BURST: Lazarus Bird

Überwältigende, wundervolle progressive Rockmusik jenseits von irgendwelchen Grenzen, Standards und Klischees.

Kreativität. Es ist dieses Wort für eine Charaktereigenschaft, die uns alle beeinflusst. Alle wären gerne kreativ, manche sind es niemals, manche sind es dauernd, manche haben damit zu kämpfen, es zu sein, andere müssen sich bremsen, um nicht mit 30 mit einem Herzinfarkt vom Stuhl zu fallen. Aber im Endeffekt ist Kreativität die mit den unvorstellbarsten Gewürzen gefüllte Dose, die das Leben beflügelt, einen Eindruck hinterlässt, das Gefühl gibt, dass es etwas Wichtigeres gibt, als die Pflichten, die man sich selbst auferlegt. Denn die einzige Pflicht ist es, das Leben so frei von Schuld wie nur irgendwie möglich zu leben.

Diese Mission hat jeder irgendwie im Blut und freilich definiert jeder sie anders. Kreativität und Reinheit, egal in welcher Hinsicht, sind zwei Komponenten, die ein erfülltes Leben garantieren, denn wer wenig hat, braucht wenig. Was pseudospirituell und kitschesoterisch klingt, ist die Basis, auf die man sich reduziert, wenn man sich Lazarus Bird zu Gemüte führt. Denn dieses Album, ein Werk, das nicht mal die größten Fans, mich eingeschlossen, BURST zugetraut hätten, vereint auf wundersame Weise etwas, das in der heutigen Musikszene nur noch äußerst selten möglich ist: Gleichermaßen kreativ, originell und unbefangen zu sein und dabei Musik zu veröffentlichen, die in die Geschichte eingeht.

Das klingt hoch gegriffen? Mitnichten. Lazarus Bird ist die Personifizierung der Kreativität, diese Stunde Rockmusik, die dem Hardcore entwachsen ist, in der Post Hardcore-Szene nie wirklich daheim war und sich eher an zeitloser Musik orientiert, berührt den Hörer so tief in seinem Herzen, wie es nicht mal die größten Bands zu schaffen vermögen. Und ich bin todernst bei dieser Aussage. Drei harte Jahre liegen hinter BURST, manch einer dachte, die Band hätte aufgehört zu existieren, doch als schließlich nach langer Durststrecke im Frühsommer die ersten beiden Songs des Albums im Internet zu hören waren, war ein Gefühl von mir wieder zum Leben erweckt, dass ich seit vielen Jahren nicht mehr hatte: Grenzenlose Vorfreude auf ein Album. Es nicht erwarten zu können, dass ein Album erscheint. Mit dem Unterschied, dass ich dieses Mal nicht enttäuscht wurde.

Zwar ist es schwierig, sich in die anderen Songs von Lazarus Bird hineinzuhören, wo man Cripple God und (We Watched) The Silver Rain schon verinnerlicht hat, aber diese Explosion der Kreativität lohnt sich in seiner ganzen Pracht zu erfahren. Der Charakter von BURST ist noch immer derselbe, stellenweise gibt es Riffs, die auf Prey on Life hätten stehen können, auch der Zwischenschritt Origo wird nicht verleugnet. Beides waren großartige Werke, aber mit der Klasse von Lazarus Bird können sie nicht mithalten. BURST sind logisch gewachsen, vermengen die Härte ihrer Vergangenheit mit neu gewonnener Zärtlichkeit und lassen sich nicht in Schubladen sperren, gehen nach keinem Masterplan vor, sind einerseits unberechenbar, agieren andererseits immer logisch.

Nach diesem vagen Schema entstehen heftige Songs wie der Opener I Hold Vertigo, I Exterminate the I, Cripple God und Nineteenhundred, aber – und das ist das Wichtige – die immer wieder mittendrin Zeit haben, ihr Facettenreichtum unter Beweis zu stellen. So gibt es überall leise aber auch dissonante Momente, Stellen in denen sich die unverzerrten Delay-Gitarren umgarnen sowie Stellen, in denen fast gar nichts passiert, und doch ist es eine ganze Menge. Nicht nur die Gitarrenarbeit ist sensationell und hat viele wunderbare Melodien, Spielereien, Riffs und sonstige Großartigkeiten parat, enorm gewachsen ist auch die Rhythmus-Sektion. Bassist Jesper Liveröd pumpt sanft aber bestimmt durch die Songs, hat auch gewisse Melodik parat, spielt nie aufdringlich, aber sehr anspruchsvoll, während Patrick Hultin seine Punk-Wurzeln mit schierer Virtuosität verknüpft und irre Fills spielt, alles voller Herzblut.

