THE OCEAN: Pelagial

THE OCEAN: Pelagial

Frohes Ertrinken allerseits. Die Tiefsee hat es Robin Staps und seinen Freunden angetan, wir springen hinein, planschen ein wenig, werden von einem Sturm erfasst und in die Tiefe gerissen. Und bald ist das Licht gewichen, bald ist es eiskalt, unendlich dunkel, geheimnisvoll und gefährlich. THE OCEAN ziehen uns runter, in die Dunkelheit, in unerforschbare nautische Welten, die vermutlich sogar die seaQuest DSV meiden würde. Das musikalische Konzept passt nun mit dem Bandnamen perfekt zusammen, und mehr noch: THE OCEAN sind an einem Punkt angelangt, an dem alles fließt – allerdings eher wie das Wasser in einem Fluss, nicht im salzigen Meer. Und um diesen Eindruck zu verstärken, haben sie zwei CDs mit der gleichen Musik im Gepäck – einmal mit, einmal ohne Gesang.

Dennoch wirken alle anderen Alben von THE OCEAN verglichen mit Pelagial geradezu überambitioniert. Eigentlich könnte ich deshalb ja meckern, schier endlos meckern. Pelagial ist weder so wuchtig und brutal wie Fluxion und Aeolian, es ist weder so episch noch orchestral wie Precambrian und die vergleichsweise rockige, zugängliche Richtung von Heliocentric beziehungsweise Anthropocentric ist ebenfalls nicht gegeben. Was nun entsteht? Ein weder-Fisch-noch-Fleisch-Album? Denkste. Pelagial ist ein in sich geschlossenes, homogenes Werk, das klingt, als wäre es aus einem Guss. Es ist lebendig, lässt alle Facetten erkennen, die es von THE OCEAN jemals zu hören gab, aber in einem vergleichsweise zurückhaltenden Rahmen. Es gibt sowohl die großen, epischen Stücke, es gibt heftige, komplexe und schnelle Mathcore-Momente, es gibt sogar ein wenig fiese, brachiale nah-am-Sludge-Nummern. Das alles packen Robin Staps und seine Mitmusiker in dreiundfünfzig Minuten, die bei anderen Bands, die keine vergleichbare breitgefächerte Kompositionshistorie haben, vermutlich in heillosem Chaos geendet hätten.

Solche Bedenken brauchen wir bei THE OCEAN nicht zu haben. Pelagial ist, vielleicht auch durch seine wenigen Ausbrüche in heftige, beziehungsweise orchestrale Sphären, ein Album, in das man sich fallen lassen kann, das gleichermaßen schnell hängen bleibt, aber auch das Hirn ein wenig herausfordert. Mesopelagic: Into The Uncanny und Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams zeigen THE OCEAN wild, ungestüm, aber dennoch nicht übertrieben komplex oder heftig. Gegen Ende nimmt der Druck so zu, dass die Luft schier weg bleibt. Demersal: Cognitive Dissonance und Benthic: The Origin Of Our Wishes sind heavy und brachial, geradezu erdrückend. Dazwischen sind THE OCEAN so unwahrscheinlich gut wie vielleicht noch nie zuvor: Bathyalpelagic: Impasses hat in Sachen Songwriting gelungene Ausflüge in Richtung Artrock, während Abyssopelagic I: Boundless Vasts und Abyssopelagic II: Signals Of Anxiety vor großen, epischen Momenten und ausufernder Orchestrierung im Stil von Precambrian nicht zurückschrecken. Das alles wird schließlich in Hadopelagic II: Let Them Believe perfektioniert.

Man darf THE OCEAN beglückwünschen, dass sie Loïc Rossetti doch an Bord geholt haben. Das ursprünglich als Instrumentalalbum konzipierte Werk ist durch die Hinzunahme des Gesangs um einiges besser – allein schon, weil sich gerade sein melodischer und doch rauer Gesang den Stücken hervorragend anpasst, aber auch weil seine heftigen Vocals mittlerweile deutlich voluminöser sind. Dennoch hätte gerade im abschließenden Benthic: The Origin Of Our Wishes gerne der verschollene Meta wieder auftauchen dürfen. Aber auch instrumental überzeugen THE OCEAN: Die Gitarrenarbeit ist exzellent, das Drumming ist treibend und groovt enorm, der Bass pulsiert und das Klavier und die Streicher werden eher subtil, dafür sehr effektiv eingesetzt. Gerade Letztere kommen auf der CD mit den rein instrumentalen Songs besonders gut zur Geltung. Man hört es THE OCEAN an, dass sich das Kern-Line-Up nicht verändert hat: Die Band ist hervorragend eingespielt, lebendig und gesund. Das wird durch die Produktion gut eingefangen, der Sound ist warm, mit ausreichend Dynamik versehen und doch wuchtig.

Die Aufmachung verspricht Großes, vor allem der Film von Craig Murray, der dem Boxset beiliegt könnte ein Volltreffer werden. Davon abgesehen brauchen THE OCEAN all das nicht, um zu überzeugen. Die Devise, die extremen Auswüchse ein wenig zu stutzen und dafür einen größeren, allumfassenden Gesamteindruck zu erzeugen, gelingt meisterhaft. So gut wie die CD mit den instrumentalen Versionen auch sein mag, der große Held von Pelagial ist Loïc Rossetti, der mit seinen Gesangslinien dem Album ein Sahnehäubchen aufsetzt. Freunden von THE OCEAN, egal welche Phase es auch sein mag, sei dieser Tauchgang empfohlen – wie erwartet ist der Tiefenrausch unumgänglich.

Veröffentlichungstermin: 26. April 2013

Spielzeit: 2 x 53:13 Min.

Line-Up:
Loïc Rossetti – Vocals
Robin Staps – Guitars
Jonathan Nido – Guitars
Louis Jucker – Bass
Chris Breuer – Bass
Luc Hess – Drums
Vincent Membrez – Keys
Craig Murray – Visuals

Produziert von Robin Staps und Jens Bogren
Label: Metal Blade (CD) / Pelagic Records (Box-Sets)

Homepage: http://www.theoceancollective.com
Mehr im Netz: https://www.facebook.com/theoceancollective

Tracklist:
CD 1:
1. Epipelagic
2. Mesopelagic: Into The Uncanny
3. Bathyalpelagic I: Impasses
4. Bathyalpelagic II: The Wish In Dreams
5. Bathyalpelagic III: Disequillibriated
6. Abyssopelagic I: Boundless Vasts
7. Abyssopelagic II: Signals Of Anxiety
8. Hadopelagic I: Omens Of The Deep
9. Hadopelagic II: Let Them Believe
10. Demersal: Cognitive Dissonance
11. Benthic: The Origin Of Our Wishes

CD 2:
1. Epipelagic
2. Mesopelagic
3. Bathyalpelagic I
4. Bathyalpelagic II
5. Bathyalpelagic III
6. Abyssopelagic I
7. Abyssopelagic II
8. Hadopelagic I
9. Hadopelagic II
10. Demersal
11. Benthic

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle