THE OCEAN: Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic

Selbst nach all den Jahren führt uns der Weg immer wieder in eine Ära zurück. „Precambrian“ war im Jahr 2007 für THE OCEAN nicht einfach nur ein Mammutprojekt, es öffnete für das Berliner Kollektiv auch unzählige Türen. Plötzlich schien musikalisch alles möglich. Das einmalige Konzept, die frühe Geschichte unseres Planeten auf Albumlänge zu vertonen, war ambitioniert und entpuppte sich als Geniestreich. Von dort zog Mastermind Robin Staps aus in neue Richtungen: Dem zweifachen Philosophie-Exkurs „Heliocentric“ (2010) und „Anthropocentric“ (2010) folgte mit „Pelagial“ (2013) eine Studie der menschlichen Psyche, welche THE OCEAN instrumental mit einer Reise durch die namengebenden Meereszonen vermählten.

Und doch zog es auch Staps wieder zurück in diese eine Ära, die vor über einer Dekade schon den Grundstein des modernen Sounds der Band legen sollte. Die Geschichte der Erde war mit dem Präkambrium schließlich nicht zu Ende erzählt: In zwei Kapiteln sollte „Phanerozoic“ diese Lücke schließen. „Phanerozoic I: Palaeozoic“ knüpfte im Jahr 2018 fast nahtlos an „Precambrian“ (2007) an und zeigte THE OCEAN kompositorisch ausgefeilt und stark wie eh und je, aber auch ein wenig routiniert. Nun findet das Zeitalter des sichtbaren Lebens sein vorläufiges Finale in „Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic“, dem Zeugnis einer bewegten wie ereignisreichen Zeitspanne, die sich folgerichtig auch in der Musik des Gespanns widerspiegelt.

Mit wenigen Worten ziehen THE OCEAN Parallelen zum Hier und Jetzt

Tatsächlich nimmt das Projekt THE OCEAN mittlerweile ein Ausmaß an, das gut und gerne ganze Dissertationen füllen könnte. Insofern ist es mehr als beeindruckend, wie die sechs Musiker unter der Last dieses Konzepts weder zusammenbrechen noch die Orientierung verlieren. Geradezu leichtfüßig beginnt „Triassic“ mit seinem bewusst repetitiven Post Rock-Arrangement, wo uns ein fast schon handzahmer Loïc Rossetti Willkommen heißt. Dass turbulentere Zeiten vor uns liegen, steht außer Frage, wie uns der Frontmann schon bald wissen lässt: „You are wandering all by yourself | dead trees in seas of sand.“

Mit wenigen Worten ziehen THE OCEAN Parallelen zum Hier und Jetzt. Die kargen Landschaften der Trias, die Auslöschung nahezu allen Lebens am Ende der Kreidezeit; das alles klingt mit Blick auf die Zukunft erschreckend vertraut – mit dem Unterschied, dass die Menschheit im Gegensatz zu den Dinosauriern womöglich selbst der Architekt ihres Schicksals sein wird. Doch ehe uns Gastshouter Tomas Liljedahl (ex-BREACH) im massiven Kahlschlag „Palaeocene“ mit den Folgen des Asteroideneinschlags konfrontiert, zeichnen THE OCEAN im ausschweifenden „Jurassic | Cretaceous“ eine beeindruckende Klanglandschaft.

Zwischendurch zeigt sich “Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic” leichtfüßig und verspielt

Die mächtigen Riffs, die Rhythmik-Spielerein, das kennt man ja schon von den Berlinern. Die zusätzlich eingewobenen Blechbläser verleihen dem Auftakt des längsten Albumtracks jedoch eine ganz besondere Dramatik. Selbst in den ruhigen Momenten brodelt der sägende Bass im Untergrund, während die verspielten Percussions schon früh verraten, dass etwas Größeres im Busch ist. „Jurassic | Cretaceous“ ist über weite Strecken ein klassischer THE OCEAN-Track, entfaltet dabei nicht zuletzt dank der auf und ab ebbenden Synthesizer im Mittelteil jedoch eine ganz besondere Atmosphäre, die auch Gastsänger Jonas Renkse (KATATONIA) effektiv zu nutzen weiß.

