Es ist die alte Geschichte: Eine Band veröffentlicht ein Album, für das sich niemand so richtig interessiert. Und dann kommt der Hype doch, viel, viel später erst. Aus einem Geheimtipp wird kultische Verehrung, und daraus entsteht ein eigentlich überlebensgroßer Ruf. WARNING ist das mit „Watching From A Distance“ passiert, ein Album, das auch auf dem Radar des Verfassers erst viele Jahre später erschien, und das er jetzt zu den besten 25 Doom Metal-Alben aller Zeiten zählt. Und jetzt, 20 Jahre später, mit vier 40 WATT SUN-Alben in der Zwischenzeit und einer mehrjährigen „Watching From The Distance“-Live-Nostalgiephase der späten Ehre, das dritte WARNING-Album „Rituals Of Shame“. Kann das gut gehen?
Die ganze Operation macht natürlich Sinn. 40 WATT SUN haben sich langsam und konsequent in Richtung eines Soloprojekts entwickelt, das die Heaviness nach dem zweiten Album beiseitegelegt hat. Wenn Walker nun wieder schwere Riffs als Basis für seinen einmaligen, hochemotionalen Gesang braucht, wo setzt man dann wieder an? Natürlich, bei WARNING selbst: Mit Marcus Hatfield ist ein Bassist zu hören, der bereits auf den ersten beiden Alben der Band zu hören war. Doch auch mit Drummer Andy Prestige hat Walker bereits Erfahrung: Der 40 WATT SUN-Drummer ist ebenfalls ein langjähriger Weggefährte, ebenso wie Ur-WARNING Gitarrist Wayne Taylor. Mit dieser Besetzung sollte sich bald ein vertrautes Gefühl einstellen, nicht wahr?
„Rituals Of Shame“ birgt Gefahren, doch WARNING verbinden auf ihrem Comeback-Album alte Stärken und neue Fähigkeiten.
Die Erfahrung lehrt dennoch, bei Reunionalben mit Nostalgiefaktor vorsichtig zu sein, und so dauerte es einige Tage, bis „Rituals Of Shame“ zum ersten Mal lief. Es passte alles, die richtigen Stimmung, das richtige Surrounding und eine gesunde Portion Respekt. Es kam, wie es kommen musste: „Rituals Of Shame“ wollte nicht zünden. Doch statt Enttäuschung darf man Patrick Walker weiterhin Vertrauen schenken. Schon bald setzt sich „Rituals Of Shame“ und macht den Weg frei für diese besondere Magie, die Patrick Walker beherrscht, wie niemand sonst. WARNING spielen das Pathos völlig anders aus als ihre Kollegen. Das einmalige Timing der Songs schafft es, die Tristesse durch große, triumphale Momente zu durchbrechen, ohne auf die typische Genreklaviatur zu setzen.
„Rituals Of Shame“ fühlt sich wie ein Zwischending aus „Watching From A Distance“ und „The Inside Room“ an. Doch egal, wo WARNING stilistisch 2026 verortet werden, Walkers Handschrift könnte nicht deutlicher sein. Es lässt sich aber darüber streiten, ob der Titelsong zu Beginn wirklich optimal platziert ist. Denn das Stück ist recht karg und mit dreizehn Minuten sehr lang. Die erste Variation kommt nach 8 Minuten, es fühlt sich an, als würde die Band mit gezogener Handbremse fahren. Für den Erstkontakt ist es streitbar, weil es sich doch zieht. Aber ist das Album ans Herz gewachsen, kommt man genau dadurch am besten in die Songs hinein: Der meditative Minimalismus als Basis für diese Stimme, die dazu einlädt, den sich seit langem angestauten Knoten im Hals oder der Brust aufzulösen und einfach die Tränen fließen zu lassen. Ein anderer Sänger als Patrick Walker würde es nicht schaffen, emotional einen derartigen Kontrast herzustellen. Kurz: Man fühlt sich getragen von dieser einmaligen Stimme.
„Rituals Of Shame“ ist zum Weinen schön: WARNINGs emotionale Herangehensweise an den Doom Metal sucht ihresgleichen.
