DER WEG EINER FREIHEIT: Eine ungeplante Karriere und das Bandgefühl als Offenbarung

Mit “Noktvrn” haben DER WEG EINER FREIHEIT ihren Status als Platzhirsch in Sachen deutschsprachigem Black Metal untermauert. Und mehr noch, binden doch die Würzburger vermehrt andere Elemente in ihre Musik ein, um sie interessanter, vielschichtiger und emotionaler zu machen. Grund genug, bei Bandleader Nikita Kamprad nachzufragen.

Hallo Nikita, vorab Gratulation zum neuen Album “Noktvrn“. Es ist meines Erachtens ein sehr intensives, berührendes und vielschichtiges Album geworden. Worin siehst du die Besonderheiten des Albums?

Musik zu schreiben, ist für mich dem Wesen nach, etwas sehr Persönliches. Auch hinter den Texten stecken immer persönliche Erfahrungen und auch Emotionen, welche das Weltgeschehen in mir hervorruft. Die Texte sind in Verbindung mit der Musik demnach emotional “belastet”. Zusätzlich hat das Album diese krasse emotionale Wirkung, weil “Noktvrn” auch das Konzept der Nacht zugrunde liegt. Und in Verbindung mit der jetzigen Situation, wo jeder das Alleine-Sein, das In-Sich-Hinein-Hören, was in einem schlummert, intensiver erfahren musste oder durfte, hat das Ganze an Aktualität und Intensität gewonnen. Dabei hatte die Pandemie gar keinen Einfluss aufs Songwriting. Aber durch den Umstand, dass die Menschen jetzt oft alleine waren und wieder sind, hat das Album emotional noch mehr Wucht und Wirkung. Aber es ist ohnehin immer schon unser Anspruch gewesen, mit unserer Musik Emotionen hervorzurufen. Für uns selber, aber auch für die Hörer.

“Ich habe mir zum Ziel gesetzt, alle Texte in der Nacht zu schreiben”

Wie eben angesprochen, hast du das Album den Träumen und der Nacht gewidmet? Gibt es da eine persönliche Bindung zu dieser Thematik?

Seitdem ich Musik mache, haben mich Träume in meinem Schaffen beeinflusst. So fiel mir schon die Musik zu “Eiswanderer” (auf dem “Stellar”-Album) im Traum beziehungsweise im Halbschlaf ein. Die Nacht ist auch ebendieses Zeitfenster, wo man zumeist alleine und im Dunklen ist. Bei “Noktvrn” ist es dann ganz speziell gewesen. Es war 2019 irgendwann morgens zwischen 4 und 6 Uhr, als mir im Halbschlaf, also kurz vor dem Aufwachen, die doch eher simple Struktur von “Immortal” eingefallen ist. Der Aufbau ist ja jetzt nichts Besonderes, aber die Erfahrung macht den Song so speziell. Und damit die Idee nicht wieder verloren geht, habe ich sie sogleich grob notiert und am gleichen Tag dann auch auf dem Computer eingespielt. Daraus ist dann auch das Konzept für das Album entstanden. Zudem habe ich mir auch zum Ziel gesetzt, alle Texte in der Nacht zu schreiben, weil die Gedanken in der Nacht doch auch andere sind, weil man eben zumeist alleine und im Dunklen ist.

“Es war 2019 irgendwann morgens zwischen 4 und 6 Uhr, als mir im Halbschlaf, also kurz vor dem Aufwachen, die doch eher simple Struktur von “Immortal” eingefallen ist.”

War “Immortal” dann also der erste Song fürs Album?

Ja, und der nächste war dann “Haven”, den ich dann ebenfalls in der Nacht geschrieben habe. Sprich die ersten beiden Songs waren auch die speziellsten des Albums. Als ich diese beiden Songs dann den Kollegen geschickt habe, war die Verwunderung groß und sie fragten sich, ob das ganze Album nun so klingen würde? Aber im Endeffekt sollten diese beiden Lieder nur aus dem Album herausstechen, was sich auch tun. Aber grundsätzlich wollten wir uns nicht zu weit weg bewegen von unserem Stil.

Der Albumtitel ist ja von Chopins “Nocturnes” abgeleitet. Welche Verbindung hast zu klassischer Musik im Allgemeinen?

Ich habe insbesondere zwischen “Finisterre” und “Noktvrn” sehr viel Klassik gehört und habe auf Spotify auch eine entsprechende Playlist, wo Chopin prominent vertreten ist. Insbesondere die 21 Klavierstücke von “Nocturnes” beeindrucken mich sehr. Vor allem vor dem Hintergrund, dass man mit nur einem einzigen Instrument so viel Melodik und Harmonie erzeugen kann. Auch inspiriert mich diese klassische Herangehensweise ans Komponieren.

