DOPE STARS INC.: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!

Finstere Gothicatmosphäre, rotziger Rock´n´Roll und fast schon technoide Synthies – kann das gemeinsam funktionieren? Es kann, wie DOPE STARS INC. auf ihrer ersten CD "10.000 Watts of Artificial Pleasures” gezeigt haben. Gitarrist und Sänger Victor Love berichtet aus dem emsig am Erfolg tüftelnden Bandlager…

Finstere Gothicatmosphäre, rotziger Rock´n´Roll und fast schon technoide Synthies – kann das gemeinsam funktionieren? Es kann, wie DOPE STARS INC. auf ihrer ersten CD ”10.000 Watts of Artificial Pleasures” gezeigt haben. Gitarrist und Sänger Victor Love berichtet aus dem emsig am Erfolg tüftelnden Bandlager…



Auf eurer Homepage lasst ihr mit dem Spruch “Ready for the masses” die Welt ja schon mal wissen, dass ihr bereit seid für eine Menge Aufmerksamkeit. Wie ist das genau gemeint? Welche Reaktion erhofft ihr euch denn von den Massen?

Das soll einfach heißen, dass wir kein Problem damit haben, von einer großen Anzahl Leute mit unserer Art von Musik akzeptiert zu werden. Es soll nicht arrogant klingen, sondern einfach widerspiegeln, dass unsere Musik ein breites Spektrum hat. Man kann Einflüsse aus vielen verschiedenen Genres darin wiederfinden. Sie soll sowohl Leute aus der Gothicszene ansprechen wie auch Metaller, EBM-Freaks und Leute, die einfach nur auf Rock´n´Roll stehen. Und die Reaktionen bislang geben uns recht, sie haben unsere Erwartungen weit übertroffen.

Nun braucht man für so einen Spruch aber doch einiges an gesundem Selbstvertrauen. Wo nehmt ihr dieses her?

Ich finde, es hat weniger mit Selbstvertrauen oder Arroganz zu tun. Als wir unsere Homepage mit MP3s und all den anderen Features bestückt hatten, haben wir den Spruch einfach auf die Startseite gesetzt. Unsere Website ist unser Portal, über das uns die Massen kontaktieren und mehr über uns rausfinden können. Daher soll der Spruch zuerst einmal ausdrücken, dass wir in den Startlöchern stehen und heiß darauf sind, unsere Musik zu verbreiten. Dazu kommt eben noch das erwähnte breite Spektrum unserer Musik, das durch den Spruch angedeutet sein soll.

Wie sieht´s denn umgekehrt aus? Meint ihr, die Massen sind bereit für euch?

Ja. Gerade in den USA, so zeigen es beispielsweise unsere Zugriffszahlen, ist das Interesse an unserer Mucke in der dortigen Szene sehr hoch. Die Leute, die dort drüben solche Musik hören, beobachten immer sehr genau, was in Europa abgeht. Und wir bieten ihnen die meisten coolen Aspekte der hiesigen Musikszene vermischt mit einer sehr amerikanischen Rock´n´Roll-Attitüde.

Zur größeren Verbreitung der Musik gehört auch ein Label als Businesspartner. Wie ist es auf diesem Sektor, gab es bereits Interessensbekundungen von Plattenfirmen?

Bislang haben wir von drei Plattenfirmen Angebote erhalten. Momentan schauen wir uns die Verträge genauer an, um den bestmöglichen Deal für die Zukunft von DOPE STARS INC. herauszuholen.

In eurem Info stand, dass Helsinki für euch eine entscheidende Rolle beim Entstehen der Band gespielt hat. Was kann denn die finnische Hauptstadt dafür, dass DOPE STARS INC. sich formiert haben, hehe?

Unser Basser Darin und unser Keyboarder Grace sind sich in Helsinki zufällig über den Weg gelaufen, und auch mein erster Kontakt zu Grace kam in Helsinki zustande, als wir uns beim dortigen Metalfestival Tuska 2001 kennen lernten. Die beiden haben sich bald schon darüber unterhalten, gemeinsam eine Industrial-Rock´n´Roll-Band aufzuziehen. Das war die Geburtsstunde von DEAD GIRLS INC. Als sie nach Italien zurückkehrten, erzählte mir Grace von ihrem Vorhaben, woraufhin wir gemeinsam an dem Projekt arbeiteten, ab da unter dem Namen DOPE STARS INC. Komplettiert wurden wir durch Brian an der zweiten Gitarre.

Ihr kommt aus Rom, einer echten Metropole. Würdet ihr sagen, dass ihr speziell urbane, also großstädtische Musik spielt?

