SPECTRAL WOUND: A Diabolical Thirst

Es ist hilfreich und schön, wenn Bands ihren Hörerinnen und Hörern schon auf den ersten Blick klarmachen, worum es ihnen geht. Das Debüt-Album “Infernal Decadence” versprach infernalisch-dekadente Raserei der alten Schule und bot sie wie nichts Gutes, und sein Nachfolger macht klar: SPECTRAL WOUND haben Durst. Teuflischen Durst.

Deuten wir zunächst das Cover: Lord Beelzebub der Schreckliche hat die Satanische Messe gerade hinter sich gebracht und kommt nach Hause. Hat sein Weib ein Mahl für ihn bereitet? Natürlich nicht! Alles muss man selber machen. Zu geschafft sich umzuziehen, aber mit unglaublichem Brand schleppt sich unser Held an den Tisch. Immerhin brennen Kerzen, aber was soll der Schädel da? Ist ja gar nichts mehr dran! Beelzebub ist genervt, nun kann nur noch Alkohol helfen; viel Alkohol. Mit geübter Geste schüttet er sich ein Glas vom guten Roten ein und nimmt einen tiefen Schluck. Aaaaaah, das tut gut! Doch was ist das? Sofort klappt er zusammen, der Kopf fällt auf den Tisch, das war doch kein ordinärer Rotwein! Sollte man ihn etwa… vergiftet haben?! Mit letzter Kraft und schwindendem Bewusstsein wird er seines teuflisch feixenden Weibes gewahr. “Frigid and Spellbound”, tja, das hast du jetzt davon, du oller Macker!, denkt die Feministin sich, das Rattengift noch in der Hand.

Bitterböse Raserei mit dem gewissen Etwas: SPECTRAL WOUND

Nein, im Ernst: Ich finde das Cover wirklich cool. Es hat was Punkiges, nicht zuletzt wegen dem ungemein peinlichen Narben-Ärmel. Und wer SPECTRAL WOUND mal live gesehen hat, wird erstens begeistert und zweitens überzeugt davon gewesen sein, dass hier eine Band am Werk ist, die in erster Linie den Spaß an der Freude sucht und erst in zweiter Linie irgendwas Tiefsinniges zum Thema Teufelei oder so. Ist in einer Szene, in der der Begriff Black Metal beinahe zum Synonym für artsyfartsy Kunstkram geworden ist, ja regelrecht erfrischend und originell! (Also, nichts gegen den Kunstkram. Bin großer Fan. Meistens.) Oder ist diese Zeit vorbei, und die Tatsache, dass ein Label wie Profound Lore sich nun seiner Landsmänner angenommen hat, ein Zeichen genau dafür? Wie dem auch, ich denke, man verzeiht mir meinen Scherz bzgl. des Covers.

Wenn nicht: mir auch egal. Ich hör einfach “A Diabolical Thirst” in voller Lautstärke, trinke dazu drei bis zehn Bier und falle dann um. Die Platte ist nicht besser als “Infernal Decadence”, sie ist einfach genauso gut. Wieder gibt‘s bitterböse Raserei (und mit “Mausolean Drift” diesmal auch ein Stück mit gedrosseltem Tempo) mit dem gewissen Etwas; wildes Punk-Flair, erzeugt durch perfekt platzierte Rhythmuswechsel am Schlagzeug, gibt sich die Klinke in die Hand mit epischem Bombast, dargestellt durch flirrende, schwarz-schillernde, hochmelodische Gitarren und dieses wahnsinnige Geschrei, stets wahrhaftig und technisch auf höchstem Niveau. Hier sind Profis am Werk, die hoffentlich spätestens nächstes Jahr jeden Club der Welt mit ihrer unglaublichen Spielfreude und ihren brillanten Songs zerlegen werden.

Veröffentlichung am 16.4.2021 auf Profound Lore

Spielzeit: 43:49 Min.

SPECTRAL WOUND “A Diabolic Thirst” Tracklist

1. Imperial Saison Noire
2. Frigid and Spellbound (Stream bei bandcamp)
3. Soul Destroying Black Debauchery
4. Mausoleal Drift
5. Fair Lucifer, Sad Relic (Stream bei bandcamp)
6. Diabolic Immanence