SCORPIONS: Interview mit Matthias Jabs, Mai 2019

SCORPIONS: Interview mit Matthias Jabs, Mai 2019

Die SCORPIONS gehen wieder auf Tour. Zum Start der „Crazy World Tour 2019“ werden Telefoninterviews angeboten, ich darf wählen, mit wem ich sprechen will. Da Mützen-Klaus schon alles gesagt hat und ich Interviews mit Ferrari-Rudolf zwar liebe, aber selbst nicht unbedingt eines führen muss, wähle ich freudig Matthias Jabs.

Der 63-Jährige zählt seit vielen Jahren zu meinen Lieblingsgitarristen. Mein alter Kumpel und Weggefährte DirkNotKirk hat seine Qualitäten mal ganz wunderbar auf den Punkt gebracht: „Dieser stehende Ton, der das großartige Solo von ,Lady Starlight’ einleitet – das ist für mich Matthias Jabs!“.

Ring frei für ein etwas nerdiges Interview mit dem Leadgitarristen der SCORPIONS!

50 Jahre SCORPIONS: Habt Ihr nach einem halben Jahrhundert das Gefühl, genügend Wertschätzung zu bekommen – auch in Deutschland?
Gut, dieser Nachsatz musste kommen (lacht). Ja, haben wir – auch in Deutschland. Wir haben keinen Grund, uns zu beklagen, es läuft gut. Wenn wir irgendwo spielen, ist eigentlich immer mehr oder weniger ausverkauft. Nach einer Tourneepause, die wir sehr genossen haben, geht es wieder los, und darauf freuen wir uns.

50 Jahre auf Tour

Die laufende Gastspielreise steht unter dem Motto „Crazy World Tour 2019“ – ein Verweis zurück zum Erfolgsalbum von 1990?
Einerseits ja. Andererseits ist es ein Hinweis darauf, dass sich die Welt in permanenter Veränderung befindet. Als das Album erschien, schien es ein Wandel zum Positiven zu sein, heute hat man das Gefühl, dass Freiheiten eingeschränkt und viele Länder wieder nationalistischer werden. Die freie Welt, durch die wir düsen, ist weniger frei geworden.

Im Gegensatz zu anderen Rockbands haben sich die SCORPIONS nie als politische Band inszeniert, waren mit „Wind Of Change“ aber plötzlich am Puls der Zeit …
Als Musiker haben wir den großen Vorteil, um die ganze Welt zu reisen. Mit den SCORPIONS dürften wir in 82 Ländern gewesen sein. Wir machen das jetzt schon seit sehr langer Zeit und hatten immer wieder die Gelegenheit, Dinge aus erster Hand zu sehen und zu erleben. Wir waren vor Ort und haben nicht nur hinterher die Schlagzeile gelesen – vor allem damals in der Sowjetunion, die kurz vor ihrem Zusammenbruch stand. Die Beobachtung, dass es dort zu einem Wechsel kommen könnte, wurde in „Wind Of Change“ auf eine lyrische Weise beschrieben. Wir sind eine internationale Band, die viele Kulturen kennenlernt und für viele verschiedene Menschen spielt. Letztes Jahr haben wir unsere Tournee in China beendet, davor waren wir in Neuseeland und Australien. Dieses Jahr geht es wieder ausführlich nach Südamerika. Da sieht man schon mehr als nur die Fans vor der Bühne, das Hotelzimmer und den Flughafen … und kriegt ein Gespür für das Land und die Leute.

Sammelt Ihr Länder? Ich hörte, dass es zuletzt darum ging, endlich mal in Australien und Neuseeland zu touren, weil ihr da noch nie gewesen seid …
Ja, aber weniger aus Sammlergründen sondern weil es ein schönes Gefühl ist, vor Leuten zu spielen, die dich noch nie gesehen haben: In Ecuador etwa oder in Moldawien. Das ist aufregender als zum zehnten Mal den Madison Square Garden in New York zu spielen. Wobei es da aber auch schön ist …

Ist es Dir schon mal passiert, dass Du backstage irgendwo hingekommen bist und Dir gedacht hast „Ach nee, schon wieder hier?“
(lacht) Nee. Manchmal ist es ganz erfreulich, festzustellen, dass eine Halle renoviert wurde … Aber es gibt so gewisse Hallen wie die Münchner Olympiahalle oder in Hamburg die Color-Line-Arena, die inzwischen Barclaycard Arena heißt: Da weiß man schon von vorneherein, das wird backstage wieder genauso aufgeteilt wie beim letzten Mal und ich komme wieder in diese Garderobe. Aber das muss nichts Schlechtes sein – da kennt man sich dann wenigstens aus. Es kommt nämlich tatsächlich vor, dass man sich in so Riesenhallen auch mal verläuft.

