ENTOMBED: Wir lieben es Fuck Off! zu sagen

ENTOMBED: Wir lieben es Fuck Off! zu sagen

Lange war es still um die schwedischen Erfinder des Death´n´Roll. Aber dann…Nachdem mit dem wirklich formidablen neuen Album Serpents Saints ein richtiger Dreckbatzen von fucking Old-School-Death auf die Fan-Meute losgelassen, eine zwar nostalgische, aber irgendwie auch verdammt gut in die aktuelle Zeit passende, MASTERS OF DEATH- Tour u.a. mit GRAVE absolviert wurde und das Mitglieder-Karussell sich wieder einmal gedeht hat, kann man fast schon von einem Neustart sprechen. Obwohl man andererseits auch immer das Gefühl hat, dass alle Veränderungen die Fundamente des Hauses ENTOMBED nicht wirklich ins Wanken bringen können. Manchmal brauchen sie einfach nur etwas länger, um ihre Sachen zu regeln. So spreche ich dann auch immer wirklich gerne mit Sympathie-Bolzen LG Petrov, seines Zeichens Sänger und Gründungs-Mitglied von ENTOMBED, die es wieder mal geschafft haben, zu meiner aktuellen Lieblings-Band zu werden. Und wenn sie sich jetzt nicht wieder für ca. 5 jahr auf die faule Haut legen, wer weiß, was noch passiert…

 

Ist das neue Album in gewisser Weise auch eine neue Defintion der Band?

Es ist ein neuer Start, auch mit den neuen Mitgliedern. Wir sind jetzt wieder alle auf einer Wellenlänge, das macht die Arbeit viel einfacher.

Das Album klingt sehr direkt und auch das Songwriting ist ohne große Schnörkel, was mir persönlich sehr gut gefällt.

Oh ja, es ist schlicht simpler. Das kommt auch daher, das wir mit Alex nur noch einen Gitarristen haben, der seinen Platz beansprucht. Wir können die Songs straffen und können und wollen auch nur wie eine 4-Piece-Band klingen.

Die Produktion klingt teilweise fast wie live.

Genau das wollten wir auch. Wir wollten so klingen, wie wir das auf der Bühne im Moment tun.

Neben der sehr rohen Direktheit klingt es auch verdammt evil…

Oh ja! Obwohl wir das bei den Aufnahmen gar nicht so sehr im Kopf hatten. Wir sind ohne große Gedanken über den Stil, den das Album haben sollte, an die Sache heran gegangen, sind aber wieder auf dem richtigen Weg gelandet.

Wie kam es zu dieser langen Verzögerung der Veröffentlichung, denn eigentlich sollte das Album bereits Ende 2006 erscheinen?

Eigentlich sogar im Juni 2006. Wir hatten schon viele Songs fertig, nur kam leider eine Menge dazwischen. Daher hatten wir das Gefühl, wir müssten wenigstens irgendwas veröffentlichen, bevor wir in Vergessenheit geraten. Also haben wir die When in Sodom-EP veröffentlicht.

Die ja schon die Richtung anzeigte, in die das Album gehen könnte.

Sie ist schon sehr düster und böse. Aber trotzdem hatten wir noch viel Shows und Touren vor dem Album zu erledigen, so dass wir nochmal neue Songs geschrieben haben.

War das vielleicht auch nötig, damit die neu gestaltete Band zusammenwachsen konnte?

Das war einer der Gründe, warum wir das zuerst gemacht haben. Aber natürlich mussten wir die MONSTER OF DEATH- Tour auf jeden Fall machen. Aber es stimmt, in der Zeit ist Ulle (Dahlstedt – Drums – der Verf.) in die Band hinein gewachsen. Das funktioniert auf Tour eben besser als im Studio. Wir kannten Ulle aber auch schon lange bevor er in die Band kam.

Das scheint ja Standard zu sein in der großen, inzestuösen skandinavischen Musiker-Familie. Jeder kennt immer jeden schon lange.

Genau so ist es (lacht – der Verf.)!

