Jahresrückblick 2021 von Christian Wögerbauer

2021 – wieder so ein seltsames Jahr. Politisch, epidemiologisch, soziodemografisch, sportlich oder beruflich / privat. Eine Konstante ist abermals die Musik gewesen mit einer Reihe von hervorragenden Releases, die man einmal mehr in ihrer Gesamtheit nicht fassen und anhören konnte.

Was ist im vergangenen Jahr nicht alles passiert: da wird in Amerika das Kapitol gestürmt und dabei Todesopfer beklagt, beim Weltklimagipfel wird lange debattiert und am Ende nichts Konkretes beschlossen, während Erderwärmung und Klimakatastrophen weiterhin zunehmen, bei meinen deutschen Nachbarn endet eine politische Ära und bei uns zu Hause in Österreich tritt der heraufstilisierte politische Wunderwuzzi nach skandalösen Chat-Verläufen und diversen Korruptionsvorwürfen ab, während sich rechtspopulistische Rädelsführer nahe an der Wiederbetätigung bewegen. Und die Sozialdemokratie ist weiterhin im gefühlten Stillstand begriffen, während die zweitgrößte Stadt Österreichs eine kommunistische Bürgermeisterin wählt. Dazu schafft in Oberösterreich eine Partei den Einzug in den Landtag, deren vermeintlich einziger Inhalt der Aufruf zur Impfverweigerung ist und somit aus der Pandemieverdrossenheit Kapital schlägt.

Ja, die Pandemie war leider wieder ein bestimmender Teil des 2021er-Alltags: wann und wo welcher Mund-Nasen-Schutz aufzuziehen ist, harte, weiche und Teil-Lockdowns, 3G, 2G, 2G Plus-Zugangsbeschränkungen, Virusmutationen usw usf – und damit verbunden sowie durch “neo-liberale” Förderungen und weitgehend fehlgeschlagener Verteilungsgerechtigkeit eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich und eine wahrnehmbare Spaltung der Bevölkerung. Dazu Olympische Sommerspiele in einem ungeraden Jahr – ganz trist ohne Publikum.

Ja, schon seltsam, was da – in wenigen aufgezählten Auszügen – passiert ist. Beziehungsweise nicht passiert ist, als dass ich 2021 ohne richtigem Konzert auskommen musste.

(Studio-)Musikalisch war es da schon weit weniger seltsam: Größere Bands wie GOJIRA, MASTODON, VREID und FLUISTERAARS, die ich nach den jüngsten starken Alben inzwischen auch schon zu den Größeren zählen will, lieferten das ab, was man von ihnen erwarten durfte. Herausheben will ich hier aber folgende Bands mit ihren aktuellen Releases:

Top-Releases – von den Großen, von den Unbekannteren und den kleinen Formen

ARCHSPIRE, die auf “Bleed the Future” brutal schnellen Technical Death Metal in eine hörbare und wiedererkennbare Form gießen und dabei den Humor nicht zu kurz kommen lassen.

DER WEG EINER FREIHEIT, die sich auf “Noktvrn” von einer vielseitigeren Seite zeigen, ohne dabei an Intensität verloren zu haben.

Und EPICA, die mit “Omega” einmal mehr einfach professionell und akribisch Qualitätsarbeit abliefern.

 

Dann sind da noch die Alben von Bands, die ich so nicht kannte oder nicht derart stark erwartet hätte.

So etwa die chilenischen Thrasher von DEMONIAC, die gleich zu Beginn des Jahres mit “So It Goes” einen spielfreudigen und einfallsreichen Beleg davon abgelegt haben, was der südamerikanische Underground alles zu bieten hat.

Aber auch SO HIDEOUS haben mich mit “None but a Pure Heart Can Sing” geflasht, als dass die Kombination von atmosphärischen Streicher-Passagen und jazzigen Blechblas-Elementen mit entfesselten Afro-Beats und Extreme Metal-Geschrei wunderbar umgesetzt wurde.

Ebenfalls mit einem kunterbunten Stilmix-Potpourri konnten CIRCLE OF SIGHS in Form von “Narci” aufwarten. Der Synth Doom Metal überrascht im Minutentakt und weckt Emotionen.

 

Schließlich gab es noch eine Reihe von reizvollen EPs, die ich noch gesondert hervorheben will.

Da wäre zum einen das rundum gelungene Gesamtkonzept von ANTRISCH, die ihren Bergsteiger-Expeditions-Black Metal in “Expedition I : Dissonanzgrat” bestens umsetzen konnten.

Und zum anderen ist hier noch der Post-Punk von SHRINES zu erwähnen, welcher mit “Ghost Notes” unter die Haut geht.

Mit etwas Abstand dazu soll noch der gewinnende und nicht überkomplexe Alternative Metal / Metalcore von JULIET RUIN erwähnt werden, wie er auf “Dark Water” zum Besten gegeben wurde, sowie die teilweise schräge Umsetzung der Post Metal / Funeral Doom-Mixtur auf “Show My Mercy” von OBSEQUIAL JOY.