlose „Exit Cloud“ bäumt sich abschließend zu beachtlicher Größe auf, deren Botschaft unmissverständlich ist: Von Resignation, Antriebslosigkeit oder gar Selbstaufgabe bleibt keine Spur. Vielleicht können wir gemeinsam den Karren ja doch noch aus dem Dreck ziehen.
Veröffentlichungstermin: 05.06.2026
Spielzeit: 46:47
Line-Up
Jakob Hemström: Guitar, Bass and Vocals
Oskar Nilsson: Drums and Percussion
Produziert von OH HIROSHIMA, Karl Daniel Lidén und Magnus Lindberg (Mix und Mastering)
Label: Pelagic Records
Facebook: https://www.facebook.com/ohhiroshima
Instagram: https://www.instagram.com/ohhiroshima
Bandcamp: https://ohhiroshima.bandcamp.com/
OH HIROSHIMA “And The Dead Tree Gives No Shelter” Tracklist
1. Servant of All
2. Meridian (Video bei YouTube)
3. Angelos
4. Skeleton Key
5. Tree of Life
6. Broken Sunlight (Video bei YouTube)
7. Ivory Tower
8. Exit Cloud (Audio bei YouTube)