Mitglieder steigen aus, die Platte erscheint nicht. Was hat euch denn in dieser für die Band doch schwierigen Zeit bei der Sache gehalten?

Im Gunde die Musik, die Shows, Leute zu treffen, all das was mit der Band zusammenhängt. Ich habe nicht eine Sekunde lang daran gedacht, mit der Musik aufzuhören. Das kam mir gar nicht in den Sinn. Irgendwie kam mir die Zeit aber auch nicht so lang vor. Die letzten 4 oder 5 Jahre sind wie im Flug vergangen.

Als Uffe Cederlund ENTOMBED verließ ist ja schon zum zweiten Mal ein von außen betrachtet wichtiges Band-Mitglied gegangen, nachdem Nicke Andersson die Band ja schon sehr früh verlassen hat.

Und wir sind immer noch da! Aber es sind immer mehrere Leute, die eine Band ausmachen. Manchmal kommt von dem einen oder andern zuviel negative Energie und dann ist es besser sich zu trennen, wie in einer schlechten Beziehung. Die Band wird trotzdem weiterleben und meistens besser als vorher, denn alle ziehen wieder an einem Strang.

Ihr habt es außerdem geschafft euren eigenen, wiedererkennbaren Sound über all die Jahre zu behalten, auch wenn jetzt nur noch zwei Original-Mitglieder dabei sind.

Ich habe auch keine Ahnung wie wir das hingekriegt haben. Vielleicht sollten wir es auch besser nie herausfinden, am Ende verlieren wir es noch. Ich denke aber, dass das neue Album etwas aggressiver klingt, als die bisherigen. Jemand hat das ja mal Death´n´Roll genannt, obwohl wir eigentlich mit Rock´n´Roll nicht soviel zu tun haben.

Naja, in den 50ern wurde Rock´n´Roll für ungefähr so teuflisch und böse gehalten, wie eure neue Platte für den ein oder anderen auch heute noch klingt. Die Verbindung ist also da.

Ja das stimmt, der Teufel lebt also bei uns weiter (lacht – der Verf.)

Rock-Musik wird ja schon seit dieser Zeit, und im Endeffekt auch schon der Blues vorher, gerne mit dem Teufel und düsteren Praktiken in Verbindung gebracht. Es gibt ja Geschichten von Blues-Gitarristen, die ihre Seele dem Teufel verkauften, um besser spielen zu können schon aus den Zwanziger Jahren.

Ja, es scheint also zu passen. Aber zum Beispiel war Sammy Davis Junior auch Satanist (Er war Mitglied der Church of Satan – der Verf.). Igendwo ist wohl was dran. Aber wie gesagt, für dieses Album haben wir uns nicht vorgenommen, ein böses Album einzuspielen, es hat sich nur verdammt gut angefühlt, wütend zu sein.

Entombed
Der Teufel lebt bei uns weiter. LG Petrov und das Böse in der Rockmusik…

Es ist auch ein schöner Beweis, dass man nicht immer in die musikalischen, spiel-technischen Extreme gehen muss, um extreme Musik zu machen. Es müssen nicht die schnellsten Blastbeats oder die tiefsten, fettesten Gitarren sein. Ähnlich geht es mit zum Beispiel bei SATYRICON

Es ist mehr die Attitude, die sich in der Musik ausdrückt. Manches kann man in simpleren Stücken eben besser ausdrücken und Wut gehört dazu. Von der SATYRICON-Platte habe ich einiges gehört, das mir auch gefallen hat.

Gibt es eigentlich noch Reste der Probleme, die ihr früher mal mit der skandinavischen Black Metal-Szene hattet?

Wir hatten nie ein Problem mit denen, aber die hatten eines mit uns (lacht – der Verf.)! Aber wir haben in der Zwischenzeit oft in Norwegen gespielt und die Jungs von MAYHEM und IMMORTAL kommen zu den Shows, wir trinken ein paar Bier und unterhalten uns. Man wird halt erwachsen und sieht die Dinge lockerer.