Die Cover-Artworks der SCORPIONS

Ich sage nur: „Cleveland!“. Aber es gibt tatsächlich auch Dinge, die sich ändern: Mit Cover-Artworks wie „Lovedrive“ und „Animal Magnetism“ hätte man es heutzutage wahrscheinlich schwer, bei der Plattenfirma durchzukommen …

(Eigentlich will ich mit dieser Frage auf die aus heutiger Sicht sexistischen Fotos auf den Hüllen besagter Schallplatten raus, die gleichwohl natürlich supergeil gemacht sind, gerade weil sie immer etwas Verstörendes haben. Matthias nimmt die Frage jedoch sofort zum Anlass, über Kunst zu sprechen, was auch okay ist …)

Ja, das haben wir leider auch schon lange erkennen müssen. Die späten 70er und die ganzen 80er Jahre hindurch, als es noch Vinyl im offiziellen Sinne gab, hat es wahnsinnig Spaß gemacht, die Verpackung künstlerisch zu gestalten und damit das Image der Band nach außen zu tragen und die Musik zu reflektieren. Das waren gerade die von Dir erwähnten Covers, die von der britischen Firma Hipgnosis gemacht wurden, die unter anderem auch für PINK FLOYD gearbeitet haben. Danach haben wir mit Gottfried Helnwein „Blackout“ gemacht und „Love At First Sting“ mit Helmut Newton – das war stark. Das sind alles Geschichten, da sagt man heute „Ach, das lohnt sich doch gar nicht mehr!“. Weil ja Hardware auch kaum mehr gefragt ist. Jetzt gehören wir zu den Bands, die noch immer CDs und limitierte Vinyl-Pressungen verkaufen, aber in der Welt der Digitalisierung und des Streamings hat ja keiner mehr was in der Hand. Wie gut das ist, weiß ich gar nicht so genau. Ich persönlich finde es schön, wenn ich ein CD-Booklet durchblättern kann.

Wie darf man sich die Zusammenarbeit mit Hipgnosis vorstellen?
Das waren damals zwei Leute. Wir hatten immer mit Storm Thorgerson zu tun. Sein Partner hat später noch „Crazy World“ für uns gemacht. Storm war ein exzentrischer Engländer, wie er im Buche steht. Für „Animal Magnetism“ kam er mit verschiedenen Vorschlägen aus London rüber, die dann – damals noch in den Dirks-Studios in Köln – auf den Tisch kamen. Alles Zeichnungen, sehr witziges Zeug. Ich weiß noch, einmal wurden die in der Kantine ausgebreitet, und dann kann irgendein Unbeteiligter aus der Küche, der angehalten und gefragt wurde „Was sagen denn Sie dazu?“. Da hat Storm seine Sachen gleich wieder eingepackt und war drauf und dran, abzureisen (lacht). Für „Blackout“ hatten wir auch zuerst mit ihm gearbeitet, bevor wir zu Helnwein gewechselt sind. Ich erinnere mich noch an einen Covervorschlag von Hipgnosis, auf dem die Tür aufgeht und man – von hinten – nur zwei große karierte Hausschuhe sieht und die Beine und den Rock von einer offensichtlich schon etwas älteren Frau. Und draußen vor der Tür steht: eine Ente. (lacht) Solche Vorschläge kamen da auch …

… haben es am Ende aber irgendwie nicht geschafft.
Nein. Aber wir haben uns trotzdem sehr amüsiert. Das war schon immer sehr lustig mit dem Mann. Der hat dann auch übernachtet und am nächsten Morgen haben wir uns das dann immer alles noch mal bei Tageslicht angeguckt.


