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VANDEN PLAS: The Empyrean Equation Of The Long Lost Things

Deutschlands Progmetal-Könige VANDEN PLAS bieten auch auf ihrem jüngsten Album ein Vexierspiel auf höchstem Niveau: Komplexe Strukturen treffen auf umschmeichelnde Hooks, markante Riffs und viel Bombast – hat die Band jemals so heavy geklungen?

Huch, ich bin reichlich spät zur Party! Bereits Mitte April erschien das neue Album von VANDEN PLAS, einer Band, die die Anhänger des traditionsgeprägten Progmetals unruhig schlafen lässt. VANDEN PLAS sind vielleicht DAS Flaggschiff in Deutschland für härtere und zugleich komplexe Klänge, ein Mitfavorit auf den Europameistertitel. Aber sie haben sich ja auch Zeit gelassen – vier Jahre sind seit dem letzten Studioalbum vergangen. Das sei zu meiner Entschuldigung vorgebracht. Obwohl sie keineswegs untätig waren und 2022 ein Livealbum veröffentlicht haben. Und es gab ja noch ALL MY SHADOWS, das Sideprojekt, bei dem sie ganz neue Facetten zeigten: melodieverliebter und melodischer Metal, von mir hochgelobt, sehr eingängig und mit einer Extraportion Hooks.

Bereits der Albumtitel lässt erkennen, dass es auf dem neuen Werk wieder komplexer zugeht, dreizehn Silben, altgriechische Topoi, mittelalterliche Kosmologie: „The Empyrean Equation Of The Long Lost Things“. Wow. Gäbe es eine Art Scrabble, bei dem man Albumtitel auf das Spielbrett legen muss, eine extrem hohe Punktzahl wäre damit sicher. Das Cover ist brennend rot, es zeigt eine metallene Libelle, auch eine Armillarsphäre: oder ist das eine Zodiakalmappe? Konzentrische Ringe, Himmelskörper. Ihr merkt schon, es ist nicht ganz einfach, aber doch höchst faszinierend, mythisch geheimnisvoll. Wissenschaft, Glaube und Emotion vermischen sich. Man kommt schnell ins Deuten, und doch ist das Motiv so typisch Progressive, dass fast keine Zweifel aufkommen können, welche Spielart von Rockmusik hier geboten wird. Progressive ist auch eine Haltung, so wie Punk eine Haltung ist: Mache es dem Hörer nicht zu leicht, öffne den Raum für überraschende Kontexte. Moment, ich verliere mich gerade in Assoziationsketten.

VANDEN PLAS haben eine eher behutsame Evolution vollzogen

Es ist ja nicht so, als wüsste man bei VANDEN PLAS nicht, was einen erwartet. Sie haben ihre Evolution eher behutsam vollzogen, von anfänglichen DREAM-THEATER-Vergleichen hin zu einem pompöseren, theatralischeren Sound, der auch mal Musical-Elemente aufnimmt, und Wiedererkennungswert besitzt. Und da wäre noch das markante Gitarrenspiel von Hauptsongwriter Stephan Lill, dessen Einflüsse herauszuhören sind (Chris DeGarmo!), aber der im Laufe der Jahre eine ganz eigene Sprache entwickelt hat, sehr schroffe und hart groovende Riffs mit ungeraden Taktarten in höchst melodische Leads und Soli münden lassen kann, eine beachtliche Vielfalt an Klangfarben bietet. Das neue Album ist definitiv ein Gitarrenalbum, nicht nur aufgrund seiner kompakten Härte: Es lohnt sich, das Gitarrenspiel zu erkunden, hier ist keine Note überflüssig, Lill ist einfach richtig gut, zuweilen atemberaubend gut.

Und es gibt eine Neubesetzung zu vermelden, vielleicht zum ersten Mal in der Bandgeschichte. Keyboarder Günter Werno ist ausgestiegen, dafür lässt der Italiener Alessandro Del Vecchio die Finger über die Tasten fliegen. Der Keyboarder ist auch aus einem Hardrock-Umfeld bekannt, veröffentlichte unter anderem Alben mit HARDLINE, JORN und GIANT. Sein Spiel ist facettenreich, doch öfters noch als sein Vorgänger erinnert es an Vorbilder aus den 70er Jahren, etwa Jon Lord und Ken Hensley, gern macht er von der Hammond-Orgel Gebrauch und darf sich mit Soli einbringen. Hoch anzurechnen ist ihm, dass die Keyboards auf dem Album zwar sehr präsent sind, aber sich doch lebendig in den komplexen und härteren Sound einfügen: wenig Schwulst, dafür umso öfter virtuose und sehr flink gespielte Tonkaskaden mit explosiver Dynamik. Aber auch geschmackvolle Pianoparts findet man reichlich.