Mit dem mehrstimmigen Gesang und den verspielten Gitarrenarrangements im leichtfüßigen „Eocene“ zeigt sich „Phanerozoic II“ zwischendurch sogar etwas artsy – ein wenig unbeschwerter sogar, als es etwa „Epiphany“ auf „Heliocentric“ (2010) in einer ähnlichen Rolle war. Generell rücken die massiven Gitarrenwände mit fortschreitender Zeit aus dem Zentrum, um einem warmen wie offenen Sound Platz zu machen, der von Jens Bogren abermals transparent und organisch gemischt wurde.

Nur selten tragen THE OCEAN ihre Einflüsse so deutlich auf der Brust wie in “Miocene | Pliocene”

Leider wissen wir nicht, ob Drummer Paul Seidel Teile seiner Kindheit am Super Nintendo verbracht hat. Mit dem schwerelosen Instrumental „Oligocene“ tritt der zweite Songschreiber neben Mastermind Robin Staps jedenfalls in die Fußstapfen des legendären “Rare”-Komponisten David Wise (u.a. “Donkey Kong Country“), der mit vergleichbaren Stilmitteln ähnliche Emotionen hervorrufen konnte. „Miocene | Pliocene“ wiederum erinnert zunächst an CULT OF LUNAs „Ghost Trail“. Es ist selten, dass THE OCEAN ihre Einflüsse so deutlich auf der Brust tragen, lenken den Song mit einem leicht reservierten Ansatz aber alsbald in eigene Bahnen.

Dass Piano und Streicher im beschwingten „Pleistocene“ uns kurzzeitig in die „Precambrian“-Ära zurückwerfen, scheint gewollt. Wir wiegen uns in falscher Sicherheit, als im letzten Drittel die Hölle losbricht: Auftritt Homo erectus. Der ruhige Midtempo-Track baut sich zusehends auf und endet im furiosen Black Metal-Inferno. Zugegeben, dieses Finale haben wir nicht kommen sehen, obwohl es sich quasi ankündigt: Schon bevor die Blastbeats das Ruder übernehmen, können wir im Hintergrund zwischen den klassischen Instrumenten leise Loïc Rossettis angeschwärztes Keifen vernehmen. Ein böses Omen oder dezenter Vorgeschmack auf das Unausweichliche?

“Phanerozoic II” wirkt in seinen letzten Momenten wie das Ende einer Ära

Die endgültige Antwort bleiben auch THE OCEAN schuldig, obwohl das unverkrampfte „Holocene“ zum Ende einen fast schon versöhnlichen Eindruck hinterherschickt. Nach der Eiszeit kehrt Stück für das Stück das Leben zurück, in seinen schönsten und schier endlosen Varianten. Ein Happy End? Nicht ganz, wie uns die Band verrät. In den Zeilen des Songs schwingt etwas Melancholie mit: „Now let me take my distance.“, sind die letzten Worte, die wir vernehmen.

Vielleicht ist es auch eine Botschaft auf Meta-Ebene: Nach 13 Jahren hat Robin Staps mit seinem Bandgefüge dieses quasi allumfassende Konzept zum Abschluss gebracht. „Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic“ wirkt daher in seinen letzten Momenten auch beinahe wie das Ende einer Ära. Wohin es THE OCEAN in Zukunft ziehen wird? Vermutlich nicht mehr zurück ins Präkambrium. Jetzt, wo dieses rundum eindrucksvolle Kapitel auch mental offiziell abgehakt ist, ist für das Kollektiv wirklich alles möglich.

Veröffentlichungstermin: 25.09.2020

Spielzeit: 51:00

Line-Up

Loïc Rossetti – Vocals
Robin Staps – Gitarre
David Ramis Ahfeldt – Gitarre
Peter Voigtmann – Synths, Samples, Drums (Oligocene)
Mattias Hägerstrand – Bass
Paul Seidel – Drums, Vocals (Holocene)

Produziert von THE OCEAN, Chris Edrich, Jens Bogren (Mix) und Tony Lundgren (Mastering)

Label: Metal Blade

Homepage: http://theoceancollective.com/
Facebook: https://www.facebook.com/theoceancollective/

THE OCEAN “Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic” Tracklist

1. Triassic
2. Jurassic | Cretaceous (Audio bei YouTube)
3. Palaeocene
4. Eocene
5. Oligocene (Video bei YouTube)
6. Miocene | Pliocene
7. Pleistocene (Video bei YouTube)
8. Holocene