Jahresrückblick 2021 von BKa

Obwohl 2021 in nahezu jeder Hinsicht extrem durchwachsen war, bin ich ihm auf jeden Fall dankbar, dass es keinen weiteren Schwund in der Familie gab. Hoffentlich bleibt auch 2022 in der Hinsicht gnädig. Aber lange Rede, kurzer Sinn – los geht’s.

Laut last.fm und Spotify war ich letztes Jahr besonders fleißig, was das Musikhören angeht, und umso schwerer fiel es mir am Ende, aus dem ganzen Pulk die zehn meiner Meinung nach besten Platten herauszupicken. Spoileralarm: dieses Mal ohne FULL OF HELL.

 

10. BLOCKHEADS: Trip to the Void (Bones Brigade/LIXIVIAT)

 

Auf die Franzosen ist Verlass. Wer auf Grindgeballer mit Niveau steht, muss diese Scheibe einfach lieben. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

 

9. LINGUA IGNOTA: Sinner Get Ready (Sargent House)

 

Der Hype um Kristin Hayter aka LINGUA IGNOTA will einfach nicht abbrechen, und das absolut verdient. Die Frau hat schlicht Talent, wie banal das auch klingen mag. “Sinner Get Ready” fällt zwar insgesamt ruhiger und atmosphärischer aus, ist jedoch emotional genauso mitreißend wie die Vorgänger “Caligula” (2019) und “All Bitches Die ” (2018) ohne jedoch die Klasse von “All Bitches Die” zu erreichen. Musikalisch geht das Ganze in Richtung Experimental/Appalachia/Gospel/Ambient. Sehr empfehlenswert, obwohl not your everyday record.

 

8. SPECTRAL WOUND: A Diabolic Thirst (Profound Lore)

 

Meine Lieblingskanadier oder, wenn man so will, meine Lieblingsfinnen aus Kanada. Hatte damals noch das Glück, sie zusammen mit Andi noch vor dem ganzen Pandemiechaos in der noch intakten Zukunft am Ostkreuz in Berlin zu sehen – war saugeil. “Infernal Decadence” (2018) war schon eine Granate und wirklich schwer zu toppen, aber das Profund-Lore-Debüt ist mindestens genauso stark. Besonders empfehlenswert für die Fans der finnischen Black-Metal-Schule. Alles in allem ein weiterer würdiger Vertreter der gewohnt bärenstarken frankokanadischen Metalszene.

 

7. PORTAL: Avow (Profound Lore)

 

Die nächste Abrissbirne aus dem Hause Profound Lore. PORTAL haben sich dieses Jahr selbst übertroffen und ihre treue Fangemeinde gleich mit zwei Scheiben verwöhnt. Neben “Avow” kam 2021 auch das abstrakte “Hagbulbia” raus, an dem sich die Geister der Fans immer noch scheiden. Bei “Avow” herrscht hingegen längst ein Konsens darüber, dass es sich dabei um ein bockstarkes Album handelt, auch wenn “Ion” (2018) noch eine ganze Ecke krasser war.

 

6. EMMA RUTH RUNDLE: Engine of Hell (Sargent House)

 

Auf den ersten Blick mag das Album minimalistisch, abstrakt, verwischt oder gar farblos erscheinen, doch hinter der Fassade ist “Engine of Hell” eine kathartische Erfahrung von ungeheurer Intensität. “Engine of Hell” ist definitiv die ehrlichste Scheibe von Emma, wo sie sich von ihrer fragilsten Seite zeigt. Genau das macht dieses Album trotz der schlicht gehaltenen Arrangements zu einer ausgesprochen schweren Kost, die mehrere Anläufe braucht, um in ihrer ganzen Pracht erschlossen zu werden.

 

5. CONVERGE: Bloodmoon: I (Epitaph/Deathwish Inc.)

 

Was zeitlang in der Luft hing, hat sich nun materialisiert. “Blood Moon” war ursprünglich eine exklusive Konzertreihe, wo CONVERGE zusammen mit CHELSEA WOLFE und Stephen Brodsky (CAVE IN) die langsameren, melancholischen Songs aus der CONVERGE-Diskographie, über weite Strecken neuinterpretiert, live vorgetragen haben. Auf dem Roadburn Festival 2016 kam dann sogar Steve Von Till (NEUROSIS) mit auf die Bühne. “Bloodmoon: I” ist hingegen ein Album mit komplett frischem Songmaterial. Obwohl CHELSEA WOLFE und ihr kreativer Kopf Ben Chisholm mehr künstlerische Freiheit als noch vor fünf Jahren bekamen, sind CONVERGE auf dem Album klar federführend. Stephen Brodsky ist übrigens auch mit an Bord. Alles in allem eine sehr starke Scheibe und daher ein solider fünfter Platz.

 

4. THE BODY & BIG|BRAVE: Leaving None But Small Birds (Thrill Jockey)

 

Der Preis für die beste Collab geht dieses Mal an die Collabkönige THE BODY und die Kanadier BIG|BRAVE. Vergesst einfach alles, was ihr bis jetzt von den beiden Bands gewusst oder gehört habt, denn hier kommt komplett was anderes. Um es kurz zu fassen: Bei “Leaving None But Small Birds” handelt es sich um eine Americana/Folk Platte mit einem atmosphärischen Post-Rock Einschlag, was das gesamte Konstrukt leicht ins Psychedelische abdriften lässt. Dabei werden Gesangsparts komplett Robin Wattie von BIG|BRAVE überlassen, während sich Chip King (THE BODY) voll auf seine Gitarre konzentrieren kann. Man sollte sich allerdings auf keinen Fall von der Beschreibung der Musik sowie der fröhlichen Coverart beirren lassen: Die Scheibe ist düsterer als die beiden Alben von EMMA RUTH RUNDLE und LINGUA IGNOTA zusammen. Ein ganz großes Kino hier.