À propos Komponieren, im Songwriting-Prozess bzw. der Umsetzung hast du den Bandkollegen mehr Mitsprache gegeben? Was gab den Anlass dazu?

Das Songwriting selbst lief ja nach wie vor so ab wie früher. Sprich, ich habe die Drums, Bass, Gitarre noch alleine geschrieben. Allerdings habe ich mir schon im Vornherein das Ziel gesetzt, das Album in einem Live-Kontext zu schreiben und zu arrangieren. Dadurch ist man beim Songwriting limitierter, als wenn man Stücke nur für ein Studio-Layout schreibt. Und eben auch das Arrangement ist ein Anderes. Als die Songs dann fertig waren, haben wir uns im Oktober 2020 für eine Woche ins Studio begeben für die Pre-Production. Auch um zu sehen, wie die Songs live funktionieren. Und das taten sie, weil wir alle gut vorbereitet waren. Im März 2021 erfolgte dann die eigentliche Aufnahme, für welche wir zwei Wochen im Studio gebucht hatten. Jeder wusste da, was zu tun ist. Und da gab es nicht viel viel Spielraum, weiterhin zu experimentieren oder für Jamming. Die Songs mussten sitzen und das taten sie auch.

“Ich fand es wichtig, loszulassen.”

Wie schwer fiel es dir, hier ein Stück weit loszulassen?

Ich fand es wichtig, loszulassen. Vor allem, weil ich mich daran erinnerte, wie es damals bei “Finisterre” gewesen ist. Da war ich am Ende der Produktion nur mehr allein mit dem Drummer im Studio. Und als dieser seinen Part erledigt hatte, war ich vier bis fünf Wochen ganz alleine im Studio. Und das hat sich dann auch auf die Live-Shows ausgewirkt, wo ich das Gefühl hatte, so viel alleinige Verantwortung zu tragen. Das ist jetzt wieder anders: die Band funktioniert als Band und wir sind ja überdies auch Freunde. Und diese positive Energie wollen wir auch mit einem Studioalbum einfangen. Und insofern ist es ein gutes Gefühl, wenn auch noch etwas komisch. Aber ich bin dankbar dafür, auch gegenüber den Kollegen. Auch weil wir uns gegenseitig Respekt zollen.

Ist diese Herangehensweise auch für die zukünftige Alben angedacht?

Ich denke schon. Es war gewissermaßen eine Offenbarung. Denn die ganze Verantwortung zu übernehmen, hätte mich auf Dauer kaputt gemacht. Ich habe das ja schon lange genug gemacht. Insofern hätte es keinen Sinn, ein Album wieder alleine zu machen.

“Ich sehe mich als ein Medium zwischen Band und Endprodukt”

Du produzierst ja auch viel für andere Bands. Gibt es da hinter dem Mischpult eine andere Herangehensweise, als wenn du deine eigene Musik produzierst?

Als Produzent bin ich ja allen voran einmal Dienstleister. Allerdings fällt es schon leichter, wenn ich eine emotionale Bindung zur Musik herstellen kann – und das versuche ich auch immer. Und oft kommen ja Bands, mit denen ich musikalisch auf der gleichen Wellenlänge bin. Wenn ich mich mit der Musik nicht so identifizieren kann, dann ist es mir wichtig, die Vision der Band mit dem bestmöglichen Sound auszustatten. Ich sehe mich da als ein Medium zwischen Band und Endprodukt, das meist besser funktioniert, wenn eine emotionale Bindung zur Musik gegeben ist. Wenn dann eine Band ganz nah am Krach ist, mit wenig Melodien und so, dann weiß ich, dass es der Band grundsätzlich nur wichtig ist, dass ihre Musik einfach nur drücken muss. Und ich weiß inzwischen, was da zu tun ist oder wo die Drums mikrophoniert werden müssen, um dieses Ziel zu erreichen. Generell macht die Arbeit im Studio aber viel Spaß.

Nimmt man als Produzent mitunter Ideen von anderen Bands, mit denen man zusammenarbeitet, auf, um sie mit seiner eigenen Band umzusetzen?

Ja, tatsächlich. Erst letztes Jahr – im Lockdown im April, glaube ich, wollte die Vintage Rock / Doom Band CRESTFALLEN QUEEN ihre EP aufnehmen. Der Termin wurde dann auf Juni verschoben. Auf jeden Fall wollte die Band die EP live aufnehmen. Es war das erste Mal, dass ich als Produzent so etwas machte. Und es gibt ja wenige Produktionen, die sich eignen, live aufgenommen zu werden. Im Metal ist das aber noch gut möglich. Jedenfalls war die Band sehr gut vorbereitet und hatte sichtlich viel geprobt. Die Idee und der Outcome gefielen mir dann so gut, dass ich diese Idee für mich mitnahm – und ja, dieses Studio-Erlebnis war verantwortlich dafür, dass wir “Noktvrn” ebenso live aufgenommen haben.

