ISIS: Celestial

Auch nach so langer Zeit bekommen wir die Tastenanschläge nicht aus dem Kopf. „Sgnl>01“ mag ein simples Intro sein, seine markanten Tippgeräusche wirken auf uns jedoch geradezu meditativ; der unterliegende Rhythmus wird uns erst bewusst, als wir akribisch darauf achten. Auch deshalb wirkt das mächtige „Celestial (The Tower)“ im Anschluss so erdrückend. Eigentlich ist es ein recht simpler Auftakt, mit dem ISIS ihr Debütalbum „Celestial“ einläuten. Diese stoische Ruhe, welche von den Gitarren und den Scratch-Effekten ausgeht, vermittelt zugleich jedoch eine Unaufhaltsamkeit, die uns geradezu überrollt.

Und in dieser Entschlossenheit steckt auch das Geheimnis hinter dem sonst rohen und bisweilen ungehobelten „Celestial“. Die Gitarren werfen hier und da mit Dreck, während Sänger Aaron Turners giftige Vocals den Pegel zum Anschlag bringen – dank der erdigen Produktion kehren ISIS ihre Sludge-Einflüsse nicht unter den Teppich, sondern reiben sie uns genüsslich ins Gesicht.

Stets begegnen wir auf “Celestial” einem Spiel der Kontraste

Aber dann ist da noch diese andere Seite, die uns plötzlich mit filigranen und melodieverliebten Arrangements die Seele massiert – und wir daraufhin den warmen Bass von Jeff Caxide zu lieben lernen. Schon im eröffnenden „Celestial (The Tower)“ dürfen wir diese Wandlung miterleben, als der Song nach der Hälfte zuerst seine Aggressivität und schließlich sich selbst in einer verträumten Post Rock-Odyssee verliert.

In diesen Arrangements, wie sie auch „C.F.T. (New Circuitry and Continued Evolution)“ auszeichnen, entdecken wir erstmals die Stützpfeiler des Post Hardcore – oder Post Metal, wenn man so will -, den ISIS mit ihrem Debüt mitbegründet haben und den CULT OF LUNA bis heute mit breiter Brust exerzieren. Stets aber finden wir ein Spiel der Kontraste: „Glisten“ startet wild und furios mit Noisecore-Spitzen, entledigt sich aber zwischenzeitlich in einem Doom-Sludge-Intermezzo seines Beißreflexes. In „Swarm Reigns (Down)“ wiederum versteckt sich nicht nur etwas NEUROSIS, sondern auch fast schon verstörend-hektische Synthesizer, welche sich mit kreativen Drum-Fills die Klinke in die Hand geben.

Im Vergleich zu späteren Meisterstücken gehen ISIS etwas grober zu Werke

Beizeiten kann „Celestial“ allerdings ganz schön unangenehm werden, etwa wenn im kontrollierten Chaos von „Deconstructing Towers“ die Riff-Bollwerke mit jaulenden wie klirrenden Gitarren nach und nach eingerissen werden. Im Kontext des Albums ergibt dieser musikalische Zusammenbruch durchaus Sinn, offenbart aber auch noch die vergleichsweise grobschlächtige Herangehensweise im Vergleich zu späteren Meisterstücken wie „Oceanic“ (2002) oder „Panopticon“ (2004).

Zumal ISIS es nicht lange vor den Trümmern ihrer ‚Wall of Sound‘ aushalten. Schon „Collapse And Crush“ bringt den massiven Klang zurück, während wir im Bereich der Gitarren genau die Akzente hören, die später auch von THE OCEAN aufgegriffen werden sollen. Dass die US-Amerikaner ausgerechnet bis zum Finale warten, um richtig aufzudrehen, ist kein Zufall. „Gentle Time“ zieht das Tempo an, die Lead-Gitarren zeigen sich vor der massiven Riff-Wand ungewohnt verspielt und lassen uns auf einmal wieder ganz klein wirken.

Der heutige Post Metal / Hardcore wäre ohne “Celestial” nicht denkbar

Da ist es nur richtig, dass uns ISIS nach dieser unerwarteten Stresssituation zum Schluss ein wenig Balsam auf die geschundene Seele auftragen. Der letzte Ton ist noch nicht ganz verklungen, da scheinen wir sie schon aus der Distanz zu vernehmen, diese meditativ wirkenden Tastenanschläge, die uns seit Jahren nicht aus dem Kopf gehen. Überraschend ist es nicht, dass „Sgnl>04“ dieses Album exakt so beendet, wie es begonnen hat. Was wir im Jahr 2000 jedoch noch nicht wissen konnten, ist die symbolträchtige Wirkung dieser tippenden Hände: So wie die moderne Technologie zum Rückgrat unseres gesellschaftlichen Fortschritts avanciert ist, können wir uns den heutigen Post Hardcore / Post Metal nicht ohne „Celestial“ und dessen Jahrzehnte überdauernden Einfluss vorstellen.

„Celestial“ ist auch als Remaster aus dem Jahr 2013 mit alternativem Artwork erhältlich.

Veröffentlichungstermin: 3.4.2000

Spielzeit: 51:52

Line-Up:

Aaron Turner – Vocals, Guitar
Michael Gallagher – Gitarre
Bryant Clifford Meyer – Electronic, Guitar, Vocals
Jeff Caxide – Bass
Aaron Harris – Drums

Produziert von Matt Bayles und Dave Merullo (Mastering)

Label: Escape Artist / Hydra Head / Ipecac (Re-Release)

Homepage: http://www.isistheband.com/
Facebook: https://www.facebook.com/Isis-the-band-158503560864483/

ISIS “Celestial” Tracklist

01. Sgnl>01
02. Celestial (The Tower)
03. Glisten
04. Swarm Reigns (Down)
05. Sgnl>02
06. Deconstructing Towers
07. Sgnl>03
08. Collapse And Crush
09. C.F.T. (New Circuitry and Continued Evolution)
10. Gentle Time
11. Sgnl>04