TAKEN BY STORM: THE ART OF STORM THORGERSON AND HIPGNOSIS official trailer

Kannten Hipgnosis die Musik, für die sie das Albumcover machen sollten?
Ja. Wir waren zu dem Zeitpunkt ja noch am Aufnehmen, aber was fertig war, das bekamen sie zu hören.

„Animal Magnetism“ war eine der allerersten Hard’n’Heavy-Platten in meinem Leben. Damals die Musikkassette aus der Gemeindebibliothek ausgeliehen und gehört, bis man durch das Band durchgucken konnte …
Hehe …

Songs mit düsterer Ausstrahlung & SCORPIONS-Coversongs

Neben straighten Rockern wie „Falling in Love“ und „Only a Man“ und der Monster-Ballade „Lady Starlight“ (der besten, die ihr vielleicht geschrieben habt) war es das psychedelische Titelstück, das mich völlig in seinen Bann gezogen hat. Diese Nummer war komplett anders als alles, was Ihr vorher und später gemacht habt.
Stimmt, wir hatten so eine Phase damals. „China White“ auf „Blackout“ geht auch in diese Richtung … und „The Zoo“, der in Amerika bis heute einer der meist gespielten Songs von uns ist. Das sind so ganz schwere Sachen mit einer gewissen düsteren Ausstrahlung … irgendwie gehörte das damals zu unserem Programm. Vor allem die Amerikaner fanden das wie gesagt super, was wir lange gar nicht wussten. Aber gerade diese Nummern waren ein schönes Gegengewicht zu den teilweise etwas poppig orientierten Songs, die damals zwar noch als Rock durchgingen, jedoch schon einen ganz schönen Pop-Touch haben.

TESTAMENT haben die Nummer gecovert. Ihre Version mal gehört?
Nee, muss ich mal googeln.

Testament: Animal Magnetism

Beschäftigt Ihr Euch denn mit SCORPIONS-Coverversionen? Vor allem in der Metal-Szene schlägt Euch ja inzwischen große Verehrung entgegen …
Das kriegen wir natürlich mit. Ich weiß, dass METALLICA immer mal wieder „Rock You Like A Hurricane“ spielen. Mir fällt da noch die Version von „The Zoo“ ein, die BRUCE DICKINSON mal gemacht hat und auch lange im Live-Programm hatte. Teilweise haben auch Grunge-Bands Lieder von uns gespielt, wo man eigentlich denkt, dass die nach außen hin die Rockmusik der 80er ablehnen – tun sie ja gar nicht, die sind ja auch damit aufgewachsen.

„Animal Magnetism“ hätte ja gut und gerne auch ein Stück von ALICE IN CHAINS sein können …
Ganz genau! So oder so ist es aber immer eine Ehrung, wenn eine andere Band die eigenen Sachen spielt …

Kann es sein, dass Ihr wieder mehr alte Songs im Programm habt? Mein Eindruck ist, dass das seit Wacken 2006 der Fall ist. Damals durften die Fans abstimmen, welche Songs ihr spielt – mit dem Effekt, dass dann plötzlich Nummern wie „Speedy’s Coming“, „Dark Lady“, „In Trance“, „He’s a Woman – She’s a Man”, „In Search of the Peace of Mind“ und „We’ll Burn the Sky“ in der Setlist auftauchten. „Wind Of Chance“ hingegen wurde an diesem Abend weder gewünscht noch gespielt …
Wacken 2006 war eh etwas Besonderes, weil in dieser Nacht auch Uli Jon Roth und Michael Schenker mit dabei waren und wir natürlich Sachen aus der Uralt-Zeit gespielt haben. Aktuell haben wir seit zwei, drei Jahren ein 70er-Jahre-Medley im Programm, das ganz gut ankommt. Da spielen wir die Lieder zwar nicht aus, aber kompakter und ein wenig moderner. Außerdem haben wir – ich komme gerade aus Schweden – an einem 80er-Jahre-Medley gearbeitet, das wir jetzt auf der kommenden Tournee zum ersten Mal spielen werden. Das könnte auch ganz interessant werden, weil so wieder ein paar Songs auf die Bühne zurückkehren, die wir lange nicht gespielt haben. Oder teilweise noch nie.