 

3. YAUTJA: The Lurch (Relapse)

 

Alle reden von FULL OF HELL, dabei sind aber die YAUTJA aus Nashville, Tennessee die wahren Champions. Gut, man kann die beiden Bands schwer miteinander vergleichen, aber der progressive Sludgegrind, wie ihn das Trio um den Ausnahmeschlagzeuger Tyler Coburn (THOU) zelebriert, ist neben JARHEAD FERTILIZER das Beste, was das vergangene Jahr auf dem Gebiet zu bieten hatte. SOILENT GREEN haben mit der Sache eher wenig zu tun, man denke aber an GAZA, an “In The Eyes Of God” von TODAY IS THE DAY und an MASTODON zu ihren Relapse Zeiten. Absolut großartig und daher absolut zurecht ganz weit oben auf meiner Liste.

 

2. FUNERAL MIST: Deiform (NoEvDia)

 

Mal wieder einer dieser ärgerlichen Last-Minute-Treffer mitten ins Herz. Diesmal mussten leider THE BODY & BIG|BRAVE sowie FRONTIERER daran glauben. Die ersteren verpassten dadurch den dritten Platz und FRONTIERER mussten sich trotz des starken “Oxidized” gar komplett verabschieden. Aber was willst du machen? Mit “Deiform” machen FUNERAL MIST alles richtig und zementieren ihren Ruf als eine der konsistentesten europäischen Black Metal Bands. So einfach ist das.

 

1. THE RUINS OF BEVERAST: The Thule Grimoires (Ván Records)

 

Die Ophiologen sagen, dass sich die Schlangen häuten müssen, weil sie permanent wachsen. Das Gleiche könnte man auch über Alexander von Meilenwald und sein Soloprojekt THE RUINS OF BEVERAST behaupten. Der Mann wirft jedes Mal die alte Haut ab, um sich vom alten, eng gewordenen musikalischen Gewand zu befreien und sich künstlerisch weiterzuentwickeln, ohne dabei nur ein kleines Stück seiner Identität aufzugeben. Genau das macht einen wahren Künstler aus und genau das macht “The Thule Grimoires” zu der besten Platte 2021.

 

 

Wirkliche Flops gab es im vergangenen Jahr nicht zu verzeichnen. Es gab zwar Alben, wo man eher von verpassten Möglichkeiten sprechen könnte, aber es gab bei mir keine einzige Scheibe, wo ich sagen würde “Also die Platte ist definitiv für die Tonne.”. Dafür gäbe es dann zwei Gründe: Erstens mache ich grundsätzlich einen Bogen um alles, wo ich einen Flop vermute – das spart Zeit und schont die Ohren, und zweitens sollte es tatsächlich Müll gegeben haben, dann habe ich das im Laufe der Zeit verdrängt und kann mich nicht mehr daran erinnern.

 

 

Mein Lieblingspollabschnitt. Normalerweise. 2020 war überhaupt nichts los, 2021 war kaum besser. Nichtsdestotrotz gibt dieses Mal etwas zu berichten. Meine Lieblingsshow war erwartungsgemäß die ANNA VON HAUSSWOLFF Show in der Münchner St. Matthäus Kirche am 26. November. Das war ein richtig schönes Konzert, das ich sehr genossen habe. Ich kann nur soviel sagen, dass selbst wenn das 2021 ein ganz normales Konzertjahr für mich wäre, dann würde diese Show trotzdem ganz weit oben auf der Liste stehen. Hut ab an dieser Stelle vor der Orga sowie vor ANNA VON HAUSSWOLFF selbst, die trotz widrigster Umstände (Pandemie sowie irgendwelche rechten Idioten in Frankreich) es am Ende geschafft hat, ihre Liebe für Kunst und für ihre Mitmenschen durch ganz Europa zu tragen. Starke Botschaft, starke Frau.

Ebenfalls Hut ab vor Walter und Becky von ROADBURN, die der Community im April mit dem Online-Festival ROADBURN REDUX ein einmaliges musikalisches Erlebnis im wahrsten Sinne des Wortes geschenkt haben. Die teilweise exklusiven Sets in exzellenter Sound- und Videoqualität von unter anderem STEVE VON TILL, NEPTUNIAN MAXIMALISM, GGGOLDDD, TRIALOGOS(!), THE OCEAN und DIE WILDE JAGD konnte man für eine bestimmte Zeit komplett kostenlos im Netz abrufen. Ein nahezu authentisches Festivalfeeling auf der heimischen Couch, inklusive virtuelle Chaträume.

 

 

Mein Fahrradsturz während des Heimaturlaubs inklusive des Armbruchs, ärztlicher Inkompetenz und vierwöchiger Krankschreibung.

 

 

Die Kollegen, die vor mir dran waren, haben bereits einiges aufgezählt, und ich schließe mich dem über weite Strecken an. Das Jahr 2021 war durch die Bank geprägt vom politischen Versagen und der Desillusion über die aufgeklärte westliche Gesellschaft, die sich gerade selbst zugrunde richtet. Das sah teilweise dermaßen desolat aus, dass ich mich oft fragen musste, ob mich evtl. in einer Simulation befinde. Das kann nur besser werden.

 

 

Im Grunde war’s das mit dem Jahrespoll. Abschließend möchte ich mich hier ganz herzlich bei meinen tollen Vampster-Kollegen bedanken, die mich trotz meiner Schreibfaulheit noch irgendwie ertragen können. Ansonsten bleibt gesund, seid vernünftig und kümmert euch um eure Nächsten. Alles andere wird dann von alleine kommen. Cheers!