Schon, wenn man eine Großstadt als eine postindustrielle Metropole sieht, dann ist das definitiv der Platz, wo eine Band wie DOPE STARS INC. am besten entstehen kann und die meisten Inspirationen findet. Gerade wenn man Rom betrachtet: Es ist eine der schönsten Städte der Welt, ein Ort voller Kunst, Geheimnisse und dunkler Geschichten mit einer großen Portion Historie dahinter. Wo kann man Inspirationen en masse finden, wenn nicht hier?

Eure CD heißt ”10.000 Watts of Artificial Pleasures”. Was sind solche künstlichen Freuden, von denen ihr da erzählt?

Wir beziehen uns da auf eine Vision von der Zukunft, einer Welt aus künstlichen Freuden und üblen synthetischen Drogen, ausgeleuchtet von Neonlichtern und voll mit Tokio-typischer Dekadenz. Es ist eine Welt der synthetischen, unechten Gefühle; eine Welt der globalen Vernetzung, wo das Leben in einem künstlichen Cyber”raum” stattfindet. Die einzigen Freuden, die hier zu finden sind, müssen zwangsweise ebenfalls künstlich sein.

Ich zitiere mal ganz frech aus eurem Info: Ihr bezeichnet eure Musik als “stürmischen Schmelztiegel aus Industrial-Hochspannung, rasiermesserscharfen Rock´n´Roll-Gitarren, Gothic-Dekadenz, wilder Punkattitüde, poppigen Melodien und technoiden Hammerbeats – so als spielten KMFDM mit der Wildheit von MÖTLEY CRÜE.” Wie kamt ihr denn auf solch einen Wust an verschiedensten Einflüssen und was verleitete euch dazu, diese Einflüsse miteinander zu kombinieren?

Die Ausgangsidee von Grace und mir war, eine Industrial-Band zu formen, die sowohl die Abgefahrenheit des Cyberpunks als auch eine lässige Rock´n´Roll-Atmosphäre auf sich vereint. Als wir mit dem Songwriting begannen, integrierte ich zunehmend auch EBM- und Techno-Parts in unser Konzept. Das Ergebnis klang dermaßen überzeugend in unseren Ohren, dass uns klar wurde, dass hier unser Sound zu finden war. Irgendwie wurde ja inzwischen so ziemlich jeder Rock- und Elektro-Song schon mal geschrieben und auch schon wieder geklaut. Wir wollten uns da nicht einreihen, sondern etwas ganz Anderes auf die Beine stellen, etwas, das die Musik und Kultur des 21. Jahrhunderts in sich aufsaugt und sie widerspiegelt. Mit dieser Verquickung all der Zutaten des neuen Jahrtausends kamen wir zu dem, wie DOPE STARS INC. heute klingen.

DOPESRAS

Worin besteht denn eurer Meinung nach der gemeinsame Nenner all dieser verschiedenen Einflüsse und Richtungen?

Die Gemeinsamkeit entsteht ganz von alleine, wenn man das richtige Mischungsverhältnis findet. Die Feinabstimmung ist das eigentlich Schwierige, da hier das Problem auftaucht, die Musik einzigartig klingen zu lassen, ohne dabei den stilistischen roten Faden zu verlieren. Einen ganz persönlichen Stil herauszuarbeiten dürfte für jede Band die größte Herausforderung sein. Aber um auf die Gemeinsamkeiten der Stile zurückzukommen: Heutzutage öffnen sich die Leute sehr viel schneller und bereitwilliger all diesen verschiedenen Genres im Untergrund. Viele Metaller haben auch ein offenes Ohr für EBM und Industrial beispielsweise. Ähnlich geht es Fans mit einem Rock´n´Roll-Background. Wir wollen eine Band sein, die mit der Kraft unserer Musik und unserem Songwriting all diesen Leuten das gibt, wonach ihnen verlangt.

Was war der Gedanke hinter den zwei Remix-Versionen des Titeltracks auf dem Album?

Wir wollten uns nicht darauf limitieren, eine normale Industrialband aus Europa zu sein. Unsere Wurzeln gehen unter anderem tief in die Elektroszene, wo Remixe fast schon ein Muss sind. Wir hatten die Gelegenheit, von unseren Freunden der Future-Pop-Band XP8 einen Remix anfertigen zu lassen, und beschlossen zudem, einen weiteren bei einem mit Darin befreundeten DJ namens NIGHTSHELL in Auftrag zu geben.

In meiner CD-Kritik hob ich die dreckige, rohe Produktion hervor. Habt ihr aus der Not finanzieller Grenzen eine Tugend, nämlich eine Erhöhung des Rotzigkeitsfaktors, gemacht?

