FATES WARNING & PAGAN´S MIND: 14.11.2007, Köln, Live Music Hall

FATES WARNING & PAGAN´S MIND: 14.11.2007, Köln, Live Music Hall

Konzertkritiken bei Vampster werden in der Regel – anders als Festivalberichte – von nur einer Person geschrieben. Nun gibt es aber Bands, die eine solche Faszination auf die Mitarbeiterschar ausüben, dass gleich drei Leute ihre Eindrücke in die Welt hinausposaunen wollen. FATES WARNING ist eine solche Band. Die Prog-Metal-Legende aus den USA, die zuletzt auf dem ROCK HARD FESTIVAL 2006 in Deutschland zu sehen war, kam zu einem Gastspiel in die Live Music Hall in Köln, was unseren Jutze an diesem kalten Novembertag gar dazu veranlasste, aus Brüssel anzureisen.

Bevor es ums Wesentliche, nämlich um die Auftritte von FATES WARNING und PAGANS MIND geht, wollen wir es uns nicht nehmen lassen, eine kleine Anekdote zum Besten zu geben. Stell dir vor, du bist Mitglied in einer legendären Prog-Metal-Kapelle und kommst mit deinen Bandkollegen zurück zur Halle, in der du in wenigen Stunden spielen wirst. Während du hineingehst, wirst du draußen von einem verzweifelten Metaller gefragt: „Entschuldige, braucht von euch vielleicht noch jemand ’ne Karte?“ So grotesk die Situation war, die Band schien die Frage zum Glück nicht verstanden zu haben und ging ohne eine Reaktion an dem unglücklichen Verkäufer vorbei.

 

PAGAN´S MIND

Als PAGANS MIND dann einigermaßen pünktlich loslegten, war die Live Music Hall noch mehr schlecht als recht gefüllt. Und das völlig zurecht. Manchmal fragt man sich doch wirklich, wie manche Bands ihre Support-Acts auswählen. Würfeln? Wer zahlt den höchsten buy-on? Welche Band hat die hübschesten Freundinnen? Wie auch immer PAGANS MIND auf das Billing gerutscht sind, einen Gefallen haben FATES WARNING zumindest den drei Vampster-Rezensenten damit nicht getan. Zu hören gab es Prog-Metal von der Stange. Genau die Art von Musik, bei der man sich fragt, wie diese Band sich ernsthaft noch progressiv nennen kann, wo sie doch nur bereits bekanntes wiederkäut. Da waren also diese Nordmänner mit ihrem Bierzelt-Prog, der allenfalls mal aufhorchen ließ, wenn man einen Part woanders schon mal besser gehört hat. Der Bassist nutzte von seinem sechssaitigen Bass eigentlich nur die oberen drei, und Sänger Nils K. Rue war auch nicht wirklich immer Herr der Lage war, da er zwar grundsätzlich eine solide Leistung bot, aber doch des öfteren mal gefährlich leierte.

Bierzelt-Prog zum Abgewöhnen: PAGAN´S MIND

Zwar waren sich alle anwesenden Vampsteraner im wesentlichen einig. Um diese Kritik aber genauso sehr in die Länge zu ziehen wie der Auttritt den Rezensenten erschien im Folgenden noch drei individuelle Statements:

agony&ecstasy: Der Höhepunkt war die DAVID BOWIE-Vergewaltigung von „Hello Spaceboy“, bei der sich mir die Fußnägel bis in die Ohren hoch gerollt haben. Ganz ehrlich, für so eine Verstümmelung gehört man auf der Stelle erschossen. Zwischendurch gab es ein paar ziemlich hörbare Instrumental-Abfahren, die aber den Karren auch nicht mehr aus dem Dreck ziehen konnten. PAGANS MIND nervten mich mit ihrer Mittelmäßigkeit tierisch. So eine Band hat es nicht verdient vor FATES WARNING zu spielen.

