MARATHONMANN, RAUM/27: Backstage Werk, München, 01.07.2021

Nach langer Zwangspause laden MARATHONMANN zum Unplugged-Konzert ins Münchner Backstage – ohne Verzerrer, aber dafür mit Verstärkung an Geige und Cello. Über einen Abend, der gut und gerne als verspäteter Startschuss in die Konzertsaison 2021 gelten kann…

479 Tage sind vergangen, seit wir das letzte Mal die S-Bahn-Station am Münchner Hirschgarten verlassen haben. 479 Tage ist es auch her, seit wir das letzte Mal richtige Live-Musik erleben durften – mit Schweiß, Publikum und Moshpit. Auf zwei der drei Dinge müssen wir zwar weiterhin verzichten und doch ist es ein schönes Gefühl, nach fast 16 Monaten an den Ort zurückzukehren, den wir während der Pandemie so schmerzlich vermisst haben. MARATHONMANN haben nach langer Durstrecke ins Backstage geladen: zum Akustik-Abstandskonzert mit Hygienekonzept – limitiertes Ticketkontingent, Sitzplätze und natürlich Maskenpflicht auf dem umgebenden Areal.

Dass die Show aufgrund des tristen Wetters kurzerhand von der Freiluftarena ins geräumige Werk verlegt wurde, kommt vielen Besuchern augenscheinlich recht: Auf den eigens aufgestellten Biertischgarnituren reihen sich die Maßkrüge und so manche Konzertgänger*innen nutzen den Komfort des trockenen Sitzplatzes, um sich vor der Show eine kleine Stärkung vom nahegelegenen Imbissstand zu genehmigen. Burger, Grillgut, Pommes, Krüge und Biertischgarnituren – all das weckt natürlich Assoziationen, die wir zunächst kaum mit einem Rock-Konzert in Verbindung bringen wollen. Nichtsdestotrotz, geschunkelt wird so früh am Abend noch nicht, vielmehr scheint sich die geballte Aufmerksamkeit der Halle Punkt acht Uhr auf die Bühne zu verlagern, als die Lichter ausgehen und eine einzelne Akustikgitarre ertönt.

RAUM/27

Angeschlagen werden die Saiten von Mathis Schröder, der einen Hälfte des heutigen Support-Acts RAUM/27, der extra aus Bremen angereist ist, um seine erste Show seit über einem Jahr zu spielen. Auch wenn Sänger Tristan, wie er gesteht, der Anblick größerer Menschenmengen nach Monaten des Social Distancing geradezu surreal erscheint, zeigt selbiger im Folgenden keinerlei Berührungsängste, sucht nach dem eröffnenden „Hoffnung“ gar aktiv den Kontakt zum Münchner Publikum.

Das Eis ist somit schnell gebrochen, auch weil das Duo trotz minimaler Instrumentierung die Aufmerksamkeit der Halle auf sich ziehen kann. Das Bild auf der Bühne mag ein Unscheinbares sein, doch spätestens als der sympathische Sänger in „Hymnen vom Schlauchboot“ die Stimme erhebt, ziehen uns RAUM/27 in den Bann. Ist das nun Singer/Songwriter, Indie oder Akustik-Pop? Nebensächlich, solange die emotionale Ebene stimmt. Und dort treffen die beiden Musiker den richtigen Ton – im aufrüttelnden „Oft gesagt“ mit Seele in der Stimme, in der Ballade über die Wahl-Heimatstadt Bremen mit gefühlvoller Piano-Untermalung.

RAUM/27 können auch schwierigen Zeiten etwas Positives abgewinnen

So vergehen die 30 Minuten tatsächlich wie im Flug, bis sich RAUM/27 mit der optimistischen (Post-)Lockdown-Hymne „Gemeinsam Allein“ von der bayerischen Landeshauptstadt verabschieden. In diesem Kontext – vor einer guten Hundertschaft an Menschen – ist es fast schon eine Art Abgesang auf diese seltsame Normalität der vergangenen anderthalb Jahre; und eine hoffnungsvolle Pointe, dass wir auch schwierigen Zeiten etwas Positives abgewinnen können.

Fotogalerie: RAUM/27

MARATHONMANN

Bestes Beispiel hierfür sind sicherlich auch MARATHONMANN, welche den vergangenen Sommer zum Umdenken genutzt und ihren kraftvollen Punk Rock in ein wandelbares Akustikgewand gekleidet haben. Die daraus hervorgegangene Akustik-Live-Platte „Alles auf Null“ (2021) kam bei Fans und Kritikern ausgesprochen gut an, weshalb die Münchner ihren neuesten Sprössling nun mit einer eigenen Tour würdigen. Dabei wurden keine Mühen gescheut, wie der Blick auf die Bühne unlängst offenbart: Eingerahmt von stilvollen Theatervorhängen strahlt das neue Backdrop in sanften Blautönen Nostalgie und Gelassenheit aus, während gewählt platzierte Glühlampen visuelle Akzente setzen.

Es ist ein dezentes, aber geschmackvolles Set, das dem Anlass gerecht wird, während es gleichzeitig die Musiker*innen in den Vordergrund stellt. Um Punkt 21 Uhr betreten diese dann auch die Bretter des Münchner Backstage – ohne Allüren, dafür mit einer klaren Botschaft: „Wir sind immer noch hier“ beginnt mit kraftvollem Schlagzeug-Beat und einer unbeschwerten Geige, als hätten MARATHONMANN die Lebensfreude als Appetizer mitgebracht. Die pure Spielfreude ist vereinnahmend: Drummer Jo lässt sich früh zu einem kleinen Solo hinreißen, während im Finale des Songs direkt das Publikum hinzugezogen wird.

