ATLANTEAN KODEX: Oberpfälzische Dorftruppe für Europa

Mit „The Course Of Empire“ haben ATLANTEAN KODEX, zumindest für mich persönlich, das wohl beste Metal-Album des Jahrzehnts abgeliefert. Musikalisch immer noch auf den Spuren alter MANOWAR und BATHORY, bieten ATLANTEAN KODEX auf ihrem dritten Album zwar musikalisch wenig neues, dafür aber bewährtes in perfektionierter Form. Wie kaum einer anderen band gelingt es den Bayern mich zu packen, sei es musikalisch oder durch die Texte, welche eine Mischung aus Historie, Fiktion und inzwischen auch recht deutlicher Gesellschaftskritik sind.

Wie sehnlich das neue Album erwartet wurde, konnte man daran sehen, dass die erste Pressung der Vinyl-Version von „The Course Of Empire“ bereits vor dem offiziellen Veröffentlichungstag ausverkauft war. Es gab also mehr als genug Gründe, mal bei Gitarrist und Hauptsongwriter Manuell Trummer anzuklopfen und nach dem aktuellen Stand der Dinge zu fragen.

Wie geht es Euch und was steht gerade bei euch an? Wie sind die beiden Release-Shows gelaufen?

Die Show in Hamburg war noch ein wenig wackelig, was nach so einer langen Pause nicht überraschen mag, aber das Storm Crusher lief fantastisch. Das war auch das Verdienst von Markus Ullrich, der kurzfristig als Ersatzgitarrist eingesprungen ist und sich binnen zwei Monaten all unsere Songs draufgepackt hat.

Herzlichen Glückwunsch zur Veröffentlichung von „The Course Of Empire“ und vor allem vielen Dank für dieses Meisterwerk. Ich hätte es nicht gedacht, dass ihr „The White Goddess” nochmal übertreffen würdet, doch meiner Meinung nach ist es euch gelungen.

Danke, das freut uns, dass Du das so siehst.

Wie fühlt man sich eigentlich, wenn man gerade ein Jahrhundertalbum veröffentlicht hat?

Wir freuen uns wirklich über die euphorischen Reaktionen. Sie zeigen, dass wir niemanden enttäuscht haben, was uns schon wichtig war. Aber Zuschreibungen wie „Jahrhundertalbum“ sind zumindest mir ein wenig unangenehm. Wir sind sicher keine Band, bei der sich dieser Begriff rechtfertigen ließe. „Into Glory Ride“ ist ein Jahrhundertalbum, „Black Sabbath“ ist ein Jahrhundertalbum, „The Number Of The Beast“ ist ein Jahrhundertalbum. Und von diesen Scheiben sind wir doch in allen Belangen ziemlich weit weg.

Für viele Leute war und ist „The White Goddess“ ein extrem wichtiges Album, eine der besten traditionellen Metal-Scheiben dieses Jahrhunderts. Wie groß war da denn so der Druck, als es an das Songwriting für den Nachfolger ging? Und kam dieser Druck eher von außen oder von euch selbst?

Der Druck war diesmal schon zu spüren, keine Frage. Ich denke, wir spürten größtenteils selbst, dass wir dem Erfolg von „The White Goddess“ auf irgendeine Art und Weise gerecht werden mussten. Andererseits kann man sich auch nicht völlig von der Erwartungshaltung außerhalb der Band freimachen. Wir sind ja quasi fünf Jahre lang teils mit einer außerordentlichen Penetranz mit der Frage konfrontiert worden, wann denn „endlich“ das neue Album kommt. Das nervt bisweilen tierisch, weil es natürlich Gründe gibt, vor allem privater Natur, warum wir uns Zeit lassen mussten, und das kann man leider auch nicht zu 100% abblocken.

Wieso hat es letztendlich sechs Jahre gedauert, den Nachfolger von „The White Goddess“ fertigzustellen?