“Wir werden weiterhin Spaß am melodischen Geschrammel haben”

Welche Tendenzen stellst du fest, wie sich DER WEG EINER FREIHEIT musikalisch in zwei, fünf, zehn Jahren weiterentwickeln könnte?

Wir sind recht fein mit dem “Genre” Black Metal. Wobei ich mich zuletzt vermehrt mit dem Synthesizer beschäftigt habe: Und es ist schon spannend, damit zu experimentieren. Auch in puncto Sounddesign mag es eine Weiterentwicklung geben. Ebenso spannend finde ich entfremdete Gitarren, wie sie auch auf “Immortal” zu hören und wo sie bereits mit Synths verwechselt worden sind. Mit solchen Effekten werden wir wohl noch weiter herumspielen. Aber wir werden auch weiterhin unseren Spaß an der Raserei, der Rohheit und dem melodischen Geschrammel haben. Auch weil es live so eine Freude bereitet. Und das hoffentlich noch eine ganze Weile.

“Wir sind recht fein mit dem “Genre” Black Metal.”

“Die Karriere war so nicht geplant”

Und als Blick zurück: was waren die Erwartungen, als du die Band vor gut zehn Jahren gegründet hast?

Damals (2009) habe ich ein Demo nur für den Zweck einer Demo gemacht. Und dann sollte nichts mehr folgen. Daher gaben wir uns auch nicht einmal die Mühe, uns einen offiziellen Namen dafür auszudenken, so dass es schlichtweg das selbstbetitelte Album wurde. Das Projekt war also nur für ein Album gedacht gewesen. Aber die positive Resonanz darauf hat mich angespornt, weiter zu machen. Dann schoben wir rasch noch die EP “Agonie” nach, um uns weiter voran zu tasten. Und als auch diese gut ankam, war es an der Zeit, unserer Prinzipien über Bord zu werfen. Aber die Karriere war so nicht geplant. Wobei der internationale Erfolg auch dem Label Season Of Mist geschuldet ist – und das, obwohl wir deutsche Texte haben und einen deutschen Bandnamen, den man gefühlt nirgendwo richtig aussprechen kann.

Durch die Pandemie hat man als Musiker ja durchaus Zeit “gewonnen”. Was war in dieser Zeit der Ersatz für Tourneen und Konzerte?

Es ließ Zeit fürs Produzieren und fürs Kreativ-Sein. Allerdings wollten wir uns 2020 ohnehin rar machen. Wir hatten nur zwei bestätigte Shows, die dann eh gecancelt werden mussten. Insofern war es für uns kein großer Eingriff. Dafür konnte ich mehr Zeit dazu aufwenden, mein eigenes Studio zu bauen und Songs zu schreiben. Insofern haben mir die Lockdowns genutzt, so schrecklich die Pandemie auch ist. Auch hat mir die Situation die Augen geöffnet und das Leben im Allgemeinen entschleunigt. Ich – und auch viele andere Menschen in meinem Umfeld – konnten in dieser Zeit wieder runterkommen. So schlecht und bitter es auch ist, wenn Jobs – insbesondere auch im Musik- und Live-Business – wegfallen, so bieten sich Chancen und auch die Zeit, wieder einmal eine Pause einzulegen, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Eine Sache, die auch ohne Pandemie wichtig ist. Denn allzu oft arbeiten und werkeln die Leute in dieser Branche am Limit.

Was sind deine Interessen abseits der Musik?

Ich fahre sehr gerne mit dem Fahrrad. Gerade im Sommer mit dem Mountain-Bike unter blauem Himmel den ganzen Tag unterwegs zu sein, herrlich! Ja, und ansonsten ist es die Musik, der mein ganzes Interesse gilt. Und ich empfinde es als Privileg, mein Hobby als Beruf zu haben, mit dem ich gewissermaßen meinen Lebensunterhalt verdiene.

Welche Alben haben dich 2021 besonders berührt?

Aphelion” von LEPROUS, wie alle anderen Alben der Band auch. Es ist wirklich krass, was diese Band in kurzer Zeit immer wieder auf die Beine stellt. Aber vielleicht haben auch sie die Pandemie genutzt, um wieder so ein Album zu erschaffen.
Dazu “Melinoë” von AKHLYS, wobei ich nicht weiß, ob es 2021 erschienen ist. Aber ich habe es erst in diesem Jahr gehört. Aber es ist Black Metal aus den USA, der mich total weggehauen hat.
Ja, und schließlich “Glow On” von TURNSTILE, eine Punk und Hardcore-Band, die mich von der Produktion her – also in technischer Hinsicht – total begeistert.