Jutze: Während des Auftritts von PAGAN’S MIND hörte ich in meinem inneren Ohr ständig BON JOVI singen: „You give progressive metal a bad name“. Die Musik des norwegischen Quintetts war nicht ganz so spannend wie abstrakte Kunst aus Lego.

danielw: Wenn man böswillig wäre, könnte man FATES WARNING aufgrund der Wahl der Vorband mangelndes Selbstbewusstsein unterstellen – nach dem Motto: „Suchen wir uns eine möglichst schwache Vorband, dann stehen wir – relativ gesehen, richtig gut da.“ Selbstredend hatten FATES WARNING solche Psycho-Tricks gar nicht nötig. PAGAN´S MIND jedenfalls enttäuschten den anspruchsvollen Prog-Fan – und davon waren bei einer Hauptband wie FATES WARNING nun einmal eine ganze Reihe anwesend – auf ganzer Linie. So schlecht hatte ich die Band von ihrem PROG POWER-Auftritt gar nicht in Erinnerung…

 

FATES WARNING

FATES WARNING machten dann nach einer nicht allzu langen Umbaupause deutlich, dass sie ungebrochen zur Spitze des Progressive Metal gehören. Von den ersten Tönen des Openers „One“ stand das anwesende Publikum geschlossen hinter der Truppe um Goldkehlchen Ray Alder. Kein Wunder, haben sich FATES WARNING doch nicht all zu oft in unseren Breitengraden die Ehre gegeben.

Das Songmaterial klang ausgesprochen homogen, wobei in der ersten Konzerthälfte auch introvertiertere Stücke wie „Island In The Stream“ und diverse „A Pleasant Shade Of Gray“-Teile zum Zug kamen. Das Publikum taute mit zunehmender Spielzeit immer weiter auf und lief bei „The Eleventh Hour“ schließlich zu Höchstform auf. Die gute Stimmung übertrug sich auf die Musiker, allen voran Basstier Joey Vera. Es mag ja eine Genre-bedingte Krankheit sein, dass Prog-Musiker sich selten mal mehr als nötig bewegen, aber wenigstens Joey Vera war mal wieder im höchsten Maße aufgedreht, hüpfte umher und bearbeitete seine vier Saiten mit mehr Elan und Wahnwitz als jeder Möchtegern-Bassgott mit drölfzig Saiten auf dem Griffbrett. Der Mann ist einfach eine coole Sau und war definitiv der Blickfang des Konzerts.

Fates Warning 2007 in Köln
Momentan sämtlichen anderen Genrevertretern überlegen: FATES WARNING

Gastschlagzeuger Bobby Jarzombek trommelte sich fehlerfrei durch die komplexen Stücke und verlieh der Musik durch gelegentlichen Doublebass-Einsatz zusätzliche Heaviness. Der zurückgekehrte Frank Aresti beeindruckte mit atemberaubenden Soli, deren Reiz weniger in der Geschwindigkeit, sondern vielmehr in ihrer melodischen Gesamtwirkung lag. Ray Alder sang gewohnt leidenschaftlich, wobei er die ganz hohen Passagen bei älteren Stücken tiefer anging. Als letztes Puzzlestück kam das tadellose Gitarrenspiel von Bandchef Jim Matheos hinzu, welcher bei den Zugaben sogar hier und dort lächelte!

Der Höhepunkt des Auftritts war das epische „Still Remains“, das eine perfekte Mischung aus Dynamik, Filigranität und Melodiegespür darstellte. Die zweite Gitarre war mehr als nur ein Keyboard-Ersatz und sorgte für zahlreiche Gänsehautmomente. Das wurde besonders bei Monument deutlich, das wesentich mehr Biss als in den 90ern hatte. Nach knapp 90 Minuten, SCORPIONS-Sprechchören und Hits wie „Life In Still Water“ oder „Point Of View“ war der grandiose Auftritt zu Ende. Fazit: In dieser Verfassung ist die Band den übrigen Genrevertretern momentan eindeutig überlegen. Progressivität ist eben was anderes als DREAM THEATER-Skalen runter zu dudeln.

Setlist: 1. One
2. A Pleasant Shade Of Gray III
3. A Pleasant Shade Of Gray IV
4. Another Perfect Day
5. Life In Still Water
6. Island In The Stream
7. A Pleasant Shade Of Gray VII
8. The Eleventh Hour
9. Point Of View
10. Still Remains
11. Stranger (With A Familiar Face)
12. A Pleasant Shade Of Gray XI

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13. Silent Cries
14. Monument

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15. Nothing Left To Say

Sie lasen eine Gemeinschaftsproduktion von agony&ecstasy, danielw und Jutze.

Text: agony&ecstasy und Jutze
Fotos, Redaktion und Lektorat: danielw