Weil wir erstmal wieder den Kopf frei bekommen mussten, weil wir alle zeitaufwändige Jobs haben, weil wir Familien haben, weil allerhand Katastrophen passiert sind, weil wir keine Lust haben, auf Teufel komm raus irgendein Album zu veröffentlichen, nur um präsent zu sein, und so weiter.

Du hattest in anderen Interviews bereits erwähnt, dass ihr euer altes Studio verloren habt. Was genau ist denn da passiert?

Wir hatten uns seit 2006 in den ehemaligen Räumlichkeiten einer Schreinerei eingemietet und dort über Jahre hinweg alles aufgebaut. Mitten während der Aufnahmen gab es in der Schreinerei aus Altersgründen eine Betriebsübergabe vom Vater an die Tochter. Die Tochter wollte als neue Betriebsleiterin die Räumlichkeiten sanieren und wieder selbst nutzen und hat Eigenbedarf angemeldet. Da hat man keine Chance, zumal es ohne Vorwarnung kam.

Dann ist kürzlich auch noch euer Gitarrist Michael Koch aus gesundheitlichen Gründen ausgestiegen. Neu für ihn ist Coralie Baier von ANTIPEEWEE. Was gibt es denn so über die Neue zu erzählen? Da sie ja noch etwas jünger als der Rest von euch ist, dürfte sie doch ne Menge frischen Wind in die Band bringen, oder?

Ja, hoffentlich. Sie hat sich in kurzer Zeit unsere Songs draufgepackt, mehrere Soli geschrieben und schon viele eigene Ideen eingebracht. Das läuft alles recht gut an.

Inwieweit war sie denn noch an „The Course Of Empire” beteiligt? Ist sie auf dem Album schon zu hören?

Sie ist kurz vor Ende der Aufnahmen dazugestoßen. Die Soli auf dem Titeltrack stammen von ihr.

Bei den beiden Release-Konzerten hat allerdings Ulle (LANFEAR, SEPTAGON, THEM) ausgeholfen, der auch einige Jahre für uns geschrieben hat. Ich nehme an, den hat Becker angeschleppt?

Richtig, die beiden kennen sich natürlich von SEPTAGON und Becker wusste, dass Ulle ein Weltklassegitarrist ist, der uns trotz der kurzen Vorbereitung aushelfen können würde.

„Es ist für uns eine Ehre, Teil dieser leidenschaftlichen und feurigen Community von Außenseitern zu sein“ – ATLANTEAN KODEX fühlen sich wohl bei Van Records

atlantean-kodex-curse-of-empire-coverWeshalb seid ihr nach der Veröffentlichung von „The White Goddess“ eigentlich von Cruz Del Sur zu Van Records gewechselt? Wolltet ihr auch mal so ne edle Lavish Edition von euren Alben haben?

Das ist tatsächlich schon einer der Hauptgründe. Dazu hat uns die Zusammenarbeit mit Sven und vor allem die Bekanntschaft mit all den Musikern auf Ván in den letzten Jahren sehr inspiriert. Das ist so eine wunderbare, passionierte Familie von Kreativen, von Querdenkern, von Charakterköpfen, für die ihre Kunst an erster Stelle steht, obwohl sie locker bei richtig großen Labels unterkommen könnten. Es ist für uns eine Ehre, Teil dieser leidenschaftlichen und feurigen Community von Außenseitern zu sein. Es war also keine Entscheidung gegen Cruz del Sur, im Gegenteil: Enrico hat großartig für uns gearbeitet, sondern für Ván. Zumal die Wege innerhalb Deutschlands einfach auch kürzer sind.

Man muss aber auch echt mal sagen, dass Van sich bei der Gestaltung speziell der Vinyl-Auflagen echt verdammt viel Mühe geben. Da bekommt man noch was für sein Geld. Sowas kann man halt nicht streamen…

Stimmt. Ich kenne die Abläufe und die Finanzierung hinter diesen Auflagen und Sven leistet hier einfach einen unfassbaren, ebenso detailverliebten wie selbstlosen Job.