Da stimme ich gerne zu. Ich habe die CD in meinem Heimstudio aufgenommen, und um ehrlich zu sein, sollten diese Aufnahmen lediglich eine erste Bestandsaufnahme in Demoform werden, nach der wir dann in ein Studio gehen wollten, um die Songs nochmal professionell zu produzieren. Allerdings wollten wir die Songs auch so schnell wie möglich an die Öffentlichkeit bringen, da unsere Homepage fertig war und das Interesse an der Band schon vor der Veröffentlichung auch nur eines Tones enorm war. Es kamen ständig Anfragen nach Mp3s. Daher landeten die Demoaufnahmen auf der CD, und nicht nur wir sind mit dem Sound, wie er ist, sehr glücklich, sondern scheinbar auch die Fans, wie wir immer wieder erfahren haben.

Wie würde denn eine 100.000-Dollar-Produktion von DOPE STARS INC. klingen?

Ich arbeite schon seit Jahren als Tontechniker und nehme meine Sachen schon immer selber auf. Ich kenne mich daher mit professionellem Equipment aus und weiß auch um die Grenzen meines beschissenen PCs, den ich für die Aufnahmen missbrauche. Sollten wir je in die Verlegenheit kommen, uns ganz unserer Musik widmen zu können und entsprechend viel Unterstützung für eine große Produktion zu bekommen, würde das Resultat sicherlich dennoch unerwartet klingen. Mir schwirren etliche Ideen im Kopf rum, wie wir unseren Sound noch weiter verbessern können. Gemeinsam mit Grace würde ich gerne mehr Samples integrieren, und auch mit Gesangseffekten würden wir gerne noch mehr herumexperimentieren beim Mix. Überhaupt würde viel Zeit in die detaillierte Produktion der Effekte fließen. Gerade beim Drumcomputer und den Synthies wäre garantiert noch einiges rauszuholen. Bislang habe ich lediglich mit einem normalen Musikprogramm am Rechner gearbeitet, auch wenn ich natürlich viel Arbeit reingesteckt habe, um das bestmögliche Resultat herauszuholen.

Die 100.000 Dollar würden also nicht in diverse Rauschmittel investiert werden, hehe?

Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Wie wichtig ist Exzess für eure Musik?

Exzess ist quasi die Basis unserer Musik. Wir würden nicht so klingen, wie wir es tun, wenn wir einen weniger exzessiven Lebensstil führen würden.

Auf eurer Homepage stilisiert ihr diesen Lebenswandel als sehr dekadent und unkonventionell. Hand auf´s Herz: Spiegelt das wirklich die Wahrheit wider oder arbeitet ihr insgeheim doch brav und ordentlich von neun Uhr früh bis fünf Uhr nachmittags?

Sowohl als auch. Natürlich muss ich gestehen, dass auch wir uns unser Geld mit harter Arbeit verdienen müssen. Wir sind definitiv ansonsten aber keine Langweiler, die ihre Freizeit mit Ballerspielen am Computer vertrödeln, sondern durchaus die Gestalten, als die wir uns auf der Bühne und im Netz darstellen.

Hart gearbeitet habt ihr an eurem ersten Video, das für eine Undergroundband ganz exquisit ausgefallen ist. Für wen habt ihr das Video gedreht, für euch? Für Fans? Für Labels?

Für alle gleichermaßen. Wir versenden das Video an die Medien und haben es auf unserer Homepage zum Download bereitgestellt. Wir hatten das Glück, mit einer sehr coolen Mannschaft an dem Video zu arbeiten. Es wurde unter anderem von der NUCT hergestellt, das ist die Filmhochschule von Cinecittà – quasi das italienische Hollywood, das so manchem Italowestern-Fan ein Begriff sein dürfte. Zufällig wohne ich nur drei Minuten weg von Cinecittà, da hat sich das ergeben.

Wie kommt es, dass ihr bereits in einem so frühen Stadium mit den beschränkten Mitteln einer Undergroundband schon ein derart ausgereiftes optisches und generelles Konzept rund um die Band habt?

Was unseren Look angeht, ist es einfach so, dass lange Jahre der Streifzüge durch Gothicclubs so ihre Spuren hinterlassen haben, hehe. Was die generelle grafische Gestaltung angeht, verdanken wir Grace viel. Er verdient sein Geld als Designer und Grafiker. Außerdem ist ein Kopf voller Ideen immer besser als ein großes Budget, das einem leeren Kopf zur Verfügung steht. Grace hat auch schon das Design für andere Bands übernommen. Er ist meiner Meinung nach einer der Besten auf diesem Gebiet, zumal er wirklich alles vom Image über CD-Artwork bis hin zur Homepagegestaltung draufhat.

Die grafische Komponente scheint euch also sehr wichtig zu sein. Ist sie gleichwertig zur Musik oder dennoch lediglich eine Ergänzung zur Musik?