Weitere Fixpunkte im VANDEN PLAS-Kosmos sind Eingeweihten längst bekannt: Andi Kuntz verfügt über eine klare und kraftvolle Stimme, zeigt in ruhigen Tonlagen ein sanftes Timbre, klingt manchmal auch ein bisschen nasal, was dem Hörgenuss aber nicht schadet. Kuntz ist auch für die komplexen und ambitionierten Texte verantwortlich, die nicht ganz pathosfrei sind, gern verschachtelt daher kommen (der Albumtitel!), aber doch lesenswert bleiben. Mit ihm schauen wir in die Sterne und suchen die Monster unter dem Bett, begeben uns in Gedankenmaschinen und in historische Kulissen. „Auf der Suche nach der dunklen Seite des Mondes/ Sind alle meine Götter ins große Unbekannte entschwunden/ Bei Sonnenuntergang auf den Feldern der Bruderlaterne/ Und heute Nacht nach dem Einschlafen/ will ich wissen, wer meine Träume vertreibt/ Wieder sehe ich brennende Planeten fallen/ Blutige Federn beginnen im Wind zu tanzen“, textet er in „The Sacrilegious Mind Machine“, von mir frei übersetzt. Und da wäre noch das lebendige und präzise Schlagzeugspiel von Andreas Lill, mit akzentuierten Fill-Ins und subtiler Vielfalt, sowie das songdienliche, aber oft überraschend druckvolle Bassspiel von Torsten Reichert. Aber warum erkläre ich das hier alles? Vielleicht, man kann es nicht ausschließen, gibt es da draußen noch Progfans, denen die Band kein Begriff ist. Also lasst uns mal etwas tiefer in das neue Album eintauchen.

VANDEN PLAS spielen komplex, hart, zuweilen entfesselt

Der Opener „The Empyrean Equation Of The Long Lost Things“ macht deutlich, dass VANDEN PLAS wieder Lust auf komplexe Kompositionskunst haben. Das achtminütige Stück hat eine Tendenz zum Instrumentalstück: Ein sanftes Piano eröffnet, eine umschmeichelnde Leadgitarre, behutsam eröffnende Rhythmen, bis eine wilde Reise beginnt, bestehend aus hart groovenden Gitarrenriffs, zahlreichen Tempowechseln, Hammond-Orgeln und virtuosen Soli: kein leichter Einstieg, aber doch ein faszinierender. Der Metal im Prog wird hier groß geschrieben, Gitarren und Rhythmus erinnern im Härtegrad an die trocken groovenden Riffgewitter von „Awake“, dem wohl härtesten Werk von DREAM THEATER. Alles ist groß gedacht, mit ausladenden Kompositionen und weit ausholende Harmoniebögen. Die einzelnen Parts kreisen mit der Anziehungskraft von Planeten in ihrem eigenen Kosmos und bilden, auch in ihren widerstrebenden Momenten, ein harmonisches Gesamtbild.

„My Icarian Flight“ lockt dann mit harmonischen Leadgitarren, die auch bei QUEENSRYCHE wunderbar gepasst hätten, klar strukturierten Riffs und einschmeichelnden Melodien. Dass VANDEN PLAS auch Eingängigkeit beherrschen, wissen wir nicht erst seit ihrem Melodic-Metal-Projekt ALL MY SHADOWS, das voll auf Hooks und Melodien setzte. Auch hier gibt es spätestens ab der Mitte des Songs Widerhaken: arabeske Gitarrenharmonien und verschlungene Keyboard-Artistik, die an Keith Emerson erinnert, als er in den 70er Jahren wahre Tastenungetüme auf die Bühne hievte und mit hochhackigen Stiefeln darauf sprang, um schnelle, orgiastische Klangeskapaden zu zaubern. Wie viel Detail steckt in den Kompositionen? Sind da Falltüren versteckt? Es ist eine Stärke der Pfälzer, dass bei aller Komplexität das Gesamtergebnis sehr druckvoll und groovend klingt, zugleich atmosphärisch und stimmungsvoll. Man merkt den Songs die Erfahrung vieler Jahre an.