Großer Wert wurde auf die Arrangements gelegt. Die Songs, die sich von ruhigen, bedächtigen Stücken hin zu wahren Monstren und Hymnen verwandeln, ohne den roten Faden zu verlieren, siehe das unglaubliche We Are Dust und das spannende Momentum, zeigen, was BURST so besonders macht: Sie haben so hart an den Songs gearbeitet, daran gefeilt, vielleicht geweint, bestimmt geflucht, dass nun ein stimmiges Ganzes als Gesamtbild agiert. Großen Anteil daran haben einerseits die Instrumentalisten, die im Laufe des Songwritings bestimmt reine Albträume erlebt haben, doch auch Sänger Linus Jägerskog und sein Partner Robert Reinholdz, der neben Gitarre auch den klaren Gesang übernimmt, haben hier ein dickes Wörtchen mitzureden. Denn der heftige Gesang passt sich der Stimmung an, ist ebenso facettenreich, wie die Instrumente und die extrem gut arrangierten Cleanvocals, die ganze Welten eröffnen und eine Gänsehaut verschaffen, wie man sie nur selten zuvor erlebt hat.

Somit kommen wir zu (We Watched) The Silver Rain, dem wohl spanndendsten, intensivsten Stück des Albums und zu City Cloaked, das so zart und zerbrechlich endet, dass man es festhalten und beschützen möchte. Das alles geht nur gut, weil die Songs den Raum haben, den sie brauchen, der Großteil liegt zwischen sieben und zehn Minuten und dabei passiert so viel, dass weder etwas langweilig wird, noch, dass man das Gefühl hat, es sei Material enthalten, das nicht hineingehört. Und wie es sich für ein Album gehört, das sämtliche schweren Zeiten und Trends überdauert, sind auch ein paar Stellen enthalten, die unbequem sind, nicht unbedingt zünden, aber mit einem Fünkchen Disharmonie für einen Extrakick sorgen.

Verglichen werden können BURST mit niemandem mehr, außer mit sich selbst und höchstens dann, wenn sich Jonas Rydberg und Robert Reinholdz heftige Gitarrenduelle liefern, mit MASTODON, beziehungsweise den Bands, die MASTODON schon inspiriert haben. Doch BURST sind hier deutlich gefühlvoller und verkommen somit nicht zu puren Technikern wie MASTODON leider teilweise auf Blood Mountain. Apropos Technik, auch in Sachen Produktion gehen BURST neue Wege. Die Schweden arbeiten zwar nach wie vor mit Stammproduzent Fredrik Reinedahl zusammen, doch der Klang aus dem Bohus Sound-Studios nahe Göteborg ist authentisch, originell, mit herrlichem Hall versehen, altmodisch und doch nach vorne blickend.

Freunde von origineller, einzigartiger, liebevoll ausgearbeiteter, emotionaler und kreativer Musik, die niemals kitschig klingt, sondern in jeder Lage Kraft hat und auch gerne Arsch tritt, dürfen sich Lazarus Bird unter gar keinen Umständen entgehen lassen. Ob es auf CD ist oder mit dem Originalartwork auf Vinyl, das über GARDEN OF EXILE veröffentlicht werden wird, sei euch überlassen, Hauptsache dieses Album ist dort zu Hause, wo auch ihr zu Hause seid. Denn das ist euer Gebetbuch, euer Mekka, eure Rückzugsmöglichkeit. Ich bin absolut überwältigt und zutiefst glücklich und wenn ihr Musik jenseits von Standards hören wollt, werdet ihr es auch sein.

Verdammt nochmal, BURST haben schon wieder das verfluchte Album des Jahres abgeliefert.

Veröffentlichungstermin: 26. September 2008

Spielzeit: 59:51 Min.

Line-Up:
Linus Jägerskog
Jonas Rydberg
Robert Reinholdz
Jesper Liveröd
Patrick Hultin

Produziert von BURST und Fredrik Reinedahl
Label: Relapse Records

Homepage: http://www.burst.nu

MySpace: http://www.myspace.com/burstrelapse

Tracklist:
1. I Hold Vertigo
2. I Exterminate the I
3. We Are Dust
4. Momentum
5. Cripple God
6. Nineteenhundred
7. (We Watched) The Silver Rain
8. City Cloaked