Magst Du die ganz alten SCORPS-Sachen?
Ja. Ich habe die Musik ja auch schon gehört, bevor ich bei den SCORPIONS eingestiegen bin. Da sind schon viele gute Sachen dabei, die heute aber nicht mehr so richtig umsetzbar sind, weil die stimmlich so richtig unter die Decke gehen. Und: Die meisten Leute kennen sie halt nicht, nur die eingefleischten Fans – deshalb sind diese Lieder jetzt nicht so überrepräsentiert im Programm. Aber durch dieses Medley kommen zumindest vier Nummern, die sehr catchy sind, gut zur Geltung, und das gefällt auch den Leuten, die die alten Platten gar nicht kennen.

War die Weltkarriere nur dank Matthias Jabs möglich?

Hast Du die SCORPIONS mal gesehen, bevor Du bei ihnen eingestiegen bist?
Ja, hier bei uns in Hannover auf dem Altstadtfest. Da haben sie an der Leine gespielt, das ist der Fluss, der bei uns durch die Stadt fließt. Da musst du dir ein Flussufer vorstellen, und da geht es eine Treppe runter auf ein Podest. Das war die Bühne. Die Zuschauer standen gegenüber am anderen Ufer. Da war auch ich und hab mir das angeguckt. Fand ich gut. Die SCORPIONS hatten ja schon immer einen guten Ruf in der Hannoveraner Szene. Das muss 1973 oder so gewesen sein, also echt ganz früh, die Besetzung mit Jürgen Rosenthal am Schlagzeug. Michael Schenker hat Gitarre gespielt, das war noch bevor er zu UFO gegangen ist.

Als das 1978 passiert ist, wie lief das dann? Bei Dir klingelt eines Tages das Telefon, und eine Stimme fragt „Willst Du der neue Gitarrist der SCORPIONS werden?“
Nicht direkt. Es kam ein Anruf, wo es hieß „Hast Du Lust, mal ne Session zu spielen?“ Ich hatte, und ein paar Tage später war es so weit. Erst später habe ich erfahren, dass diese Aktion dazu diente, mal abzuchecken, ob ich überhaupt in Frage käme … Aber ja: Das war’s dann.

(Jetzt ist es an der Zeit, vollends den Fanboy rauszukehren.)

Du bist seit 1978 im Boot. Deine Vorgänger Uli Jon Roth und Michael Schenker sind als Gitarristen legendär. Du bist zwar am längsten dabei, im Direktvergleich aber der unauffälligste der drei, dafür ein genialer Teamplayer. Ich bin nicht der einzige, der der Ansicht ist, dass die Weltkarriere der SCORPIONS nur mit Dir funktioniert hat.
Das hast Du gut umschrieben. Es ist aber auch ein Unterschied, ob man wie Michael eineinhalb Jahre, wie Uli vielleicht fünf Jahre oder wie ich bald 41 Jahre bei einer Band spielst. Klar: Wenn man songdienlicher schreibt und spielt, dann ist man erst mal ein wenig unauffälliger, aber am Ende des Tages bringt es allen mehr. So eine Karriere hätten wir nie gehabt, das sehen die beiden anderen übrigens genauso.

Wie ist Dein Verhältnis zu Michael und Uli?
Gut. Sehr gut. Ja …

Die SCORPIONS spielen eine sehr amerikanische Musik, und das besser als die meisten amerikanischen Bands. Bands wie RAMMSTEIN und KRAFTWERK fahren da einen komplett anderen Ansatz, sie haben ihre Weltkarrieren unter anderem darauf begründet, dass sie sehr deutsch klingen …
Amerika hat uns schon sehr beeinflusst. Wir wollten aber vor allem gerade nicht so deutsch sein. In den 70er Jahren gab es für uns aber keine Vorbilder, an denen wir uns hätten orientieren können – und deutsche schon mal gar nicht. Gut, es gab diese ganzen freakigen Krautrock-Geschichten wie GURU GURU, aber das wollte keiner. Dadurch, dass wir sehr früh nach Amerika gegangen sind – zum ersten Mal gleich 1979 mit „Lovedrive“, der ersten Platte, auf der ich gespielt habe – haben wir sehr viel gelernt von den Bands, für die wir das Vorprogramm bestritten haben: TED NUGENT, AC/DC, PAT TRAVERS, SAMMY HAGAR, JUDAS PRIEST … Da konnten wir sehr viel Erfahrung sammeln und das hat uns natürlich auch stark beeinflusst. Und die Musik der SCORPIONS geprägt.