Die erste Auflage der LP-Version war noch vor dem Veröffentlichungstermin ausverkauft und es musste noch vor der Veröffentlichung nachgepresst werden. Hört sich so an, als wäre das Album deutlich besser angelaufen als erwartet. Kannst und magst du da über Zahlen reden?

Ich habe nicht so den genauen Einblick, weil mich das nicht so interessiert und ich mich nach der Veröffentlichung einer Platte erstmal komplett zurückziehe. Das Geschäftliche macht bei uns alles Markus. Aber wenn ich es richtig mitbekommen habe, sind an die 6000 CDs und rund 4000 LPs verkauft worden.

Es hat ja sogar für einen Charteinstieg gereicht. Natürlich braucht man dazu heute nicht mehr so viel zu verkaufen und Metalbands sind selbst auf Top-Positionen der Charts keine Seltenheit mehr, bei einer Nischenband wie euch fand ich das aber dennoch beachtlich. War das für euch irgendwie schön, relevant, egal?

Der Großteil der Verkäufe lief direkt über Ván und bei unseren Konzerten. Wolf Mühlmann, unser Promoter, meinte mal, wenn die Verkäufe der ersten Wochen alle über den Vertrieb gelaufen wären, wären wir wohl in den Charts sicher in den Top 10 eingestiegen. So hat es nur für Platz 40 oder so gereicht. Trotzdem nicht schlecht für eine Do-It-Yourself-Band mit neunminütigen Songs über steinzeitliche anatolische Bergheiligtümer. Diese ganze Chartssache finde ich vor allem kurios, aber das ist nichts, was uns in irgendeiner Art beeinflussen würde.

„Anti modern, anti urban, anti fascist” steht auf der Innenseite der Plattenhülle. Bezieht sich das anti modern nur auf das Musikalische oder habt ihr generell so eure Mühe mit der modernen Gesellschaft?

Sicher geht’s in erster Linie um das Musikalische, aber ich habe auch so meine Probleme mit einer Gesellschaft, in der 18-jährige Instagram-Models größeren Einfluss haben als etablierte Wissenschaftler, in der Konzerne wie Facebook und Twitter Demokratien destabilisieren, in der die soziale Marktwirtschaft systematisch ausgehöhlt wird, in der plötzlich Minderheitenrechte, hart erkämpfte Freiheiten und Gewissheiten, die Ideale der Aufklärung von einem gesichtslosen, anonymen Mob sowohl im Internet wie an den Stammtischen attackiert werden. Das alles macht mir Sorgen. Gegen diese Oberflächlichkeit, diese grassierende Geist- und Seelenlosigkeit, die sich heute häufig mit Entwicklungen verbinden, die als vermeintlich „modern“ bezeichnet werden, wenden wir uns.

Anti urban überrascht natürlich nicht, wenn man weiß, dass ihr aus Vilseck stammt, einer 6000 Einwohner Gemeinde in der Oberpfalz. Wäre es für euch überhaupt eine Option, in einer großen Stadt zu leben? Für mich als Stadtmenschen ist es genau umgekehrt, so entspannend ich das Landleben für ein paar Tage Urlaub auch mal finde, ich könnte niemals dauerhaft ländlich leben, ohne direkten, schnellen Zugang zu einer Großstadt.

Der Teil des Statements ist mit einem deutlichen Augenzwinkern zu lesen. Wir haben ja inzwischen ein wenig das Image einer oberpfälzischen Dorftruppe, wenn man mal von einigen Interviews und Rezensionen ausgeht. Das ist wohl ein bisschen unsere Reaktion darauf. Wobei sicher auch dazu kommt, dass die ländlichen Gegenden hier die weitaus größere Inspiration für unsere Texte und Musik bieten. Sowohl was die Natur betrifft, aber auch andere Dinge wie die lokale Sagenwelt. Geschichten über feurige Männer und versunkene Städte sind nicht nur sehr atmosphärisch, sondern auch sehr Metal. Wir sind aber tatsächlich in den letzten Jahren alle von den Großstädten, in denen wir gelebt haben, ausgespuckt worden und haben uns wieder auf dem Land angesiedelt. Zu hohe Mieten, zu wenig Platz, zu hohe Lebenserhaltungskosten, zu viel Lärm und Verkehr für die Kinder … Aber wie gesagt, der Teil des Statements ist nicht so bierernst gemeint.