Das Image von DOPE STARS INC. ist ein voller Bestandteil der Band. Wir können uns DOPE STARS INC. ohne die zugehörige optische Präsentation gar nicht vorstellen. Wir verstehen uns als ein musikalisches und visuelles Projekt. Man mag uns vorwerfen, dass wir so viel Wert auf eine modische, ´stylishe´ Umsetzung legen. Aber zusammen mit der Musik hinterlässt dies beim Hörer einen ganz anderen Eindruck als all die gewöhnlichen Chartbands.

DOPESRAS


Wie wichtig sind Make-up und Pseudonyme für euch persönlich? Seid ihr andere Personen, wenn ihr für Bandfotos posiert, als wenn ihr morgens aus dem Bett kriecht?

Wenn wir abends ausgehen, wirst du uns genau so gestylt sehen wie auf den Bandfotos. Wir spielen auf keinen Fall nur eine Rolle, sondern drücken unsere Persönlichkeit aus.

Was wird man denn von einer DOPE STARS INC.-Liveshow erwarten können?

Das steht noch ein bisschen in den Sternen. Wir planen Liveshows erst für nächstes Jahr, wenn wir hoffentlich ein volles Album draußen haben.

Was wäre der perfekte Ort für ein Konzert von euch?

Darüber machen wir uns noch Gedanken. Solange es einfach nur um normale Clubgigs geht, so wären Industrial- und Gothicclubs natürlich die passendste Umgebung für DOPE STARS INC. live. Das sähe dann ähnlich aus wie in unserem Video, wenn wir das umsetzen könnten. Wichtig wären fette Subwoofer, da der Club sich ansonsten nach dem Gig eine neue P.A. besorgen müsste.

Wäre da nicht dann auch ein Drummer aus Fleisch und Blut von Vorteil? Momentan arbeitet ihr ja noch mit einem Drumcomputer…

Wir benutzen den Schlagzeugcomputer mit voller Absicht. Für einen echten Drummer haben wir keinen Bedarf, da der maschinelle Klang des Drumcomputers zu unserem Sound gehört. Klar sind wir eine Rock´n´Roll/Metal-Band, aber die Beats sind nun mal künstlich bei uns, um die richtige Cyberatmosphäre in die Musik einzubringen.

Eine nicht ganz gewöhnliche Aktion ist die Rekrutierung eines Streetteams von Fans auf der ganzen Welt, um eure Band ausgiebig zu promoten. Wie erfolgreich ist diese Idee?

Mehr als nur erfolgreich! Es ist das Beste, was uns passieren konnte. Unsere Streetteam-Mitglieder sind blendend organisiert dank einem Netzwerk an Homepages in verschiedenen Sprachen, über das sie jede Menge offizielles Promotionmaterial bekommen können und beispielsweise etliche hochklassige MP3s als Belohnung für die Verbreitung unseres Namens downloaden können. Außerdem fabrizieren viele Mitglieder selbst Promomaterial, das wir wiederum helfen zu verbreiten, Banner für Links zum Beispiel, Bildbearbeitungen, Wallpapers, Aufkleber, Flyer und vieles mehr. Das geht bis hin zum Drucken und Verteilen von T-Shirts! Das krasseste Erlebnis hatte ich in dieser Hinsicht allerdings letzte Woche, als jemand aus Großbritannien erst eine Plastikpuppe von mir fabriziert hat und dann welche von allen DOPE STARS INC-Mitgliedern. Ein weiterer Effekt der Streetteam-Idee ist, dass wir durch die registrierten Fans eine Menge Kontakte zu anderen Bands und Medienleuten bekommen haben. Gästebuchattacken im Internet gehören ebenfalls den Aktivitäten des Streetteams. Letztlich hat all das dazu beigetragen, dass nun drei Plattenfirmen Interesse an uns geäußert haben. Ich kann anderen Undergroundbands nur nahe legen, sich ebenfalls solch ein Fan-Netzwerk aufzubauen.

Momentan managt ihr euch noch selbst. Wieviel Stress bzw. wieviel Nutzen bedeutet das für euch?

Zunächst mal ist es viel Stress. Aber den bin ich gewöhnt. Schon bei meinen anderen Bands, MY SIXTH SHADOW und CHAOS ZERO, war ich derjenige, der alles in die Hand nahm. Es ist also nicht das erste Mal, dass ich mich mit Vertragsverhandlungen und so Kram beschäftige. Es haben sich zwar schon viele Leute gemeldet, die uns managen wollen, aber meiner Erfahrung nach arbeiten solche Typen einfach nicht so sorgfältig und unnachgiebig für einen wie man selbst. Ich investiere extrem viel Zeit in die Bandgeschäfte, eben weil es meine eigene Band ist. Ich kümmere mich gerne um alle Details, statt meine Zukunft in die Hände von jemand anderem zu legen, wo ich doch selbst weiß, wie ich die Bandinteressen am besten wahrnehme. Man braucht schließlich kein Universitätsexamen, um CDs zu verschicken und Kontakte zur Presse aufzubauen.