„Sanctiomonarium“ bietet metallische Epik, startet zunächst getragen, ein zehnminütiger Trip durch Proglandschaften: Im Mittelteil darf Neukeyboarder Alessandro Del Vecchio mit Soli glänzen, während Lill ebenfalls von einem tollen Solo ins nächste gleitet. Refrain und Strophe sind eingängig: der vielleicht pompöseste Track des Albums. Manches hier erinnert an SAVATAGE, diese Idee, auf dem Fundament schroffer Riffs bombastische Theatralik zu bauen, wobei gerade der progressive Mittelteil alle Fesseln löst und zuweilen berauschend wirkt. Auch das ist eine Kunst: Prog nicht verkrampft und manieriert klingen zu lassen, sondern in einer Art zu spielen, die auf der Haut kitzelt, enthusiastisch, zuweilen rauschhaft. Ein Seiltanz, ein dreifacher Salto, Artistik als Risiko und zugleich befreiend: VANDEN PLAS beherrschen das. Ein bombastischer Chor bildet den dramatischen Höhepunkt zum Ende des Stückes: ein Stilmittel, das auf diesem Album sehr behutsam eingesetzt wird.

DREAM THEATER werden sich Mühe geben müssen…

„The Sacrilegious Mind Machine“ ist dann ebenfalls ein hart gerifftes und elegant komponiertes Stück, dessen Refrain gegenüber dem Rest des Albums etwas abfällt und zu oft wiederholt wird, aber einen interessanten Mittelteil bietet. Dieser verschmilzt balladeske Momente mit harten und düster-atmosphärischen Klängen.

Kurz bevor sich die Band zum furiosen Finale aufmacht, dem fast 16minütigen „March Of The Saints“, gibt es mit „They Call Me God“ eine Halbballade zum Durchatmen. Wobei auch das relativ zu sehen ist, der Text gestaltet eine Schöpfungsgeschichte nach und wiegt entsprechend schwer, wieder SAVATAGE-Reminiszenzen im orchestral und episch groovenden Mittelteil. „Heute Nacht stehle ich die Sonne/ Tausend Milliarden von Sternen/ Um eine geheime Flucht zu bauen/ Ein privates eigenes Universum“, textet Lill, um später nachzuschieben: „Ich zeige dir – wo das große, epische Nichts ist/ Ich locke dich an das Ende des Regenbogens/ Mein größtes Geschenk ist das Gift, das dich traurig macht/ Willkommen mein Freund, du bist auf dem Weg in meine Todeszelle“: Man kann Balladen auch mit weniger schweren Motiven bestücken.

Es folgt das Finale, 15:45min lang, doch trotz der üppigen Spielzeit muss wenig geübten Hörern nicht bange sein. Es ist ein sehr melodieverliebtes Stück, durchaus zugänglich, in dem die Band ihre Trademarks noch einmal ausfaltet: angefangen beim ruhigen, mit Piano unterlegten Klängen bis hin zu einem an QUEENRYCHE erinnernden Pre-Chorus und einem umarmenden Refrain. Definitiv ein Highlight. Wenn VANDEN PLAS uns mit ihrem neuen Album auch einen Brocken hinlegen, der einige Durchläufe erfordert, so ist es doch ein sehr lebendiger, funkelnder, zuweilen wunderbarer und anschmiegsamer Brocken. DREAM THEATER werden sich verdammt große Mühe geben müssen, um mit ihrem anstehenden Album das zu toppen – oder zumindest gleichzuziehen. Groß!

VÖ: 19. April 2024

Spielzeit: 55 Minuten 14 Sekunden

Label: Frontiers Records

Line-up:
Stephan Lill (Gitarre)
Andy Kuntz (Gesang)
Alessandro Del Vecchio (Keyboards)
Andreas Lill (Drums)
Torsten Reichert (Bass)

“The Empyrean Equation of the Long Lost Things” Tracklist:

1. The Empyrean Equation Of The Long Lost Things
2. My Icarian Flight
3. Sanctimonarium
4. The Sacrilegious Mind Machine (Official Lyric Video bei Youtube)
5. They Call Me God
6. March Of The Saints (Official Visualizer bei Youtube)

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