Was macht für dich Heimat aus?
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Das ist für mich persönlich ein sehr offener Begriff, in den vieles reinspielt. Die Kindheitserinnerungen, die lebendig werden, wenn man an einem bestimmten Ort vorbeigeht, natürlich die Menschen, die man kennt, auf der Straße und im Laden gegrüßt zu werden, eine Gemeinschaft, für die man Verantwortung übernimmt und für die man in die Zukunft plant, das Wissen, das man zu den Dingen vor Ort hat. Und noch vieles mehr.

 Antifaschismus ist in erster Linie kein politisches Bekenntnis, sondern einfach eine Frage des Anstands.

Foto: Sure Shot Worx/PR

Dass ihr euch auch klar antifaschistisch positioniert finde ich gut und heute wichtiger denn je. Ich muss sagen, dass mir die Entwicklung der letzten Jahre hier echt langsam Angst macht. Nicht nur der rechte Terror, sei es durch den NSU oder kürzlich in Halle, sondern auch wie rechtes Gedankengut immer mehr in die Mitte der Gesellschaft vorzurücken scheint. Wenn man darauf pocht, dass kein Mensch aufgrund seiner Hautfarbe, Religion oder Herkunft schlechter oder besser ist, gilt man ja fast schon als linksradikal.

Ja, der radikalen und extremen Rechten ist es in den letzten Jahren leider gelungen, die Sprache und die Bewertung politischer Themen in der Öffentlichkeit deutlich zu verschieben. Vieles, was noch in den Neunzigern Konsens war, steht heute in Frage. Auch bürgerliche Politiker, wie Andreas Scheuer oder Alexander Dobrindt, auch Horst Seehofer haben mit ihrer populistischen Wahlkampfrhetorik sehr mitgeholfen, menschenverachtende Sprache und Ressentiments erneut in der Mitte des politischen Feldes zu etablieren. Ein Teil dieser Diskursverschiebung ist eben auch die Gleichsetzung von Antifaschismus und Linksextremismus, die von der AfD und im rechten Internet konsequent betrieben wird. Das ist natürlich einerseits eine Ablenkungsstrategie, aber vor allem geht es darum, unentschlossenen, auch weniger gebildeten Wählergruppen ein angsteinflößendes Feindbild vorzusetzen: die vaterlandslosen Linken, die Deutschland zerstören wollen – und nur die AfD kann für Ordnung gegen diese Chaoten sorgen. Antifaschismus als Problem – das ist das Narrativ, dem viele leider auf den Leim gehen.

Dabei ist Antifaschismus in erster Linie kein politisches Bekenntnis, sondern einfach eine Frage des Anstands. Man kann nicht für die CDU oder CSU im Bundestag sitzen und nicht Antifaschist sein. Aber leider ist der Begriff inzwischen derart erfolgreich durch die extreme Rechte ausgehöhlt worden, dass zu viele – vor allem konservativ denkende – Menschen, davor zurückschrecken, ihn für sich zu verwenden, weil sofort die von den Rechten gepushte Assoziation mit Linksextremismus im Raum steht. Das kann man übrigens auch in der Metalszene beobachten, wo ich mehr und mehr den Eindruck habe, dass nicht mehr rechtsextreme Musiker, sondern aktive Antifaschisten zum Feindbild Nummer 1 werden. Das sollte man sich auch öfter Mal wieder klar machen, dass Rassisten und Faschisten auf der Bühne nicht die Opfer, sondern Täter sind.

