THE OCEAN: Precambrian

THE OCEAN: Precambrian

In Sachen visionärer Herangehensweise an die Musik ist Robin Staps schon einer, der nicht kleckert, sondern klotzt. Um seine Visionen umzusetzen scheut er keine Kosten und Mühen, weshalb THE OCEAN als eine der ambitioniertesten Bands dieser Zeit gelten. Ihr neues Werk Precambrian verschlägt jedoch selbst denen die Sprache, die nur die großen Visionäre in den CD-Player lassen. Es mag sich seltsam anhören, aber diese Doppel-CD ist weit von alledem entfernt, was mir dieses Jahr Gänsehaut verschaffte. Vielleicht ist sie nicht unbedingt besser, aber mehr gefesselt hat mich seit Ewigkeiten kein Werk mehr. Eine EP und ein ganzes Album, das liefern THE OCEAN ab, als wäre es keine große Kunst. Was es aber definitiv schon ist. Und was man in dieser Dimension nicht erwarten konnte.

Hadean / Archean

Die erste CD des Precambrian-Werks ist – sehr untypisch und mutig – kein volles Album, sondern eine kurze EP. Ein erstes, gewalttätiges Aufbäumen, als wäre die Erde gerade erst aus einer gewaltigen Supernova entstanden. Und fast genauso gefährlich, unnahbar und brutal, wie diese unvorstellbare Explosion wirkt das Material auf dieser Scheibe. Was Anfangs wie eine leicht verdrehte Version des Materials von Aeolian anmutet, wird zu einer absolut eigenen, düsteren Welt, durchtränkt von lyrischen wie musikalischen Wutausbrüchen. Ergo sind die fünf Songs relativ kompakt, haben aber dennoch stets ihre Asse im Ärmel, die sie gekonnt ausspielen. Hadean leitet das Album auf mächtige Art und Weise ein, doch Eoarchean mit seinen bitterbösen, enorm tiefen Riffs und gnadenlosen Grooves schraubt den Kopf vom Hals und die rhythmische Akrobatik lässt den Hörer an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit gelangen, zumindest so lange, bis man auch diese Nummer verinnerlicht hat.

Das eingängigste Stück des Albums ist Paleoarchean, dessen erste Hälfte ein flotter Uptempo-Hardcore-Song ist, dessen schräge Melodien sofort für Wiedererkennungswert sorgen. Das brutale Mesoarchean und Neoarchean, das MASTODON durch seine großartige Gitarrenarbeit wie Schulmädchen aussehen lässt, beschließen im selben Stil die erste Scheibe. Hadean / Archean hinterlässt vielleicht zunächst einen leicht enttäuschten Hörer, weil die Weiterentwicklung von Aeolian hätte größer sein können – als Gesamtes und am Stück macht dies jedoch absolut Sinn. Danach kann man nicht anders, es führt kein Weg daran vorbei, sich in das nächste Kapitel der Evolution von THE OCEAN vorzuwagen. Und das – soviel ist sicher – das ist der große Wurf für dieses Ausnahmekollektiv.

Proterozoic

Denn In Sachen Songwriting und Arrangements ist die zweite CD des Albums unübertrefflich. Und Hörer, die bisher von THE OCEAN so ziemlich alles erwarteten, werden jetzt so richtig überrascht. Ein Schlag, der so richtig sitzt. Denn die Berliner legen nicht noch einen drauf, sie schalten deutlich zurück, präsentieren sich als dynamisches Kollektiv, das genau das umsetzt, was ihm vorschwebt. Sie lassen die Erde ruhen und das Leben entwickeln. Das heißt, dass großspurige, bombastische Arrangements aufgefahren werden, dass Streicher und großartige Pianoklänge ein authentisches, klassisches Gesamtbild erzeugen. Doch Vorsicht, hier wird kein Kitsch präsentiert und hier wird nicht die Verschmelzung von Wagner und Heavy Metal zum wiederholten Male zelebriert. Denn hier ist immer noch extrem viel Gefühl enthalten.