Wir hatten es vorhin kurz über RAMMSTEIN. Wie findest Du die?
Ich kann zu RAMMSTEIN leider wenig dazu sagen, denn ich hör die nie. Meine Kollegen sagen immer „Du musst Dir mal eine Show angucken!“, und die soll ja auch super sein. Habe ich bislang aber noch nicht geschafft. Und mit der Musik beschäftige ich mich nicht so.

Stell Dir vor, Du feierst eine Gartenparty und hast drei Bands Deiner Wahl frei, die für Dich und Deine Freundinnen und Freunde aufspielen. Der Clou: Leichen willkommen! Bands, die es nicht mehr gibt, und Musiker, die schon tot sind, dürfen für diese eine Nacht zurückkehren. Wer spielt auf Matthias Jabs’ Gartenparty?
THE JIMI HENDRIX EXPERIENCE, CREAM und THE WHO! (lacht) Du siehst schon, aus welcher Zeit ich komme …

Metal-Ballett ala ACCEPT?

Stimmt die Legende, das Euer späterer Manager Doc McGhee die blutjungen BON JOVI dazu verdonnert hat, jeden Abend Euere Show anzuschauen?
Genau so war das. Die haben damals ihre halbe Stunde runtergezogen und wollten dann ganz schnell backstage verschwinden oder im Tourbus abhängen und Spaß haben. Aber McGhee hatte längst bemerkt, dass die sich auf der Bühne gar nicht bewegten. Bei uns sah das ganz anders aus. Also hieß es: „Freunde, antreten und mal gucken, wie es gemacht wird!“ Bei DEF LEPPARD war das übrigens genauso. Als die Anfang der 80er im Vorprogramm von uns auftraten, hatten die auch noch keine Bühnenshow, sondern standen einfach nur an ihren Plätzen und spielten. Nach der Tour hatte Pete Willis dann plötzlich auch eine weiße Explorer-Gitarre wie ich … (lacht). Die haben das wohl ein wenig zu ernst genommen …

ACCEPT kamen später mit diesem Metal-Ballett um die Ecke: Diese exakt durchchoreografierte Bühnenshow, wie man sie zum Beispiel im „Balls To The Wall“-Video sieht. War das auch von Euch geklaut?
Nee, wir haben das ja gar nicht. Bei uns ist das immer alles spontan entstanden. Unser damaliger Tourmanager, ein Engländer, meinte irgendwann mal, dass wir auf der Bühne Verkehrsampeln bräuchten, weil wir so viel herumgerannt sind. Wenn ich heute alte Videos von uns gucke, muss ich selbst lachen. Wir bewegen uns heute immer noch sehr viel, aber damals war das Olympiade auf der Bühne. Was gut kam und was funktioniert hat, das haben wir versucht, beizubehalten und wieder so zu machen. Wir haben uns immer selbst beobachtet, aber wir haben nie im Vorhinein einen Plan gemacht, wie wir uns bei diesem oder jenen Song bewegen. Das würde bei uns auch gar nicht funktionieren. Aber auch bei ACCEPT oder JUDAS PRIEST, die das gemacht haben, wirkte das immer ein wenig aufgesetzt. Mir hat das nie so recht gefallen.

Accept – Balls To The Wall – Official Music Video Clip

Aber die legendäre SCORPIONS-Pyramide – sowas entsteht doch nicht spontan, da muss man sich doch zumindest verabreden, damit auch alle zeitgleich zur Stelle sind …
Das musst du nicht nur verabreden, das muss man richtig proben! Die Pyramide ist in meinem Kopf entstanden. Das habe ich dann erst einmal zusammen mit zwei anderen Personen geübt. Dann haben wir das auf der Bühne zu dritt gemacht und irgendwann dann sogar zu fünft. Ja klar, das ist so ein Ding, das musst du dir ausdenken und umsetzen – und das ist auch gar nicht so einfach.