Hast du das Buch von Höcke gelesen? Ich würde aus Interesse gerne, weigere mich aber diesem Faschisten noch Geld in den Rachen zu werfen. Die wenigen Zitate, welche ich gelesen habe sind aber erschreckend. Ich meine, das ist Hitler in blumiger Sprache…

Nein, das Buch kenne ich nicht.

2018 habt ihr ein Demo namens „Secret Europe” in Kleinstauflage veröffentlicht. Was war Sinn und Zweck dieser Veröffentlichung?

Das Demo haben wir nicht „veröffentlicht“, sondern an ein paar Freunde geschickt, weil wir Meinungen zum neuen Material einholen wollten und Ben Harff, unserem Artworker, einen Eindruck von der Stimmung des Albums geben wollten.

In wie fern unterscheiden sich die Versionen der drei auf dem Demo enthaltenen Songs von den Versionen auf „The Course Of Empire”?

„The Innermost Light” war noch als A-Cappella-Version enthalten, alle Lieder hatten noch andere Gesangsspuren, auch die Gitarren waren noch roher und weniger ausgearbeitet.

„Quasi SAXONs „Crusader”, nur von R.E. Howard verfasst.“ – Manuel Trummer über „Temple Of Katholic Magic“ vom ATLANTEAN KODEX-Debüt „The Golden Bough“

Als Albumtitel stand ursprünglich mal „Abendland (The Course Of Empire)” im Raum. Nun heißt das Album nur noch „The Course Of Empire” und das Wort Abendland ist lediglich als Klammerbezeichnung des Outros „Die Welt von gestern” zu finden. Was führte zu der Entscheidung, den Albumtitel zu ändern?

Es hat thematisch nicht mehr zu den Songs gepasst. Es ging dann doch recht schnell in eine andere Richtung.

Manch rechte Dumpfbacke nutzt gewisse Textstellen eurer Songs ja, um darin eine Bestätigung für sein widerliches Weltbild zu finden. Die Textzeile „Fortress Europa falling, none left to defend“ wurde da schon als Synonym für die von Rechten gerne imaginierte Flüchtlingsinvasion, welche von den Regierungseliten zum großen Bevölkerungsaustausch orchestriert wird, benutzt. Ärgert euch das, wenn irgendwelche Faschodeppen euch dermaßen fehlinterpretieren und womöglich noch als Brüder im Geiste sehen?

Das haben wir zulange unterschätzt. Mir ist erst klar geworden, welches reaktionäre Interpretationspotential manche Texte haben, als ich mal die Kommentare unter unseren Youtube-Videos gelesen habe. Wir haben uns ja von Beginn an in Dutzenden Interviews immer gegen eine politische Deutung der Texte ausgesprochen und haben uns immer proeuropäisch und antinationalistisch geäußert. Scheinbar reicht das aber in dieser hysterischen Zeit nicht mehr aus. Manche sind so in ihrer Ideologie gefangen, dass sie die Welt nur noch durch ihre beschränkte Sichtweise deuten. Da wird dann „Temple Of Katholic Magick“ schon mal für bare Münze genommen und nicht mehr als Historienepos mit Fantasyelementen und coolen Metalklischees, quasi SAXONs Crusader”, nur von R.E. Howard verfasst. Dagegen muss man seine Musik aktiv verteidigen, indem man sich positioniert. Das hätte ich vor zehn Jahren noch nicht für möglich gehalten.

„The Course Of Empire” ist auch der Titel einer fünfteiligen Gemäldereihe des Malers Thomas Cole, welche den Weg einer Zivilisation von der Entstehung bis zur Zerstörung zeigt – „Empires Rise – Empires fall” könnte man auch sagen. Der Titel „The Course Of Empire” wiederum entstammt dem Gedicht „On the Prospect of Planting Arts and Learning in America”, um genau zu sein der Zeile „Westward the course of empire takes its way „, was uns zu eurer Zeile „Ever westward The Course of Empire Takes its eternal way” führt. Diese wiederum bildete das Fundament der amerikanischen „Manifest Destiny” Doktrin, mit welcher die Expansion Amerikas in Richtung Westen gerechtfertigt wurde, die aber auch bis heute Einfluss auf die Außenpolitik der USA hat. Wie muss man den Albumtitel und diese Zeilen also im Kontext von ATLANTEAN KODEX verstehen?