Auch „Stations“, das mit neuneinhalb Minuten sehr gleichmäßig von Anfang bis Ende fließt, ist sehr trist. Aber Patrick Walkers Gesangsperformance mit all der Leidenschaft und dem großen Gefühl kommt so punktgenau zur Geltung. Fünf Songs stehen auf „Rituals Of Shame“, alle fußen auf der Performance des Frontmannes, seien es die genau akzentuierten Gitarren mit ihren spärlichen Leads oder eben seine Stimme. Je länger das Album dauert, umso mehr taut es auf, umso mehr umschlingt es einen. „Night Comes Down“ ist das vielleicht traurigste Stück unter den fünf neuen Songs und beginnt mit ultralangsamen Riffs und sehr melodiösen Leads, die durch Mark und Bein gehen. Der Gesang darauf ist es aber, der den Schmerz greifbar werden lässt. Hier sind sie zum ersten Mal zu spüren: die Verheißungen eines künftigen Klassikers. Kein Wunder, in den 45 Minuten von „Rituals Of Shame“ klingen WARNING nie mehr nach „Watching From A Distance“ als hier.
„Landing Lights“ ist mit sechseinhalb Minuten der kürzeste und tröstlichste Song des Albums, wirkt wie die Umarmung eines Freundes, wenn man es am meisten braucht, mit diesen eingeschobenen Gitarrenharmonien, wie es sie einfach nur im UK-Doom Metal gibt. „Teacher“ als abschließender Song hat dann diese zu Tränen rührenden Momente, und hier wird noch einmal ganz klar deutlich, dass WARNING die maximale Wirkung aus dem Timing beziehen: Es erstmal fließen lassen, eine Unterspannung vortäuschen, um dann den Hörer*innen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Und wenn es nicht tragischer, schöner, melancholischer, werden kann, gibt es in den letzten zwei Minuten die große Conclusio, die „Rituals Of Shame“ perfekt beendet.
Auch wenn die Hörer*innen mit „Rituals Of Shame“ erst ein wenig warm werden müssen, WARNING lassen viel Platz für Entwicklung.
Patrick Walker ist niemand, der ein Konsensalbum veröffentlicht. Man liebt oder hasst diese melodiösen, aber reduzierten Riffs und seine Stimme, und wäre man fies, könnte man WARNING als Emo-Doom betiteln. Allein schon, dass die Stücke von „Rituals Of Shame“ auch als Akustikversion funktionieren würden, die Patrick Walker irgendwann auf den 40 WATT SUN-Touren spielt, zeigt schon die Besonderheit dieser Musik. Somit sind und bleiben WARNING eine bemerkenswerte Band, eine die verglichen mit opulenten, melodischen Doom Metal-Bands ihre Stärke aus der Reduktion zieht. Damit heben sie sich selbst von PALLBEARER ab. WARNING stehen aus vollem Herzen zur Verletzlichkeit und zur Emotion und schaffen, etwas Weichheit in eine verhärmte und verhärtete Welt zu bringen. Neider nennen WARNING weinerlich, und ja, es darf diejenigen geben, die höllentiefe Growls bevorzugen, aber die haben ohnehin noch nie Zugang zu Patrick Walkers Œuvre bekommen.
Es ist unmöglich jetzt schon zu sagen, wie gut „Rituals Of Shame“ tatsächlich ist. Das Album entwickelt sich von Durchgang zu Durchgang, und gerade der Minimalismus lässt es zu, dass sich mit jedem Hören ein neues Detail herausschält, auch dank der warmen, erdigen und vollmundigen Produktion von Chris Fullard. Was zunächst nach „The Inside Room“ klang, und dann zu „Watching From A Distance II“ wurde, platziert sich schließlich irgendwo dazwischen. Hier spielt nicht mehr der Mann in seinen späten Zwanzigern, sondern jemand Ende 40, mit entsprechender Lebenserfahrung, großer Gabe zur Reflexion und einem poetischen Blick auf die Dinge, seien sie noch so tragisch. Sicher ist: „Rituals Of Shame“ ist wundervoll. Die alte Geschichte des ruhmlosen Pioniers findet für WARNING ein vorläufiges Happy End.
VÖ: 19. Juni 2026
Spielzeit: 45:10
Line-Up:
Patrick Walker – Guitars and Voice
Wayne Taylor – Guitar
Marcus Hatfield – Bass Guitar
Andrew Prestidge – Drums
Label: Relapse Records
WARNING „Rituals Of Shame“ Tracklist:
1. Rituals Of Shame
2. Stations (Official Visualizer bei Youtube)
3. Night Comes Down (Official Visualizer bei Youtube)
4. Landing Lights
5. Teacher
WARNING „Rituals Of Shame“ Making Of bei Youtube
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