Auch im Unplugged-Outfit drehen MARATHONMANN regelmäßig auf

Wir spüren sofort, dass es der Band in den Fingern juckt: Nach monatelanger Bühnenabstinenz muss die ganze angestaute Energie irgendwohin. Das klappt zwar auch im Sitzen recht gut, nach dem dezent melancholischen „Flashback“ hält es Sänger Michi Lettner aber nicht länger auf dem rot lackierten Holzstuhl im Zentrum der Bühne. Kurzerhand legt er die Gitarre beiseite, schnappt sich das Mikrofon und gibt zu „Nie genug“ den klassischen Rock-Frontmann. Rampensau können MARATHONMANN ohnehin, da braucht es nicht einmal überbordende Verstärker.

Tatsächlich dreht die Band auch im Unplugged-Outfit regelmäßig auf, wenn uns etwa „Neumondnacht“ mit Laut-Leise-Dynamik mitreißt oder „22 Meter Sicherheitsabstand“ kurzzeitig den Punk-Spirit aufleben lässt. Selbst wenn es kantiger wird, bleiben dank des transparent abgemischten Sounds im Werk die Details der neu arrangierten Songs gut erkennbar.

Violine, Cello und Klavier verschaffen den Stücken eine ganz eigene Intensität

Sei es nun Klavier, Cello oder Violine, die klassische Instrumentierung verschafft Stücken wie „Hinter den Spiegeln“ oder dem emotionalen „Die Bahn“ eine ganz eigene Intensität, die live besonders unter die Haut geht. Vielleicht gönnen uns MARATHONMANN auch deshalb nach rund einer Stunde eine kurze Pause: Damit wir die bisherigen Eindrücke sacken lassen und uns für den zweiten Akt rüsten können.

Lange brauchen wir dafür nicht – Publikum und Band sind nach der Hälfte ohnehin schon längst auf Betriebstemperatur. Während Sänger Michi Lettner sich immer wieder erkundigt, ob man denn nun von den Bänken aufstehen dürfe – der Sicherheitsdienst winkt ab –, wird in den Reihen vor der Bühne zumindest ausgelassen gesungen, geklatscht und während „Rücklauf“ gar geschunkelt.

Nach langer Abstinenz sind MARATHONMANN um keinen Spaß verlegen

Gänzlich unschuldig sind MARATHONMANN daran nicht. Auch die Münchner können sich der naheliegenden Assoziation beim Blick durch die Halle mit ihrem Volksfest-Charme kaum erwehren und befeuern mit zahlreichen Intermezzi die ausgelassene Bierzeltstimmung: Da lässt Geburtstagskind Leo auf der Gitarre BRYAN ADAMS‘ „Summer Of ‘69“ anklingen, während Geigerin Saskia auf Kommando diverse Film-Melodien zum Besten gibt.
Die Münchner nehmen die Späße dankend entgegen, auch wenn es die Band mit ihren mehrminütigen Ansagen auf Dauer etwas zu gut meint. Ob die sich stetig leerende Rotweinflasche zu Füßen des Frontmanns eine Rolle spielt? Am Ende ist es den Anwesenden vermutlich herzlich egal, denn nach so langer Konzert-Abstinenz ist ein wenig Menschlichkeit gar nicht so verkehrt. Obgleich die Albereien den Konzertfluss etwas bremsen, haben MARATHONMANN das Herz am rechten Fleck und ein feines Gespür bei der Songauswahl.

Im letzten Drittel dreht das Sextett nochmals an der Uhr und blickt zurück auf das Debütalbum „Holzschwert“ (2013). Dessen Titelsong entlockt die Formation mit Gastsängerin Babsi ganz neue, balladeske Facetten, während das obligatorische „Die Stadt gehört den Besten“ nach dem ebenfalls etablierten Cover „Dein ist mein ganzes Herz“ (HEINZ RUDOLF KUNZE) den Abend lautstark zu einem Unvergesslichen macht. Überraschend kommt dieses finale Kapitel weder für uns noch die zahlreichen angereisten Fans, welche die letzten Zeilen leidenschaftlich in die Nacht hinaus brüllen.

Doch auch das zeigt uns eine wunderbare Seite dieses Neustarts nach einer viel zu langen Durststrecke: Egal ob wir nun 182, 333 oder sogar 479 Tage seit dem letzten Live-Konzert ausharren mussten – es gibt gewisse Dinge, auf die wir uns trotz allem einfach verlassen können. Und diese Sicherheit ist gerade in solch turbulenten Zeiten eine durchaus schöne Sache.

MARATHONMANN Setlist

1. Wir sind immer noch hier
2. Flashback
3. Nie genug
4. Hinter den Spiegeln
5. Onkalo
6. 22 Meter Sicherheitsabstand
7. Wo ein Versprechen noch was wert ist
8. Die Bahn
—————————————————–
9. Neumondnacht
10. Blick in die Zukunft
11. Rücklauf
12. Holzschwert
13. Am Ende nichts
14. Dein ist mein ganzes Herz (HEINZ RUDOLF KUNZE-Cover)
15. Die Stadt gehört den Besten

Fotogalerie: MARATHONMANN