OK, das ist auch sicher besser so. Lass uns nochmal vom Sound der neuen Platte sprechen, da ich gerade den besonders toll fand. War es schwer die Balance zwischen Rauheit und Unter-Produktion zu halten?

Ja, schon. Aber wir haben auch in viele verschiedenen Etappen und Studios an dem Album gearbeitet, so dass wir in der Zwischenzeit viele Möglichkeiten hatten, den Sound zu testen und auch immer wieder andere technische Möglichkeiten ausprobieren konnten. Wir wollten ja immer noch einen differenzierten Sound und keinen puren Krach, denn Krach schwächt die Musik. Es nimmt ihr die Aggression. Man muss den Mittelweg finden und das ist manchmal nicht so einfach. Aber zum Beispiel ist bei manchen Gitarrensoli als Begleitung nur der Bass und die Drums zu hören und solche Kleinigkeiten machen schon viel von der Atmosphäre aus. Außerdem haben wir auch bewusst nur 9 Songs auf das Album gepackt, damit es nicht zu lang wird. Viele neue Platten sind einfach zu lang, zumindestens für meinen Geschmack. Viel der alten Platten haben gerade mal 8 Songs und sind entsprechend kurz und daran wollten wir uns auch orientieren. Nimm nur Reign in Blood.

Damit ist aber die Unzufriedenheit bei dem ein oder anderen Fan schon vorprogrammiert, der ja trotzdem das gleiche Geld dafür bezahlen muss und dann wenigstens ein Extra verlangt.

Dafür kann man sich aber ein kürzeres, knackigeres Album auch öfter anhören, ohne die langweiligen Stellen zu überspringen, denn das wird man irgendwann tun. Außerdem ist es immerhin 57 Min. lang. Aber ich verstehe diesen Standpunkt schon. Wir hatten allerdings auch keine 45 Songs aus denen wir hätten wählen können, sondern wir haben uns auf diese Songs konzentriert und versucht, sie so gut und so dicht wie möglich zu machen. Wir stehen zu diesen Songs 100%ig und es macht keinen Sinn andere, schwächere Songs zu veröffentlichen, nur damit das Album länger wird.

Was ist denn aus dem vorher angekündigten Lovesong for Lucifer geworden? Der Titel ist ja recht verheißungsvoll.

Naja, wir habe ihn etwas umgeschrieben und er heißt jetzt auf dem Album Ten Commandments.

Es ist schade, das ihr für das endgültige Cover nicht das Bild mit den fliegenden Schwänzen von der Promo-CD benutzt habt.

Oh, nein, nicht die Donkey Dicks. Es ist ein richtiges Gemälde, natürlich auch vom Teufel. Obwohl die Schwänze auf dem Bild ein schönes Pentagramm formen.

Habt ihr auch über das Artwork die künstlerische Kontrolle?

Ja. Wir müssen da mit niemandem drüber diskutieren. Genau wie über die Songs.

Wahrschenlich so lange, bis ihr eure echten Schwänze auf dem Cover haben wollt…

(Lacht. -der Verf.) Wahrscheinlich. Aber wer würde das kaufen?

Ich denke, dass dieses Privileg der künstlerischen Freiheit etwas ist, das ihr euch über die Jahre erarbeitet habt. Andererseits gab es einen Punkt in eurer Karriere, an dem ihr euch auch für einen anderen, vielleicht etwas finanziell einträglicheren Weg hättet entscheiden können. Wie siehst du da heute?

Ja, sicher. Es gab solche Punkte. In den 4 Jahren zwischen Wolverine Blues und dem To Ride…-Album hat uns die Business-Seite sehr beschäftigt und viel Zeit gekostet. Für uns war das sehr frustrierend, denn wir wollten ja nur Musik machen. Aber wir haben daraus gelernt. Jetzte machen wir eben nur Musik. Bei diesem Album haben wir sämtliche Verzögerungen wenigstens selber verschuldet.

Es muss sehr frustrierend sein, wenn das Album fertig produziert ist und man dann nur auf das OK von irgend jemand anderem wartet.

Ganz genau. Das ist furchtbar. Wir haben immer einfach weiter an Songs gearbeitet. Und das machen wir jetzt auch.

