HANK VON HELL: Egomania

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Hans Erik Dyvik Husby ist zurück: Der legendäre Frontmann von TURBONEGRO hat unter dem Namen HANK VON HELL ein erstes Soloalbum vorgelegt. Beim Anhören fühlt sich der Autor zurückversetzt ins Jahr 2000.

An der Jahrtausendwende veröffentlichte der damalige ex-JUDAS PRIEST-Sänger Rob Halford sein Soloalbum „Resurrection“ und proklamierte: „The Metal God is back!“ Diese Situation ist durchaus vergleichbar mit der von Hank und Turbonegro. Wir erinnern uns, wie das damals war bei Judas Priest: Mit Ripper Owens hatte Halfords ex-Band einen tollen neuen Sänger gefunden, dem die Fanherzen zuflogen und der live einen vorzüglichen Job erledigte. Nur auf Platte schwächelte der Priester massiv: Verstörte „Jugulator“, das erste Album in der neuen Besetzung, mit seinen Anbiederungen an den damals angesagten Neo-/Groove Metal-Sound von PANTERA, so war der Nachfolger „Demolition“ (2001) nur noch uninspiriert. Das Halford-Soloalbum hingegen lieferte exakt jenen klassischen Metal-Sound, nach dem die Priest-Lunatics in jenen Tagen lechzten, und so kam alles, wie es kommen musste: Owens durfte noch ein Livealbum („Live in London“) einträllern und wurde dann über Nacht geschwind durch den mächtigen Ex-Sänger ersetzt.

HANK VON HELL stößt in TURBONEGROs Lücke

Same ol’ situation im Camp von Turbonegro: Mit Tony Sylvester haben die norwegischen Death Punks einen mehr als adäquaten Ersatz für den bereits zum zweiten Mal ausgeschiedenen Hank gefunden – und ebenfalls zwei Studioalben eingespielt, von denen sich vor allem das zweite „Rocknroll Machine“ (2018) viel zu weit von der Fanbase entfernt hat und für viele Turbo-Fanohren viel zu experimentell und zu erwachsen klingt. In genau diese Lücke stößt nun Hank von Hell mit seinem ersten Soloalbum: „Egomania“ ist ein Crowdpleaser erster Güte – und genau die Scheibe, die alle von Turbonegro hören woll(t)en.

Mit Verve rockt sich das Schwergewicht durch zehn Turbo-Songs. Die Gitarren sind laut, die Band ist motiviert, nicht nur der Gliedgitarrist sieht aus wie ein mittelprächtiger Euroboy-Klon. Die Sirenen heulen Alarm, der Orchester-Bombast („F.T.W.“ lässt schön grüßen) ist zurück, der Glitter regnet gefühlt in Tonnen vom Himmel, aber so richtig geil ist das alles für mein geneigtes Ohr trotzdem nicht. „Egomania“ ist Malen nach Zahlen, zelebriert von einem alten Mann, der sich noch einmal in sein altes Kostüm gezwängt hat und die Zeiger der Zeit zurück dreht.

„Egomania“ liefert keinen einzigen Treffer

Doch auch hier lohnt der Vergleich und vor allem die Feinkritik: Wo Turbonegro auf ihren letzten Scheiben zwischen viel Mittelmaß immer wieder brutale Hits versteckt hatten („Hot For Nietzsche“, „You Give Me Worms“, „I Got a Knife“, „Tight Jeans, Loose Leash“), finde ich auf „Egomania“ keinen einzigen Treffer. Das Album bleibt überraschungsfrei und läuft gut durch, ohne dass am Ende groß etwas hängengeblieben ist. „Egomania“ fehlt es nicht nur an Inspiration, sondern vor allem – wenn es denn schon zurück zu den alten Tagen und Glanztaten gehen soll – an Dreck und Schnodder.

Die Wahrheit ist aber eine ganz andere: „Egomania“ ist – wie schon der witzige Videoclip zur ersten Single „Bum to Bum“ deutlich macht – eine Bewerbung in Albumform. Die Botschaft ist klar: „The Bitch is back“ – Hank ist zurück und will wieder bei Turbonegro singen.

TURBONEGRO blicken voraus, HANK VON HELL zurück

Fazit: Turbonegro blicken voraus, Hank von Hell zurück. Beides hat seine Berechtigung, wenngleich ich für meinen Teil definitiv Team Tony bin. Ich steh drauf, dass die norwegischen Punkrock-Matrosen in Bewegung bleiben und sich stilistisch verändern – weil es eh nicht noch einmal so schön wird wie 1996. Hanks Comeback-Album indes geht als ein ganz okayer One-Night-Stand durch.

PS.: Ich finde, Hank sollte sich dringend mal erklären. Sollte was sagen zu den ganzen homophoben und rechtsradikalen Statements, die er in den letzten Jahren vom Stapel gelassen hat. Und zu seiner Mitgliedschaft bei Scientology. Das ist nämlich alles ganz und gar nicht Punkrock. Und in einem lustigen Musikvideoclip mal eben schnell den Aluhut zurückgeben, das reicht nicht.

VÖ-Datum: 2.11.2018
Label: Sony Music Entertainment/Century Media Records

HANK VAN HELL „Egomania“ Tracklist

1. Egomania (3:17)
2. Pretty Decent Exposure (3:10) (Audio auf Spotify)
3. Blood (3:18)
4. Dirty Money (3:34)
5. Bum To Bum (3:23) (Video bei YouTube)
6. Never Again (3:38)
7. Bombwalk Chic (3:11)
8. Wild Boy Blues (3:27)
9. Too High (3:26)
10. Adios (Where’s My Sombrero?) (5:13)

Bonus Track (Vinyl Exclusive):
Did You Have A Nice Life Without Me? (3:05)

gnadiator
Stef (aka “gnadiator”) steuert seit 2002 immer wieder Konzertberichte, Interviews, Reviews oder Filmkritiken bei.