So beginnt das Album mit dem mächtigen Doppel Siderian und Rhyacian, was zusammen einen großen, epischen Song ergibt, der den Hörer in ein Wechselbad der Gefühle wirft. Von traurigen, leisen Stellen, hin zu wahnsinnigen Wutausbrüchen über Hoffnungsschimmer, die wie ein Sonnenstrahl klingen, der durch eine dicke Wolkendecke dringt. Selbst nach vielen Durchläufen wird man immer noch so mitgerissen und überrascht, wie nach dem ersten Hören. Der Rest des Albums schlägt in dieselbe Kerbe. Manchmal nicht ganz so intensiv, wie der Rest, wie Orosirian aber immer so mächtig, dass kein Auge trocken bleibt, selbst wenn es nur ein Instrumental ist, wie Statherian, das wie der GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR-Beitrag zum Soundtrack von 28 Days Later auf Metal klingt. Gigantisch sind auch Ectasian und Stenian, die das Highlight der CD darstellen. Doomig, mit klugem Einsatz von Streichern, die hier und da nach alten MY DYING BRIDE klingen und Klavierklängen, vor allem aber mit großartigen Gesangslinen und unfassbaren Gesangsarrangements.

Ob dieses Album mehr Masse und Opulenz vertragen hätte, weiß ich nicht. So ist es jedoch ein Werk nach dem Maximalprinzip – egal was es kostet, es wird umgesetzt. Robin Staps zeigt auf diesem Album nicht nur welche songwriterischen Qualitäten er besitzt, er schämt sich auch nicht zuzugeben, dass er mit THE OCEAN ist. Fluxion und Aeolian sind verdammt gute Alben, mit diesem, weit erwachsenerem Werk aber nicht zu Vergleichen. Hier stimmt einfach alles, von der ersten Note über die Produktion, bis hin zum großartigen Artwork von Martin Kvamme. Allein die beiden Booklets und das wunderschön aufgemachte Digipack sind den Kauf des Albums wert. Auch die beteiligten Musiker dürfen nicht vergessen werden: Alles trifft ins Schwarze, die massiven, warmen Basslinien, das präszise und kreative Drumming und der geniale Gesang, der von wunderbar harmonisch und klar bis hin zu extremen Kreischen sämtliche Stilistiken abdeckt und dessen stellenweise Überlagerungen zeigen, was überhaupt alles möglich ist. Die Gitarrenarbeit ist versiert, rhythmisch sehr anspruchsvoll und wartet mit enorm vielen Facetten auf, was stellenweise Gänsehaut erzeugende Duette mit der klassischen Seite gibt.

Eigentlich ist das, was hier oben steht, viel zu viel Text für ein Album, das man gar nicht zu sehr beschreiben darf und das man viel mehr erleben und erfahren muss. Von Precambrian geht ein ungeahnter Suchtfaktor aus und wird noch für viele Monate in Dauerrotation bleiben. Dazu in den Booklets schwelgen, in eine fremde, persönliche Welt abdriften. Und dieser Band danken, dass sie so viel Durchhaltevermögen an den Tag legt und auch dem Label, dass sie dieser Band ihre Visionen gestattet. Freunde von anspruchsvollem, modernem Metal, Fans von NEUROSIS, MASTODON, MESHUGGAH und so weiter, Anhänger von Musik die stets und unbeirrbar nach vorne blickt, hier ist euer Heiland. An Precambrian werden sich alle künftige Veröffentlichungen messen müssen.

Veröffentlichungstermin: 9. November 2007

Spielzeit: 22:06 / 61:40 Min.

Line-Up:
THE OCEAN COLLECTIVE

Produziert von Robin Staps
Label: Metal Blade Records

Homepage: http://www.theoceancollective.com

Tracklist:
CD 1: Hadean / Archean
I. Hadean
1. Hadean

II. Archean
2. Eaorachean
3. Paleoarchean
4. Mesoarchean
5. Neoarchean

CD 2: Proterozoic
III. Palaeoproterozoic
1. Siderian
2. Rhyacian
3. Orosirian
4. Statherian

IV. Mesoproterozoic
5. Calymmian
6. Ectasian
7. Stenian

V. Neoproterozoic
8. Tonian
9. Cryogenian

Captain Chaos
Ehemann, Vater, Musikenthusiast, Plattensammler, Trauerbegleiter, Logistiker, Autor, Wandergeselle