Könntet ihr euch das Leben nicht einfacher machen, wenn ihr jedes mal ein neues Wolverine Blues oder gar Clandestine veröffentlicht? Oder ist das eine zu simple Sichtweise?

Ich habe auch so ein gutes Leben. Damals waren wir eine andere Band und wollten die Sachen so machen. Wir könnten auch jetzt ein neues CLANDESTINE machen und vielleicht tun wir das sogar. Aber es ist sinnlos ein Album zu machen, das wie ein schon vorhandenes klingt. Man kann sich aber daran orientieren. Mit dem neuen Album gehen wir bereits in diese Richtung, denke ich.

Allerdings immer noch mit dem Rock´n´Roll oder Punk-Aspekt, der auf Clandestine noch fehlte. Vor allem in der Attitude.

Diese Elemente sind immer noch da, das stimmt. Es gefällt uns einfach Leuten Fuck off! zu sagen. Wir tun eben, was wir wollen.

Heutzutage ist es schon ein Fuck off! eine Platte zu veröffentlichen, auf der zeitweise nur eine Gitarrenspur zu hören ist…

Wir gehen eben immer in eine andere Richtung als die Anderen. Das haben wir schon immer getan. Und wir sind immer noch da!

Und sehr kraftvoll, wie man auch auf der MASTERS OF DEATH-Tour gesehen hat. Der Old-School-Death ist also immer noch da.

MASTER
MASTERS OF DEATH – Tour: Old School as Fuck!

Oh, ja, das war eine fantastische Tour! All diese Typen mit Lederjacken und Patronengurten wie früher. Das hat uns wirklich inspiriert. Die Tour kam wirklich sehr gut an. Wir wollen das unbedingt wiederholen.

Die alten NIHILIST-Aufnahmen wurden vor einiger Zeit ja auch wiederveröffentlicht. Gibt es dort weitere Pläne, etwa für Shows?

Eher nicht. Es würde schwierig sein, alle Bandmitglieder zusammen zu bekommen.

Vielleicht als Opener der nächsten MASTERS OF DEATH-Tour.

Dann würde die Leute wahrscheinlich denken, es handelt sich um eine schlechte NIHILIST-Cover-Band (lacht – der Verf.).

Wie wichtig sind Touren für euch, auch aus finanzieller Sicht, da die CD-Verkäufe ja insgesamt immer noch rückläufig sind?

Naja, wir lieben es einfach, live zu spielen. Aber es ist schon ein wichtiger Teil des Einkommens, das stimmt. Auch das Merchandise ist wichtig. im Endeffekt lebt man als Band genau davon. Und es ist sowie so das beste, in einem Tourbus zu sein. Das ist das wahre Leben!

Wir Deutschen lieben es ja ernsthaft zu diskutieren und deswegen gibt es in der Metal-Szene gerade eine große Diskussion um Ticket-Preise, aber auch um Merch-Preise. Wenn bei bekannten Bands auf einmal Long-Sleeves für 50€ an den Ständen hängen, finden die Leute das nicht mehr wirklich lustig, wenn das Ticket schon genau so viel kostet. Die Bands führen dann gerne die schlechten Verkaufszahlen als Argument für die höheren Preise an.

Naja. Wir versuchen unsere Shirts bei 15€ zu halten, denn das ist genau das, was ich auch selber für ein T-Shirt zu zahlen bereit bin. Vielleicht noch 20€, wenn es ein besonderes ist. Im Endeffekt verkauft man so auch mehr und erhält mehr Werbung durch die Leute, die es tragen. Mit Merchandise kann man aber sowieso keine schlechten Verkaufszahlen ausgleichen. Diese Argumentation greift meiner Meinung nach nicht. Aber vielleicht wollen manche – vor allem von den großen Bands – einfach nur immer mehr und mehr und mehr. Wir versuchen, die Sache aus unserer Perspektive zu sehen und das ist immer noch die Fan-Perspektive.

 

Bilder: Entombed-MySpace-Seite