ISIS: Panopticon

Ein Album das intensiver und origineller, größer und tiefer nicht sein könnte.

Durch Zufälle entdeckt man oft mehr als durch Empfehlungen, Tipps und Ähnliches. So ging ich vor ungefähr anderthalb Jahren auf das Konzert einer mir unbekannten Bands namens ISIS, einfach weil ich Abends was machen wollte. Dass dieses Konzert zum intensivsten meines bisherigen Lebens wurde und ihr Album Oceanic mich mehr berührte als jedes andere Stück Musik zuvor hätte ich ohne diesen dummen Zufall vorher nie erfahren. Schnell brach ein selbst für meine Verhältnisse unüblicher Fanatismus aus und die Faszination ISIS hält sich ungebrochen bis heute, da Oceanic nach wie vor großen Einfluss auf mich hat.

Nun steht endlich der Nachfolger ins Haus und obwohl Panopticon nicht mit einem ähnlichen Konzept glänzt wie Oceanic, so ist das Album fast genauso intensiv wie der Vorgänger und reißt ebenso stark mit. Doch auch hinter Panopticon steht ein Konzept, ebenso wie die Musik schwer zu greifen ist: Die panoptischen Theorien, alles zu sehen bedeutet alles zu wissen. Das klingt paranoider und furchteinflößender, als die Musik ist. Dezent und dennoch deutlich aber schwer verständlich geben sich Musik und Lyrik wieder als Einheit, wie auf Oceanic, nur eine Stufe höher.

Was haben ISIS, das andere Bands nicht haben? Zum einen bewegen sich die fünf Musiker aus Los Angeles in Sphären, in die sich nur wenige andere Bands wagen. Ursprünglich dem langsamen Noisecore zugeordnet reifte die Einheit mit jedem Album und bringt mittlerweile mehr Rock als Hardcore-Elemente mit sich. Noisige Riffs und dissonante Melodien gibt es immer noch, aber ISIS haben gelernt, der Musik Raum zum Atmen zu geben, woraus ein Hybrid aus ultradynamischer Musik jeglicher Couleur entsteht, den man mit nichts vergleichen kann. Riesige Soundwände tun sich vor dem Hörer auf, undurchdringlich und erdrückend auch und vor allem in den leisen Stellen.

Auch nach vielen Durchgängen scheint dieses Album nicht greifbar. Aaron Turner und seine Band gehen weg von gängiger Musik, verlassen übliche Songstrukturen und verlassen sich auch auf Panopticon ganz auf ihre Intuition. Soundwände, größtenteils Instrumental erzeugt, wirken spirituell und sogar poetisch wenn die Gitarren sich gegenseitig umringen und zwei unterschiedliche Melodien miteinander verschmelzen. Dies hört man nicht sofort raus und auch nach zahlreichen Durchgängen entdeckt man immer neue Details im perfektionistisch geplanten Minimalismus. Das mag widersprüchlich klingen, doch durch die Produktion von Matt Bayles, der nach Aaron Turners Vorgaben wiederum einen sehr trockenen und dumpfen Sound zauberte, offenbaren sich die Details erst wenn man wirklich genau zuhört.

Die heftigen Teile sind auf dem dritten Album der Band nahezu komplett gewichen, dennoch gibt es einige markerschütternde Passagen, die dem Hörer schwer im Magen liegen. So Did We beginnt gleich verzweifelt und erbarmungslos, um sich nachher zu einem wunderschönen melancholischen Song zu entfalten. In Fiction hingegen baut sich von fast vollkommener Stille zu einer erhabenen Hymne auf, die mit ihren neun Minuten immer neue, spannende Facetten gewinnt und bei der man zeitweise den Eindruck gewinnen könnte, man würde fliegen. Die beiden längsten Songs Syndic Calls und Altered Course lassen sich ebenfalls viel Zeit, wirken dramatisch und subtil und schaffen es vielleicht manchmal dem Hörer Tränen in die Augen schießen zu lassen.

Zahm erscheint das Album nur wenn man es nebenbei hört, doch bei intensiver Beschäftigung stellt man fest: Hier hat sich ein schwerer Brocken eingeschlichen, und das hat nichts mit der Lautstärke zu tun. ISIS folgen ihrem eigenen Weg, daher sind die Riffs und Melodien oft Gewöhnungssache, doch würde das Album auf schlichtem Schönklang basieren, würde nicht nur Charakter sondern auch Ehrlichkeit fehlen. Dementsprechend brüllt Sänger Aaron noch in den wenigsten Stellen, ersetzt dies mit sehr harschem aber dennoch melodischem Gesang, welcher mit der Musik verschmilzt und daher oftmals gar nicht auffällt. Ebenso innovativ ist die Herangehensweise von Bassist Jeff Caxide, der nicht nur im Hintergrund agiert, sondern auch melodische Bassläufe beisteuert, die dezent im Ohr hängen bleiben.

ISIS ist eine der wenigen Bands, bei der die Musik ganz klar im Vordergrund steht. Die emotionale und visionäre Stärke, die diese Band sich angeeignet hat ist so ausgeprägt, dass man nur die Augen schließen muss und schon spielt man in einem Film mit, der schöner nicht sein könnte. Lasst euch einfach beflügeln von der Kreativität, der positiven Atmosphäre, die wenn man die Band richtig verstanden hat der Musik durchaus beiwohnt. Das wunderschöne Artwork unterstreicht die Musik absolut passend und zeigt, was den Hörer erwartet: Für eine Stunde zu schweben, den Boden unter den Füßen zu verlieren und sich einfach gut zu fühlen. Das macht Panopticon zu einem Album das intensiver und origineller, größer und tiefer nicht sein könnte.

Veröffentlichungstermin: 18. Oktober 2004

Spielzeit: 59:06 Min.

Line-Up:
A. Turner – Guitar, Vocals

M. Gallagher – Guitars

J. Caxide – Bass

A. Harris – Drums

B.C. Meyer – Guitars, Electronics, Vocals

Produziert von Matt Bayles und ISIS
Label: Ipecac Recordings

Homepage: http://www.sgnl05.com

Email: isis@sgnl05.com

Tracklist:
1. So Did We

2. Backlit

3. In Fiction

4. Wills Dissolve

5. Syndic Calls

6. Altered Course

7. Grinning Mouths