Das Album folgt ja verschiedenen Zivilisationen in ihrem Aufstieg und Niedergang. Manches ist historisch, das Meiste fiktional. Die US-Außenpolitik hatten wir jedenfalls nicht im Sinn, sondern eine epische Hintergrundfolie, vor der wir unsere Geschichten ausbreiten konnten.

Musikalisch war häufig die Rede davon, dass das Album düsterer, schwerer zugänglich sei als sein Vorgänger. Wirklich nachvollziehen kann ich weder das eine, noch das andere. Eingängiger als „Lion Of Chaldea” oder „He Who Walks Behind The Years” kann man doch eigentlich kaum noch werden, wenn man mal außerhalb des Ballermann-Metal denkt.

Da sind wir uns selber noch nicht ganz einig. Ich denke, der auseinanderlaufende Eindruck kommt daher, dass einige Parts eben tatsächlich düsterer sind und andere dafür melodischer. Ich glaube, wir haben beide Extreme einfach stärker ausgereizt. So wirkt die Platte vielleicht gleichzeitig düsterer, aber auch melodischer.

Michael Koch – hier auf dem ROCK HARD FESTIVAL 2011 – musste die Band dieses Jahr aus gesundheitlichen Gründen verlassen

Ich habe versucht, ein wenig was zu den Texten zusammenzustümpern – vom ganzen Nachlesen qualmt mir jetzt noch der Kopf. Wie lange sitzt du oder Ihr eigentlich so an den Texten beziehungsweise dem gesamten Konzept eines Albums? Ich würde ja fast vermuten, dass die Texte wesentlich mehr Zeit kosten als das Schreiben der Musik, richtig?

Ungefähr genauso viel. Ich schreibe die Texte nicht wirklich, sie entstehen über einen längeren Zeitraum. Ich füge sie dann aus vielen unterschiedlichen Ideen und cool klingenden Formulierungen zusammen, so dass es die Bedeutung des jeweiligen Songs treffend wiedergibt.

Du hast nach „The White Goddess” und auch nach der Veröffentlichung von „The Course Of Empire” gesagt, dass Stand jetzt kein weiteres Album folgen wird beziehungsweise dass ein weiteres Album unwahrscheinlich ist. Das lässt darauf schließen, dass das Schreiben von Musik und Texten für dich ein sehr langwieriger, anstrengende Prozess ist.

Ja, es ist schon ziemlich anstrengend. Ich bin kein Musiker und verfüge nur über sehr limitierte Ausdrucksmöglichkeiten, was mein Gitarrenspiel betrifft. Das erschwert es sehr. Zum anderen bin ich, was das Songwriting betrifft, vielleicht zu anspruchsvoll, was dann alles auch in die Länge zieht.

Kultur ist nichts, das man auf ein Konzept wie „Nation“ beschränken könnte.


„Lion Of Chaldea” brachte mich zum Löwen von Babylon, einer Statue die der babylonische König Nebukadnazar II errichten ließ. Dann ist da die einleitende Zeile „As Sons of Adonai we descend from our thrones on Kharsag To take the daughters of men and bring knowledge to mortal kind” Adonai ist der Eigenname Gottes, Kharsag bezeichnet sowohl einen Berg als auch den Garten Eden, ich würde also auf Engel, die vom Himmel herab stiegen, tippen. Wie passt das alles zusammen?

Das darfst Du selbst herausfinden.

