FUNERAL MIST: Deiform

Als Musikfan kennt man es ja: Das Jahr neigt sich dem Ende zu, die Jahrestop steht, und dann kommt auf einmal wie aus dem Nichts eine Scheibe raus, die die bereits feststehende Liste glatt durcheinanderwirbelt.  An dieser Stelle beginnt der wahre Alptraum, da man nun auf einmal gezwungen ist, eine der Scheiben von der Liste zu verbannen. Das fühlt sich an, als würde man sich entscheiden müssen, welches der eigenen zehn Kinder zur Adoption freigegeben werden muss, da man mehr als zehn kaum versorgen kann.

Das ist mir auch neulich passiert, als vor rund einer Woche die Meldung kam, dass die neue FUNERAL MIST Scheibe bereits in den Startlöchern stehen soll. Das kam wie ein Paukenschlag, denn der Mastermind Arioch (alias Mortuus von MARDUK) ist in der Szene dafür bekannt, sich mit den neuen Alben ordentlich Zeit zu lassen. So trennen zum Beispiel „Maranatha“ (2009) und „Hekatomb“ (2018) satte neun Jahre, während er für das „Deiform“ gerade mal drei brauchte. Ob dadurch eventuell die gewohnt hohen Qualitätsstandards leiden würden?

Dissonant und komplex: FUNERAL MIST bleiben sich auch auf der neuen Scheibe treu

Die Scheibe bzw. der Opener „Twilight of the Flesh“ beginnt schön atmosphärisch und seicht mit einem Kirchengesang-Sample und baut sich erst langsam auf. Es dauert rund viereinhalb Minuten, bis das kompromisslose Black Metal-Geknüppel einsetzt. Das erste Stück ist grundsätzlich schnörkelloser Black Metal skandinavischer bzw. schwedischer Schule und daher perfekt als Einstieg für diejenigen geeignet, die sich noch nicht so gut mit dem komplex-dissonanten FUNERAL MIST Zeug auskennen. Nichtsdestotrotz songwriterisch erste Sahne vor allem durch geschickt eingebaute Samples und Tempovariationen, wodurch die neuneinhalb Minuten wie im Flug vergehen. Der typische FUNERAL MIST beginnt dann sofort mit „Apokalyptikon“, wo alle Trademarks des Projekts in Erscheinung treten: schnelles, dissonantes Riffing, rasende Blastbeatorgien sowie Ariochs Stimmbänderakrobatik. Die nächsten beiden Tracks „In Here“ und „Children of the Urn“ sind meine persönlichen Highlights der Scheibe. Wobei ich sagen muss, dass gerade der letztere meine Kinnlade nach unten klappen ließ. Vor allem der melodische Midtempopart am Ende lässt jedes Metallerherz höherschlagen.

Der anschließende „Hooks of Hunger“ könnte auch gut auf „Hekatomb“ (2018) passen – schnell, brutal und im Vergleich zu den meisten Songs auf dem Album mit knapp fünf Minuten Spielzeit recht lakonisch gehalten. Beim Titelsong tritt Arioch auf die Bremse und setzt mehr auf die Atmosphäre und Melodie, ohne dabei auf den schwarz-blasphemischen Unterton zu verzichten. Der Song klingt zwar richtig gut, aber das vergleichbare „Metamorphosis“ vom Vorgänger fand ich deutlich besser. Allgemein gilt, dass gerade der starke Abschluss ein starkes Album macht, aber auch hier lassen sich FUNERAL MIST nicht lumpen und liefern mit „Into Ashes” ein weiteres Kabinettstückchen ab, das dann die 54 Spielminuten von „Deiform“ letztendlich abrundet. Ohne Witz, das Stück ist neun Minuten pure Raserei.

“Deiform”: Trotz anfänglicher Sperrigkeit ein unvergessliches Hörerlebnis

Im Gegensatz zu „Hekatomb“, welches für mich persönlich vor allem dank der klareren Produktion und Catchiness der perfekte Einstieg in Diskographie des schwedischen Ausnahmesängers und Multiinstrumentalisten ist, steht „Deiform“ mehr auf der sperrigeren Seite und entfaltet sich erst nach drei bis vier Durchgängen in seiner vollen Pracht. Die investierte Zeit zahlt sich dabei aber auf alle Fälle aus. Von Daniel Rostén, der sich durch die eine oder andere umstrittene Aktion selbst das Leben schwer macht, kann man halten was man will, aber er schafft es immer und immer wieder, die Eingängigkeit mit dissonanter Komplexität zu verbinden, ohne sich dabei zu verzetteln, und dem dissonanten Chaos stets Herr zu sein. Auch mit „Deiform“ liefert er ganz großes Kino ab, das sich nicht vor den besten Werken seines großen Arbeitgebers zu verstecken braucht. Einen kleinen Kritikpunkt kann ich mir aber trotzdem nicht verkneifen: Das Schlagzeug bzw. der Snaresound klingt für meinen Geschmack oft zu dumpf, sobald das Tempo angezogen wird. Die Vorgänger konnten das allesamt besser. Das tut dem Hörspaß allerdings kaum Abbruch.

Nicht nur die Black Metal Puristen werden hier voll auf ihre Kosten kommen

Alles in allem ist „Deiform“ ein kompromisslos brutales und blasphemisches Meisterwerk geworden, das vor allem von famosem Songwriting, Abwechslungsreichtum und virtuoser Instrumentenbeherrschung lebt. Wie das Gros der schwedischen Black Metal-Bands weisen auch FUNERAL MIST unüberhörbare Death Metal Anleihen auf, was das Album nicht nur für Schwarzmetall Puristen interessant macht. Somit gehört auch diese Platte definitiv in jede gut sortierte Extremmetalsammlung. Für die, die es schaffen, „Deiform“ umgehend zu bestellen, stehen die Chancen gut, ein perfektes Weihnachtsgeschenk unter dem Baum zu finden. Uneingeschränkte Kaufempfehlung!

Release: 17.12.2021

Spielzeit: 54:01

Line-Up:

D. Rostén: Bass, Vocals, Guitars, Songwriting, Lyrics
Lars B.: Studio Drums

Label: NoEvDia

Bandcamp: Funeral Mist

Facebook: Funeral Mist

FUNERAL MIST “Deiform” Tracklist

1. Twilight of the Flesh
2. Apokalyptikon
3. In Here
4. Children of the Urn
5. Hooks of Hunger
6. Deiform
7. Into Ashes