Bei den SCORPIONS trommelt seit 2016 MOTÖRHEAD-Schlagzeuger Mikkey Dee. Der hat meiner Meinung nach noch mal ’ne ganz andere Kante bei Euch reingebracht …
Ja, is’ super. Ein Powerhouse – sehr viel Power und Sicherheit, es macht wirklich Spaß. Auf ihn kann man sich absolut verlassen. Das war nicht immer so bei unseren Schlagzeugern in der langen Karriere der SCORPIONS …

Schön, dass Du es selbst ansprichst: Wie kann das sein, dass der Schwachpunkt bei einer Band wie den SCORPIONS immer wieder hinterm Schlagzeug hockte – und das über Jahre?
Das ist eine sehr gute Frage. Weiß ich auch nicht. Das fing ja immer gut an, aber nach ein paar Jahren wurde da dann doch ein bisschen abgebaut … Weiß ich nicht, muss mit den einzelnen Charakteren zu tun haben. Sowas kann man aber generell schlecht voraussagen. Am Anfang ist es ja wie gesagt immer gut gewesen …

Du hast seit elf Jahren deinen eigenen Gitarrenladen: MJ Guitars. Warum von allen Städten dieser Welt ausgerechnet in Mordor … äh, München?
Das hat sich so ergeben. Durch einen Bekannten erfuhr ich, dass es da einen kleinen, überschaubaren Laden in guter Lage gibt, wo sich die Vorbesitzer zur Ruhe setzen wollen. Der wurde mir angeboten. Wir spielten tags darauf in Augsburg, ich war eh in München und bin da spontan vorbei. Das war eigentlich mehr so eine Rumpelbude, aber die hat mir gut gefallen. Also habe ich das übernommen, renoviert, und jetzt ist das eigentlich ein ganz schicker kleiner Laden, der schon Kultstatus hat und ein Treffpunkt für SCORPIONS-Fans und Gitarrenbegeisterte geworden ist. Einmal im Jahr feiern wir Geburtstag, und beim letzten Mal waren Leute aus 30 verschiedenen Ländern da.

Hörst Du selbst noch Schallplatte?
Ich höre immer noch CD. Auch im Auto habe ich immer noch einen CD-Spieler. Das geht heute ja auch alles anders, wenn man will, aber ich finde das gut. Auch bei unseren eigenen Sachen: Jetzt in Schweden haben wir ja nicht nur das 80er-Jahre-Medley gemacht, sondern auch ein paar neue Sachen eingespielt, und da habe ich am Ende gebeten, dass man mir das alles auf eine CD brennt, damit ich das im Auto hören kann. Und da guckt mich der Tontechniker an und meint: „Auf CD? Wir haben schon längst keinen Brenner mehr!“. Ich seh’ das ja bei mir selbst: Mein Schlepptop ist von 2012, und schon bei dem habe ich mir damals einen externen CD-Brenner dazukaufen müssen.

Was war Dein bizarrster Moment in der Karriere mit den SCORPIONS?
(Überlegt) Ich bin ja eher schwer zu schocken, aber als wir 1982 das erste Mal in Thailand gespielt haben, da haben die Fans vor lauter Begeisterung lebende Skorpione auf die Bühne geschmissen … (lacht). Wir hatten schon vorher immer mal wieder Fotosessions mit Skorpionen gehabt, die dann die Gitarrenhälse entlang gekrabbelt sind und so Geschichten, aber diese Tiere waren natürlich immer leicht eingesprüht, damit sie nicht so busy sind. Bei diesen Fotosessions haben wir gelernt, dass die großen schwarzen gar nicht so giftig sind und dass ein Stich von denen ungefähr so schlimm ist wie ein Wespenstich. Gefährlich sind die kleinen hellen, die können tödlich sein. Was da damals in Thailand fröhlich auf die Bühne regnete, waren die großen schwarzen – deshalb kam bei uns keine Panik auf. Ein sehr komisches Gefühl war es trotzdem.

SCORPIONS: „Crazy World Tour 2019”

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Live-Foto (c) Jovan Nenadic

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.