„Chariots (Descending From Zagros)” ist ein Song über Krieg und Eroberung. Für uns Europäer ein Thema, das man höchstens mal aus den Nachrichten kennt. Hältst du, bei all den Spannungen sowohl innerhalb der EU als auch in Richtung USA oder Russland, es für möglich, dass wir in absehbarer Zeit wieder Krieg auf europäischem Boden erleben?

Unsere Generation vielleicht nicht mehr, aber wenn Ende des Jahrhunderts die großen Verteilungskriege um Wasser und Rohstoffe, auch im Zuge des Klimawandels beginnen, sehe ich eine ernsthafte Gefahr.

Andererseits… vermutlich führen wir schon längst wieder Kriege, nur nicht mehr in den Schützengräben der realen Welt. Dinge wie die Einflussnahme durch Fake News, Social Media Fakeprofilarmeen und so weiter, könnte man ja durchaus als kriegerischen Akt werten.

Ja, stimmt. Diese Konzerne destabilisieren unsere Demokratien. Dagegen müssen die Politik und wir alle dringend vorgehen.

„A Secret Byzantium” beschäftigt sich, wenn ich das richtig verstanden habe, mit einer Art geheimer, europäischer Urkultur. Im Text wird die Jamnaja-Kultur erwähnt, die sich um die 3000 vor Christus aus Zentralasien auf den Weg nach Europa machte und letztendlich den Ursprung der indogermanischen Sprachen bildet. Der Ursprung europäischer Sprachen und Kultur wurde also maßgeblich von einer großen Einwanderungswelle beeinflusst. Ich glaube, irgendwo ist einem Identitären gerade der Kopf geplatzt…

Ja natürlich, ganz Europa ist ein Schmelztiegel unterschiedlichster Einflüsse. Kultur ist eben nichts, das man auf ein Konzept wie „Nation“ beschränken könnte. Da müssen die Identitären halt komplett faktenresistent sein, weil sonst die eigene Ideologie zusammenstürzt. In dem Stück geht es übrigens nicht um eine wie auch immer geartete „Urkultur“, sondern vielmehr um die Frage der Weitergabe von Wissen und Wissenschaft.

Im Text wird das „hidden folk” erwähnt, über welches ihr schon einen Song auf eurem Demo hattet. Dem Text nach handelt es sich hier um eine Urbevölkerung, die schon vor den Jamnaja in Europa sesshaft war?

Ja, da steckt diese romantische Vorstellung, einer weisen, alten Urbevölkerung mit drin, die von den nachfolgenden Zivilisationen in die Wälder verdrängt wurde. Aber auch das ist nicht zu wissenschaftlich zu lesen, sondern eher als stimmungsvolles, nostalgisches Bild im Sinne der Elben bei J.R.R. Tolkien oder der Pikten bei Arthur Machen und R.E. Howard.

Stand jetzt, wird The Course OF Empire“ das letzte ATLANTEAN KODEX-Album sein

„He Who Walks Behind The Years” scheint mir etwas von Sinnsuche zu haben. Was bleibt von mir, wenn ich nicht mehr da bin? Spielt da auch ein bisschen deine Vaterschaft mit rein?

Schon möglich. Im Mittelpunkt steht hier tatsächlich die Frage, was wir der Welt hinterlassen und wie – und ob – sich die nachfolgenden Generation an uns erinnern. Die Frage der memoria und der Erinnerung trägt den Song.

Ein wiederkehrendes Thema bei euch ist der Pilger. Wofür steht der Pilger für dich?

Die Figur verkörpert für uns eine Reise und die Suche nach etwas Höherem als diese Welt. Der Pilger ist ein Fremder in dieser Welt, der auf seinem schmalen Pfad auf der Suche nach seiner Heimat in einer anderen Welt ist. Manchmal blitzen Erinnerungen aus der Welt seiner Kindheit auf, die ihm Heimat war und er in den Zwängen und Anforderungen dieser materiellen Welt verloren hat. Randolph Carter und Iranon aus den Traumland-Geschichten Lovecrafts sind Pilger in diesem Sinn.

