VIPER: Soldiers of Sunrise

Dieses Album ist sicher kein Klassiker im eigentlichen Sinne. Weder war "Soldiers of Sunrise" ein großer kommerzieller Erfolg, noch covern heutzutage alle Newcomerbands die darauf enthaltenen Songs. Aber das alles ändert nichts daran, dass die Musik zum Besten gehört, was ich je im Bereich des melodischen Speed Metal gehört habe!

Dieses Album ist sicher kein Klassiker im eigentlichen Sinne. Weder war Soldiers of Sunrise ein großer kommerzieller Erfolg, noch covern heutzutage alle Newcomerbands die darauf enthaltenen Songs. Aber das alles ändert nichts daran, dass die Musik zum Besten gehört, was ich je im Bereich des melodischen Speed Metal gehört habe!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Der Hunger, die Leidenschaft, die Melodien, die Frische, die Gitarren, der unverbrauchte Gesang, der eigenständige Stil – angesichts dieser geballten Energie ist es kein Wunder, dass dem Album der Erfolg versagt blieb. Denn Soldiers of Sunrise war das Album einer jungen, unerfahrenen Band und klingt entsprechend roh und ungestüm. Im Vergleich dazu wirkt selbst eine frühe HAMMERFALL-Liveaufnahme wie ein remasterter PINK FLOYD-Surround-Silberling.

Doch während eine tadellose Produktion ein halbgares Album nicht besser macht, bedeutet gerade im Heavy Metal eine dürftige Aufnahmequalität noch lange nicht das Aus für eine Platte. Um ganz ehrlich zu sein, kann ich mir die Musik von VIPER auch gar nicht so glatt produziert vorstellen, wie es heutzutage viele Melodic Speed Metal-Veröffentlichung sind!

Knights of Destruction eröffnet den Speed Metal-Reigen und kommt ohne Umwege auf den Punkt. Das Stück lebt von herrlichen Gesangslinien, fernab von Tralala und Harmonisch-Moll-Bombast. Andre Matos (später ANGRA, VIRGO, SHAMAN) ist vom ersten Ton an in Topform. Wie ein junger Dickinson singt er mit Leidenschaft und meistert Höhen wie Tiefen mit spielerischer Leichtigkeit. Die Variabilität seiner Stimme ist wirklich verblüffend, was besonders auffällt, weil er auch innerhalb einzelner Songteile oft die Tonlage wechselt. Verblüfft habe ich bei der Recherche zu diesem Review festgestellt, dass Matos bei den Aufnahmen erst 15 Jahre alt war! Im Gegensatz zu heute besaß seine Stimme damals in mittleren Regionen eine spröde Wärme. Außerdem ist die Musik dermaßen lebhaft, dass beim Gesang das Gefühl wesentlich wichtiger ist, als die punktgenaue Phrasierung einzelner Silben. Ähnliches gilt für die Gitarren, die vor Spielfreude nur so strotzen. Tightes Riffing wie es mittlerweile üblich ist, gibt es nicht. Dafür ist das Lead-Gitarrenspiel von Yves Passarell und Philip (später Felipe) Machado einfach nur mitreißend!

Das anschließende Nightmares ist keinen Deut schwächer als der Opener und besticht durch eine grandiose Refrain-Melodie, für die Matos nicht einmal einen Text braucht. Der Höhepunkt des Albums ist aber Wings of the Evil, eine Art The Trooper on Speed. Die Gitarren fackeln hier ein wahres Feuerwerk ab. Der Gesang ist zu Beginn der Strophe noch sehr hoch, senkt sich im weiteren Verlauf aber, ohne dass der Spannungsaufbau darunter leidet.

Schlechte Songs gibt es auf Soldiers of Sunrise selbstverständlich nicht. H.R. ist zwar eher simpel gestrickt, als Speed Metal-Hymne aber eben dadurch sehr sympathisch. Denn Zeilen wie The steel is in my veins, fire is burning my head / where H.R. is played, oh, believe I´ll be there wurden nicht nur gelebt, sondern übertragen sich auch direkt auf den Hörer. Und wie schon bei meinem letzten Hell of Fame-Review muss ich mich sehr zusammenreißen, da ich permanent versucht bin, aufzuspringen und Luftgitarre spielend durchs Zimmer zu rennen!

Signs of the Night ist der einzige langsamere Song auf dem Album. Als geschwindigkeitsfanatischer Teenager fand ich ihn eher schwach. Nun, gute zehn Jahre später, muss ich allerdings sagen, dass das Stück problemlos mit den restlichen Liedern mithalten kann. Denn auch hier besitzt die Musik die faszinierende Atmosphäre, die dem gesamten Album eigen ist.

Das instrumentale Killera (Princess of Hell) erinnert sehr an die frühen Werke von IRON MAIDEN, die sicherlich großen Einfluss auf die Gitarren hatten. Auch der melodische Bass klingt bisweilen nach Steve Harris. Nicht zuletzt aufgrund der jugendlichen Frische besitzt Soldiers of Sunrise aber genügend Eigenständigkeit.

So laufen die fünf Brasilianer bei Law of the Sword schließlich ein letztes Mal zu Hochform auf, ohne dass das Gefühl entsteht, man hätte alles schon mal vorher gehört. Geniale Musik!

Ich fürchte natürlich, dass der moderne Speed Metal-Fan mit VIPERs Debüt nur wenig anfangen kann. Es gibt keine geradlinigen Double Bass, keine bombastischen Refrains, die doch immer nur die beiden gleichen Töne verwenden, keine Keyboards, die vergeblich versuchen, einem durchgeschrubbten Akkord Atmosphäre zu entlocken. Dafür gibt es die Melodien der ersten MAIDEN-Album gepaart mit einer großen Portion Unschuld und einem Schuss südamerikanische Seele.

Ich hatte 1993 noch das Glück, VIPER (damals schon ohne Matos) live zu erleben (mein zweites Metal-Konzert!), ehe die Band zu meinem großen Bedauern kurz darauf in der musikalischen Belanglosigkeit verschwand. Soldiers of Sunrise hat seither aber kein bisschen von seinem ursprünglichen Reiz verloren. Im Gegenteil, nur ganz selten erscheint ein Album wie beispielsweise Ecliptica, das auf ähnliche Weise frischen Wind in das verstaubte Genre bringt. Und als einziger Band gelang es Jahre später RIOT derartig sensationelle Lead-Gitarren zu spielen.

Veröffentlichungstermin: Juli 1987

Spielzeit: 33:31 Min.

Line-Up:
Andre Matos: Gesang

Yves Passarell: Gitarre

Philip Machado: Gitarre

Pit Passarell: Bass

Cássio Audi: Schlagzeug

Produziert von VIPER und André Cagni
Label: Rock Brigade Records (Import-LP) / Massacre Records (CD)

Tracklist:
1. Knights of Destruction

2. Nightmares

3. The Whipper

4. Wings of the Evil

5. H.R.

6. Soldiers of Sunrise

7. Signs of the Night

8. Killera (Princess of Hell)

9. Law of the Sword