Ihr wart wohl noch nie so deutlich gesellschaftskritisch und politisch wie beim Titelsong. Die erste Strophe treibt mir regelmäßig die Tränen in die Augen. Poetischer kann man Europas Schande wohl nicht beschreiben. Es gilt ja in manchen Kreisen schon als linksradikal, Menschen nicht ersaufen lassen zu wollen. Wo ist eigentlich der Humanismus, wenn man ihn braucht?

Darauf weiß ich leider keine Antwort. Es liegt an uns allen.

Stellenweise stehen im Booklet bei einigen Textpassagen noch andere Worte als jene, die Becker dann tatsächlich singt. Habt ihr da so kurzfristig im Studio nochmal Details geändert? Und wieso?

Einfach, weil es noch besser klang. Das ist der Vorteil, wenn man alles selbst in der Hand behält.

Sven (Van Records) muss vor Begeisterung ja im Dreieck gehüpft sein.

Sven nicht, aber unser Artwork-Künstler Ben hat viel Geduld mit all den kurzfristigen Korrekturen benötigt.

Becker hat meiner Meinung nach gesanglich seit „The White Goddess“ noch Mal einen riesigen Sprung gemacht. Auf dem Demo und „The Golden Bough“ fand ich ihn stellenweise noch etwas wackelig, inzwischen würde ich ihn als das Rückgrat der Band bezeichnen. Unglaublich, was der Kerl an seiner Stimme gearbeitet hat.

Da spielt sicher die Erfahrung mit SEPTAGON rein, aber auch dass er sich diesmal richtig für seine Parts Zeit nehmen konnte. Das war bei den Vorgängerplatten nicht so. Da ist vieles spontan eingesungen gewesen.

 

Manuel Trummer live mit ATLANTEAN KODEX auf dem ROCK HARD FESTIVAL 2011

 

Ihr seid ja für das ROCK HARD FESTIVAL nächstes Jahr bestätigt. Da werde ich meinen Arsch wohl endlich mal wieder in Richtung Gelsenkirchen schleifen müssen. Darfst du da als „Deaf Forever“-Schreiber überhaupt auf die Bühne?

Nein, aber als Atlantean-Kodex-Gitarrist.

Kurz nach der Veröffentlichung von „The Course Of Empire” hast du noch gesagt, dass Stand jetzt wohl eher kein weiteres Album folgen wird. Nun sind zwar erst ein paar Wochen vergangen, aber siehst du das mit etwas Abstand immer noch so? Und was müsste passieren, um deine Meinung zu ändern?

Ja, das sehe ich noch immer so. Vielleicht wenn ich in einigen Jahren wieder sechzig Minuten gute Musik im Kopf habe, überlege ich es mir anders.

Nehmen wir Mal an, ihr würdet auf einer einsamen Insel stranden, ohne Aussicht auf zügige Rettung. Welches Bandmitglied würdet ihr als Erstes essen?

Wahrscheinlich Kreuzer, weil er am lautesten schnarcht. Oder mich, da ist am meisten dran.

Was sind denn eure Pläne für die nächste Zeit? Wie sieht es mit weiteren Konzerten aus? Ist sowas wie eine richtige Tour für euch denkbar?

Nein, aber wir spielen auf einem ganzen Haufen Festivals in ganz Europa. In der Summe ist das auch wie eine Tour, nur über ein Jahr und die Wochenenden verteilt.

Das war es von meiner Seite. Vielen Dank für deine Antworten und weiterhin (und hoffentlich noch sehr lange) viel Erfolg mit ATLANTEAN KODEX. Vielen Dank für die großartige Musik!

agony&ecstasy
Seit 2005 bei vampster und hauptsächlich für CD Reviews zuständig. Genres: Power, Speed und Thrash Metal, Epic Metal, Death Metal, Heavy Rock, Doom Metal, Black Metal.